Rezension: „In jedem steckt ein Optimist“ von Elaine Fox

elaine-fox-in-jedem-steckt-ein-optimist-coverWas unterscheidet Menschen, die mit heiterem Gemüt und voller Elan durchs Leben schreiten, von jenen, die ständig nörgeln, unzufrieden sind und in allem nur das Negative sehen? Elaine Fox geht dem in Ihrem Buch „In jedem steckt ein Optimist“ nach und liegt damit scheinbar im Trend einer Psychologie, die sich zunehmend von ihrer Fokussierung auf das Defizitäre und Pathologische abwendet und sich immer intensiver damit befasst, was Menschen glücklich und resilient macht. Den ersten Teil des Buches widmet sie dem Titel gemäß dieser Frage und erläutert auf unterhaltsame und zugleich lehrreiche Weise, was Optimismus eigentlich ist und wie man versucht (hat), ihn wissenschaftlich zu erforschen. Je weiter man allerdings mit dem Lesen des Buches voranschreitet, desto mehr rücken zunächst neurophysiologische Aspekte und später psychische Erkrankungen (Ängste, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen etc.) in den Vordergrund. Mit der Begründung, dass Ängste den Menschen im höheren Maße beeinflussen als Lustgefühle und zudem wesentlich besser erforscht sind, widmet sie sich den dunklen Seiten unseres Gemüts somit stärker, als es der Titel vermuten ließe. Diese etwas unerwartete Umfokussierung macht das Buch allerdings nicht uninteressanter – ganz im Gegenteil! Auf erfrischend ernsthafte Weise unterscheidet es sich von all jenen Werken, die die Autorin unter Berufung auf Barbara Ehrenreich die „Positive-Thinking-Mafia“ nennt.

Wie „ticken“ wir also? Glaubt man dem amerikanischen Psychologen und Theologen Theodore Christian Schneirla, lässt sich das Verhalten der Menschen mittels eines simplen Pull-und-Push-Prinzips beschreiben, nach dem man zum Guten strebt und das Schlechte meidet. Leider aber macht uns das Zusammenwirken entwicklungsgeschichtlich uralter und jüngerer Hirnregionen anfällig für existenzielle Ängste und Sorgen. Zudem verändert sich das Gehirn durch jede Erfahrung, die es im Laufe des Lebens macht, was unter dem Schlagwort „Neuroplastizität“ inzwischen Einzug in pädagogische Konzepte gefunden, allerdings auch eine Schattenseite hat. So können lang anhaltender Stress oder Depressionen zu strukturellen Wandlungen in bestimmten Hirnregionen führen. Mittels verschiedener Techniken lassen sich Veränderungen aber auch bewusst herbeiführen und die eigene affektive Veranlagung somit beeinflussen. Interessant ist auch, dass selbst unsere Erinnerungen von unserer aktuellen Sicht auf die Dinge beeinflusst werden. Es ist also niemals zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben. Optimismus bewirkt aber nicht nur, dass man sich gut fühlt und alles eher positiv sieht, er führt weiterhin dazu, dass man etwas Sinnvolles tut, Resilienz entwickelt und davon überzeugt ist, Kontrolle über das eigene Leben zu haben.

Der Begriff „Optimismus“ wurde vor allem von Gottfried Wilhelm Leibnitz geprägt, der der Ansicht war, dass Gott die „beste aller möglichen Welten geschaffen“ habe. Doch woher kommt jene Kraft, die notwendig zu sein scheint, dem Leben trotz all seiner Widrigkeiten etwas Positives abzugewinnen? Wie schafft es zum Beispiel der an Parkinson erkrankte Michael J. Fox, sich seinen Lebensmut zu bewahren, oder Primo Levis, der ein Jahr im Konzentrationslager Ausschwitz verbrachte? Letzterer bezog seinen zum Beispiel aus dem Glauben an ein höheres Wesen, an ein besseres Leben in einem Anderswo sowie aus der Überzeugung, dass der Mensch von Natur aus gut sei. Mittels zahlreicher Lebensgeschichten und wissenschaftlicher Studien nähert sich Elaine Fox dem Phänomen an. So beschreibt sie zum Beispiel, wie Bruce Headey 1989 herausgefunden hat, dass Menschen, die unglücklich sind, vermehrt Unglücke erleben, während Optimisten mehr positive Erlebnisse haben, die eigene Haltung also die Wahrscheinlichkeiten künftiger Ereignisse beeinflusst. Nun wird Optimismus nicht dadurch definiert, dass man immer fröhlich und gut gelaunt ist, sondern in erster Linie dadurch, dass man der Zukunft zuversichtlich entgegenschreitet. Dass ein großer Teil der Menschen das Eintreten des für sie Positiven hartnäckig überschätzt, also einer „positiven Illusion“ anheim fällt, wird zum Beispiel dadurch deutlich, dass die meisten die Wahrscheinlichkeit für geringer halten, sich eine schwere Krankheit zuzuziehen, als sie es tatsächlich ist. Pessimisten hingegen scheinen zwar vor dieser Selbsttäuschung gefeit zu sein, neigen allerdings zu übergroßer Vorsicht und blicken stets mit Befürchtungen auf das Kommende. Sie sind sich der überall lauernden Gefahren im hohen Maße bewusst und in ständiger Alarmbereitschaft.

Die Autorin erklärt, wie sich mittels bildgebender Verfahren spannende Einblicke über die Verknüpfung unserer Einstellungen mit den Vorgängen im Gehirn gewinnen lassen. Durch die Brain-Imaging Technologie bzw. mit der fMRT-Technik können dort Aktivationsmuster sichtbar gemacht werden, die als Reaktion auf positiv oder negativ bewertete Reize entstehen. Im Alltag sind wir immer wieder mehrdeutigen sozialen Situationen ausgesetzt, die wir dann unserer Veranlagung entsprechend in für uns schmeichelhafter oder in für uns abträglicher Weise interpretieren. Im Sinne einer selektiven Wahrnehmung entscheidet unsere affektive Veranlagung darüber, was wir uns angewöhnen in den Vordergrund zu rücken oder zu ignorieren. Diese Präferenzen werden auch als attentional bias bezeichnet. In diesem Zusammenhang erwähnt sie den jedem Psychologen seit Studienzeiten bekannten Cocktail-Party-Effekt, der besagt, dass selbst bei einem Stimmengewirr das Hören des eigenen Namens plötzlich die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Gleiches gilt ihr zufolge auch für Wörter, die mit Gefahr oder Lust assoziiert sind. Experimentell werden diese Phänomene zum Beispiel mittels ausgeklügelter Attentional-probe-Aufgaben untersucht, bei denen ein kleines Zeichen auf einem Bildschirm entdeckt werden muss, welches entweder neben einem attraktiven, einem negativ besetzten oder einem neutralen Bild erscheint. Die Reaktionsgeschwindigkeit gibt Aufschluss über die affektive Neigung des Probanden.

Spannend ist auch das Ergebnis einer auf der Analyse von Tagebüchern von Nonnen basierenden Studie, bei der herauskam, dass eine optimistische Einstellung die Lebenserwartung um ca. zehn Jahre verlängert. Über die Gründe, warum das so ist, lässt sich aber nur spekulieren. Dass zum Beispiel das eigene Denken auf den Körper bzw. auf dessen Selbstheilungsprozesse einwirkt, ist inzwischen hinlänglich bekannt (vgl. Placebo-Effekt). Das Gegenteil davon ist der Nocebo-Effekt, dessen Ausmaß sich durch einen 1996 im Journal of the American Medical Association veröffentlichten Bericht erahnen lässt, demzufolge Frauen, die daran glaubten, anfällig für eine Herzerkrankung zu sein, viermal häufiger an einer solchen starben. Für weiterführende Studien werden sicher noch händeringend Probanden gesucht… 🙂

Positive und negative Gefühle entstehen in unserem Gehirn. Wie das geschieht und – vor allem – ob man die entsprechenden Prozesse gezielt beeinflussen kann, wird seit jeher untersucht. Bereits in den 1950er Jahren identifizierten die Psychologen James Odds und Peter Milner den Nucleus accumbens als jene Hirnregion, die wir heute das Lustzentrum nennen. Daraufhin wurde eifrig – und leider ohne Erfolg – versucht herauszufinden, ob sich durch dessen Stimulation beispielsweise eine Depression heilen ließe. Zwar löst eine elektrische Reizung durch Elektroden angenehme Gefühle aus, jedoch hielten diese nie lange an. Bereits 1921 entdeckte der Pharmakologe Otto Loewi, dass bei der Übertragung von Informationen von einem Neuron zum nächsten, also bei der Neurotransmission, auch chemische Reaktionen stattfinden. Später stellte sich heraus, dass der Nucleus accumbens mit Zellen angefüllt ist, die entweder Dopamine, die für das Verlangen nach etwas zuständig sind, oder Opioide, die das Empfinden von Vergnügen bewirken, enthalten. Beide gehören zu den aktivsten Botenstoffen des sonnigen Teils unseres Gehirns.

Im Laufe der Jahre stellte sich immer mehr heraus, dass Menschen sich in der Funktionsweise ihres Gehirns unterscheiden bzw. darin, wie dieses auf Umgebungsreize reagiert. High Sensation Seekers zum Beispiel weisen eine deutlich höhere Dopaminausschüttung im Lustzentrum auf als sogenannte Low Sensation Seekers, bei denen zudem jener Teil des Gehirns aktiver ist, der für die Kontrolle und für die Eindämmung von Emotionen zuständig ist, nämlich der präfrontale Kortex. Lust ist allerdings immer eine sehr flüchtige Empfindung. So bestimmt das komplexe Zusammenspiel des präfronalen Kortex und des Nucleus accumbens zum Beispiel nicht nur, ob Vergnügen empfunden wird, sondern auch, dass diese Empfindung bei den depressiven Menschen weniger lang anhält. Des Weiteren ist die Aktivität des Gehirns im Ruhestand durch ein verschiedenartiges Ungleichgewicht (zerebrale Asymmetrie) gekennzeichnet – bei Pessimisten durch eine geringere Aktivität in der linken Hirnhälfte und bei Optimisten in der rechten.

Thematisiert werden zudem die Prinzipien der Neuroplastizität und der Neurogenese. Doch auch diese recht neuen Erkenntnisse bestätigen lediglich die alte Annahme, dass die Entwicklung einer affektiven Einstellung stets einem Wechselspiel von genetischen Faktoren und Umweltbedingungen unterliegt. Beginnend mit dem Little-Albert-Experiment folgen zahlreiche Verweise auf lerntheoretische Erkenntnisse, die für die Erforschung der Entstehung und Behandlung von Ängsten bedeutsam sind. Elaine Fox eröffnet einen detaillierten Einblick in experimentalpsychologische Studien und entsprechende neurophysiologische Korrelate, wobei sie sich unter anderen auf Joseph E. LeDoux oder Richard Lazarus bezieht. Überrascht hat mich dabei lediglich, dass António R. Damásio nicht mit einem Wort erwähnt wird, wobei doch gerade sein Modell der somatischen Marker von vielen als richtungsweisend bei der Erlangung von Lebenszufriedenheit betrachtet wird…

Sehr stimmig finde ich ihre abschließende Beurteilung der Bedeutung der achtsamkeitsbasierten kognitiven Verhaltenstherapie, die bei der Behandlung von Ängsten oder Depressionen Großartiges leisten kann. So lässt sich durch eine Benennung der eigenen Gefühle als bloße Objekte der Aufmerksamkeit zu einer wohltuenden Distanzierung gegenüber belastenden Erfahrungen gelangen. Spannend ist auch die Erkenntnis, dass ein regelmäßiges Meditationstraining zu einer Abnahme der Neuronendichte in der Amygdala führt, und die von ihr beschriebene Methode der CBM (cognitive bias modification), der sie die Möglichkeit einräumt, auf eine Verlagerung der kognitiven Präferenzen einwirken und somit eine potenziell schädliche geistige Ausrichtung modifizieren zu können. Auch wenn die Wirksamkeit vielleicht recht begrenzt ist, so ist es doch eine interessante Vorstellung, eine negative affektive Einstellung kostengünstig mittels eines simplen „PC-Spiels“ therapieren und damit gleichzeitig die Lebenszufriedenheit und -erwartung erhöhen zu können. Etwas zu „technisch“ wirkt auf mich die Ermittelung eines Positivitätsquotienten, der besagt, dass man nur dafür sorgen müsse, sich dreimal gut zu fühlen, um ein mit negativen Gefühlen verbundenes Erlebnis auszugleichen.

Die Antwort von Richard Davidson, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität von Wisconsin-Madison, auf die Frage, was ein „gesunder Geist“ ist, schließt das Werk ab: „Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. […] Aber Sie merken es, wenn Sie einen vor sich haben.“ Na, wenn das keine Anleitung zum Glücklichsein ist?!

Sozusagen als kleiner Bonus sind in dem Buch verteilt vier kurze Fragebögen zu finden: der „Life Orientation Test“ (LOT), mit dem sich die eigene Grundeinstellung zum Leben messen lässt, die „Brief Sensation Seeking Scale“ (BSSS), die „Satisfaction with Life Scale“ (SWLS) sowie die Essex Neuroticism Scale“. Ein klein wenig irritierend ist es, dass letzterer im Text nicht erwähnt, sondern an jener Stelle ein anderer Test besprochen wird, nämlich das „State-Trait Anxiety Inventory“ (STAI).

Insgesamt lässt sich sagen, dass meine Erwartungen, die ich des Titels wegen hatte, deutlich übertroffen wurden. Obwohl ich durch das Buch nicht optimistischer geworden bin, hat sich das Lesen gelohnt. Jetzt, wo ich sie besser verstehe, kann ich wenigstens mit Gewissheit sagen, dass ich meine affektive Grundhaltung mag.

Elaine Fox. In jedem steckt ein Optimist. C. Bertelsmann Verlag (2014).