Psychotherapeutische Selbsterfahrung als Coach?

Ein – wie ich finde – ganz wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ist es, sich selbst einer Psychotherapie zu unterziehen. Zumindest aber gehört es dazu, sich intensiv mit der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen. Dafür gibt es genügend gute Gründe. Im Ärzteblatt (PP 14, Ausgabe März 2015, Seite 122) heißt es bspw.: „Selbsterfahrung soll durch die systematische Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und Verhalten die therapeutische Kompetenz der Ausbildungsteilnehmer fördern. Diese Auseinandersetzung geschieht durch die Bewusstmachung und Auflösung „unbewusster oder verdrängter oder dem angestrebten Beruf nicht angemessener Seiten der eigenen Person, des eigenen Selbst“ […] Neben dem Erkennen eigener „blinder Flecken“ soll die psychotherapeutische Beziehungs- und Interaktionskompetenz durch den Erwerb und die Kultivierung therapieförderlicher Selbstanteile und Ressourcen gestärkt werden.“ 1

Auch in den gängigen Weiterbildungen zum Coach, Psychologischen Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie wird die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in der Regel gefordert. Hier geht es allerdings in erster Linie darum, den Absolventen persönliche Erfahrungen mit jenen Methoden zu ermöglichen, die im Rahmen dieser Fortbildungen vermittelt werden. Ziel dabei ist es, herauszufinden, welche Methoden zu einem passen und deren Wirksamkeit einmal selbst zu erfahren. Das ist zwar sinnvoll, allerdings sollte sich m. E. auch jeder, der mit Techniken aus dem psychotherapeutischen Kontext arbeitet, die Zeit für eine professionell begleitete Selbstexploration nehmen. Ich tue das jedenfalls bereits seit fünf Jahren und möchte mal behaupten, dass sich das lohnt.

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Vor zwei Wochen hatte ich jedenfalls ein Gespräch mit meinem Therapeuten, in dem er etwas äußerte, was eine so hohe Bedeutsamkeit hatte, dass ich seitdem nicht aufhören kann, mich gedanklich immer wieder damit zu beschäftigen. Eine derartig erhellende Selbsterkenntnis hatte ich jedenfalls seit meiner Pubertät nicht mehr.

Kurzum: Wir sprachen (abermals) darüber, wie schwer es mir fällt, persönliche oder berufliche Ziele zu formulieren. Dieses Phänomen – ich nenne es der Einfachheit halber mal „Orientierungslosigkeit“ – begleitet mich seitdem ich vor der Aufgabe stehe, wichtige Entscheidungen – seien es berufliche oder private – eigenständig treffen zu müssen. Irgendwie ging das zwar immer, allerdings hatte ich dabei meist das Gefühl, keinen adäquaten „Kompass“ zu haben.

Schon während meines Studiums war ich vor allem an jenen Themen interessiert, die sich mit den motivationalen Aspekten der Persönlichkeit beschäftigten. Wahrscheinlich habe ich nach einem Erklärungsmodell gesucht, das mir dabei hilft, mich selbst besser zu verstehen? Richtig gelungen ist mir das auf diesem Wege nicht. Die Modelle, die ich damals kennengelernt habe, waren in diesem speziellen Zusammenhang allesamt unzureichend. Selbst das Konstrukt der „persönlichen Bestrebungen“ von Robert Emmons, für das ich mich anfänglich begeisterte (und über das ich meine Diplomarbeit geschrieben habe), führte mich (vielleicht aufgrund der fragwürdigen Methodik) in eine Sackgasse. Alles das, was ich anschließend über Bindungstheorien, die Theory of Mind, das implizite Selbstwertgefühl etc. gelesen habe, hat mir auch nicht wirklich weitergeholfen…

Seit jeher gibt es also etwas in meinem Leben, das viele Fragen aufgeworfen und mich immer wieder in Konflikte geführt hat, die ich dann mit mir selbst austragen musste. Obwohl ich schon früh versucht habe, mir zu erklären, warum mich ausgerechnet dieses Thema so sehr beschäftigt bzw. warum es eine so große Bedeutung für mich hat, konnte ich darauf in den vielen Jahren keine passende Antwort finden. Jetzt weiß ich, dass die meisten der Probleme, mit denen ich es im Laufe meines Lebens zu tun hatte, im Grunde genommen unbeholfene Versuche waren, frühkindliche Bedürfnisse zu befriedigen, für die ich lange Zeit keine Worte fand. Nun glaube ich, sie benennen zu können. Das, was mich angetrieben hat, ist allerdings so grotesk, dass man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln könnte.

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Folgendes Zitat ist mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen: „Nichts stimuliert uns so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und die Erfahrung von Liebe. Kern aller Motivation ist es also aus neurobiologischer Sicht, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden oder zu geben.“ Prof. Dr. Joachim Bauer

Es ist nicht mein Wunsch, Ihnen die Einzelheiten und Zusammenhänge so zu erklären, dass Sie sie im Detail verstehen können. Zudem denke ich auch nicht, dass es in ihrem Sinne wäre, wenn ich das täte. Da ich schon seit einigen Jahren mit einem Therapeuten, der tiefenpsychologisch arbeitet, darüber spreche, wäre jeder Versuch, das jetzt in wenige Zeilen zu verpacken, wahrscheinlich kaum hilfreich. Mir hat es jedoch noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, wie schwierig und schmerzhaft es auch für Psychologen sein kann, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Aber warum sollte das Studium einen Unterschied machen? Wie bei allen Menschen finden sich auch bei uns dysfunktionale oder maladaptive Erlebens- und Verhaltensweisen, die in die Beziehungen zu unseren Klienten oder Patienten hineinwirken können 2. Von daher halte ich es für unabdingbar, sich bewusst mit ihnen auseinanderzusetzen, damit sie kommunizierbar und korrigierbar werden.

Die Methode der Selbstreflexion ist – für sich allein genommen – kein geeigneter Ersatz! Hierbei gelingt es in der Regel lediglich, über das nachzudenken, was man ohnehin schon über sich weiß. Dabei kann es zwar auch zu einem Erkenntniszugewinn kommen, die wirkliche emotionale Bedeutung des Betrachteten zu erfassen, ist jedoch nicht ganz so einfach. Deshalb sollte ihr ein Erfahrungsprozess vorausgehen, der das emotionale Erleben beinhaltet und somit das Risiko vermindert, im Intellektuellen und Rationalen hängenzubleiben. Wie sich dieser Unterschied anfühlt, habe ich in den vergangenen Wochen jedenfalls in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen. Natürlich ist es äußerst unbehaglich, sich seiner eigenen – wie auch immer gearteten – „Bedürftigkeit“ bewusst zu werden und nach Möglichkeiten zu suchen, adäquat mit ihr umzugehen. Erhellend ist es aber allemal!

Als Trainer und Coach werde ich immer wieder mit Themen konfrontiert, die auch in der Psychotherapie eine zentrale Rolle spielen können. Von daher fühle ich mich dazu verpflichtet, mich mit den entsprechenden Fragestellungen im Rahmen einer therapeutischen Selbsterfahrung auch selbst auseinanderzusetzen. Darüber, inwieweit das zwingend erforderlich sein sollte, kann man zwar gewiss streiten, meine eigenen Erfahrungen zeigen mir allerdings, dass es eigentlich unverantwortlich wäre, es nicht zu tun.

Diskussion des Artikels

In der Gruppe „Psychologie“ bei Facebook habe ich übrigens die Rückmeldung erhalten, dass es wohl in vielen Instituten nur eine Gruppenselbsterfahrung gibt, was sich vom Setting her von einer Psychotherapie erheblich unterscheidet. Die (groben) Themenfelder und Methoden, mit denen in den Selbsterfahrungswochenenden gearbeitet wird, stehen dabei i.d.R. fest, werden also oftmals nicht flexibel an den Bedarf einzelner TeilnehmerInnen angepasst. Fokussiert werden hierbei die Auswirkungen eigener psychischer Zustände auf das therapeutische Arbeiten. Je nach Organisation der Selbsterfahrung komme noch hinzu, dass der „therapeutische“ Kontakt zu Selbsterfahrungsanleitern teilweise recht gering sei und sich die Hauptarbeit mit (wechselnden) Ausbildern abspiele, wodurch interpersonell völlig andere Prozesse zum Tragen kommen als in der Psychotherapie.

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Fußnoten:

  • 1 https://www.aerzteblatt.de/archiv/168734/Selbsterfahrung-und-Psychotherapie-Bewusstheit-ueber-subjektive-Realitaetserfahrung
  • 2 Sulz, S. K. D. (2007). Supervision, Intervision und Intravision in Praxis, Klinik, Ambulanz und Ausbildung. München: CIP-Medien