Die Seele eines Künstlers

Im Gespräch mit Manfred Evertz

Seelenbilder, Engel und Masken… Die Werke des norwegischen Künstlers wirken auf viele Betrachter zunächst irritierend oder verstörend. Mich aber haben sie von Beginn an in ihren Bann gezogen. So entwickelte sich im Laufe der Zeit aus einem freundschaftlichen Kontakt eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die sehr bereichernd ist. Seither zieren seine Bilder immer wieder die Inhalte dieses Blogs sowie die Webseite vom Fachforum Mobbing. Insbesondere aber das gemeinsam erdachte Kartenset (Art & Poems), welches mit lyrisch untermalten (die Gedichte stammen aus der Feder von Christine Matha) Bildern von Engeln und Masken zur Selbstreflexion bzw. zur therapeutischen Arbeit einlädt, erfüllt mich mit großem Stolz. Vor allem die starke Suggestivwirkung der Werke von Manfred Evertz kommt hierbei zum Tragen. Durch ihr tiefes Hineinwirken in das Unbewusste, fühlt man sich von ihnen berührt und versteht sie auf eine Weise, die sich rational nur schwer erklären lässt. Es scheint so, als würden sie es der Intuition erlauben, dem Unaussprechlichen eine Gestalt zu geben.

Manfred Evertz

Doch wer ist dieser Künstler eigentlich? Was inspiriert einen Menschen zu einer Kunstform, die sich den Namen „Psychosymbolismus“ gibt? Der folgende Text gestattet einen bescheidenen Einblick in das Leben und Wirken von Manfred Evertz. Hier spricht er über seine Kindheit, seinen Weg zur Kunst, seine Ausbildung, die Stufen seiner Entwicklung, seine Botschaft und seine Inspiration sowie über sein Lebenswerk. Mit einer ganz persönlichen Bilanz schließt dieser Text dann ab, der eine faszinierende Sicht auf einen beeindruckenden Künstler ermöglicht…

Meine Kindheit

Geboren am 9. Mai 1948, Einzelkind und überbeschützt von meiner Mutter, die ich bis heute als den einzigen Menschen betrachte, der mir uneingeschränkt Liebe, Zuwendung und Hingabe schenkte, empfinde ich meine Kindheit dementsprechend als glücklich. Aber als Angehöriger der ersten deutschen Nachkriegsgeneration fühlte und erlebte ich auch die Schrecken des Krieges fast hautnah mit, die meine Eltern täglich – bis weit in meine jugendlichen Jahre hinein – reflektierten und aufarbeiteten. Obwohl ich drei Jahre nach dem Kriegsende geboren wurde, fühle ich mich, als hätte ich selbst daran teilgenommen. Auch der erste bewusste visuelle Haupteindruck war von den Folgen des Krieges geprägt: Zerstörung und Ruinen in einer der Industriestädte am Rhein – Duisburg. Luftschutzbunker und befestigte Stellungen üben ebenfalls noch immer eine eigenartige Faszination auf mich aus. In der Kindheit verspürte ich kaum eigene Furcht, aber die von meinen Eltern überführte Angst hinterließ eine bleibende Wirkung.

Mein Weg zur Kunst

SeelenbildSchon als Kleinkind wurde mir eine besondere künstlerische Begabung nachgesagt. Als ich zur Volksschule und später in die Lehre ging, verstärkte sich dieses Bewusstsein um die eigene Veranlagung bedeutend, da ich nun von allen Seiten viel Lob und Anerkennung bekam. Mein Vater betrachtete dies fast als eine Art Schande und so konnte ich nur auf die volle Unterstützung meiner Mutter hoffen. Allerdings räume ich ein, dass auch mein Vater im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten und auf Drängen meiner Mutter alles tat, um mich auf meinem Wege in eine künstlerische Laufbahn zu unterstützen. Mein erster Förderer war dann auch ein früherer Schulkamerad von ihm, der als freischaffender Künstler tätig war: Walter vom End. Während meiner Ausbildung zum Musterzeichner traf ich dann auf die Eheleute Sigrid und Klaus Mundt, die beide ein Kunststudium an der Folkwangschule in Essen absolviert hatten, mich aufmunterten und mir dabei halfen, selbst ein solches Studium anzustreben und aufzunehmen.

Meine Ausbildung

Manfred Evertz - Abstraktes Bild 2Meine Ausbildung besteht im Wesentlichen aus der Lehre als Musterzeichner (drei Jahre) in Krefeld sowie dem Studium an der Folkwangschule in Essen (vier Jahre). Das Kunststudium wurde mir ermöglicht durch das Bestehen einer Begabten-Sonderprüfung, mittels derer ich ein Jahr jünger und ohne Abitur dafür zugelassen wurde. So war ich im Alter von 17 der jüngsten Student dieser Schule. Die auf diesem Wege erlangte Fachlichkeit, die mir zudem ein Pädagogik-Studium in Norwegen möglicht machte, brachte mir den Beruf als Lehrer bzw. Studienrat an einem Gymnasium ein. Im Jahre 1979 wanderte ich dann nach Norwegen aus, wo ich fortan mehr als 20 Jahre als Studienrat und Kunstpädagoge tätig war. Mit einigen Unterbrechungen betätigte ich mich seither als freischaffender Künstler, was ich mir im Grunde auch immer wünschte. Obwohl ich also den größten Teil meines Lebens in Norwegen verbracht habe, ist mir meine deutsche Staatsangehörigkeit geblieben.

Die Stufen meiner Entwicklung

Das Kunststudium an der Folkwangschule in Essen ist natürlich das zentrale Ereignis meiner Ausbildung, weil es mir auch in Norwegen alle Türen öffnete, so dass ich als Folge daraus ein praktisch-pädagogisches Studium absolvieren konnte, was mir wiederum eine gesicherte Existenz als Lehrer mit Pensionsberechtigung ermöglichte. Besonders jetzt – im Alter von 67 – weiß ich das sehr zu schätzen. Obwohl das eigentlich nur wenig mit meiner künstlerischen Entwicklung zu tun hat, wirkt ja letztendlich alles Erlernte und Erfahrene irgendwie darauf ein.

Panzer & BlumenDirekt – auf meine künstlerische Tätigkeit – übte der Surrealismus den größten Einfluss auf mich aus. Ich glaube, dass das Surreale einer gewissen „Wahrheit“ am nächsten kommt. Mit dieser „Wahrheit“ (im allgemeinen Sinne), befasste ich mich über viele Jahre in Form autodidaktischer Philosophiestudien, um zu dem Schluss zu gelangen, dass es eine solche nicht gibt, da sich die Dinge und das Sein in ständiger Bewegung und Veränderung befinden. Die „Prozesshaftigkeit des Seins“ wurde so zu einem Leitbild, das mich sehr prägte. Im Zusammenhang mit meiner praktischen künstlerischen Aktivität hatte ich mehre internationale Vorbilder, bspw. den Engländer Francis Bacon und den Deutschen Anselm Kiefer.

Aufgrund bitterer Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis erkannte ich auch den psychologischen Aspekt des Seins, wodurch ich jetzt nicht mehr nur die Prozesshaftigkeit, sondern ebenso die psychologische Dimension im Leben eines einzelnen Menschen, aber auch der sozialen Zusammenhänge der Menschheit als Ganzes, zu erkennen glaube. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis, habe ich maßgeblich an der Gründung, Manifestierung und dem Aufbau der internationalen Kunstbewegung PSI-ART (Psychosymbolismus International) mitgearbeitet.

Meine Botschaft

PSI-Arts 1Trotz aller bewussten oder automatischen Expressivität – also Ausdrucksstärke -, versuche ich in meinen Bildern möglichst viele handwerkliche und theoretische Kriterien durchblicken zu lassen. Wohl wissend, dass dies keine aktuellen Kriterien mehr sind, sehe ich sie für mich weiterhin als Basis an. Darüber hinaus interessiere ich mich sehr für die Postmoderne und bemühe mich darum (soweit es geht), „als Mensch in seiner Zeit“, meinen persönlichen Beitrag dazu zu leisten.

Meine Inspiration

Die Freude an meiner Arbeit ist mit der Zeit einer gewissen Besessenheit gewichen bzw. hat sich zu einer Art „Selbsttherapie“ entwickelt. Der therapeutische Aspekt rückte also immer mehr in den Vordergrund. Auch meinen Schülern versuche ich zu vermitteln und klarzumachen, dass sich ihnen allein schon durch das Befassen mit Kunst eine weitere Dimension ihres Daseins eröffnet. Da mir der größere künstlerische Durchbruch bislang nicht gelungen ist, bin ich zwar nicht besonders stolz auf meine Leistung, angesichts der Reaktionen einiger Menschen auf meine Arbeiten verspüre ich allerdings immer wieder eine gewisse (freudige) Verwunderung.

PSI-Arts 2Die Motive und Themen meiner Bilder ergeben sich aus inneren Prozessen, d. h. sie sind Problemstellungen und Reflexionen des täglichen Geschehens. Die Suggestivkraft entsteht aus der Auseinandersetzung mit der authentischen Situation während des Schaffensprozesses sowie aus der expressiven Kraft der Farben und Formen. „Schwierige Themen“ sind ja im Grunde alltäglich bzw. allgemein und fallen damit automatisch in den Bereich jener Herausforderungen, welche bearbeitet werden sollten. Nur die Abkopplung und Flucht davor treibt den Kunstschaffenden zuweilen in die Welt des „Glanzbildes“, die natürlich nicht echt ist. Dem gegenüber ist das Surreale – das aus der Seele kommende – wahrhaftig, wenn es auch nicht unbedingt immer mit einem allgemeinen Realbild übereinstimmt und sehr unbehaglich sein kann.

Generell glaube ich, dass jede künstlerische Tätigkeit aus der Seele des Schaffenden kommt und mit dieser untrennbar verbunden ist. So ist die Kunst immer auch von der Psyche des Künstlers geprägt. Für mich ist sie zur Selbsttherapie geworden, die jedoch nicht unbedingt immer erfolgreich ist. Sie geht in eine Art „Abhängigkeit“ über, die sich aus meinem inneren Drang zur Selbsterkenntnis ergibt. Es überrascht mich, dass der direkte Zusammenhang zwischen Kunst und Psychologie scheinbar nicht grundsätzlich gesehen wird. Der Mensch ist m. E. ein psychologisches Wesen – also ist auch jede künstlerische Tätigkeit eine Ausdrucksform der Psyche des Menschen.

Mein Lebenswerk

Ausstellung mit Werken von Manfred EvertzDazu muss ich zunächst sagen, dass ich über ein umfangreiches Werk verfüge, das sowohl Bilder in verschiedenen Formaten, auch Großformate (bis zu 350cm lange Malereien und Materialbilder) sowie dreidimensionale Objekte (Installationen und Skulpturen) umfasst, insgesamt also mehrere hundert Exponate. Der Verkauf oder die intensive Ausstellungstätigkeit bzw. eine besondere Exponierung in der Öffentlichkeit gehörten nie zu meinen Stärken. Das Lebenswerk meiner praktischen bzw. handwerklichen Arbeit liegt also zum größten Teil noch auf Lager, abgesehen von einigen öffentlich ausgestellten oder sich im privaten Besitz befindlichen Kunstobjekten in Deutschland, Norwegen und den USA.

Seit dem Jahre 2010 habe ich mich verstärkt um die Gründung und Lancierung einer neuen Kunstrichtung und globalen Künstlergruppe, der PSI-ART (Psychosymbolismus International), bemüht. Die Tätigkeit in diesem Zusammenhang liegt mir besonders am Herzen und schwebte mir schon seit Jahrzehnten vor. Erst seit Beginn der Kooperation mit der Lyrikerin und Kunstgeschichtlerin Christine Matha (Italien) im Jahre 2011 begann sich das Projekt zu realisieren und wird jetzt in Form von internationalen Gruppen-Ausstellungen, Büchern und Katalogen sowie im Internet publiziert.

Mein Schicksal

Bild im RahmenAufgrund eines früheren, allzu großen Ambitions-Niveaus, waren meine Wünsche und Erwartungen immer so hoch gesteckt, dass eine Realisierung vollkommen außerhalb der realistischen Möglichkeiten lag. Dies hat mich im Alter sehr ernüchtert und in einen depressiven Zirkel hineingetrieben, so dass ich heute weder wesentliche Hoffnungen noch größere Wünsche hege. Viele Menschen sagen mir, dass ich mit dem Erreichten durchaus zufrieden sein könne. Bisweilen gelingt es mir auch, das so zu sehen. Aber der Abstand zwischen dem Erreichten und dem Gewünschten bzw. dem damals Erhofften ist so groß, dass ich in mir eine Kluft spüre, für die ich keine stimmige Überbrückung finde.

Im privaten Bereich habe ich eine liebenswerte Familie, zwei Töchter (aus erster Ehe) und drei Enkelkinder, die mir sehr viel Freude bereiten. Meine Ehepartnerin Liv besitzt eine kleine Galerie im Ort und wir arbeiten auch im künstlerischen Bereich zusammen. Obwohl mir dies für kurze Perioden immer wieder eine gewisse innere Zufriedenheit ermöglicht, werde ich stetig von meinem Gewissen (dem eigenen Schicksal gegenüber) geplagt.

Kontakt:

Einige Anregungen zur Selbstreflexion, die in der Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden sind, finden Sie hier.

Art & Poems 2

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