Müssen Vorgesetzte psychische Erkrankungen erkennen?

Elisabeth Naomi Reuter

In Schulungen von Führungskräften zum Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern taucht oftmals die Frage auf, anhand welcher Symptome man eine bzw. welche psychische Störung feststellen könne. Man scheint davon auszugehen, dass sich mit dem erworbenen Wissen über entsprechende Krankheitsbilder so manche Verhaltensauffälligkeit besser erkennen und ein damit verbundenes Problem leichter aus der Welt schaffen lässt. Aber dieses „Wissen“ ist gefährlich, weil es dazu verleitet, Menschen in eine Schublade zu packen und ihnen mit einer Haltung zu begegnen, die in der Regel herablassend wirkt, da sie so wirkt, als würde man für sich beanspruchen, in den anderen hineinsehen zu können. Gegen diese Art der Deutungshoheit, über die sich viele ausgebildete Ärzte und Fachleute seit jeher definieren, stellten sich berühmte Psychotherapeuten schon in den 1950er und 1960er Jahren und entwickelten Methoden, mit denen sie ihren Klienten auf Augenhöhe begegnen wollten. So haben sich zum Beispiel die humanistisch geprägten Therapeuten überlegt, dass die von inneren oder äußeren Konflikten geplagten Menschen selbst die wahren Experten ihres eigenen Seelenlebens seien und man ihnen die Verantwortung dafür übertragen müsste, diese auch aufzulösen. Dafür ist es allerdings notwendig, dass man ihnen hilft, sich mit sich selbst und ihren Problemen zu befassen, und ihnen dann die Wahl lässt, sich für ein anderes (funktionaleres) Verhalten zu entscheiden. Ein Therapeut hätte demnach lediglich die Aufgabe, Hilfestellungen verschiedenster Art zu geben und die Klienten dabei zu unterstützen, einen Weg zu finden, sich aus den besagten Verstrickungen zu lösen. Die Diagnose psychischer Störungsbilder stand hierbei nicht so sehr im Vordergrund.

Eine Diagnose birgt zudem die Gefahr, dass man sich als Betroffener zu sehr mit ihr identifiziert und sein eigenes Verhalten dann mit dieser rechtfertigt. „Weil ich eine Depression habe, bin ich eben schlecht gelaunt. Da ich eine Angststörung habe, gehe ich bestimmten Situationen aus dem Weg. Weil ich dies oder das habe, verhalte ich mich auf eine entsprechende Art und Weise. Letztendlich bin ich also nicht schuld daran bzw. nicht verantwortlich für das, was ich tue oder nicht tun kann.“

Edgar Piel

Die seit Sommer vergangenen Jahres im Arbeitsschutzgesetz verankerte Beurteilung psychischer Gefährdungen ist nützlich, um etwaigen Belastungen präventiv zu begegnen bzw. um im Falle eines Falles schnell passende Maßnahmen einzuleiten. Stigmatisierungen belasteter Mitarbeiter (à la „Ich weiß, was mit Dir los ist!“) sind allerdings nicht zweckdienlich. Welchen Nutzen hat es für eine Führungskraft, eine Depression oder einen Burnout feststellen zu wollen? Wirklich erkennen kann sie doch ohnehin nur gewisse Auffälligkeiten (z. B. eine gereizte Stimmung, eine erhöhte Fehlerquote oder gehäufte Ausfälle durch Krankschreibungen), die auf einen Handlungsbedarf hinweisen. Darauf sollte sie die Betroffenen wohlwollend aber möglichst zeitnah sowie direkt ansprechen und konkrete Hilfestellungen anbieten. Die wahren Ursachen können sehr vielschichtig sein und sind für Außenstehende nicht immer klar ersichtlich, da Menschen nun einmal nicht gläsern sind. Kommt sie damit nicht weiter oder an die eigenen Grenzen, ist es sinnvoll, auf ausgebildete Fachleute hinzuweisen bzw. diese zu Rate zu ziehen. Meistens hilft es aber bereits, mit den Mitarbeitern über das aufgefallene Verhalten zu reden und mittels lösungsorientierter Fragen nach Möglichkeiten zu suchen, wie diese mit der Situation so umgehen können, dass sie sich den Anforderungen (wieder) gewachsen fühlen. Dies setzt allerdings ein gewisses Vertrauen in deren Fähigkeit voraus, Belastungen konkret zu benennen und mit adäquater Unterstützung auflösen zu können. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben bzw. das vorherrschende Klima wenig geeignet, um ein solches Gespräch zu führen, kann es für das Unternehmen schnell teuer werden. Dann stellt sich aber die Frage, welcher Betrieb sich eine solche Führungskraft tatsächlich leisten möchte?!

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