Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen!

Die Gestalttherapie gehört zu den klassischen humanistischen Therapieverfahren. Was das Besondere daran ist, weiß aber wohl kaum jemand so genau. Erschwert wird das Verständnis zudem durch die (scheinbare) Komplexität des theoretischen Gerüsts, das dem Konzept zugrunde liegt. Lesen Sie doch bspw. mal nach, was bei Wikipedia geschrieben steht…

Was habe ich damit zu tun?

Persönlich kam ich zuerst in einer Psychosomatischen Klinik mit der Gestalttherapie in Berührung, in der mit einer überschaubaren Gruppe von Patienten gearbeitet wurde. Der Ablauf, der stets gleich zu sein schien, gefiel mir allerdings nicht: Zunächst wurde ein Thema vorgegeben, dann ein Bild dazu gemalt und anschließend darüber gesprochen. Damals waren einige meiner mich selbst einschränkenden Glaubenssätze (z.B. „Ich kann nicht malen!“) noch sehr viel gefestigter, als sie es heute sind. Das war wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, warum ich mich eine ganze Weile nicht vertiefend damit beschäftigen wollte. Irgendwann tat ich es aber doch und entdeckte eine äußerst wirksame Methode, die meinem heutigen Verständnis zufolge eigentlich in erster Linie eine therapeutische Haltung beschreibt, in der u. a. dem gerade wieder so modern gewordenen Konzept der Achtsamkeit eine hohe Bedeutung beigemessen wird („Awareness“).

Als Diplom-Psychologe befasse ich mich beruflich zwar seit vielen Jahren mit psychotherapeutischen Methoden, war allerdings nie als Therapeut tätig. Viele Jahre aber hatte ich die Aufgabe, Menschen mit einer psychischen Erkrankung und/oder einer entsprechenden Schwerbehinderung auch bei der Lösung ihrer persönlichen Probleme bei der Rückkehr ins Berufsleben zu unterstützen. Das hat mich nicht nur ständig vor neue Herausforderungen gestellt, sondern auch mein Menschenbild verändert. Seither betrachte ich mich jedenfalls als humanistischer Psychologe. Dazu gehört der feste Glaube an das nahezu unerschöpfliche Entwicklungspotenzial eines jeden Individuums, und noch wesentlich mehr. Auch meine etwas distanzierte Haltung zum ICD-10 lässt sich hierdurch vielleicht etwas besser verstehen.

Manfred Evertz

„Sei Du selbst und werde, der Du bist.“

Fritz Perls schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“

Die Gestalttherapie kann helfen zu verstehen, in welcher Weise wir uns behindern und was wir uns selbst antun. Wenn wir wieder in Kontakt mit uns selbst und mit der Welt sind, dann fällt diese schwere Last von uns ab und wir wachsen ein Stück weit über uns hinaus, fast wie von selbst.

War es Ihnen aus irgendeinem Grund also bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder haben Sie die Befürchtung, es sei egoistisch, zu belastend oder beängstigend, sich mit gewissen Gefühlen zu befassen? Dann könnte es sein, dass Sie schmerzvolle Empfindungen vom eigenen Erleben abgespalten haben, um sich selbst zu schützen. Vielleicht wurden die dahinterliegenden Bedürfnisse auf diese Weise aber auch vernachlässigt? Durch eine Fokussierung kann dieser Kontakt aber wieder hergestellt werden. Was und wie das dann geschieht, obliegt allerdings den Betroffenen selbst. Deshalb werden gestalttherapeutische Interventionen auch als „Experimente“ bezeichnet. Obwohl die Selbstverantwortung der Klienten im Vordergrund steht, ist es erforderlich, deren Belastungsgrenzen zu erkennen und ggf. stützend oder schützend einzugreifen.

Wie weit sollte man also gehen?

Selbstverständlich kann ein Coach seine Klienten einfach mal so darum bitten, bspw. die Ursprungsfamilie aufzuzeichnen, um anschließend darüber zu sprechen. Vielleicht würde auf diese Weise aber ein (zu) großes Fass aufgemacht werden? Ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben, halte ich das jedenfalls für keine gute Idee. M. E. macht es Sinn, den angestrebten Entwicklungsschritt bereits mittels einer geschickten Auswahl der Aufgabenstellung zu fokussieren. Um das tun zu können, ist es erforderlich, ein Problem bzw. einen (inneren) Konflikt zunächst einigermaßen verstanden und daraus ein Anliegen formuliert zu haben. Das Wohl der Klienten steht hierbei selbstverständlich an erster Stelle!

Emotionen spielen eigentlich immer eine zentrale Rolle. Selbst bei einer lösungsorientierten Vorgehensweise sind sie die stetigen Begleiter von Gedanken. Von daher betrachte ich gestalttherapeutische Interventionen als ein nützliches Mittel, um mehr Tiefe in Gespräche zu bringen und somit nachhaltige Entwicklungen zu begünstigen. Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen. Das ist (m)eine Definition der Gestalttherapie.

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