Die Wiederentdeckung der Lebensfreude

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Was bedeutet eigentlich Anhedonie? Ist die Stimmung getrübt, fühlt man sich manchmal antriebslos und wenig motiviert dazu, sich den Zerstreuungen des Alltags freudvoll hinzugeben. Aktivitäten, die normalerweise ein Aufleben positiver Gefühle ermöglichen, erscheinen dann farblos oder sie werden als „Zeitverschwendung“ abgetan. Wie förderlich sich bspw. das unbekümmerte Spielen, die Beschäftigung mit einem Hobby, das Pflegen sozialer Kontakte, Spaziergänge oder Phasen der reinen Erholung auf das Wohlbefinden auswirken, scheint dann keine Rolle mehr zu spielen. Stellt sich daraufhin die Frage, was man denn davon habe, derlei Dinge zu tun, kann es geschehen, dass sich zunächst keine plausible Antwort darauf findet. Vielleicht sind die aktuellen Probleme zu schwerwiegend, die negativen Gefühle zu überwältigend oder die eigenen Gedanken zu sehr damit beschäftigt, sich im Kreis zu drehen, um den kleinen Freuden des Alltags irgendetwas abgewinnen zu können. Nicht selten entsteht deshalb wohl der Eindruck, als wäre jegliche Ablenkung nur eine inadäquate Form der Flucht, die höchstens kurzfristige Linderung verspricht, im Großen und Ganzen aber keinen Sinn mache. Das ist vollkommen normal. Bedenklich wird es allerdings, wenn sich diese Haltung immer mehr verfestigt und dazu führt, dass man sämtlichen Möglichkeiten, positive Erfahrungen zu machen oder etwas Schönes zu erleben, aus dem Weg geht und sich so in einer Welt gefangen hält, in der es kein Glück oder Wohlbefinden zu geben scheint.

Unter Anhedonie versteht man grundsätzlich die Unfähigkeit, Freude und Lust zu empfinden. Zentrale Merkmale sind eine Verminderung positiver Reaktionen in der Anzahl sowie in ihrer Qualität. Der französische Psychologe Théodule Ribot führte den Begriff im 19. Jahrhundert in die Psychologie ein. Jahre später differenzierten Loren J. Chapman und Michael Mishlove erstmals zwischen den beiden Komponenten der physischen (die Unfähigkeit, nicht-soziale Ereignisse lustvoll zu erleben oder körperliche Erfahrungen als angenehm zu verarbeiten) und sozialen Anhedonie (beschreibbar durch verminderte soziale Aktivität und sozialen Rückzug). Letztere soll gerade bei Menschen, die depressiv sind, sehr typisch sein. Zwar ist sie nicht selten auch bei anderen psychiatrischen Störungsbildern zu beobachten (bspw. Schizophrenie, Demenz oder Suchterkrankungen), bei einer Depression gehört sie jedoch zu den drei Hauptsymptomen.

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Wie nähern sich also gängige klinische Tests diesem Phänomen an? Im Beck-Depressions-Inventar (BDI ) sind es vor allem die beiden Skalen „Verlust von Freude“ sowie “Interessenverlust“, mit denen es erfasst wird. Ebenso lassen sich noch „Veränderungen des Appetits“ und „Verlust an sexuellem Interesse“ damit in Verbindung bringen. In der Hamilton rating scale for depression (HAMD) hingegen, die dazu dient, die Schwere einer depressiven Störung zu ermitteln, ist Anhedonie noch nicht einmal durch eigenständige Items repräsentiert. Dabei verursacht sie doch großes Leid und beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen somit erheblich. Sie kann Antriebslosigkeit und sozialen Rückzug bedingen oder sich auf beides verstärkend auswirken.

Immerhin gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Verfahren, die das Konstrukt gesondert zu erfassen versuchen: Beispiele hierfür sind die Snaith-Hamilton Pleasure Scale (Franz, M., Lemke, M.R., Meyer, T. et al., 2005), die Physical and Social Anhedonia Scale (Chapman, L.J., Chapman, J.P. & Raulin, M.L., 1976) oder der Tübinger Anhedonie-Fragebogen (Zimmer, 1990). Einige Beispiel-Items findet man bei Burgdörfer & Hautzinger (1987), die der deutschsprachigen Version der Physical and Social Anhedonia Scale entnommen sind.

Physische Anhedonie:

  • Ich habe oft Lust verspürt, eine attraktive Frau/Mann anzuschauen.
  • Auch wenn es nach gutem Essen riecht, weckt dies nicht meinen Appetit.
  • Ich verliebe mich sehr leicht in eine(n) attraktive(n) Frau/Mann.
  • Wenn ich an einer Bäckerei vorbeigehe, macht mich der Geruch von frischem Brot oft hungrig.

Soziale Anhedonie:

  • Ich flirte gerne öfter mal mit einer Frau/einem Mann.
  • Ich lache gerne mit anderen Menschen über Witze.
  • Gewöhnlich versuche ich, neue Leute kennenzulernen, so oft sich Gelegenheit dazu bietet.
  • Wenn ich besonders glücklich bin, habe ich manchmal Lust, jemanden zu umarmen.

Obwohl in der Vergangenheit viel über neurophysiologische Korrelate spekuliert und entsprechende Forschungsarbeit geleistet wurde (vgl. Kleins, 1974, Pflug in Heimann, 1990, Birbaumer, 1996, Keedwell, P.A., Andrew, C., Williams, S.C. et al., 2005, Heller, A.S., Johnstone, T., Shackman, A.J. et al., 2009 u.s.w.), sind ihre neuronalen Grundlagen bei verschiedenen psychiatrischen Störungsbildern bislang nicht vollständig entschlüsselt. Ebenso ungelöst ist derzeit wohl noch die Frage, inwiefern sich Anhedonie möglicherweise auf einer basalen physiologischen Ebene in Form einer gestörten hedonischen Bewertung von Sinnesreizen in den verschiedenen Wahrnehmungskanälen niederschlägt. Vielleicht gibt es inzwischen schon neuere Erkenntnisse, zumindest aber habe ich dieses Fazit verschiedenen Dissertationen (z. B. Marion Clepce, 2010) entnehmen können. Von daher halte ich die Frage für interessanter, wie man hedonistische Verhaltensweisen fördern bzw. entwickeln kann?

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Im therapeutischen Kontext spielt hierbei – neben dem Aufbau stimmungsförderlicher Aktivitäten – das „Genusstraining“ eine bedeutende Rolle. Euthyme Techniken fokussieren auf jene Ressourcen, auf die ein betroffener Mensch noch zugreifen kann. Es geht also vor allem darum, die gesunden Verhaltensanteile zu stärken. Hierbei sollte in einem ersten Schritt überprüft werden, welche Erlebnisbereiche die Betroffenen belastend bzw. entlastend empfinden, um daraufhin die Sinnesmodalitäten sowie das Vorstellungsvermögen zu aktivieren und angenehme Erfahrungen zu ermöglichen. Jene Menschen, bei denen arbeitssüchtiges Verhalten, depressiver Rückzug oder Freizeitstress erkennbar ist, werden hierbei zunächst angeleitet, vermehrt auf Warnsignale zu achten, die sie auf eine akute Belastung aufmerksam machen. Im Folgenden kann sich dann mit der Frage beschäftigt werden, welche Freizeitaktivitäten wohl der Erholung dienen, um diese anschließend zu initiieren. Mit der Planung und Durchführung konkreter (kleinerer oder größerer) Projekte, die zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen können, lassen sich unterdrückte hedonistische Wesenszüge allmählich wieder stärken.

Was kann man aber tun, wenn das alles keinen Sinn zu machen scheint?

Nun, nicht ohne Grund wird dem Phänomen der sogenannten „Grübelschleifen“ bspw. in der Kognitiven Verhaltenstherapie große Aufmerksamkeit geschenkt. Ein einfacher Fragebogen, mit dem man die eigene Neigung zum Grübeln überprüfen kann, wurde u. a. von Prof. Susan Nolen-Hoeksema (Yale University) entwickelt, der sich mit der Frage einleiten lässt: „Wie reagieren Sie, wenn Sie aus der Fassung, traurig, niedergeschlagen oder nervös sind? Treffen die folgenden Aussagen „nie oder fast nie“, „manchmal“, „oft“ oder „immer oder fast immer“ auf Sie zu?“

  1. Ich denke darüber nach, wie allein ich mich fühle.
  2. Ich denke darüber nach, wie erschöpft oder verletzt ich mich fühle.
  3. Ich denke darüber nach, wie schwer es mir fällt, mich zu konzentrieren.
  4. Ich denke darüber nach, wie passiv und motivationslos ich mich fühle.
  5. Ich denke: „Warum bringe ich nur nichts auf die Reihe?“
  6. Ich denke immer wieder über ein bestimmtes Ereignis nach und wünsche mir, dass es besser gelaufen wäre.
  7. Ich denke über meine Traurigkeit oder Ängstlichkeit nach.
  8. Ich denke an all meine Schwächen und Fehler.
  9. Ich denke daran, dass ich keine Energie habe, irgendetwas anzupacken.
  10. Ich denke: „Warum gelingt es mir nicht, das Leben besser in den Griff zu bekommen?“

Je öfter man mit „oft“ bzw. „immer oder fast immer“ antwortet, desto höher ist das Risiko, dass man deutlich zu viel grübelt. Hilf- bzw. Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und/oder eine getrübte Stimmung können die Konsequenz sein. Die Freude am Leben bzw. am eigenen Tun und Sein lässt sich durch derlei Überlegungen jedenfalls nur schwerlich fördern. Die Antwort auf die Frage, wie es gelingen kann, Menschen davon zu überzeugen, sich selbst etwas gönnen zu dürfen, offenbart sich also womöglich erst, wenn es funktioniert, solche Gedanken (wenigstens zeitweilig) aufzulösen. Oder in aller Kürze: Welchen Nutzen hat es bzw. was bringt es, sich mit diesen Themen zu quälen?

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Selbstverständlich ist kein Mensch perfekt, und niemand hat nur Stärken oder kann ausschließlich auf Erfolge zurückblicken. Auch wenn wir folglich alle „nur“ Menschen sind, sollten wir unser Leben trotzdem leben dürfen! An dieser Stelle fällt mir ein Zitat des Psychotherapeuten Albert Ellis ein: „„Das Leben ist auf eine bescheidene Weise sinnvoll, und zwar deshalb, weil dessen Sinnlosigkeit nicht bewiesen ist.“

Anhedonie hat viele Gesichter und verschiedenste Ursachen. Allen gemein ist das traurige Resultat, das Interesse, die Freude und die Lust am Leben zu verlieren. Es lohnt sich m. E. eigentlich nicht, weiter darüber nachzudenken… Für hilfreicher halte ich es hingegen, einfach mal nach vorn zu schauen und ins Handeln zu kommen:

  • Was gehört dazu, was brauchen Sie, um auch im Alltag Dinge genießen oder Angenehmes erleben zu können?
  • Gibt es Aktivitäten, denen Sie zwar gern, aber nur selten oder nie nachgehen?
  • Gibt es Dinge, die Ihnen früher Spaß gemacht haben oder die Sie schon immer einmal tun wollten?

Vielleicht kann es auf diese (oder eine andere) Weise gelingen, dem Leben wieder etwas abzugewinnen, für das es sich nicht nur lohnt, es einfach irgendwie auszuhalten, sondern es auch zu mögen und Freude am Tun und Sein zu entwickeln?

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Quellen & Literaturhinweise:

  • Beck, Aaron T., Brown, Gregory K. & Steer, Robert A. (2013). Beck-Depressions-Inventar-FS (BDI-FS). Manual. Deutsche Bearbeitung von Sören Kliem & Elmar Brähler. Frankfurt am Main: Pearson Assessment.
  • Birbaumer, N., Schmidt, R. S. (1996). Biologische Psychologie. 3. Auflage. Springer, Berlin, S. 635-637 u. S. 724-725.
  • Burgdörfer, G. & Hautzinger, M. (1987). Physische und soziale Anhedonie. Die Evaluation eines Forschungsinstruments zur Messung einer psychopathologischen Basisstörung. European Archives of Psychiatry and Neurological Sciences, 236 (4), S. 223-229.
  • Chapman, L. J., Chapman, J. P., & Raulin, M. L. (1976). Scales for physical and social anhedonia. Journal of Abnormal Psychology, 87, S. 374-407.
  • Franz, M., Lemke, M.R., Meyer, T., Ulferts, J., Puhl, P. & Snaith, R.P. (2005). „Snaith-Hamilton-Pleasure Scale (SHAPS-D)“. Göttingen, Hogrefe.
  • Clepce, Marion (2010). Anhedonie als psychopathologisches Symptom – Eine Untersuchung zur hedonischen Bewertung von Geruchsstoffen bei psychiatrischen Patienten. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Humanbiologie an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
  • Hautzinger, M., Keller, F. & Kühner, Ch. (2009). BDI-II. Beck-Depressions-Inventar. Revision. 2. Auflage. Pearson Assessment: Frankfurt.
  • Heimann, H. (1990). Anhedonie, Verlust der Lebensfreude. Fischer, Stuttgart, New York.
  • Kaluza, Gert (2004). Stressbewältigung: Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung (2. Auflage). Springer-Verlag.
  • Keedwell, P. A., Andrew, C., Williams, S. C., et al. (2005). The neural correlates of anhedonia in major depressive disorder. Biological psychiatry, 58, S. 843-853.
  • Heller, A. S., Johnstone, T., Shackman, A. J., et al. (2009). Reduced capacity to sustain positive emotion in major depression reflects diminished maintenance of fronto-striatal brain activation. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 106, 22445-22450.
  • Klein, D. F. (1974). Endogenomorphic depression. Arch. Gen. Psychiat. 31 (1974), S. 447-454.
  • Kloppenhöfer, Eva (2004). Kleine Schule des Genießens: Ein verhaltenstherapeutisch orientierter Behandlungsansatz zum Aufbau positiven Erlebens und Handelns. Pabst Science Publishers.
  • Nolen-Hoeksema, Susan (2006). Warum Frauen zu viel denken – Wege aus der Grübelfalle. Heyne.