Rezension: „Das Mobbingsyndrom“ von Dr. Argeo Bämayr

Ein Plädoyer für eine strafrechtliche Verfolgung psychischer Gewalt! In diesem Buch, das bereits 2012 erschienen ist, wird eine erschreckende Perspektive auf die Situation von Mobbing betroffener Menschen eingenommen, die sich von den meisten anderen Büchern zu diesem Thema sehr unterscheidet. Schon der Titel macht deutlich, dass es sich um ein Fachbuch handelt, mit einer seichten Lektüre also nicht zu rechnen ist… Wer weiß schon aus dem Stegreif, was „ubiquitär“ bedeutet? Aber m. E. lohnt es sich, es zu lesen und darüber nachzudenken.

Nach einer Bestandsaufnahme der Das Mobbingsyndromindividuellen, strukturellen psychischen Gewalt aus psychiatrischer und psychotherapeutischer Sicht werden verschiedene Mechanismen sowie Kriterien der psychischen Gewaltkonstellation erläutert. Dabei werden u. a. Machtkonstellationen politischer Herrschaft sowie Führungspersönlichkeiten, die die Struktur „egoistischer Alphatypen“ aufweisen, genauer betrachtet. Wie in Deutschland mit dem Thema „Mobbing“ umgegangen wird und welches Chaos in Diagnostik und Therapie bezüglich Opfern psychischer Gewalt herrscht, allgemeine Hinweise zu Kriterien und Definitionen, die Herleitung des „Mobbing-Syndroms“, Hinweise zur Behandlung von Betroffenen sowie die Rolle der Krankenkassen und Jobcenter beleuchtet er kritisch.

Dr. Ageo Bämayr widmet sich dem Thema „Mobbing“ aus seiner Perspektive als Psychiater und Psychotherapeut mit einer ungewöhnlichen Schärfe. So konstatiert er, dass obwohl die Betroffenen oftmals von Selbsthilfegruppen, Mobbingberatungsstellen, Gewerkschaften oder kirchlichen Institutionen empathisch aufgefangen werden, der medizinische Beistand durch Ärzte und psychologische Psychotherapeuten ebenso wie die juristische Lage noch erhebliche Lücken bzw. Mängel aufweist. Ihm zufolge könnte sich diese Situation durch eine eigenständige Mobbingdiagnose (dem sogenannten „Mobbingsyndrom“) vom Rang einer Indiztatsache oder eines Beweismittels verbessern. Aktuell ist allerdings die von ihm vorgeschlagene „kumulative traumatische Belastungsstörung“ in keinem Schlüsselverzeichnis für Diagnosen repräsentiert. Das wiederum habe eine uneinheitliche Diagnostik sowie eine dieser entsprechenden Therapie und Begutachtung von Opfern psychischer Gewalt zur Folge.

Seiner Meinung nach ist vor allem die sehr häufig vorzufindende Diagnose „Anpassungsstörung“ unangebracht für die Betroffenen einer „Mobbing-Katastrophe“. Das „Bedrängnis“ bei Mobbing ist nicht „subjektiv“, sondern „objektiv“! Niemand könne sich einem Psychoterror mit dem Zweck einer psychosozialen Destabilisierung „anpassen“. Zudem führe eine solche Diagnose zu einer klassischen Opferbeschuldigung. Sie ist also diskriminierend. Auch weist er eindringlich auf das Problem einer Verkehrung von Ursache und Wirkung hin, d. h. dass vielen Betroffenen unterstellt werde, dass ihre Erkrankung die Ursache und nicht eine Folge des Mobbings sei.

Fazit: Dem Autor ist eine überzeugende Analyse eines komplexen und schwierigen Themas gelungen. Auch seine Argumentation bezüglich der „kumulativen traumatischen Belastungsstörung“ finde ich stimmig.

Bämayr, Argeo (2012). Das Mobbingsyndrom. Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt. Munich University Press.