Die Methode definiert den Gegenstand!

Essay über die Aussagekraft und Kritisierbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse:

Die Frage, der in diesem Text nachgegangen wird, lautet in ihrer Kurzform: Wie kann eine Methodenkritik aus konstruktivischer Sicht dem Kriterium wissenschaftlicher Relevanz entsprechen, wenn doch die Methode den Gegenstand definiert und dieser als solcher innerhalb eines empirischen Vorgehens einer Methodenkritik zwangsläufig anders definiert ist?

Manfred Evertz, www.manfred-evertz-art.com

Um ein besseres Verständnis dieses Problems zu ermöglichen, soll zum einen die Fragestelluing genauer erörtert, und zum anderen aufgezeigt werden, inwieweit es doch möglich ist, dem oben angesprochenen Gütekriterium gerecht zu werden. Hierzu werden verschiedene erkenntnistheoretische Positionen herangezogen, die eine sinnvolle Auflösung dieser Problematik erlauben.

Die Methode definiert den Gegenstand: Diese Betrachtungsweise des Zusammenhangs zwischen Methode und Gegenstand (einer Untersuchung) ist im Konstruktivismus sowie in der Quantenphysik vorzufinden. So ergab sich die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik daraus, dass Niels Bohr (1885-1962) der „Unschärferelation“ Heisenbergs die der „Komplementarität“ der atomaren Teilchen hinzufügte. Ein Elektron wurde demnach nicht mehr als Teilchen oder als Welle betrachtet, sondern beide Aspekte wurden als komplementär angesehen: Sie schlossen sich gegenseitig aus und bildeten doch zusammen erst das Ganze. „Will man den Ort eines Elektrons feststellen, so muss man es beleuchten und unter einem Mikroskop betrachten. Dabei wird aber das Elektron von einem Lichtteilchen getroffen, wodurch es seine Bewegungsrichtung sowie seinen Impuls verändert -und zwar auf unkontrollierbare Weise. Je genauer man die Ortsmessung vornehmen will, desto kleiner muss die Wellenlänge des Lichts sein, desto größer ist jedoch seine Energie und damit auch sein Impulsübertrag. Es erscheint somit wenig sinnvoll, von Größen wie Ort und Geschwindigkeit zu sprechen, ohne gleichzeitig anzugeben, wie man sie misst. „Die Bahn [eines Teilchens] entsteht erst dadurch, dass wir sie messen“, schrieb Heisenberg (Bührke, 1997, S. 198 f.). In dieser Aussage Heisenbergs liegt die Parallele zum Konstruktivismus. So hat Maturana (1982, S. 309) darauf hingewiesen, dass Wissenschaft kein Bereich objektiver Erkenntnis sei, sondern ein Bereich subjektabhängiger Erkenntnis, der durch die Methodologie defniniert wird, die die Eigenschaften des Erkennenden festlegt. Deshalb beruht die Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis ihm zufolge auf ihrer Methodologie, die die Einheitlichkeit der Beobachter bestimmt, und nicht auf der Widerspiegelung objektiver Realität. Die Methode definiert demnach also den Gegenstand.

Nüse, Groeben, Freitag und Schreier (1991, S. 195) argumentieren bezüglich ihrer Forderung nach Wahrheitsannäherung wissenschaftlicher Forschung, dass es keinen Beobachter bzw. Forscher verwehrt sein dürfe und könne, darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen die angestellten Überlegungen der Wahrheit wohl am nächsten kommen. Hierin spiegelt sich die Auffassung wider, dass der zu erforschende Gegenstand durch die aufgrund dieser Überlegungen angewandten Methodik in einem Rahmen eingebettet wird, innerhalb dessen die Ergebnisse der Forschung Gültigkeit (im Sinne einer Annäherung an die „Wahrheit“) erlangen können. Da aus konstruktivischer Sicht Empirizität jedoch an erfahrende Systeme und deren kognitive Konstuktivität – und nicht an objektive Strukturen der Realität – gebunden ist, lassen sich solche appoximationstheoretischen Auffassungen sensu Popper & Co. nicht ohne Weiteres halten. Es kann aus konstruktivischer Perspektive in einem solchen Fall nur gelten, dass die Egebnisse des Forschers A innerhalb seiner Methodik Gültigkeit haben, bei einer Abänderung des Vorgehens (wie im Falle einer Methodenkritik) kann es dann jedoch zu anderen Erkenntnissen kommen. Ein Urteil über die Annäherung an die Realität ist nicht möglich, ebensowenig wie das Erfassen dieser. Es müsste bei einer Methodenkritik sensu Sozialem Konstruktivismus folglich der wissenschaftliche Diskurs darüber entscheiden, welche Ergebnisse mehr Akzeptanz erlangen und als viabler (und folglich nicht als „bessere“ Annäherung an die „Wahrheit“) aufgefasst werden. Diese Argumentation erscheint zwar plausibel, sie ist aber dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht unbedingt förderlich, da sie einer gewissen Willkür den Weg ebnet, die sich konkret in dem Einfluss einzelner Forscher innerhalb einer Wissenschaftlergemeinschaft äußert (vgl. hierzu die Ausführungen weiter unten).

Um zu erläutern, wie das Kriterium der „Relevanz wissenschaftlicher Forschung“ auch in Bezug auf eine Methodenkritk erfüllt werden kann, wird im Folgenden zunächst der Empiriebegriff erläutert. Anschließend soll eine Klärung des diesem Text zugrunde liegenden Verständnisses von „Intersubjektivität“ und „Konsens“ folgen, woraufhin in Anlehnung an Luhmann (1990) und Schlosser (1993) eine Lösung angeboten wird, wie man der oben angesprochen Willkür wissenschaftlicher Wahrheitsannäherung, wie sie bspw. dem Sozialen Konstruktivismus häufig vorgeworfen wird, entgehen kann.

Der Empiriebegriff

Der konstruktivische Empiriebegriff stellt nach Rusch (1984, S. 242) eine Umorientierung von „empirisch“ auf Wissen, anstatt auf Realität dar. Empirisches Wissen ist ihm zufolge Erfahrungswissen, welches an die erfahrenden Systeme und deren kognitive Konstruktivität gebunden ist – nicht jedoch an die „objektiven Strukturen“ der Realität. Nach Rusch (1984) wird Erfahrung als ein Prozess verstanden, in dem sinnliche, konzeptionelle und motorische Komponenten zusammenspielen, so dass neue ontische Elemente und Operationen neues ontologisches und operationales Wissen – und dadurch neue Wahrnehmungs- und Veränderungsmöglichkeiten – entstehen können.

Janich (1992, S. 24) argumentiert ähnlich. Empirisches Wissen wird als Wissen über Resultate von Handlungen definiert, nicht als eine Erkenntnis über „natüliche“ Gegebenheiten. Seiner Auffassung nach machen erst wiederholbare Handlungssequenzend die daran gebundenen definitorischen Normierungen fachwissenschaftlichen Sprechens (d.h. die operationalen Definitionen) naturwissenschaftliche Empirie möglich. Janich vertritt somit einen eindeutig handlungstheoretischen Wahrheitsbegriff, der wissenschaftliche Wahrheit explizit als Handlungserfolg deutet. Wahrheit wird von ihm als erfolgreiches, gemeinsames Handeln betrachet, wobei er die generelle Geltung von Begründungen und Widerlegungen als regulative Idee postuliert (nach Schmidt, 1998, S. 168).

Kriz (1985, S. 12 f.) stellt in diesem Zusammenhang fest, dass die letzte Prüfinstanz für empirisches Wissen untrennbar an menschliche Handlungen gekoppelt ist. Aspekte der Wirklichkeit werden ihm zufolge nicht erfasst, sondern in den Modalitäten des Rezeptorsystems „konstituiert“. Demnach handelt es sich immer nur um eine Interaktion des „Erfahrenden“ und „Zu Erfahrendem“. Eine Aussage über das „Zu Erfahrende“ ist nach Kriz nicht möglich, da sich alle Aussagen auf das Ergebnis des oben angesprochenen Interaktionsprozesses beziehen.

Nach Schmidt (1998, S. 125) vollzieht sich wissenschaftliche Erkenntnisproduktion auf der Ebene von Handlungen und Kommunikation im Rahmen des Sozialsystems Wissenschaft. Es sind aber nicht „Realitäten“, womit Wissenschaftler kommunikativ umgehen, sondern experimentell und kommunikativ stabilisierte Beschreibungen und Unterscheidungen einer Gesellschaft: „sie operieren mit Fakten (= Gemachtem), und nicht mit Daten (= Gegebenem). ‚Empirisch forschen‘ kann dementsprechend allgemein bestimmt werden als praktisches Herstellen logischer, pragmatischer und sozialer Stabilitäten […], mit denen Wissenschaftler wie mit unabhängigen Gegenständen kommunikativ umgehen. Alles, was zu dieser Stabilitätskonstruktion agrumentativ erfolgreich herangezogen werden kann, fungiert – je nach Kriterium und Kontext – als Plausibilisierung oder Beleg. Empirisches Forschen kann mithin als eine spezifische Art und Weise der Wirklichkeitskonstruktion bezeichnet werden“ (Schmidt, 1998, S. 125).

Wissenschaftliche empirische Forschung ist nach Schmidt (1998, S. 127) dadurch gekennzeichnet, „dass das Erfahrungmachen in einer Reihenfolge festgelegter Verfahrensschritte, d.h. methodisch […] erfolgt. Die Unterscheidung bzw. die systematisch geordneten Mengen von Unterscheidungen, mit deren Hilfe methodisch geregelte Beobachtungen bzw. experimentelle Handlungen durchgeführt werden, müssen im Rahmen einer expliziten Theorie geklärt und begründet werden […]. wobei der Grad und die Akzeptanz von Klärungen und Begründungen ausschließlich im Wissenschaftssystem selbst bestimmt wird.“ Zur Wissenschaftlichkeit empirischen Forschens im Sozialsystem der jeweiligen Disziplin gehört nach Schmidt (1998, S. 128) zudem, „dass die Ergebnisse des systematisch geregelten Erfahrungmachens kommunikativ stabilisierbar bzw. stabilisiert sind, insofern im Diskurs einer relevanten epistemischen Gemeinschaft Konsens über die Konzepte, Kritiken und Ergebnisse des Erfahrungmachens hergestellt werden kann. Dies wird über Publikationen erprobt und geregelt.“

Nach Rusch (1987, S. 542) liegen die Gründe dafür, dass empirisches Wissen als Wissen über die Wirklichkeit gilt, nicht in der Übereinstimmung mit der Realität, sondern in der Kognition begründet: Die Übereinstimmung von Theorie und Wirklichkeit sei demnach Gegenstand eines Feststellungsverfahrens, von dem aus auf die Adäquatheit theoretischer ontologischer Vorstellungen geschlossen wird. Diesem Feststellungsverfahren liegen immer kogntive Operationen zugrunde. Können auf diese Art Prognosen ermöglicht werden, die sich als zutreffend erweisen, wird im Allgemeinen auf einer Wirklichkeitsadäquatheit der betreffenden Bedingungen geschlossen.

Manfred Evertz, www.manfred-evertz-art.com

Intersubjektivität und Konsens

Der wissenschaftliche Erwerb empirischen Wissens wird methodologischen Anforderungsprofilen ausgesetzt, von denen nach Rusch (1987) eines die intersubjektiv zugängliche Dokumentation ist, die eine Prüfung der entwickelten Strategien, Systeme und Verfahren ermöglicht.

Schmidt (1998, S. 135 f.) erläutert in diesem Zusammenhang, dass der Erwerb von Wissen prinzipiell von der Bindung an die Einzelperson gelöst wird, „indem Operationalisierungen für Explanitivität entwickelt und standardisierte Handlungsvollzüge in Meß-, Beobachtungs- und Schlussprozesse eingeführt werden, die als Garant für eine erfolgreiche kommunikative Herstellung von Intersubjektivität betrachtet werden [können]“. Schmidt sagt zudem, dass eine systematische Kontrolle der Wissensproduktion durch Programme (Theorien, Methoden) von einer Beobachterebene zweiter Ordnung her erfolgen – sowie die Anforderungen der Operationalisierung bei empirischer wissenschaftlicher Forschungerhalten bleiben – muss. Dies lässt eine formale Loslösung der Ergebnissse vom Individuum zu und ermöglicht somit Intersubjektivität bzw. eine Verwendung des Begriffs „Wahrheit“. Weiterhin führt Schmidt (1998, S. 139) aus, dass Wissenschaft als Unerfangen sozialisierter Individuen deren Handlungen und Kommunikation in hinreichend bindender Weise spezifiziert und sie sich auf eine systematische Erweiterung der spezifischen Wissensbestände und den damit verbundenen Handlungen einer Disziplin orientiert.

Kriz (1985) sieht den Sinn empirischer Wissenschaft in einer Reduktion der Unsicherheit handelnder Subjekte hinsichtlich möglicher Erfahrungen. „Eine […] intersubjektive, zusammenwirkende Konstruktion relevanter Wirklichkeit […] kann allerdings nur dann erfolgreich funktionieren, wenn die Positionen, aus denen heraus der Einzelne jeweils perspektivisch einen Aspekt dieser Wirklichkeit konstituiert, möglichst genau im Diskurs der Forscher vermittelt werden.“

Auch Janich (1992) sieht die empirische Forschung als rationale Tätigkeit, die einem methodischen Operationalismus verpflichtet ist, denn erst die operationalen Definitionen machen seiner Ansicht nach naturwissenschaftliche Empirie möglich. Janich (1995) spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Hochstilisierung lebensweltlicher Praxen zu Wissenschaften. Ihm zufolge wird die Hochstilisierung von Fachsprachen zu Terminologien durch Diskursfähigkeit bestimmt, die das Kriterium für den Übergang zu Lehrmeinungen darstellt. Diese Hochstilisierung zeichnet sich durch die Merkmale einer Theoriefähigkeit und der Philosophiefähigkeit aus. „Theoriefähigkeit“ bezeichnet die Kohärenz und Konsistenz einer Terminologie im Sinne einer Lehr- und Lernbarkeit sowie ihrer expliziten, zirkelfreien und vollständigen Bestimmung. „Philosophierfähigkeit“ bezeichnet den expliziten Nachweis der Tauglichkeit wissenschaftlicher Methoden und Terminologien gemäß einer Zweck-Mittel-Rationalität. Dabei wird vorausgesetzt, dass eine hinreichend normierte Sprache zur Verfügung steht, die es erlaubt, in expliziter Argumentation den Geltungsanspruch wissenschaftlicher Resultate einzulösen (Schmidt, 1998, S. 146).

Die oben angesprochene Zweck-Mittel-Rationalität wissenschaftlicher Handlungen (Experimente, Kommunikationen) besagt, dass mit dem (Handlungs-)Wissen operiert werden muss, „das wissenschaftliche Aktanten aus früheren Problemlösungen gewonnen haben und in Lehrmeinungen kommunikativ verfügbar halten“ (Schmidt, 1998, S. 152). Theorien können auf diese Art Erfahrungen der Forscher systematisieren und ihren Erfahrungsraum strukturieren, so dass eine kulturelle Einheitlichkeit als Grundlage kommunikativer Intersubjektivität konstituiert werden kann.

Schmidt (1998, S. 153) führt hierzu aus, dass die „Überprüfung wissenschaftlicher Problemlösungen […] nicht im Sinne von Verifikation oder Adäquanzprüfung, also nicht im Sinne von ontologisch gedeutet werden [kann]“. Geprüft werden kann lediglich, „ob der angestrebte Zweck erreicht worden ist und ob das dabei gewonnnene Wissen mit dem bisher bewährten und daher akzeptierten Wissen kompatibel ist. In einer Problemlösungskonzeption wissenschaftlichen Handelns, in der Problemstellung, Theorien und Methoden (geeignet gewählte Mittel für Erkennniszwecke sensu Janich) sowie die Beurteilung von Problemlösungen notwenig und immer an Beobachter und deren komplexe Kognitionsbedingungen gebunden sind, kann es keine letzten methodologischen Kriterien und kein endgültiges fundamentum in re für Prüfoperationen geben.“

Auch Schlosser (1993) betont, dass Konsens das plausibelste (für ihn sogar das einzige) Wahrheitskriterium intersubjektiv geführter Diskurse ist. Hierbei ist hervorzuheben, dass Konsens nicht als willkürlich getroffene Einigung von Individuen betrachtet wird, sondern als Kompatibilität wissenschaftlichen Wissens mit dem in einer Forschergemeinschaft akzeptierten Hintergrundwissen, den Rechtfertigungen und den Maßstäben der Problemkonstitution und -lösung.

Schmidt (1998, S. 172) legt dar, „dass die Produktion von Wissen und Ordnung Wissen und Ordnung voraussetzt“. Somit hält er auch die Kohärenztheorie (s. u.) von Wahrheit für stimmig, „die als Kohärenz die Übereinstimmung von Erkenntnissen miteinander und mit dem Gesamtsystem des Wissens in einem bestimmten Diskurs bestimmt“. Er postuliert also „Wissen auf der Ebene von Wissenschaften als Theorie-wahr bzw. Diskurs-wahr zu konzipieren und zu bewerten.“

Den Kohärenztheorien zufolge gibt es Wahrheit immer nur relativ zu einer Theorie, auf die Bezug genommen wird. „Wahrheit“ bedeutet in dieser Konzeption: Kohärenz im System einer Theorie kennzeichnet eine interne Relation zwischen Sätzen und keine externe Relation zwischen Theorie und Wirklichkeit. Das Kriterium der Wahrheit einer Aussage wird hier bestimmt als Übereinstimmung mit allen anderen Aussagen bzw. – im Sinne H. Putnams – als „rationale Akzeptierbarkeit“ (Schmidt, 1998, S. 165).

Luhmann (1990, S. 397) betrachtet Wissenschaftstheorie als konstruktivistische Reflexionstheorie, die – wie jede andere Wissenschaft auch – lediglich Konstruktion und nicht Entdeckung oder Repräsentation der Welt ist. Wissenschaft ist ihm zufolge das, was die Wissenschaft tut. Da Wissenschaft von Wissenschaftlern betrieben wird, unterscheidet Luhmann interessanterweise drei rivalisierende Rationalitätstypen, denen deren Aktivitäten unterworfen sind:

  1. Systemrationalität, die sozialen Aktionen über systemspezifische Anschließbarkeiten einer spezifischen Bedeutung zuordnet [vgl. „Konsens“ sensu Schlosser, s. o.];
  2. Kommunikationsrationalität, die die Rolle von Kommunikationen in sozialen Prozessen definiert [vgl. „Konsens“ sensu Sozialer Konstuktivismus];
  3. Aktantenrationalität, also die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die Aktanten [= Foscher] aus lebensweltlichen Zusammenhängen in Systemzusammenhänge einbringen bzw. dort ausprägen [vgl. „Sozialisation“].

Schmidt (1998, S. 187 ff.) führt die von Luhmann benannten Rationalitätstypen an, um die von diesem postulierte unwiderlegbare Dominanzsetzung der alles inkludierenden Systemrationalität über die anderen Rationalitätstypen in Frage zu stellen. Ihm zufolge stellt die Systemrationalität einen wichtigen Faktor für „die Regelung der Anschließbarkeit wissenschaftlicher Handlungen im weitesten Sinne über Theorien und Metodologien“ dar, er weist jedoch auf die aus der Kommunikationsrationalität hervorgehende Wirksamkeit sozialer Mechanismen des Zugangs zu wissenschaftlicher Kommunikation, der Prestigepolitik, der Kritikstrategien, der Interessensdurchsetzung usw. hin, die mit der Systemrationalität konfligiert.

So kann festgehalten werden, dass der Systemrationalität sensu Luhmann (1990), die ja im Einklang mit dem von Schlosser (1993) postulierten Verständnis von „Konsens“ steht, in jedem Fall eine höhere Wertigkeit zuzuordnen sei, als der Kommunikationsrationalität, die dem Verständnis von „Konsens“ sensu Sozialer Konstruktivismus nahekommt. Der wissenschaftliche Alltag bzw. der Vorgang der Entstehung von „Wissen“ verläuft zwar nicht konsequent systemrational, sondern eher kommunikationsrational, dies stellt jedoch kein plausibles Argument für die Beurteilung wissenschaftlichen Fortschritts nach Maßstäben der Kommunikationsrationalität bzw. der Konsensbildung nach Mehrheits- und Einflussprinzipien dar. Es kann zwar die Aussage, dass die Methode nach konstruktivischem Verständnis den Gegenstand bestimmt, aufrechterhalten werden, eine Entkräftung von bereits bestehenden Aussagen, wie sie bspw. durch eine Methodenkritik möglich ist, sollte nach dem Verständnis einer Systemrationalität sensu Luhmann dennnoch machbar sein.

Fazit

Fasst man „Konsens“, wie Schlosser (1993), als Kompatibilität wissenschaftlichen Wissens mit dem in einer Forschergemeinschaft akzeptierten Hintergrundwissen, den Rechtfertigungen und den Maßstäben der Problemkonstitution und -lösung auf, betrachtet man Konsens also im Sinne einer Intersubjektivität wissenschaftlichen Handelns sensu Schmidt (1998), dann kann die Systemrationalität sensu Luhmann (1990) als einzig relevanter Rationalitätstyp (von den drei oben aufgeführten) angesehen werden, zumindest wenn es um das Kriterium der Relevanz wissenschaftlicher Forschung geht.

PS: Dieser Text aus dem Jahr 2000 diente zur Darlegung theoretischer Begründungen einer Methodenkritik, die ich bei Prof. Dr. Hans Westmeyer (Freie Universität Berlin) eingereicht – und gerade in einem Stapel Studienunterlagen wiederentdeckt – habe.

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Literaturhinweise

  • Bührke, Th. /(1997). Newtons Apfel. Sternstunden der Physik. München.
  • Hauptmeier, H. & Rusch, G. (1984). Erfahrung und Wissenschaft. Überlegungen zu einer konstruktivistischen Theorie der Erfahrung. LUMIS-Schriften 4., Universität-GH-Siegen.
  • Janich, P. (1992). Die methodische Ordnung von Konstruktionen. Der Radikale Konstruktivismus aus der Sicht des Erlanger Konstruktivismus. In: S. J. Schmidt (Hrsg.). Kognitionen und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus 2. (S. 24-41). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Janich, P. (1995), Die methodische Konstruktion der Wirklichkeit durch die Wissenschaften. In: H. Lenk & H. Poser (Hrsg.). Neue Realitäten – Herausforderungen der Philosophie (XVI. Dt. Kongress f. Philosophie. Berlin, 20.-24. September 1993 (S. 460-475). Berlin: Akademie Verlag.
  • Kriz, J. (1985). Wie empirisch ist die Empirie? In: Spiel 4 (S. 7-40), H. 1.
  • Luhmann, N. (1990). Soziologische Aufklärung 5: Konstruktivistische Perspektiven. Opladen: Westdeutscher Verlag.
  • Maturana, H. R. (1982). Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit – Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg (Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie, Bd. 19, autorisierte deutsche Fassung von W. K. Köck).
  • Nüse, R., Groeben, N., Freitag, B. & Schreier, M. (1991). Über die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus: Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.
  • Rusch, G. (1987). Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte. Von einem konstruktivistischen Standpunkt. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Schlosser, G. (1993). Einheit der Welt und Einheitswissenschaft. Grundlegungen einer Allgemeinen Systemtheorie. Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg (Wissenschaftstheorie, Wissenschaft und Philosophie, Bd. 37).
  • Schmidt, S. J. (1998),. Die Zähmung des Blicks. Frankfurt/M.: Suhrkamp.