Das Wagnis der Aufrichtigkeit

Manchmal sind es gerade die einfachsten Dinge, die das Leben so unglaublich kompliziert machen…

Ärzte, Psychiater und Psychotherapeuten sind in der Regel auf die Selbstauskünfte ihrer Patienten angewiesen, wenn es darum geht, eine Diagnose zu erstellen und eine indizierte Behandlung einzuleiten, deren Kosten daraufhin ggf. von der Krankenkasse übernommen werden. Dafür sollten die Symptome, die auf eine psychische Störung hinweisen, genauestens hinterfragt werden und eine Einschätzung ihres Schweregrads („Leidensdruck“) erfolgen. Auch Coaches müssten eigentlich so vorgehen, insbesondere dann, wenn ihre Klienten andeuten, dass sie sich in einer (wie auch immer gearteten) Krise befinden und sich deshalb nach Hilfe umschauen.

„Schwache Menschen können nicht aufrichtig sein.“ François de La Rochefoucauld

Manchen Menschen scheint es allerdings unangenehm oder sogar unmöglich zu sein, über bestimmte Aspekte ihres Befindens in der eigentlich erforderlichen Form Auskunft zu geben. Einige neigen folglich dazu, ihre Symptome zu bagatellisieren oder – im gegenteiligen Fall – zu dramatisieren.

  • Dramatisierung: Das Leid möchte „gesehen“ werden und wird deshalb in übertriebener Weise explizit gemacht.
  • Bagatellisierung: Das Leid wird heruntergespielt und verharmlost, um den Eindruck zu erwecken, man hätte eine stabile oder starke Persönlichkeit.

In beiden Fällen boykottiert die (mehr oder weniger bewusst gewählte) Strategie der Darstellung dessen, was man fühlt und erlebt, eine wahrhaftige Begegnung, Wer sich nicht so zeigt, wie er ist, wird wahrscheinlich auch nicht als derjenige erkannt werden, der er wirklich ist.

„Aufrichtigkeit“ als Entwicklungsaufgabe

Folgt man den Gedanken von Carl Rogers, sollten auch professionelle Helfer, wie bspw. Coaches oder Berater, möglichst kongruent sein. Damit ist gemeint, dass sie sich als echte und transparente Person in den Beratungsprozess einbringen und die eigenen Gefühle sichtbar machen. Damit das gelingen kann, müssten sie allerdings ihre positiven und negativen Merkmale hinreichend in das eigene Selbstbild integriert haben.

Verkehre mit den Menschen so gerade und schlicht, dass sie zur Aufrichtigkeit gezwungen werden und gar nicht erst versuchen, mit dir auf irgendeine Weise umzuspringen. Es ist das höchste Kompliment, das du anderen Menschen machen kannst.“ Ralph Waldo Emerson

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich es mir nun angewöhnt, in regelmäßigen Abständen persönliche Entwicklungsaufgaben zu formulieren und jene Themen bewusst anzugehen, denen ich bislang eher ausgewichen bin. Eine davon ist es, aufrichtig mit mir und mit meinen Mitmenschen umzugehen, insbesondere dann, wenn sie eine hohe emotionale Bedeutung für mich haben. Die besondere Herausforderung dabei ist es, weder mich selbst noch mein Gegenüber damit zu überfordern.

Gibt man bei Wikipedia den Begriff „Aufrichtigkeit“ ein, kann man Folgendes lesen: „Aufrichtigkeit (das Aufrichtigsein) bezeichnet ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen, zu stehen und den eigenen Gefühlen und der eignen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Rede und Handlungen Ausdruck zu geben. Aufrichtigkeit bedeutet auch, anderen Menschen, wie auch sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen.“

In diesem Zusammenhang drängt sich mir die Frage auf, wie man Klarheit oder Gewissheit über das erlangt, was man für einen anderen Menschen empfindet? Wollen wir das eigentlich immer so genau wissen? Und verändert sich das nicht ohnehin ständig? Sind wir in unseren Beziehungen nicht immer auch auf die Resonanz unseres Gegenübers angewiesen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man zu ihm oder zu ihr steht?

Oftmals fällt es uns leicht zu durchschauen, was uns dazu antreibt, die Nähe eines anderen Menschen zu suchen. Sind es vorrangig sexuelle Begierden, Sehnsüchte nach freundschaftlicher Verbundenheit oder irgendwelche (konkreten) Vorteile, die wir in einer Beziehung für uns sehen, empfinden wir unsere Bemühungen, nach Aufmerksamkeit zu heischen, als kongruent und im weitesten Sinne als „gesellschaftlich akzeptiert“. Schwieriger wird es dann, wenn die Motive, die uns im Innersten dazu antreiben, sich nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen, sie also außerhalb der Norm liegen, vielleicht weniger offensichtlich oder sogar diffus sind.

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Immer wieder betonen Psychologen, wie enorm der Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung eines Menschen ist, der von den ersten (frühkindlichen) Bindungserfahrungen ausgeht. War diese Lebensphase geprägt von emotionaler Vernachlässigung oder sogar von Missbrauch, kann das schwerwiegende Konsequenzen haben und zu einer befremdlich anmutenden Bedürftigkeit führen. Nicht selten entstehen daraus recht eigenartige Präferenzen, die einem Außenstehenden nur schwerlich zu vermitteln sind, da sie mit den gängigen Kategorien, wie sie in unserer Gesellschaft vorherschen, kaum korrespondieren.

Auch wenn es nicht einfach ist, sich eine etwaige Bedürftigkeit einzugestehen, halte ich es für erforderlich, die damit verbundenen Gefühle zuzulassen, sie ernstzunehmen und achtsam mit ihnen umzugehen, um nicht an ihnen zu „zerbrechen“. Die nächste große Herausforderung liegt dann darin, sie in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen. Das muss in der Regel aber zunächst einmal gelernt und dann geübt werden.

Persönliche Reife hat m. E. wenig damit zu tun, ob man irgendeinem Ideal entspricht oder nicht. Wichtiger ist es, einen guten Umgang mit dem hinzubekommen, was einen im Kern ausmacht. Daran arbeite ich nicht nur mit meinen Klienten, sondern immer wieder auch selbst. Trauen Sie sich, das zu tun? Wie aufrichtig sind Sie zu sich selbst und zu Ihren Mitmenschen?

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