Rezension: „Risiko – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ von Gerd Gigerenzer

Ein Leben mit der Ungewissheit ist möglich! Gerd Gigerenzer - RisikoEs gibt Bücher, die von Terroranschlägen, Wirtschaftskrisen, HIV- und Krebsrisiken und anderen Katastrophen handeln und trotzdem anregend und inspirierend sind. Das Buch von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer (Direktor der Max-Planck-Gesellschaft) gehört in diese Kategorie. Auch wenn die vielen Beispiele, die er zur Erläuterung seiner Aussagen anführt, erschreckend sind, liest sich das Buch mit einer Leichtigkeit, die seinem hohen wissenschaftlichen Anspruch keineswegs entgegensteht, und regt immer wieder dazu an, eigene Anschauungen schmunzelnd zu hinterfragen. Seinem Anspruch, akademisches Wissen so zu vermitteln, dass eine breite Öffentlichkeit davon profitieren kann, wird er mehr als gerecht. Doch worum geht es eigentlich in dem Buch, das eine Anleitung zu geben verspricht, wie man die richtigen Entscheidungen treffen kann?

Beschrieben wird zunächst das Phänomen einer risikoinkompetenten Gesellschaft, deren Hauptmerkmal das Treffen von defensiven Entscheidungen ist. Eine negative Fehlerkultur, wie sie z.B. in den meisten Krankenhäusern vorzufinden ist, führt zu mehr Fehlern, weniger Sicherheit und zu einem geringeren Interesse an wirksamen Sicherheitsmaßnahmen. So lassen wir uns z.B. im Sinne einer Rekognitionsheuristik von bekannten Namen (verbunden mit teureren Preisen) dazu verleiten, bessere Alternativen zu verwerfen, um uns (z. B. gegenüber unseren Vorgesetzten oder Geldgebern) bei einer eventuellen Fehlentscheidung abzusichern. Der Schaden, der dadurch entstehen kann, ist allerdings immens. Wünschenswert wäre demnach eine Kultur, in der man sich offen zu Fehlern bekennen und aus ihnen lernen kann.

Die meisten Entscheidungen aber, die wir im Leben treffen müssen, sind mit Risiken verbunden, die sich nicht exakt berechnen lassen. Immer wieder neigen Menschen dazu, kalkulierbare Risiken mit Gewissheit („Null-Risiko-Illusion“) und Ungewissheit mit kalkulierbarem Risiko zu verwechseln („Truthahn-Illusion“). Das Eingehen von Risiken steht in einem engen Zusammenhang mit der Bewältigung von Angst. Der Autor wirft die Frage auf, warum wir uns vor Dingen fürchten, die nicht gefährlich für uns sind, bzw. warum wir uns immer wieder von unserer Amygdala in die Irre leiten lassen? Hierbei unterzieht er sowohl die soziale Nachahmung wie auch das biologisch vorbereitete Lernen einer kritischen Prüfung und plädiert für die Übernahme „innerer Kontrolle“, die weitestgehend unabhängig von externalen Faktoren ist und somit das Risiko einer „erlernten Hilflosigkeit“ bzw. Fremdbestimmung mindert. Grundsätzlich ist es eine gute Strategie, „alles so einfach wie möglich zu machen, aber nicht einfacher.“ Dies gelte vor allem bei Entscheidungen, die eine hohe Ungewissheit, viele Alternativen und wenig verfügbare Informationen mit sich bringen. Die Mutter aller Faustregeln allerdings, die darin besteht, einfach einem Experten zu vertrauen (Politiker, Ärzte, Anlageberater, etc.), scheint in vielen Fällen nicht zu genügen, wofür er zahlreiche Beispiele und Gründe anführt. Deutlich bessere Ergebnisse erzielt man z.B. damit, sich nur dann für etwas zu entscheiden, wenn man es auch versteht. Prof. Dr. Gigerenzer zeigt auf, dass Faustregeln oftmals zu besseren Ergebnissen (bzw. zu effizienteren Entscheidungen) führen, als dies mittels raffinierter Berechnungen möglich wäre. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür ist das Fangen eines fliegenden Balls, bei dem der Fänger die Flugbahn nicht aus komplizierten mathematischen Modellen ableitet (die diverse Schätzwerte bzw. Fehlerquellen enthalten), sondern – einem simplen heuristischen Prinzip folgend – die Laufgeschwindigkeit einfach an den Flugwinkel des Balles anpasst. Er warnt also davor, sich darauf zu verlassen, „dass sich alle Probleme durch Logik oder Berechnung lösen ließen.“ Wie bereits angesprochen, würde dies eine Verwechslung von „Ungewissheit“ und „Risiko“ bedeuten.

Große Bedeutung misst er der „Intuition“ bei, die ihm zufolge auf vielen intelligenten Faustregeln und Erfahrungen beruht, die im Unbewussten verborgen liegen. Immer wieder macht er deutlich, dass die Anwendung einfacher Regeln oftmals zu besseren Ergebnissen (z.B. in der Unternehmens- und Mitarbeiterführung) oder Vorhersagen (z.B. Kaufverhalten) führen, als komplexe Analyseverfahren. Auch zeigt er auf, wie wir uns mittels einfacher Tricks täuschen lassen (z.B. beim Glücksspiel). Statistisches Denken und das Durchschauen psychologischer Mechanismen könnten uns ihm zufolge vor viel Unheil bewahren. Hilfreich sind auch seine Beispiele von Faustregeln, deren Anwendung er hinterfragt, empfiehlt oder dem Leser bewusst macht: So werden viele Alltagsentscheidungen zum Beispiel intuitiv nach der Regel „Lege ein Anspruchsniveau fest und wähle die erste Alternative, die es erfüllt“, getroffen, da der Versuch einer Maximierung (z.B. die „beste“ Hose zu kaufen) durch viele Unbekannte erschwert und oftmals zu zeitaufwendig sein würde. In vielen Fällen ist es auch besser, Entscheidungen aufgrund eines besonders wichtigen Kriteriums zu treffen, anstatt alle möglichen Aspekte berücksichtigen zu wollen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet das Buch auch dem Sinn bzw. Unsinn von bestimmten Vorsorgeuntersuchungen sowie unseren Annahmen über unser Gesundheitssystem. Dabei greift er verschiedene Themen auf (z.B. Gentechnologie, Krebs, HIV, Grippe-Epedemien) und zeigt mittels zahlreicher Studien, wie es um das Verständnis von Prozentangaben bestellt ist und wie Risiken richtig eingeschätzt werden sollten. Risikokompetenz verbunden mit statistischen Kenntnissen kann sich gerade in diesem Bereich als Überlebensvorteil erweisen und unnötige Hysterie vermeiden.

Nach der Lektüre der vielen anschaulichen Beispiele, die seine Annahmen stützen, bin ich mir sicher, mich künftig weit weniger von klugen Ratschlägen vermeindlicher Experten dazu verführen zu lassen, meiner eigenen Intuition zu misstrauen. Auch auf viele lebenspraktische Fragen (z.B. Partnerwahl, Gesundheit, Umgang mit digitalen Medien, etc.) finden sich verblüffende Antworten in dem Buch. Wegweisend ist zudem sein abschließendes Plädoyer für ein Curriculum, bestehend aus den Themen „Gesundheitskompetenz“, „Finanzkompetenz“ und „digitaler Risikokompetenz“. Schulen sollten ihm zufolge vor allem auch statistisches Denken, den Umgang mit Faustregeln und die Psychologie des Risikos vermitteln! Das ist aber wohl bislang noch Zukunftsmusik. 🙂

Fazit: Dieses Buch ist eine wirklich gelungene Anleitung und Hilfestellung zur Erlangung von Risikokompetenz – und somit sehr zu empfehlen!

Gigerenzer, Gerd (2013): Risiko – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann Verlag, München.