Das verlorene Selbst – Lösungsansätze

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Im ersten Teil dieses Artikels Das verlorene Selbst wurde ein Problem beschrieben, das aus einem verminderten Selbstwertgefühl resultieren kann, und unter Zuhilfenahme der PSI-Theorie nach einer Idee gesucht, wie es sich lösen lassen könnte. Zentral erscheint mir hierbei der Begriff des „freien Selbstseins“. Doch wie kann es (kurz gesagt) gelingen, sich die Freiheit zu gestatten, die eigenen Motive anzunehmen, wenn sich das Selbst beharrlich verweigert, sich bzw. die eigenen Bedürfnisse ernst- bzw. überhaupt nur wahrzunehmen?

Sicher ist es hilfreich, sich jener Introjekte, die einem schaden bzw. die dysfunktional sind, bewusst zu werden. Dafür gibt es zahlreiche Methoden, wie bspw. die Selbstverbalisierung, das „Tagebuch negativer Gedanken“ etc. Dennoch erreicht man mit derlei (kognitiv ausgerichteten) Methoden wohl vor allem das explizite Selbstwertgefühl, während sich das implizite davon in vielen Fällen recht wenig beeindrucken lässt. Auch mit Interventionen, die Emotionen fokussieren und einen Dialog zwischen verschiedenen inneren Anteilen initiieren (wie z. B. die Stuhltechnik), kommt man m. E. nicht immer weiter.

Entscheidend für das Selbst scheint es zu sein, in zwischenmenschlichen Beziehungen gespiegelt zu bekommen, dass es liebenswert ist und es deshalb wunderbar ist, gut zu sich zu sein. Das geht prinzipiell auch außerhalb einer Therapie oder eines Coachings, wenn man das Glück hat, einem Menschen zu begegnen, der oder die einem eine positive Beziehungserfahrung ermöglicht. So wird das Selbst gestärkt und es kann sich allmählich von seinen dysfunktionalen Selbstbe- oder -abwertungen lösen. Kurzum: „Love is the key,“ Aber auch die Liebe müsste man zunächst zulassen können, ohne sich vor ihr „wegzuducken“…

Manfred Evertz

Prof. Dr. Julius Kuhl stellte zum Schluss des Artikels Folgendes fest: „Der Vergleich zwischen explizitem und implizitem Freiheitsmotiv ermöglicht Diskrepanzen zu beurteilen zwischen dem Ausmaß an persönlicher Freiheit, das jemand bewusst anstrebt und zulässt, und dem Ausmaß, in dem er „freies Selbstsein“ unbewusst ersehnt. So gibt es z. B. Menschen, die ihr Bedürfnis nach freiem Selbtsein auf bewusster Ebene als niedrig beurteilen, obwohl sie in ihrer spontanen (gar nicht immer bewusst erfahrbaren) Fantasie […] ein starkes Bedürfnis nach freiem Selbstsein haben. Eine solche Diskrepanz kann die Selbstabwertung und den inneren Stress enorm erhöhen und chronifizieren, ohne dass die eigentliche Quelle dieses inneren Stressors bewusst werden muss.“

Da mir klar ist, dass es wahrscheinlich keine „Patentlösung“ geben wird, habe ich die Frage, wie diese Diskrepanz verringert oder sogar aufgelöst werden kann, verschiedenen Psychologen, Coaches sowie Psychotherapeuten mit unterschiedlicher fachlicher Ausrichtung gestellt.

Lösungsansätze im Coaching

Coaching ist keine Psychotherapie. Obwohl es auch der Selbstreflexion und -findung dient, hat es nicht zum Ziel, psychische Erkrankungen zu heilen. Der Schweregrad bzw. die Ausprägung einer Problematik und ihre Auswirkungen auf das gegenwärtige Geschehen (z. B. in Form von Konflikten) sowie auf das Erleben (bspw. ob es einen „Leidensdruck“ gibt) sind Indikatoren dafür, welche Form der Unterstützung in einem speziellen Einzelfall angeraten ist.

An der Herangehensweise von Dr. Bernd Schmid gefällt mir die Konzentration auf die gegenwärtigen (bspw. für ein Arbeitsteam relevanten) Prozesse und Beziehungsmuster. Mit dieser Strategie habe ich bislang gute Erfahrungen gemacht, wenn man ggf. etwas in die Tiefe geht. Da bei einem entsprechenden Problem zu erwarten ist, dass eine Entwicklungsaufgabe irgendwie nicht glücklich oder eine Ergänzungsaufgabe noch nicht gelöst wurde, müsste man hier wohl etwas genauer hinschauen. Ob dies ggf. im Rahmen eines Coachings oder eher in einer Psychotherapie geschehen sollte, lässt sich nur im Einzelfall beurteilen. Den Schlussbemerkungen entnehme ich aber die Sorge, dass man das Problem eventuell verschärft, wenn man sich zu sehr auf die Vergangenheit (bzw. auf die Ursachen) fixiert. Neufindung klingt da schon ganz anders…

Hier finden Sie die Antwort von Dr. Bernd Schmid.

Beschäftigt man sich regelmäßig mit der Frage, wie die eigene Vergangenheit dazu führen konnte, dass man heute so ist, wie man sich sieht, so findet man im Laufe der Zeit sicher ganz unterschiedliche Antworten darauf. Wirklichkeitskonstruktionen sowie die auf ihnen basierenden Einstellungen und Verhaltensmuster folgen eigentlich immer irgendeiner Logik, die in einem bestimmten Bezugsrahmen sinnvoll ist oder war. Ändert sich allerdings der Kontext, was im Laufe eines Lebens gelegentlich geschieht, werden sie manchmal dysfunktional. Dann lohnt es sich, die entsprechenden Gegebenheiten mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten bzw. die eigene Sichtweise zu erweitern, um zu einer spezifischeren bzw. angemesseneren Haltung zu finden. In diesem Zusammenhang bringt Günter G. Bamberger („Lösungsorientierte Beratung“) den Begriff der „Ambiguitätstoleranz“ ins Spiel.

Hier finden Sie die Antwort von Günter G. Bamberger.

Zurück zur PSI-Theorie: Eine Leserin des Artikels „Das verlorene Selbst“, die mit dem Modell von Prof. Dr. Julius Kuhl bestens vertraut ist, machte mich darauf aufmerksam, dass es beim Selbstwachstum darauf ankomme, „auch und gerade die negativen Gefühle an sich heranzulassen, um sie nachhaltig in das Selbst zu integrieren“. Das macht bei der zuvor beschriebenen Problematik m. E. allerdings nur dann Sinn, wenn zunächst auch positive Erfahrungen (also z. B. „dass man sich etwas gönnen bzw. gut zu sich sein darf“) entsprechend gespiegelt wurden, damit die eigenen Motive später überhaupt wahr- und angenommen werden können. Ansonsten gestaltet sich (zumindest meiner Erfahrung zufolge) auch die Arbeit mit Methoden, die der Aktivierung von Ressourcen oder der Formulierung von handlungswirksamen Zielen dienen (wie bspw. das von ihr erwähnte Züricher Ressourcen Modell®), eher schwierig. Den uneingeschränkten Optimismus, mit dem derlei Methoden vermarktet und praktiziert werden, so wirkungsvoll sie im Grunde genommen auch sein mögen, teile ich jedenfalls bei einer so speziellen Problematik nicht. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass sie grundsätzlich dazu beitragen können, die Lebenszufriedenheit eines Menschen (deutlich) zu erhöhen.

Hier finden Sie die Antwort von Cornelia Klioba.

Lösungsansätze in der Therapie

Die Kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den gängigsten Verfahren unserer Zeit. Prof. Dr. Sven Barnow, Autor der Bücher „Therapie wirkt!“ und „Gefühle im Griff“, zeigt einen Weg auf, wie man die verschiedenen Facetten der dargestellten Problematik im Rahmen einer solchen Therapie auflösen kann. Für entscheidend halte ich hierbei der Begriff der „Beharrlichkeit“, die vor allem bei der Hinterfragung individueller Bewertungsmuster erforderlich ist, um sie in funktionale Bahnen lenken zu können. Ganz im Sinne der PSI-Theorie fokussiert er hierbei zugleich auf die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren.

Hier finden Sie die Antwort von Prof. Dr. Sven Barnow.

Über die Autoren:

  • Dr. Bernd Schmid ist Leitfigur des isb-Wiesloch www.isb-w.eu, der Schmid-Stiftung http://schmid-stiftung.org/ und des International Network for Organization Development and Coaching www.inoc-network.org. Essays unter www.blog.bernd-schmid.com. Er ist u.a. Ehrenvorsitzender Präsidium DBVC, Ehrenmitglied der Systemischen Gesellschaft, Preisträger des EATA-Wissenschaftspreises 1986 und des Eric Berne Memorial Award 2007 der Internationalen TA-Gesellschaft, Life Achievement Award 2014 der deutschen Weiterbildungsbranche.
  • Günter G. Bamberger ist Diplom-Psychologe, Coach und Autor des Buches „Lösungsorientierte Beratung“, das m. E. zu den besten seiner Art zählt. Weitere Informationen über ihn und seine Arbeit finden Sie auf der Webseite www.coachwalk.de.
  • Cornelia Klioba ist als Begabungspsychologische Beraterin und Referentin im Bereich der Begabtenförderung tätig. Einzelfallbegleitung und Workshops für Eltern bietet sie ebenso an wie Fortbildungen und Vorträge in Kindergärten und Schulen. Im Einzel-Coaching setzt sie unter anderem die TOP-Diagnostik ein.
  • Prof. Dr. Sven Barnow ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und approbierter Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie). Für seine Forschungsleistungen hat er mehrere Auszeichnungen/Stipendien erhalten, u. a. das Krupp von Bohlen und Halbach Stipendium für herausragende Nachwuchswissenschaftler (Forschung an der UCLA, San Diego), einen Bayer Award für seine Publikation (gemeinsam mit Michael Linden) zu Alterssuizidalität, ein Marsilius Fellowship (im Rahmen der Exzellenzinitiative). Er hat mehrere Berufungen als Sachverständiger (u. a. für BMG, Wissenschaftsrat, AQ) erhalten. Er ist Mitglied der DGPs, der DPHs und weiterer Organisationen und Beiräte wiss. Zeitschriften.

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Das verlorene Selbst

Können Sie sich vorstellen, ein Leben zu führen, ohne dabei persönliche Ziele zu verfolgen? Hat nicht jeder von uns irgendwelche Wünsche oder Sehnsüchte?

Manche Menschen scheitern ausgerechnet dann an der Selbstregulation ihrer negativen Emotionen, wenn sie in die Zukunft schauen bzw. langfristige Ziele verfolgen möchten. Einige greifen dann auf Bewertungsmuster zu, die ihnen Sinn- oder Hoffnungslosigkeit vermitteln und sie handlungsunfähig machen. „Das schaffst DU ohnehin nicht!“ „Das ist (zumindest für Dich) unrealistisch!“ Die Folge ist nicht selten eine getrübte Stimmung. Anderen hingegen scheint es unmöglich zu sein, derartige (persönliche) Ziele überhaupt zu formulieren.

Manfred Evertz - Selbst 1

Manfred Evertz

Der PSI-Theorie (Prof. Dr. Julius Kuhl) zufolge soll es für eine funktionale Verhaltenssteuerung sinnvoll sein, eventuelle Schwierigkeiten, die bei der Umsetzung von Plänen oder Vorhaben auftreten könnten, bereits im Vorfeld zu erkennen und entsprechende Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Ermöglicht wird dies durch ein Aushalten negativer Emotionen verbunden mit der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf Inkongruenzen (z. B. auf potenzielle Fehler oder Fehlentwicklungen) zu richten (Objekterkennungssystem).

In diesem Zusammenhang können Selbstwertproblematiken eine tragische Rolle spielen. Innere Kritiker oder Richter, also jene Introjekte, die dazu führen können, dass Menschen sich selbst (negativ) bewerten („Ich bin wertlos!“) oder übermäßig kritisieren („Ich habe total versagt!“), gehen nicht selten mit „Denkfehlern“ (Übergeneralisierungen, willkürlichen Schlussfolgerungen etc.) einher, die zwar hartnäckig sein können, sich aber korrigieren lassen. Schwieriger wird es, wenn es darum geht, persönliche Ziele zu formulieren, weil das implizite Selbstwertgefühl vielleicht so konstituiert ist, dass das Selbst diese nicht für sich annehmen kann.

Habe ich als Kind die Erfahrung machen müssen, dass meine Bedürfnisse (bspw. im Rahmen meiner Autonomiebestrebungen) nicht hinreichend beachtet werden, sie im Grunde genommen also „wertlos“ sind , kann das dazu führen, dass ich mir eigene Bedürfnisse und Ziele auch als Erwachsender kaum zugestehe. Kurzum: Wie sollte ich mir selbst später Freude oder Lust gönnen können, wenn mir die Erfahrung, dass das okay ist, (weitgehend) verwehrt geblieben ist? Setze ich mir nun persönliche Ziele, bin ich entweder zu egoistisch (woraus ein schlechtes Gewissen folgen kann) oder ich riskiere, nicht mehr liebenswert (also ein „schlechter Mensch“) zu sein. Im Sinne der PSI-Theorie würde das wohl bedeuten, dass sich die Aufmerksamkeit über das System der Objekterkennung (das Objekt wäre ich in diesem Fall selbst) vor allem auf Inkongruenzen richtet („Ich habe es nicht verdient, Spaß am Leben zu haben, weil …“), was dann eben leicht mit Selbstabwertungen und entsprechend negativen Empfindungen (Niedergeschlagenheit bzw. getrübter Stimmung) korrespondiert.

Nach Kuhl führt eine dauerhafte Erhöhung von negativem Affekt zu erschwertem Selbstzugang, der wiederum die Selbstentwicklung behindert. Nicht selten führt die zugrundeliegende Selbstabwertung zusätzlich zu einer Dämpfung der positiven Emotionen. Besonders betroffen ist dann die dem Selbst am nächsten liegende Freude, die Freude einfach da zu sein, den Augenblick zu genießen, sich immer mal wieder die Freiheit zu nehmen, eigene Bedürfnissen oder Zielen Raum zu geben. Dann ist auch die Motivation gedämpft, die erforderlich wäre, um Handlungen zu initiieren, diese persönliche Ziele, die vor einem solchen Hintergrund formuliert wurden, zu erreichen. Entsprechend zielgerichtete Verhaltensweisen werden dann mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit in die Tat umgesetzt. Und sollte es doch dazu kommen bzw. ein wünschenswertes Ziel erreicht werden, löst das wohl eher Selbsttadel anstatt Freude aus.

Manfred Evertz - Selbst 2

Manfred Evertz

Während sich das explizite Selbstwertgefühl durch Bewusstmachung eigener Ressourcen, Fähigkeiten oder Erfolge positiv beeinflussen lässt, erreicht man das implizite Selbstwertgefühl mit derlei Argumenten kaum, da es die Selbstbewertung automatisiert und auf Grundlage generalisierter (weitgehend unbewusster) Erfahrungsmuster aus der Kindheit vornimmt. Meiner Ansicht nach scheinen die Einschärfungen und inneren Antreiber (wie sie in der Transaktionsanalyse genannt werden) für das implizite Selbstwertgefühl eine entscheidende Rolle zu spielen. Beispiele hierfür sind „sei nicht“, „sei nicht Du“, „fühle nicht“, „sei nicht wichtig“ oder „sei nicht erfolgreich“.

Um sich für persönliche Ziele hinreichend motivieren zu können, müsste man sich also zunächst die Erlaubnis geben, diese auch erreichen zu dürfen. Ich muss mir also Freude, Glück oder Lust erlauben können. Dazu bedarf es m. E. auch einer emotionalen Zweitreaktion (im Sinne einer Volitions-Komponente), sollte die Erstreaktion negativ ausfallen.

Manfred Evertz - Selbst 3

Manfred Evertz

Doch wie nennt man die Fähigkeit, die es hier zu entwickeln gilt? Begriffe wie „Selbstfürsorge“ oder „gesunder Egoismus“ sind mir zu ungenau. Es geht schließlich nicht um die ich-bezogene Handlung selbst, sondern vielmehr um die Güte, die man für sich aufbringt, also um eine wohlwollende Haltung, die man sich selbst gegenüber einnimmt: „Ich darf mir etwas gönnen!“ Verbiete ich mir das hingegen standhaft, werde ich kaum die erforderliche Motivation aufbringen, derlei Ziele überhaupt zu finden ODER (sollten mir doch welche in den Sinn kommen) sie zu realisieren ODER ich werde mich (falls es mir doch einmal gelingt) nicht daran erfreuen können (sondern mich tadeln). Ich bin ja schließlich nicht wichtig – bzw. meine Bedürfnisse sind es nicht. Warum sollte ich mir also etwas gönnen? Warum sollte es mir gut gehen?

Wie nennt man es, wenn man sich selbst etwas gönnt und somit gütig bzw. wohlwollend mit sich umgeht? „Selbstgüte“? Da ich unter den 40 Volitionskomponenten des Selbststeuerungsinventars SSI-L (VCQ-4), die im Zusammenhang mit der PSI-Theorie erwähnt werden, kein passendes Konstrukt finden konnte, habe ich diese Frage an Prof. Dr. Kuhl gerichtet und folgende Antwort erhalten:

„Lieber Herr Müller,

Sie sprechen in der Tat eine wichtige Frage an. Sie hat im Grunde viel tiefere Wurzeln als die Selbstregulation. Wie Sie richtig sagen, muss man die Wurzeln im Unbewussten suchen und aus PSI-Sicht haben sie viel mit der Bedürfnis- und Motiv-Ebene zu tun. Und an dieser Stelle haben wir eben auch eine Lücke entdeckt: In der Motivationspsychologie ist dieses Bedürfnis lange Zeit vernachlässigt worden. Aber wie sollte man es nennen? „Selbstwert“ ist ja mehr ein äußeres Symptom, wenn dieses Bedürfnis verletzt ist. Eigentlich erwähnen Sie in Ihrer Anfrage den Namen des Bedürfnisses schon: Autonomie. Da wir alle Begriffe in der PSI-Theorie funktionsanalytisch präzisieren wollen, haben wir hier weiter gebohrt und fragen, wie lassen sich die unbewussten Wurzeln des Bedürfnisses nach Autonomie benennen, dessen bewusste Anteile heute z.B. in der Theorie der Selbstbestimmung (Deci & Ryan) untersucht werden? Als erste Annäherung können wir sagen: „Freiheit“ im Sinne von „freiem Selbstsein“ dazu. Sie können hier an die humanistischen Ansätze denken (Maslow, Rogers, auch Berne – und heute zudem die erwähnte Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan). Die meisten dieser Ansätze neigen aber dazu das Unbewusste herauszuhalten (wohl weil es seit hundert Jahren schon mit primitiven, der Selbstbestimmung entzogenen Prozessen gleichgesetzt wird).

Das Extensionsgedächtnis und seine persönlich relevanten Anteile (das Selbst wie auch die dazu gehörigen unbewussten Motive) machen das aus, was man das „intelligente Unbewusste“ nennen könnte: ein riesiges parallel arbeitendes Erfahrungsnetzwerk, das uns eine enorme Vielfalt an Möglichkeiten bereitstellt, unsere Bedürfnisse in der jeweils angetroffenen Situationen in angemessener Weise zu berücksichtigen. Der Motivbegriff beschreibt ja mehr als ein Bedürfnis. Mit dem Begriff „Motiv“ ist die Verbindung zwischen einem Bedürfnis und dem weitgehend unbewussten Erfahrungswissen über kontextangemessene Formen der Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses gemeint. In diesem Sinne gehört auch zum Bedürfnis nach freier Selbstentfaltung ein Motiv, das wir kurz auch das Freiheitsmotiv nennen.

Wir haben entsprechend das Freiheitsmotiv in den OMT aufgenommen, der ja in seiner ursprünglichen Fassung die klassischen Basismotive (Beziehung, Leistung, Macht) nicht nur hinsichtlich der individuellen Bedürfnisstärke, sondern auch in Bezug auf verschiedene Formen der Befriedigung des jeweiligen Bedürfnisses (z. B. mit oder ohne Berücksichtigung des großen Erfahrungsnetzwerks des Selbst) misst. Die Kodierung des Freiheitsmotivs soll demzufolge verschiedene Varianten dieses Motivs erfassen. Bei der ersten Umsetzungsform oder -ebene (die bei der Leistung „Flow“ heißt) geht es beim Freiheitsmotiv um „genießen“ und „gut zu sich sein“: Momente zulassen, in denen man sich dem Fluß dessen, was man gerade genießen kann, hinzugeben vermag. Die anderen Ebenen sind aber auch interessant (bis hin zur künstlichen Selbsterhöhung durch Abwertung anderer oder zur expliziten Selbstabwertung). Und das Ganze wird dann noch ergänzt um die Messung des expliziten Freiheitsmotivs (Erweiterung des Motiv-Umsetzungs-Fragebogens um die entsprechenden 5 expliziten Formen der Umsetzung des Bedürfnisses nach freiem Selbstsein, einschließlich Selbstwert). Der Vergleich zwischen explizitem und implizitem Freiheitsmotiv ermöglicht Diskrepanzen zu beurteilen zwischen dem Ausmaß an persönlicher Freiheit, das jemand bewusst anstrebt und zulässt, und dem Ausmaß, in dem er „freies Selbstsein“ unbewusst ersehnt. So gibt es z. B. Menschen, die ihr Bedürfnis nach freiem Selbtsein auf bewusster Ebene als niedrig beurteilen, obwohl sie in ihrer spontanen (gar nicht immer bewusst erfahrbaren) Fantasie, wie sie im OMT angeregt wird, ein starkes Bedürfnis nach freiem Selbstsein haben. Eine solche Diskrepanz kann die Selbstabwertung und den inneren Stress enorm erhöhen und chronifizieren, ohne dass die eigentliche Quelle dieses inneren Stressors bewusst werden muss.

Herzliche Grüße
Julius Kuhl“

Julius Kuhl

www.psi-theorie.com

Gedanken über mögliche Interventionen, die dem Selbst dabei helfen können, die eigenen Motive anzunehmen, finden Sie im zweiten Teil des Artikels Das verlorene Selbst – Lösungsansätze.

Lösungsansätze im Coaching:

Lösungsansätze in der Therapie:

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Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen!

Die Gestalttherapie gehört zu den klassischen humanistischen Therapieverfahren. Was das Besondere daran ist, weiß aber wohl kaum jemand so genau. Erschwert wird das Verständnis zudem durch die (scheinbare) Komplexität des theoretischen Gerüsts, das dem Konzept zugrunde liegt. Lesen Sie doch bspw. mal nach, was bei Wikipedia geschrieben steht…

Was habe ich damit zu tun?

Persönlich kam ich zuerst in einer Psychosomatischen Klinik mit der Gestalttherapie in Berührung, in der mit einer überschaubaren Gruppe von Patienten gearbeitet wurde. Der Ablauf, der stets gleich zu sein schien, gefiel mir allerdings nicht: Zunächst wurde ein Thema vorgegeben, dann ein Bild dazu gemalt und anschließend darüber gesprochen. Damals waren einige meiner mich selbst einschränkenden Glaubenssätze (z.B. „Ich kann nicht malen!“) noch sehr viel gefestigter, als sie es heute sind. Das war wahrscheinlich einer der Hauptgründe dafür, warum ich mich eine ganze Weile nicht vertiefend damit beschäftigen wollte. Irgendwann tat ich es aber doch und entdeckte eine äußerst wirksame Methode, die meinem heutigen Verständnis zufolge eigentlich in erster Linie eine therapeutische Haltung beschreibt, in der u. a. dem gerade wieder so modern gewordenen Konzept der Achtsamkeit eine hohe Bedeutung beigemessen wird („Awareness“).

Als Diplom-Psychologe befasse ich mich beruflich zwar seit vielen Jahren mit psychotherapeutischen Methoden, war allerdings nie als Therapeut tätig. Viele Jahre aber hatte ich die Aufgabe, Menschen mit einer psychischen Erkrankung und/oder einer entsprechenden Schwerbehinderung auch bei der Lösung ihrer persönlichen Probleme bei der Rückkehr ins Berufsleben zu unterstützen. Das hat mich nicht nur ständig vor neue Herausforderungen gestellt, sondern auch mein Menschenbild verändert. Seither betrachte ich mich jedenfalls als humanistischer Psychologe. Dazu gehört der feste Glaube an das nahezu unerschöpfliche Entwicklungspotenzial eines jeden Individuums, und noch wesentlich mehr. Auch meine etwas distanzierte Haltung zum ICD-10 lässt sich hierdurch vielleicht etwas besser verstehen.

Manfred Evertz

„Sei Du selbst und werde, der Du bist.“

Fritz Perls schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“

Die Gestalttherapie kann helfen zu verstehen, in welcher Weise wir uns behindern und was wir uns selbst antun. Wenn wir wieder in Kontakt mit uns selbst und mit der Welt sind, dann fällt diese schwere Last von uns ab und wir wachsen ein Stück weit über uns hinaus, fast wie von selbst.

War es Ihnen aus irgendeinem Grund also bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder haben Sie die Befürchtung, es sei egoistisch, zu belastend oder beängstigend, sich mit gewissen Gefühlen zu befassen? Dann könnte es sein, dass Sie schmerzvolle Empfindungen vom eigenen Erleben abgespalten haben, um sich selbst zu schützen. Vielleicht wurden die dahinterliegenden Bedürfnisse auf diese Weise aber auch vernachlässigt? Durch eine Fokussierung kann dieser Kontakt aber wieder hergestellt werden. Was und wie das dann geschieht, obliegt allerdings den Betroffenen selbst. Deshalb werden gestalttherapeutische Interventionen auch als „Experimente“ bezeichnet. Obwohl die Selbstverantwortung der Klienten im Vordergrund steht, ist es erforderlich, deren Belastungsgrenzen zu erkennen und ggf. stützend oder schützend einzugreifen.

Wie weit sollte man also gehen?

Selbstverständlich kann ein Coach seine Klienten einfach mal so darum bitten, bspw. die Ursprungsfamilie aufzuzeichnen, um anschließend darüber zu sprechen. Vielleicht würde auf diese Weise aber ein (zu) großes Fass aufgemacht werden? Ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben, halte ich das jedenfalls für keine gute Idee. M. E. macht es Sinn, den angestrebten Entwicklungsschritt bereits mittels einer geschickten Auswahl der Aufgabenstellung zu fokussieren. Um das tun zu können, ist es erforderlich, ein Problem bzw. einen (inneren) Konflikt zunächst einigermaßen verstanden und daraus ein Anliegen formuliert zu haben. Das Wohl der Klienten steht hierbei selbstverständlich an erster Stelle!

Emotionen spielen eigentlich immer eine zentrale Rolle. Selbst bei einer lösungsorientierten Vorgehensweise sind sie die stetigen Begleiter von Gedanken. Von daher betrachte ich gestalttherapeutische Interventionen als ein nützliches Mittel, um mehr Tiefe in Gespräche zu bringen und somit nachhaltige Entwicklungen zu begünstigen. Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen. Das ist (m)eine Definition der Gestalttherapie.

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Wenn Helfer sich plötzlich abwenden …

Manfred Evertz

Kennen Sie Menschen, mit denen Sie über alles sprechen können, die Ihnen zuhören, dabei interessiert nachfragen und Sie nicht für das verurteilen, was Sie tun oder sagen? In einer Psychotherapie sollte es eigentlich genau so sein. Entscheidend für den Aufbau einer funktionierenden Arbeitsbeziehung sei es, dass Therapeuten ihren Patienten wertschätzend, empathisch und zugleich kongruent begegnen, weiß man spätestens seit Carl Rogers. Auf diese Weise erleichtern sie es diesen, Vertrauen zu fassen und konstruktiv an der Entwicklung ihrer Persönlichkeit bzw. an der Lösung ihrer Probleme zu arbeiten.

Bereits Frederick Kanfer, Professor für Psychologie an der University of Illinois und ein Pionier der Verhaltenstherapie, betonte die Bedeutung der therapeutischen Allianz. Seither ist es nahezu unbestritten, dass die funktionierende Zusammenarbeit von Patient und Therapeut einen wesentlichen Einfluss auf die Wirksamkeit einer Psychotherapie hat.

Edward S. Bordin, Professor für Psychologie und Pädagogische Psychologie an der University of Michigan, postulierte 1979 drei zentrale Bestandteile, die eine therapeutische Allianz ausmachen:

  1. die Entwicklung einer emotionalen Bindung (Bond)
  2. die Übereinstimmung bezüglich der Therapieziele (Goals) und
  3. die Übereinstimmung, was die therapeutischen Aufgaben betrifft (Tasks).

Unter „emotionaler Bindung“ verstand er, dass die gemeinsame Arbeit auf Vertrauen und gegenseitiger Verpflichtung basiert. Zudem sei es zentral, eine Übereinstimmung bezüglich der anzustrebenden Therapieziele zu finden, die angewandten Interventionen oder Techniken abzustimmen und die Rahmenbedingungen sowie die Regeln der Therapie zu vereinbaren.

Besonders wichtig wird die „emotionale Bindung“ vor allem dann, wenn es um die Behandlung psychischer Störungen geht, deren Ursprung in der mangelnden Einfühlung bzw. in einer unangemessenen Zuwendung der Eltern oder wichtiger Bezugspersonen liegt. Beim Reparenting bspw. soll seitens des Therapeuten die schädigende Wirkung verinnerlichter elterlicher Bilder oder Repräsentanzen mittels einer korrektiven Atmosphäre zwischenmenschlichen Kontaktes verändert und jene Beziehungsqualitäten zur Verfügung gestellt werden, die zur Ausbildung einer starken Persönlichkeitsstruktur notwendig gewesen wären. Hierbei müssen allerdings sämtliche Formen der Zuwendung in Worten, Blicken oder Berührungen innerhalb des therapeutischen Rahmens liegen und dürfen keinerlei missbräuchlichen Charakter annehmen. Das Wahren einer professionellen Distanz ist also unabdingbar.

Auf der Webseite der Bundespsychotherapeutenkammer (BptK) findet sich hierzu ein passendes Zitat ihres Präsidenten Prof. Dr. Rainer Richter: „Die Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut ist durch eine besondere emotionale Intensität und Offenheit gekennzeichnet. Der Erfolg einer Psychotherapie hängt entscheidend vom Vertrauen in diese Beziehung ab.“

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So weit, so gut. Nun mag es allerdings Menschen geben, die Derartiges nicht gewohnt sind und deshalb besonders empfindsam darauf reagieren. Die empathische Zuwendung, die nahezu unerlässlich ist, kann irritieren oder verunsichern. Beim Bewirken einer Gefühlsaktualisierung bzw. Regression können aber auch emotionale Reaktions- und Verhaltensmuster abgerufen werden, die mit einer bedauerlich unzulänglichen Impulskontrolle einhergehen. Nicht selten wird die therapeutische Beziehung mit entsprechend „pathologischer Energie“ vereinnahmt bzw. werden Therapeuten zu Erfüllungsgehilfen frühkindlicher Bedürfnisse auserkoren. Solange diese damit professionell umgehen, ist das zwar kein Problem, leider aber scheint dies nicht immer möglich zu sein. Das oben erwähnte Vertrauen kann demnach auch deshalb schwinden, weil Therapeuten eben keine Roboter sind.

Da macht jemand nur einen Job.“

Im Verlauf einer Psychotherapie entsteht also eine Quasi-Beziehung zu einem Menschen, der sich als Privatperson kaum zu erkennen geben bzw. sich seiner beruflichen Rolle stets bewusst bleiben sollte. Es stellt sich dann leicht die Frage, ob die damit einhergehende Zuwendung nur ein Mittel zum Zweck ist („erfolgreiche Behandlung“) oder ob man sich als Patient wirklich wertgeschätzt und angenommen fühlen darf? Wie sehr darf man sich auf eine derartige Begegnung freuen? Wie stark dürfen die Gefühle werden, die man seinem Therapeuten oder seiner Therapeutin entgegenbringt?

Manfred Evertz

Selbstzweifel, Gefühle von Scham oder Schuld (bspw. bei möglichen Grenzüberschreitungen) sowie inadäquate Reaktionsmuster von Patienten, können im therapeutischen Rahmen beleuchtet und zielgerichtet aufgearbeitet werden. Das erfordert allerdings eine professionelle Handhabung, vor allem denn, wenn es aufgrund der Intensität der oben genannten Emotionen zu Störungen auf der Beziehungsebene kommt. Übermäßig zum Ausdruck gebrachte Idealisierung bzw. Verehrung, regressive Verhaltensmuster, ebenso wie das Gefühl, einer Gegenübertragung oder projektiven Identifikation ausgeliefert zu sein, können beängstigend sein. Verunsicherung entsteht dann von Zeit zu Zeit nicht nur hinsichtlich der psychischen Stabilität der Patienten. Kommen Therapeuten deshalb zu der Einschätzung, einen therapeutischen Prozess nicht mehr hinreichend steuern zu können bzw. als Person zu stark von einem Patienten vereinnahmt zu werden, führen entsprechende Eingeständnisse fachlicher oder persönlicher Grenzen in der Regel zu einer vorzeitigen Beendigung bzw. zum Abbruch der Therapie. Obwohl das vollkommen legitim und zu befürworten ist, können die Folgen für die Hilfesuchenden fatal sein: Jetzt haben sie endlich einmal Vertrauen aufgebaut, und schon wieder werden sie enttäuscht. Noch schlimmer ist es, sollten Therapeuten zu vergleichbaren Übergriffen neigen.

Derlei Erfahrungen erschweren den ohnehin schon beschwerlichen Weg abermals. Wie viel Kraft muss jetzt aufgebracht werden, um sich erneut auf eine vergleichbare Beziehung einlassen zu können? Der Angst davor, erneut zurückgewiesen zu werden, folgt nicht selten eine emotionale Verhärtung, die zwar eigentlich nur dem eigenen Schutz dient, aber unangenehme Begleiterscheinungen mit sich bringt. Mit der nun spürbar werdenden Einsamkeit, Trauer bzw. mit dem Gefühl, abermals verlassen worden zu sein, müssen die Patienten daraufhin allein zurechtkommen. Die Konsequenz davon kann Verbitterung oder sogar ein finaler Rückzug mit dem Fazit sein: „Mir kann ohnehin nicht geholfen werden.“

Archaische Verstrickungen?

Nicht nur in einer Psychotherapie, sondern eigentlich überall dort, wo Menschen sich um die Sorgen anderer Menschen kümmern, entsteht eine besondere Form der Nähe und – wird diese eine gewisse Weile ausgehalten – eine zwischenmenschliche Beziehung, die sich für die Beteiligten jeweils anders darstellt. Selbst wenn der Rahmen professionell abgeklärt ist und sich zudem um Transparenz bemüht wird, kann sich die ein oder andere Perspektive manchmal sehr verengen und eben auch Unbeholfenheit zur Folge haben.

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Zum Glück aber ist jede Beziehung anders. Da auch Therapeuten nur Menschen sind, verhalten sie sich eben auch wie solche, und zwar jeder anders. Das gilt gleichermaßen für die Patienten. Wie sich eine Bindung im therapeutischen Rahmen gestaltet, ist also auch in Anbetracht aller gängigen Lehrmeinungen stets ganz individuell. Ebenso ist es mit dem Abschied. Zu wünschen ist es folglich, dass beide Seiten dies stets bedenken, Therapeuten also achtsam und aufrichtig mit ihren Grenzen umgehen sowie mit dem, was ihnen begegnet, und Hilfesuchende sich niemals ihre Zuversicht nehmen lassen.

Zitat aus „Siddhartha“ von Hermann Hesse: „Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter.“

PS: Auf der Seite aerzteblatt.de finden Sie einen Artikel mit dem Titel „Patientenbeschwerden in der Psychotherapie: Sie werden ernst genommen“, der im März 2013 erschienen ist. Erläutert wird hierin das strukturierte Beschwerdemanagement am Beispiel der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen.

Literaturhinweis:

  • Bordin, Edward S. (1979). The generalizability of the psychoanalytic concept of the working alliance. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 16, 252–260.

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Beziehungsfähigkeit und Menschwerdung – Interview mit Prof. Dr. Josef Aldenhoff

Prof. Dr. Josef Aldenhoff

Prof. Dr. Josef Aldenhoff war viele Jahre Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Heute ist er vorrangig als Psychotherapeut, Coach, Berater und Autor tätig.

In „Bin ich psycho … oder geht das von alleine weg?“ klärte er in einer leicht verständlichen Sprache über die grundlegenden Reaktionsformen unserer Seele auf und ging der Frage nach, ob das, was man empfindet, denkt und wahrnimmt normal, noch normal oder bereits pathologisch ist, und wie man damit umgehen kann? Dabei orientierte er sich an jenen Empfindungen und Wahrnehmungen, mit denen die betroffenen Menschen sich konfrontiert und oftmals allein gelassen fühlen. In seinem neuen Buch mit dem Titel „Ich und Du – warum?“ geht es um Beziehungen, was sie schwierig macht bzw. wie sie gelingen können.

Sie haben nach Ihrem Studium der Humanmedizin eine Weiterbildung zum Nervenarzt am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und am Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren absolviert. Was hat Sie damals dazu motiviert?

„Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie arbeitete ich seit 1974 in verschiedenen Arbeitsgruppen, die – lange vor der decade oft he brain – von dem fasziniert waren, was man mit den neuen Methoden über das Gehirn herausfinden konnte: Bewusstseinsforschung in der Neurologie, wie entstehen Depressionen, neue Ansätze zu Essstörungen in der Psychiatrie und vor allem: die Untersuchung einzelner Nervenzellen in der experimentellen Neurophysiologie. Wir haben an Schneckenneuronen angefangen, wie übrigens auch der 2000 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Eric Kandel und sind zu Untersuchungen am Hippokampus-Schnittpräparat übergegangen. Es ist auch heute noch absolut faszinierend, was eine einzelne Nervenzelle alles kann, von der Informationsaufnahme zur Integration ganz unterschiedlicher Funktionszustände!

Parallel zu diesen neuen Forschungsansätzen begann man damals auch die Praxis der Psychiatrie zu verändern. Die „Psychiatrie-Enquete über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“ wurde 1975 unter anderem von meinem späteren Lehrer Heinz Häfner veröffentlicht und hat in den nächsten 20 Jahren zu einer grundlegenden Verbesserung der psychiatrischen Versorgung geführt. Mich persönlich hat mich interessiert, wie sich dieser Veränderungsprozess in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus auswirkte, in dem der damalige charismatische Chef, Michael von Cranach, ganz neue, liberalere Strukturen in die Psychiatrie einführte.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Buch „Bin ich psycho … oder geht das von alleine weg?“ zu schreiben?

„Ich war im Ruhestand angekommen und entdeckte, dass ich in meiner persönlichen „Kernzeit“ meiner Kreativität, zwischen 6:00 und 11:00 nichts zu tun hatte. Irgendwann fand ich mich schreibend wieder und erklärte einem fingierten Gegenüber die Psychiatrie.

Ich hatte nie verstanden, warum die Menschen, Patienten und andere, sich ausgerechnet ihrer eigenen Seele gegenüber so ignorant anstellten. Ein Grund war vielleicht, dass Psychiatrie und Psychotherapie mit zugegebenermaßen sehr komplexen Erklärungsmodellen arbeiten. Und deswegen habe ich mich bemüht, verständlich zu schreiben. Das war gar nicht so einfach! Ich hatte meine Texte zum Gegenlesen einer früheren Studienkollegin geschickt, einer Dermatologin, die also in einem ganz anderen Fach tätig ist. Wenn ich der Meinung war, dass ich schwierige Zusammenhänge sehr klar erklärt hätte, kam ziemlich oft der Kommentar: „Das versteht kein Mensch! Kannst Du das nicht anders formulieren?“ Nur wenn Sie wenigstens ungefähr verstehen, wie Ihre Seele normaler Weise und vor allem in ihren Störungen „funktioniert“, können Sie sich selbstbestimmt verhalten. Das ist für mich das Wichtigste in dieser Welt der hoch vernetzten Abhängigkeiten: selber mitreden zu können, was mit mir im Falle von Krankheit und Bedürftigkeit passiert.“

Welche Resonanz gab es im Zusammenhang mit dieser Veröffentlichung?

„Die Resonanz war durchwegs positiv. Das fand ich schon irgendwie überraschend, bei einem Buch von einem Psychiater. Viele Betroffene sagten oder schrieben, dass sie froh seien, endlich zu verstehen, was mit Ihnen los sei. Und wenn ich dann sagte, diese Zusammenhänge müssten sie doch von ihrem Psychiater längst erklärt bekommen haben, dann kam oft die Antwort, auf die Wartezeiten hätten sie nicht warten können, weswegen sie von ihrem Hausarzt behandelt worden seien. Insgesamt haben die Ärzte in unserem high-speed Gesundheitssystem wohl wenig Zeit zum Reden.“

Welches Erlebnis hat Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit als Psychotherapeut und Psychiater am stärksten beeindruckt?

„Wie viel sich mit Sprechen, mit Gesprächen bewirken lässt, – wenn man im rechten Moment das Richtige sagt und der Andere auch zuhören kann. Und was es bringt, wenn ein Mensch mit einer seelischen Störung eben diese Störung zu verstehen lernt. Deswegen ist Psychoedukation so ein wirksames Konzept. „Bin ich psycho?“ ist irgendwie auch ein Psychoedukations-Buch.“

Gibt es auch eine Erfahrung (oder mehrere), die Sie sich lieber erspart hätten?

„Oh ja. Die Medizin und auch gerade die Psychiatrie haben sich enorm entwickelt. Wir könnten heute vieles für das Wohlergehen der Einzelnen tun, wovon wir vor 30 Jahren nur geträumt haben. Aber das wird nicht oder nur ganz selten umgesetzt. Wir erleben heute, wie das Diktat des Geldes die Medizin kaputt macht. Das gilt besonders für die sogenannte „sprechende Medizin“ zu der auch die Psychiatrie gehört.

Im ambulanten Bereich führt das gültige Abrechnungssystem dazu, dass Menschen, die richtig in Not sind, kaum die Chance bekommen, mit einem erfahrenen Therapeuten zu sprechen, dass sie Wochen und Monate warten müssen und das bei Problemen, bei denen Sie und ich keinen Tag warten wollen. Und im Bereich der stationären Medizin gibt es das immer mehr um sich greifende Prinzip, dass große Krankenhäuser an börsennotierte Unternehmen verkauft werden. Und die tun eben, was ein börsennotiertes Unternehmen tun muss: sie ziehen das Geld raus. Die medizinische Qualität ist danach. In einer norddeutschen Großstadt hat dieses Prinzip ein Ausmaß erreicht, dass Sie froh sein können, wenn Sie sich nicht stationär behandeln lassen müssen.

Wir machen heute nicht die gute Medizin, die wir nach dem Stand der Forschung machen könnten, sondern das, was uns die Finanzverwalter noch erlauben, sprich, das was übrig bleibt, wenn genügend Geld verdient wurde.“

Gibt es eine psychische Erkrankung, die Sie fachlich oder persönlich besonders interessiert?

„Am meisten habe ich mit Depressionen und Angststörungen zu tun, aber es ist schon das ganze Spektrum, auch die bipolaren oder schizophrenen Störungen, was mich interessiert. Und natürlich die Traumatisierungsfolgen, Störungen die in unserer Gesellschaft so häufig geworden sind, obwohl sie vermeidbar wären. Am meisten fasziniert mich, wie stark sich die Individualität auswirkt, jede/r ist anders. Das fängt bei Resilienz und Umgangsstilen an und hört bei den Medikamentenwirkungen auf. Ich staune immer wieder.“

Sie sind auch als Paartherapeut tätig. Was motiviert Sie, sich ausgerechnet mit diesem Themenkomplex zu befassen?

„Wir sind soziale Wesen. Aber unsere ererbten Verhaltensmuster sind in einer Zeit entstanden, in der es schon gewaltig lange war, wenn ein Paar fünf oder gar 10 Jahre zusammenleben konnte. Wenn wir heute lange Beziehungen realisieren wollen, müssen wir uns anstrengen, all unsere Intuition und unsere Stresstoleranz und unseren Erfindungsreichtum aktivieren, damit wir eine Chance haben. Gute Beziehungen sind eine Herausforderung, nichts worauf wir einen Anspruch haben.

Und es ist sehr dankbar, mit Paaren zu arbeiten, weil oft schon geringe Veränderungen im Umgang miteinander etwas Nachhaltiges bewirken können.

Leider zahlen die Kassen Paartherapie nicht, obwohl es viele Befunde gibt, dass gute Beziehungen die Gesundheit verbessern, schlechte die Empfindlichkeit auch für körperliche Krankheiten verstärken.“

Ihr neues Buch trägt den Titel „Ich und Du – warum?“ Wie sind Sie auf diesen Namen gekommen?

„Ich will deutlich machen, dass Zweisamkeit, gute Zweisamkeit etwas Kostbares ist. Dass Sie sich lieber fragen sollten, warum Sie diese Beziehung leben wollen, als dass Sie einfach vor sich hin wurschteln. Übrigens auch, ob Sie wirklich Kinder bekommen wollen, als einfach in die Produktion einzusteigen.“

Worum geht es in diesem Buch?

„Ist das nicht eine ziemlich umfassende Frage? Aber, okay: ich zeige zum Beispiel, wie eng Beziehungsfähigkeit und Menschwerdung zusammenhängen. Das gilt für die Entwicklung der Menschheit, die so wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre, wenn beim Menschen nicht schon die Babys herausfinden könnten, wer für sie gut und wer für sie schlecht ist. Dadurch bekamen die Mütter die Möglichkeit, ihre Babys in die Obhut anderer zu geben, Großmütter, ältere Frauen aus dem Stamm, und sich nun an der Jagd, an der Nahrungssuche zu beteiligen, oder das nächste Kind zu bekommen. Das ist eine Besonderheit der Menschen, die uns nächsten Menschenaffen scheinen das nicht zu können.

Es gilt aber auch für jeden einzelnen Menschen, für jedes Individuum. Nur wenn wir als Kinder die adäquate Zuwendung bekommen, um eine gute Bindungsstruktur zu entwickeln, können wir später befriedigende Beziehungen leben, befriedigend für uns und die anderen.

Die wichtigste Aussage ist vielleicht, dass Beziehungen nicht selbstverständlich sind, obwohl der erste Kontakt fast automatisch passiert. Ich rege die Leser an, zu überlegen, wie sie es mit der Liebe halten wollen, mit dem Sex, mit den unvermeidlichen Krisen, aus denen beides, eine reifere Beziehung oder das Beziehungsende werden kann.

Die Struktur sieht so aus, dass ich Wissensvermittlung und meine Gedanken zu Liebe und Beziehung in getrennten Kapiteln anbiete. Dann gibt es viele Zitate von mehr oder weniger Prominenten: ich finde es erstaunlich, wie individuelle Beziehungen gelebt werden, und das von Personen, denen wir das so gar nicht zugetraut hätten. Das vierte Element sind fingierte Paargespräche zwischen ihr, ihm und einem Therapeuten.“

Haben Sie eine Art Lebensmotto oder Handlungsmaxime?

„Das Leben ist ein Geschenk, immer unerwartet, nie für immer.“

Gibt es etwas, das Sie den Lesern dieses Artikels gern mit auf den Weg geben möchten?

„Vertrauen Sie auf sich, auf Ihre Individualität, auf Ihre Gefühle. Sie sind einzigartig und nur Sie sind wichtig. Wenn Sie nicht klarkommen, suchen Sie sich eine Therapie, eine, die für Sie stimmt. Menschen sind wichtig, nicht das Geld.“

Über den Autor:

Josef Aldenhoff ist 1948 in Dresden geboren und wuchs seit seinem 3. Lebensjahr in München auf. Er wollte eigentlich Chirurg werden, aber dann hat ihm das Sprechen mit den Menschen besser gefallen. Nach der Ausbildung in Neurobiologie, Psychiatrie und Psychotherapie begann er seine ärztliche Laufbahn am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und am Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren. Nach verschiedenen Stationen in Deutschland und den USA wurde er 1995 als Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und als Klinikdirektor an die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie nach Kiel berufen, wo er über die Jahre bis zu seiner Emeritierung eine alle wesentlichen psychiatrischen Störungen behandelnde Versorgungsklinik aufbaute.

Seit 2004 leitete er als Medizinischer Geschäftsführer in Hamburg das Pilotprojekt einer universitären gGmbH, mit wirtschaftlichem wie inhaltlichem Gewinn, aber auch der klaren Erkenntnis, dass der Sinn der Medizin die Behandlung, Erforschung und – mit Glück – Heilung menschlicher Krankheiten ist und definitiv nicht das Geldverdienen oder die Erfüllung von Anforderungskatalogen von Verwaltungen. Da er sich mit dieser Auffassung in einer Minderheitenposition befand, ist er im April 2012 in den vorzeitigen Ruhestand gegangen und schreibt seitdem Bücher, behandelt Patienten und berät Kollegen und Kliniken. Weitere Informationen finden Sie auf seiner Webseite: www.josef-aldenhoff.de.

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Die Kraft der Intuition – Art & Poems

Art & Poems

Berührt uns ein Bild oder ein Gedicht, kann es leicht geschehen, dass sich etwas Unaussprechliches ganz plötzlich zu erkennen gibt und sich unser Blick auf bislang verborgene oder längst vergessene Facetten des eigenen Ichs richtet. Auf diese Weise ist es möglich, dass die Faszination, die so manches Kunstwerk auf uns ausübt, eine Heilung seelischer Verletzungen einleitet oder begünstigt. Zwar kann man Menschen auch schon allein durch gezielte Fragen dabei unterstützen, neue Perspektiven zu entwickeln und Selbsterkenntnis zu erlangen, manchmal bleibt ihnen der Zugang zu den tief verwurzelten emotionalen Kodierungen unbewusster Verhaltensmuster allerdings verwehrt. Zudem scheinen Worte nicht immer exakt beschreiben zu können, was uns im Innersten bewegt, da sie das Wahrgenommene und Gefühlte stets auf etwas Sprachliches reduzieren, dessen Konnotationen erlernten Mustern folgen. Bilder und Lyrik hingegen setzen assoziative Prozesse in Gang, die tief in das Unbewusste hineinwirken und somit Türen öffnen, die wir normalerweise geschlossen halten, um uns selbst zu schützen. Wir fühlen uns von ihnen berührt und verstehen sie auf eine Weise, die wir uns nicht immer genau erklären können. Durch den Einsatz von Kunst in der therapeutischen Arbeit kann es gelingen, die Barrieren des Rationalen zu umgehen und einen Zugang zu den verdrängten Teilen unseres Selbst zu finden. Ohne dabei alles klar benennen zu müssen, lassen sich dann für viele innere Konflikte, Ambivalenzen oder Blockaden überraschende Lösungen finden, die es ermöglichen, Akzeptanz und Zuversicht zu entwickeln und künftig mehr im Einklang mit sich selbst zu leben.

Menschen neigen dazu, über Probleme stets auf eine gewohnte Art und Weise nachzudenken. Drehen sich diese Gedanken im Kreis, fühlt man sich oftmals nur schlechter und den Geschehnissen ausgeliefert. Sucht man dann einen Coach oder Therapeuten auf, um sich helfen zu lassen, einen Ausweg zu finden, so ist es dessen Aufgabe, einen durch gezielte Fragen dabei zu unterstützen. Coaching und Therapie sind also eigentlich immer “nur” eine Hilfe zur Selbsthilfe. Der bekannte Psychotherapeut Milton Erickson stellte einst die Hypothese auf, dass Menschen im Laufe ihres Lebens bereits so viele Dinge gelernt haben, dass es ihnen möglich sei, jedes Problem selbst zu lösen. Voraussetzung dafür ist es allerdings, dass sie sich von ihren gewohnten Denkmustern frei machen und sie ihr kreatives Potenzial nutzen.

Lernt man schon als Kind, dass gewisse Gefühle oder Bedürfnisse scheinbar nicht wertvoll sind, kann das leicht dazu führen, dass Mechanismen entwickelt werden, mittels derer diese nicht mehr spürbar sind, um das eigene Selbstwertgefühl irgendwie aufrechtzuerhalten. Doch so einfach, wie sich das anhört, ist das leider nicht. Zu einer gelingenden Selbstwerdung gehört es auch, unangenehme Gefühle zuzulassen und die Verantwortung für jene Bedürfnisse zu übernehmen, die vielleicht gerade nicht so passend bzw. sozial erwünscht sind oder deren Integration in das eigene Selbstbild Schwierigkeiten bereitet. Durch fokussierende Fragestellungen und verschiedene Methoden zur Steigerung der Selbstwahrnehmung können Zugänge zu diesen Aspekten des Selbst erarbeitet werden, um mit ihnen (wieder) in Kontakt zu kommen. Die Bilder von Manfred Evertz und die Gedichte von Christine Matha erleichtern diesen Zugang in besonderer Weise, da sie das Unbewusste dazu anregen, einen Dialog mit uns aufzunehmen.

Engel und Masken

Manfred Evertz

Mit Engeln lassen sich verschiedene Aspekte unseres Seins in Verbindung bringen. Für die einen symbolisieren sie Reinheit und Unschuld im Sinne von etwas Heiligem. Für die anderen haben Sie etwas sehr Kraftvolles, zumal sie über einen eigenen Willen verfügen, der sogar dazu führen kann, dass sie der Sünde verfallen. Dieses Spannungsverhältnis macht wohl die Faszination an ihnen aus. Von vielen Menschen werden sie als schützende Wesen gesehen, die in Krisensituationen Kraft und Hoffnung spenden. Dem zufolge beobachten sie uns aus einer anderen Dimension heraus und begleiten uns durch schwierige Lebensphasen, sozusagen als mystische Helfer. Sie sind empfänglich für jene Schwingungen, die unserem Alltagsbewusstsein entgehen, und sie sind in der Lage, das uns entstehende Leid zu kanalisieren, wenn man an sie glaubt. Ihre Anmut und Schönheit betören uns und sie geben Hoffnung! Sie dürfen zeigen, was wir meinen, verdrängen zu müssen, sie dürfen sein, was wir abspalten! Sie sind ein Sinnbild dessen, was wir sein könnten. Sie bieten sich als Projektionsflächen für unsere intimsten Wünsche und Bedürfnisse an und lassen unsere Verbundenheit zu jener kosmischen Liebe spüren, der wir einst entsprungen sind. Jedenfalls können sie einem Menschen Trost spenden, wenn die Welt es nicht mehr tut.

Manfred Evertz

Die Maskenbilder von Manfred Evertz veranschaulichen all jene Aspekte unseres Seins, die wir vor uns selbst verstecken, anpassen und deformieren, um in dieser Welt zu funktionieren und zu überleben. Hinter ihnen liegen die abgespaltenen und unterdrückten Anteile unserer Persönlichkeit, von denen wir „gelernt“ haben, sie nicht zeigen zu dürfen. Sie verbergen den „Schatten“ (C. G. Jung) und reduzieren uns auf ein vorzeigbares „Ich“, mit dem eine positive Identifikation gelingt. Dadurch sind wir zwar „gut“ aber nicht „ganz“. Sie formen sich schon in der frühen Kindheit, in der wir spürten, dass wir die unbedingte Verbundenheit zu den bzw. dem anderen Menschen verloren haben und uns auf eine bestimmte Weise zeigen mussten, um Liebe, Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu erfahren. Das, was von unseren ersten Bezugspersonen nicht mit Liebe empfangen wurde, begannen wir, an uns selbst zu verachten und abzuspalten, um uns vor jenem Liebesentzug zu schützen, von dem wir (vielleicht) glaubten, er sei gerechtfertigt. Hervorgerufen durch frühkindliche Traumata oder Restriktionen, denen wir uns ausgesetzt fühlten, entwarfen wir unsere eigene Maske, mit der wir fortan durchs Leben schritten. Doch die Masken werfen dunkle Schatten. Sie berauben uns unserer eigentlichen Individualität und führen zu neuen Problemen, da wir uns selbst und anderen Menschen nicht mehr in unserer ganzen Wahrhaftigkeit begegnen.

Die Bilder des Künstlers sind sehr kraftvoll und facettenreich. Durch ihre zum Teil nur schemenhaft bewusst werdende Wirkung bieten sie einen Zugang zu jenen Aspekten unseres Selbst, die wir in den Tiefen unseres Unterbewusstseins vergraben haben und von denen wir es gewohnt sind, ihnen im Alltag auszuweichen. Sie bieten sich dazu an, unser Unbewusstes zu erschließen, um das Verlorene wiederzuentdecken. Geht es also um Erlebnisse, an die eine bewusste Erinnerung nicht möglich ist, oder um Ahnungen, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen oder was sie bedeuten, lassen sie es zu, mit ihnen in Kontakt zu kommen, ohne sie konkret benennen zu müssen. Auf diese Weise kann es gelingen, unsere ursprüngliche Ganzheit wiederherzustellen.

Lyrisches Nachspüren

Jedem der Bilder ist ein Gedicht von Christine Matha zugeordnet, durch das eine lyrische Annäherung versucht und zugleich eine weitere Ebene der Betrachtung eröffnet wird. Die darin zum Ausdruck kommenden Empfindungen sind selbstverständlich im hohen Maße subjektiv und geben keinesfalls eine bestimmte Richtung der Interpretation vor. Indem sie Resonanz oder Abwehr erzeugen, können sie aber tiefere Schichten sprachlich kodierter Deutungsmuster erreichen und einen Zugang zu verborgenen oder abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen sowie zu verdrängten Gefühlen erleichtern.

Christine Matha

Beim Lesen der Gedichte von Christine Matha wird also schnell deutlich, dass diese zunächst vor allem eine emotionale Wirkung entfalten. Da die verwendeten Worte bei jedem Leser andere Assoziationen auslösen, ist das, was ihnen an Bedeutung entnommen wird, also äußerst individuell. Folgt man den Aussagen des chilenischen Philosophen Humberto Romesín Maturana, dann sind menschliche Erfahrungen immer subjektgebunden und somit unübertragbar. Obwohl Sprache eigentlich dazu dient, eine über soziale Vermittlungsprozesse herbeigeführte Einigkeit und Klarheit zu vermitteln, und sie eine Verständigung zwischen den Menschen überhaupt erst ermöglicht, sind die in ihr enthaltenen Worte im Gehirn des Einzelnen auf eine jeweils spezifische Weise emotional kodiert. Dies wiederum gibt ihnen ihre ganz persönliche Wertigkeit. Abhängig von den persönlichen Erfahrungen, die jemand in seinem Leben gemacht hat, werden sie folglich automatisch mit Konnotationen versehen und mit individuellen Wirklichkeitskonstruktionen in Einklang gebracht. Da Christine Matha im hohen Maße mit Andeutungen und Auslassungen arbeitet, bietet sie ihren Lesern die Möglichkeit, die Texte durch Eigenes zu ergänzen, und gewährt der Fantasie somit den erforderlichen Spielraum, sich als das andere Ich in dem Geschriebenen wiederzufinden. Das ermöglicht eine Art Identifikation, bei der das rationale Denken quasi umgangen wird, und damit einen Zugang zu den oftmals unbewussteren Strukturen, die dem eigenen Erleben und Fühlen zugrunde liegen. Die Verwendung ausdrucksstarker Sprachbilder unterstützt diesen Prozess, dessen Wirkung man sich nur schwerlich entziehen kann. Auf diese Weise wird man beim Lesen von der Autorin so sehr in ihre Erlebniswelt mit einbezogen, dass eine unmittelbare Betroffenheit entsteht, die kaum zu erklären ist. Man fühlt sich von einer Fremden verstanden und im eigenen Schmerz gesehen. Allein das ist oftmals schon heilsam.

Die Gedichte lassen sich zur Fokussierung von Emotionen bzw. zur Erweiterung des Suchraums nutzen. Das lyrische Nachspüren eignet sich insbesondere zur Erhellung von belastenden Erlebnissen, inneren (und äußeren) Konflikten, Projektionen etc., und es kann dabei helfen, sich aus der Trübe schmerzlicher Empfindungen zu befreien.

Fazit

Durch den Einsatz von Bildern und Gedichten lassen sich therapeutische Prozesse auf wunderbare Weise unterstützen. Obwohl es lediglich Hilfsmittel sind, erleichtern sie es durch die Kraft der Intuition, das Unbewusste anzusprechen bzw. Bewusstwerdungsprozesse zu initiieren. Mittels bewährter Gesprächstechniken, also bspw. eines sokratischen Dialogs in Verbindung mit lösungsorientierten und emotionsfokussierenden Fragen, können diese „Entdeckungen“ so aufbereitet werden, dass sie eine Wirkung entfalten, die psychisches Wachstum ermöglicht.

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Burnout – Interview mit Prof. Dr. Matthias Burisch

Als ich anfing, mich dafür zu interessieren, was Burnout eigentlich genau ist, entdeckte ich die ersten Texte und das 7-Phasen-Modell von Prof. Dr. Matthias Burisch. Eine differenziertere Darstellung konnte ich nicht finden. In fachlicher Hinsicht war ich also sofort begeistert. Nachdem ich mich intensiver damit beschäftigte, kam ich zu dem Schluss, dass ich es hier mit einem Menschen zu tun habe, der sich nicht (wie viele es tun) aus monetären Gründen damit auseinandersetzt. Nein, ich spürte, dass er irgendeinen persönlichen Bezug dazu haben muss. Sein Buch „Das Burnout-Syndrom“ (Rezension) ist jedenfalls das beste Fachbuch, das mir in diesem Zusammenhang bekannt ist. Leider aber ist es eben doch in erster Linie ein Fachbuch und somit Nicht-Psychologen nur bedingt zu empfehlen. Selbst habe ich einige Wochen benötigt, um es konzentriert durchzuarbeiten… Heute arbeitet Prof. Dr. Matthias Burisch als Berater, Trainer und Coach für Psychologen und Führungskräfte (Burnout-Institut Norddeutschland, Bind).

Prof. Dr. Matthias Burisch

Prof. Dr. Matthias Burisch www.michaelfuchs-fotografie.de

Nun habe ich erfahren, dass er ein neues Werk speziell für Betroffene geschrieben hat, das voraussichtlich im September erscheinen wird. Daraufhin hatte ich die Idee, ein paar Fragen an ihn zu richten. Seine Antworten können Sie nun hier lesen.

Mögen Sie erklären, wie Sie auf die Idee gekommen sind, sich mit dem Thema „Burnout“ zu befassen? Haben Sie ggf. eigene Erfahrungen damit? Was hat Ihnen persönlich am meisten dabei geholfen, sich wieder aufzurichten?

M. B.: „Ich habe Burnout in drei klassischen Rollen des Universitätsbetriebs kennen gelernt: Als Forscher, als Hochschullehrer, als Administrator. Beobachten konnte ich darüber hinaus Studenten, die innerhalb Wochen abbauten. Musterschüler auf ihren Gymnasien, die aber mit der neuen Freiheit, sich Ziele zu setzen, nicht zurecht kamen. Oder Studentenvertreter, wohl eher der Typ Schulsprecher, die schnell resignierten, wenn sie nicht mehr verleugnen konnten, dass ihr Klientel ausschließlich an Klausuren-Kopien interessiert war, nicht an Hochschulpolitik oder gar strukturellen Veränderungen. Beides war glücklicherweise nicht mein Schicksal.

Ich selbst hatte mir, in der Rolle des Nachwuchs-Forschers, für meine Dissertation ein Himalaya-Projekt gewählt. Das Ding ging natürlich schief. Der Fall, den ich in meinem neuen Buch (S. 69) skizziert habe — das war natürlich ich. Ich habe bis Mitternacht in meinem Büro gesessen und aus dem Fenster gestarrt, war völlig blockiert. Burnout #1.

Burnout #2 begann, als ich, nach ungefähr 10 Jahren, meine Lehrveranstaltungen runderneuert hatte. Das hatte viel Arbeit gekostet, und so hegte ich denn die Erwartung, ohne dass mir das bewusst gewesen wäre, meine Studenten würden nun ebenfalls ihren Arbeitseinsatz erhöhen, mit größtmöglicher Begeisterung selbstverständlich. Wie es weiterging, können Sie sich ausmalen. Für ein paar Jahre bin ich meinem Job nur sehr säuerlich nachgegangen, habe überlegt, ihn ganz aufzugeben.

Um die Jahrtausendwende, da war mein erstes Buch längst fertig, bin ich dann ein drittes Mal in eine Falle getappt, sehenden Auges, aber eben doch. An meinem Fachbereich, den ich nun mal als meine berufliche Heimat betrachtet habe, ließ sich eine Führungskrise nur dadurch beenden, dass die Dekanats-Funktion auf vier Personen aufgeteilt wurde. Das Puzzle ging nur dann auf, wenn ich den Studiendekan machte, für drei Jahre. Das war ein Himmelfahrtskommando, speziell zu den damaligen turbulenten Zeiten; meiner Nachfolgerin erging es nicht viel besser als mir. Vor allem aber fehlten mir zu der Aufgabe alle Voraussetzungen, insbesondere die Lust. Es war ein reines Pflichtprogramm, an dem nichts, aber auch gar nichts Spaß machte. Verbittert hat mich in diesen Jahren am stärksten die Gleichgültigkeit und Ignoranz der meisten Kollegen, die weiter vor sich hin wurschtelten und quengelten, während wir im Dekanat alle Hände voll damit zu tun hatten, den Fachbereich umzubauen und permanent Feuerchen zu löschen. Das Tagesgeschäft war natürlich parallel auch noch zu erledigen.“

Gibt es etwas, das Sie aus Ihren eigenen Erfahrungen gelernt haben bzw. worauf Sie nun bei sich achten?

M. B.: „Tja, was habe ich daraus gelernt? Ich überlege es mir viel sorgfältiger, bevor ich mich in Situationen begebe, die sich zu Fallen entwickeln könnten. Natürlich ist das viel leichter, seitdem ich im Ruhestand bin. Wie Sie an Geschichte #3 ablesen konnten, hat es mich nicht geschützt, dass ich über Burnout nun wirklich gründlich nachgedacht hatte. Bei der rückblickenden Verarbeitung, beim Wiederaufrichten, wie Sie das genannt haben, war es aber sicher hilfreich, die Geschehnisse einordnen zu können.

Nach wie vor wird in den Medien sehr viel über das Thema berichtet. Manchmal scheint es so, als wären die Veränderungen der modernen Arbeitswelt (Informatisierung, Subjektivierung, Akzeleration etc.) dafür verantwortlich, dass der Burnout zu einer Art Volksseuche oder auch (wie Kritiker sagen) Modeerscheinung geworden ist. Irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Wahrheit…?

Na ja, Burnout ist ja im letzten Jahr schon ein paar Mal totgesagt worden, der Medien-Hype hat halt Gegenreaktionen ausgelöst. Man konnte das Wort nicht mehr hören. Die Praktiker in den Organisationen, soweit sie ehrlich sind, haben aber immer gewusst, dass das Phänomen, um das es geht, damit nicht ausgestorben ist. Andererseits: Die aussagekräftigsten Zahlen, die ich kenne, lassen mich vermuten, dass etwa 10% der erwachsenen deutschen Bevölkerung sich als ausgebrannt empfinden. Das heißt aber ja auch, dass 90% das Gefühl haben, ihr Leben einigermaßen im Griff zu haben.“

Was ist ein bzw. was verstehen Sie unter einem „Organizational Burnout“?

M. B.: „Der Erfinder hat sich den Begriff patentieren lassen, ich habe sein Buch aber nicht gelesen. Immerhin: Schon eine ganz frühe Fallstudie aus dem Jahre 1953, die überhaupt noch nicht von Burnout spricht, schildert einige Wochen aus dem Leben einer Krankenschwester und analysiert sehr hellsichtig, wie sich auf einer amerikanischen Psychiatriestation aus scheinbar trivialen Startereignissen vielerlei Teufelskreise, innerhalb des Personals und zwischen Personal und Patientenschaft, aufschaukeln. Ein noch einfacheres Beispiel ist die „Ansteckung“, die passieren kann, wenn ein ausbrennender Mitarbeiter ganz oder teilweise ausfällt. Normalerweise müssen dann ja die Kollegen seine Arbeit mit erledigen, was in der Regel die Arbeitsfreude nicht gerade fördert.“

Wie können Unternehmen diesem Phänomen Ihrer Meinung nach am wirkungsvollsten entgegenwirken?

M. B.: „Es muss zu den Spielregeln gehören, dass man über Missstände und ungelöste Probleme offen reden darf, und zwar über Hierarchieebenen hinweg. Wo dafür das Vertrauen fehlt, entsteht leicht eine Problemblindheit, die sich zu einer Lösungsblindheit weiter entwickeln kann. Das führt dann zu einem kollektiven Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit. Dann ist Burnout nicht mehr weit. Dagegen hilft am besten regelmäßige offene Kommunikation.“

Welche Rolle spielen die Führungskräfte dabei? Wie können sie sich selbst und ihre Mitarbeiter am ehesten vor einem Burnout bewahren?

M. B.: „Die Führungskräfte setzen nun einmal die Normen, wie kommuniziert wird. Jede und jeder Vorgesetzte sollte sich klar machen, dass Vertrauen erarbeitet werden muss. Misstrauen kann man sehr schnell schaffen, bei Vertrauen ist das anders.“

In der einschlägigen Literatur findet man immer wieder das sogenannte „Burnout-Rad“, das den Prozess der Erkrankung (nach dem Modell von Freudenberger) in verschiedene Phasen aufteilt und dazu verwendet wird, Führungskräften Ratschläge an die Hand zu geben, wie diese mit betroffenen Mitarbeitern umgehen sollten. Was halten Sie von dem Modell bzw. von einer solchen Anwendung?

M. B.: „Ich kenne das Rad, habe aber meine Zweifel, ob die graphische Anordnung von Freudenberger selbst stammt. Die lädt nämlich zu dem Missverständnis ein, dass auf die Phase 12 wieder die Phase 1 folgt, und das ist nun wirklich Unsinn. Zweitens glaube ich auf keinen Fall, dass die Phasen so trennscharf abgrenzbar sind, dass man daraus Handlungsempfehlungen ableiten könnte. Ich habe ja einmal ein eigenes 7-Phasen-Modell beschrieben, aber immer betont, dass die Übergänge fließend sind, Phasen auch übersprungen werden können und nicht zwingend in fester Reihenfolge durchlaufen werden. Drittens, und da sind wir wieder beim Thema Vertrauen, rate ich Führungskräften im Umgang mit eventuell betroffenen Mitarbeitern zu Fingerspitzengefühl. Wer redet schon freiwillig über persönliche Probleme mit seinem Chef? In dem Augenblick, wo die Arbeitsfähigkeit einer Einheit gefährdet ist oder Ansteckung droht, muss natürlich eingegriffen werden. Auf unserer Website (unter BURNOUT-SERVICE) ist ein Leitfaden für Führungskräfte zu finden, in dem Hilfestellungen gegeben werden, wie man so ein Fürsorge-Gespräch anbahnt und durchführt. „

Lassen Sie uns nun einmal über die Betroffenen selbst sprechen… Woran bemerke ich, ob ich mich in einer einfachen Überforderungssituation befinde oder bereits gefährdet bin, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln?

M. B.: „Momentane Überforderungen lösen Stress aus, aber der wird im Normalfall ganz gut bewältigt. Erst wenn Stress chronisch wird und das Gefühl von Hilflosigkeit oder gar Hoffnungslosigkeit sich breit macht — ich nenne das Stress II. Ordnung —, beginnen Burnout-Prozesse. Eine Faustregel sieht den Startpunkt da, wo der Feierabend, das Wochenende oder gar der Urlaub nicht mehr zur Erholung ausreicht. Zugegeben, eine weiche Regel.“

Können Sie einen Selbsttest empfehlen, der frei im Internet zugänglich ist?

M. B.: „Unser Hamburger Burnout-Inventar (HBI) steht kostenpflichtig auf unserer Website www.burnout-institut.eu; eine Kurzform davon gibt es gratis auf www.cconsult.info/selbsttest/burnout-test.html, allerdings ist dort die Auswertung sehr spartanisch. Das HBI ist m. W. der einzige deutsche Fragebogen, der nach den Regeln der Testtheorie evaluiert ist und auch noch Normen besitzt.“

Was ist der Unterschied zu einer herkömmlichen Depression?

Elisabeth Naomi Reuter

M. B.: „Auch die Depression ist ja keineswegs etwas Einheitliches, zudem bis heute ziemlich Rätselhaftes. Man weiß heute viel mehr, was man alles nicht weiß. Dass es mithilfe der Diagnoseschlüssel nicht allzu schwer ist, verschiedene Schweregrade zu unterscheiden, täuscht darüber hinweg. Die Symptome und die erforderlichen Mindestanzahlen und –dauern sind nämlich ziemlich willkürlich. Übrigens überlappen sich die Symptomlisten beträchtlich. Symptomatisch lässt sich ein fortgeschrittener Fall von Burnout von einer schweren Depression nicht mehr unterscheiden. Der Unterschied liegt in der Entstehungsgeschichte. Burnout ist nichts Rätselhaftes; Ausbrenner haben Probleme, mit denen sie erfolglos kämpfen oder gekämpft haben, die aber prinzipiell lösbar sind. Depressive leiden an Unabänderlichem, oft Unerklärlichem.“

Warum spielt diese Unterscheidung eine so entscheidende Rolle für den Erfolg einer Therapie?

M. B.: „Psychotherapie halte ich bei Burnout für gar nicht einmal so oft angezeigt. Speziell da, wo die Auslöser „außen“ liegen, also z. B. in einer subjektiv hoffnungslosen Arbeits- oder Beziehungssituation sind eher Sozialarbeiter, Betriebsräte, vielleicht auch Rechtsanwälte gefragt als psychologische oder gar medizinische Therapeuten. Wenn die Falle äußerlich liegt, soll sie auch außen aufgelöst werden. Anders sieht es aus, wenn der Stress hausgemacht ist, die Falle also „innen“ liegt. Sehr oft haben Betroffene viel zu hohe Ansprüche an sich und andere. Was ich oben über meine Geschichte erzählt habe, liefert ja Anschauungsmaterial. Solchen Menschen kann man über ein Coaching meist gut helfen, sich aus ihren Fallen zu befreien. Beide Ansätze würden bei Depressiven ins Leere laufen.“

Gibt es etwas, das Sie jenen Menschen mitteilen möchten, die sich selbst hohen psychischen Belastungen ausgesetzt fühlen und teilweise bereits Symptome klinischer Störungsbilder aufweisen (z. B. Schlafstörungen, Grübelschleifen, Ängste etc.)?

M. B.: „Ich kenne nur zwei universell brauchbare Tipps für solche Fälle: Nimm dir Zeit und denke nach! Und wenn das nicht hilft: Bleib mit deinem Problem nicht allein! Vielleicht wird sich dabei herausstellen, dass du dich mit etwas abfinden musst. Dann: Gelassen abfinden! Meist lässt sich aber doch etwas tun, innen oder außen. Dann: Mutig anpacken! Hauptsache: In die Aktion kommen! Grübeln bringt‘s nicht.“

In „Dr. Burischs Burnout-Kur – für alle Fälle“, das gerade beim Springer-Verlag erschienen ist, beschäftigen Sie sich sehr viel ausführlicher mit dieser Frage und erläutern, wie man sich (mit oder ohne professionelle Unterstützung) helfen (lassen) und künftig vielleicht davor bewahren kann. Dieses „Arbeitsbuch“ ist m. E. eine großartige Hilfe für alle, die gefährdet oder bereits betroffen sind.

Rezensionen der beiden Bücher von Prof. Dr. Matthias Burisch:

Kontakt:

Prof. Dr. Matthias Burisch, Burnout-Institut Norddeutschland (Bind), Klevendeicher Chaussee 7, D-25436 Moorrege, Deutschland

www.burnout-institut.eu

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Psychische Erkrankungen zwischen Stigmatisierung und Versorgungslücken

Erfahrungsbericht zum 4. psychenet-Symposium: Wie lässt sich die Versorgung psychisch erkrankter Menschen verbessern? Und konnte der Stigmatisierung Betroffener mittels der damit einhergehenden Medienkampagne entgegengewirkt werden? Antworten auf diese Fragen erhoffte ich mir am 29. und 30. Juni 2015 in der Handelskammer. Hier wurde über die Ergebnisse der Umsetzung und Begleitforschung in der Gesundheitsregion Hamburg berichtet und diskutiert. Die Veranstaltung war ausgesprochen gut besucht und hervorragend organisiert (Programm). Da ich das Projekt bereits vor wenigen Wochen vorgestellt habe (So funktioniert psychische Gesundheit in Hamburg), werde ich mich im Folgenden auf das konzentrieren, was ich für besonders wesentlich oder überraschend hielt. Dabei gehe ich vor allem drei Fragen nach, die mich aus verschiedenen Gründen interessierten:

  • Allgemeines Interesse: Welchen Beitrag konnte psychenet zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen leisten?
  • Persönliches Interesse: Wie lässt sich die Versorgung von Menschen verbessern, die an einer Depression leiden?
  • Fachliches Interesse: Gibt es neue Erkenntnisse aus dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung?

1. Welchen Beitrag konnte psychenet zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen leisten?

Psychiatrische PraxisNach einigen Begrüßungen und allgemeinen Stellungnahmen zur Gesundheitsregion Hamburg berichtete Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, der Dekan des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), dass das Hamburger Netzwerk Versorgungsforschung in seiner Form einmalig in Deutschland ist, insbesondere aufgrund seiner vorbildlichen Ausstattung mit diversen Professuren. Zu dessen Aufgaben gehören die Beschreibung und Analyse der Situation, die Entwicklung von Versorgungskonzepten, die wissenschaftliche Begleitung der Implementierung neuer sowie die Evaluierung neuer und alter Versorgungskonzepte im medizinischen Alltag. Wie sich im Verlauf der beiden Tage zeigte, waren die meisten Projekte, die im Rahmen von psychenet in den vergangenen vier Jahren initiiert wurden, äußerst erfolgreich! Eine Zusammenfassung dieser Ergebnisse konnte man vor wenigen Tagen im Hamburger Abendblatt lesen. Detaillierter besprochen werden die Studien in der Zeitschrift „Psychiatrische Praxis. Supplement: psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit“, die im Juli 2015 erschienen ist und bei der Georg Thieme Verlag KG bestellt werden kann. Einige der Artikel sind hier auch öffentlich bzw. kostenlos zugänglich.

Direkt im Anschluss erläuterte Prof. Dr. Martin Lambert, dass das Wissen über psychische Erkrankungen der Hamburger Bevölkerung nach wie vor recht unzureichend sei. Da Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung sehr verbreitet sind, war es ein Ziel des Projektes, die Aufklärung zu verbessern, einer Stigmatisierung der Betroffenen dadurch entgegenzuwirken und das entwickelte Versorgungsnetz auf diese Weise zu etablieren. Mittels einer Awareness-Kampagne (Plakate, Gratis-Postkarten, Kino-Trailer etc.) wurde sich darum bemüht, das Internetportal von psychenet bekannt zu machen und die Menschen dazu zu bringen, sich dort über das Thema zu informieren. Die Zufriedenheit mit der in diesem Zusammenhang eingerichteten trialogischen Hotline sowie mit dem Skype-Service, wo eine individuelle Beratung möglich war, lag immerhin bei 98%. Dr. Jörg Dirmaier ergänzte, dass die Webseite bzgl. ihrer Benutzerfreundlichkeit, dem Nutzen sowie der Vertrauenswürdigkeit von 71% der Besucher als „gut bis sehr gut“, von 21% als „befriedigend bis ausreichend“ und lediglich von 8% als „mangelhaft bis ungenügend“ bewertet wurde. Neben umfangreichen Informationen über die einzelnen Störungsbildern, findet man dort Hinweise zu Hilfsangeboten, entsprechende Selbsttests u.v.m. Bislang nicht bekannt war mir, dass die Inhalte im Laufe der Zeit auch auf Türkisch angeboten worden sind.

Prof. Dr. Olaf von Knesebeck stellte anhand der Ergebnisse einer Evaluationsstudie dar, dass sich das Wissen der Hamburger Bevölkerung hinsichtlich psychischer Erkrankungen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe aus München aufgrund der psychenet-Kampagne kaum verbessert hat. Lediglich in der Kenntnis darüber, dass auch Angehörige helfen können, wurde ein signifikanter Anstieg verzeichnet. Auch das Ausmaß der Stigmatisierung ist trotz einer generellen Zunahme des Wissens über psychische Störungen in der Gesellschaft erstaunlich stabil geblieben. Allerdings zeigte sich bei jenen Menschen, die sich über das Webportal informiert hatten, eine Verringerung der emotionalen Distanz sowie entsprechend negativer Emotionen. Interessant war auch die Aussage von Prof. Dr. Frank Jacobi, dass eine Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) aufgezeigte, dass die Krankschreibungen von Menschen ohne eine psychische Erkrankung dreimal kürzer sind als bei jenen, die zeitgleich eine F-Diagnose haben.

Prof. Dr. Tilo Böhmann ging am Nachmittag des zweiten Tages auf die Ziele der Stabsstelle „Forschungs- und Transferstelle Dienstleistungsgeschäftsmodelle“ ein: Wie kann es gelingen, die Netzwerkelemente von psychenet auf andere Regionen zu übertragen? Und wie lassen sich die einzelnen Inhalte bzw. Erkenntnisse so clustern, dass sie interessierten Lesern in sinnvoller Weise zur Verfügung gestellt werden können? Eines der Resultate ist deren Zuordnung zu den Kategorien „Ressourcen“ und „Aktivitäten“. Eine entsprechend systematische Darstellung aller 186 Elemente wird also demnächst in einer modularisierten Fassung als Webdatenbank zugänglich sein. Für die mögliche Umsetzung bzw. eine Implementierung neuer Produkte im Gesundheitssektor ist es allerdings immer entscheidend, die Finanzierbarkeit sowie den zu erwartenden Nutzen im Vorfeld zu klären.

Die Koordination bzw. Organisation des Netzwerkes war eine große logistische Herausforderung. Aufgrund der vielen Beteiligten Organisationen und praktizierenden Personen mussten Entscheidungs- und Informationsstrukturen gefunden, eingehalten und stetig gepflegt werden. Zudem gab es diverse Barrieren bei der Umsetzung der Projekte: Fehlende gesetzliche Regelungen zur primären und sekundären Prävention (Früherkennung) sowie bzgl. anderer innovativer Angebote (z.B. Peer-Beratung), bürokratische Hemmnisse von integrierten Versorgungsmodellen nach § 140a SGBV sowie die Behinderung der Implementierung bzw. Verstetigung aufgrund von Partikularinteressen der eingebundenen Institutionen. Grundsätzlich wurde die enge Kooperation zwischen Forschung und Praxis aber als sehr lehrreich und positiv bewertet.

Auch wenn das vorrangige Ziel einer Entstigmatisierung nicht wirklich erreicht wurde, war psychenet insgesamt ein großartiger Erfolg! Da die Infrastruktur mit dem Ende der Förderung zum Jahreswechsel wegzubrechen droht, stellt sich nun die dringliche Frage, welche der elf Projekte weitergeführt werden sollten und wie das realisiert werden kann? Auch die Webseite bzw. die präventiven Kampagnen bedürfen eigentlich einer stetigen Pflege. Hier wurden Werte geschaffen, die ansonsten schnell verloren gehen. Im Hinblick auf die anstehende Landeskonferenz Versorgung sollen nun in naher Zukunft Lösungen erarbeitet und die Beantragung neuer Fördergelder aus dem Innovationsfonds (siehe Artikel: Deutsches Ärzteblatt) beschlossen werden.

2. Wie lässt sich die Versorgung von Menschen verbessern, die an einer Depression leiden?

Aufgrund einer persönlichen Affinität, war ich vor allem auch an den Ergebnissen des Gesundheitsnetzes Depression interessiert. Die 12-monats-Prävalenz dieser affektiven Störung liegt übrigens bei acht Prozent. Depressionen können zwar gut therapiert bzw. geheilt werden, besondere Probleme bestehen allerdings in der teilweise recht langen Wartezeit auf eine Behandlung sowie in der Fragmentierung der vorhandenen Angebote.

Vorgestellt wurde ein Modell der gestuften Behandlung („stepped care“), bei der die Patienten nach einer systematischen Diagnostik anhand des Schweregrads ihrer Erkrankung Angebote unterbreitet bekommen, zwischen denen sie anhand eigener Präferenzen auswählen können. Um den Zugang zu einem Psychotherapeuten für Menschen mit einer schwer- oder mittelgradigen Depression zu erleichtern, wurde hierbei jenen, die „lediglich“ leichtgradig betroffen waren, alternative Angebote zur (teilweise begleiteten) Selbsthilfe angeboten. Erwähnt wurden bspw. Onlineportale sowie ein Selbsthilfebuch von Gudrun Görlitz (Selbsthilfe bei Depressionen) vom Klett-Cotta-Verlag.

Im Sinne einer vernetzten Behandlung („collaborative care“) wurde zudem ein Portal eingerichtet, in dem freie Psychotherapieplätze einzelner Therapeuten angezeigt wurden. Auf diese Weise funktionierte die direkte Vermittlung reibungsloser. Leider aber gibt es dieses Angebot inzwischen nicht mehr. Die Gründe hierfür sind ein vermeintlich hoher Zeitaufwand sowie die Kosten für die Betreuung bzw. Pflege. M. E. wäre ein Gesetz hilfreich, das kassenärztlich zugelassene Therapeuten dazu verpflichtet, sich in einem solchen Portal zu registrieren und ihre Kapazitäten regelmäßig zu aktualisieren. Zudem ließen sich gewiss Träger bzw. Organisationen finden, die eine solche Datenbank erstellen und öffentlich zugänglich machen. Gerade aufgrund des Symptoms der Antriebsschwäche ist es für die Betroffenen oftmals sehr beschwerlich, therapeutische Hilfe zu finden. Dieses Problem ließe sich auf eine solche Weise gut lösen.

Im Rahmen des Projektes konnte bei der Interventionsgruppe (im Vergleich zur Kontrollgruppe) übrigens eine höhere Symptomreduktion erreicht werden. Auch wenn laut Aussage von Prof. Dr. Birgit Watzke die Wirkmechanismen der gestuften Behandlung noch genauer erforscht werden müssen, machen die Ergebnisse Hoffnung. Vor allem bei den mittelgradigen Depressionen gab es jedenfalls beachtliche Effekte.

3. Gibt es neue Erkenntnisse aus dem Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung?

In dem Gesundheitsforum „Betriebliche Gesundheit“, das mich fachlich sehr interessierte, kamen Dr. Hans-Peter Unger (Asklepios Klinik Harburg), Werner Fürstenberg, ein Mitarbeiter der Fürstenberg Institut GmbH sowie Prof. Dr. Bernhard Badura (Universität Bielefeld) zu Wort, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Dr. Hans-Peter Unger

Dr. Hans-Peter Unger stellte zunächst einen grandiosen Wandel in der Arbeitswelt fest, bei dem heute mehr Selbstmanagementkompetenzen gefordert und die Übernahme einer höheren Selbstverantwortung erwartet wird, als es in der Vergangenheit der Fall war. Im Bereich der betrieblichen Gesundheit wird deshalb verstärkt auf Möglichkeiten zur Emotionsregulation sowie auf das geschaut, was Mitarbeiter resilient macht. Die für die sich immer schneller vollziehenden Veränderungen erforderlichen Eigenschaften (z. B. Kreativität und Anpassungsbereitschaft) werden vor allem durch positive Emotionen ausgelöst bzw. durch negative eingeschränkt. Zentrale Fragen scheinen es deshalb zu sein, wie man die Motivation und das soziale Miteinander fördern sowie dem Ganzen einen Sinn geben kann.

Obwohl bspw. in der Behandlung von Burnout-Patienten inzwischen große Fortschritte gemacht wurden, hat sich im Bereich der Prävention von Depressionen am Arbeitsplatz bislang kaum etwas verbessert. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2014 über betriebliche Interventionen zur Stressreduktion und zur Steigerung des Wohlbefindens wurden oftmals kleinere und ungezieltere Maßnahmen konstatiert. Aufgrund der in der Praxis vorherrschenden Mixtur könne man kaum sagen, welche der einzelnen Interventionen tatsächlich erfolgreich waren. Je umfassender diese allerdings angelegt sind, desto größer scheint auch ihr Effekt zu sein.

Spannend war die Erkenntnis, dass zwischen dem klinischen Verlauf einer psychischen Erkrankung und den psychosozialen Fähigkeiten einer Person oftmals keine klaren Zusammenhänge zu erkennen sind. Dafür wirken wohl zu viele Faktoren darauf ein. Die Komplexität solcher Störungen lässt also keine einheitlichen Schlüsse zu. Einer Stigmatisierung könne Dr. Unger zufolge am ehesten durch eine professionelle Begleitung entgegengewirkt werden. Zudem sollten Betroffene ermutigt werden, sich schnell psychotherapeutische oder ärztliche Unterstützung zu suchen, da eine Wiedereingliederung deutlich erfolgversprechender ist, wenn eine Behandlung in den ersten drei bis sechs Wochen nach Ausbruch der Krankheit beginnt. Auch die Einbindung von Betriebsärzten könne besser gelingen, da in der Regel die Möglichkeit besteht, diese darum zu bitten, eine schriftliche Schweigepflichterklärung gegenüber dem Arbeitgeber zu unterzeichnen. Ein offenes Gespräch kann ansonsten eventuell zu erheblichen Probleme führen. Kurzum: Das funktionierende Zusammenspiel der Akteure ist immer entscheidend für den Erfolg einer beruflichen Wiedereingliederung!

Im Anschluss stellten Werner Fürstenberg und ein Mitarbeiter der Fürstenberg Institut GmbH die Ergebnisse ihrer Studie vor, in der zwei Maßnahmen implementiert und ausgewertet wurden. Primärpräventiv wurde eine Führungskräfteentwicklungsprogramm durchgeführt und sekundärpräventiv ermöglichte man den Beschäftigten eine externe Beratung bei psychischen bzw. psychosozialen Problemen durch ein EAP (Employee Assistance Program). Trotz der Zusicherung von Anonymität bei einer Nutzung des Angebots, stellte die Frage nach der Datensicherheit ein nicht unerhebliches Problem dar. Auch langwierige Entscheidungswege sowie geringe zeitliche und finanzielle Ressourcen führten zu einer sehr geringen Beteiligung der angefragten Unternehmen. Es wurde daraufhin thematisiert, wie man Wissenschaft und Wirtschaft künftig stärker zusammenführen könne? Mit den Messinstrumenten der klinischen Forschung scheint man die Betriebe jedenfalls nur schwerlich zu erreichen. Praxistauglichkeit und wissenschaftlicher Anspruch driften dafür wohl zu sehr auseinander.

Kurzum, die Studie war kein Erfolg, da aufgrund der geringen Bereitschaft, an ihr teilzunehmen, kaum aussagekräftige Ergebnisse generiert werden konnten. Interessant war zudem, dass insbesondere das Online-Tool schlecht abschnitt, welches im Rahmen der Mitarbeiterberatung eingesetzt wurde. Obwohl abschließend gesagt wurde, dass die Selbsteinschätzung der Leistungsfähigkeit jener Menschen, die das EAP genutzt haben, von 4,3 auf 7,7 (auf einer Skala von eins bis zehn) gestiegen sei, hat mich der Vortrag insgesamt nicht überzeugt.

Ausgezeichnet hingegen war der folgende Auftritt von Prof. Dr. Bernhard Badura. Menschlich angesprochen hat mich u. a. seine Bemerkung hinsichtlich der Übertragbarkeit wissenschaftlicher Theorien: Es gibt viele tolle Theorien, aber immer besteht die Gefahr, dass die Dinge in der Praxis ganz anders aussehen.

Prof. Dr. Bernhard Badura

Nach einen kurzen Einblick in den fundamentalen Wandel der Arbeitswelt, der im Wesentlichen durch die Trends von der Hand- zur Kopfarbeit sowie von der Fremd- zur Selbstorganisation bestimmt sei, warf er die Frage auf, ob es „krankhafte bzw. -machende Organisationen“ gäbe? Schließlich seien vertrauensvolle Kooperationen und psychische Gesundheit zentrale Erfolgsfaktoren. Auch die heute immer stärker geforderte Selbstorganisation könne zwar intrinsische Motivation wecken, setze diese aber auch voraus. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen gelebter Unternehmenskultur und dem Ausmaß depressiver Verstimmungen unter den Mitarbeitern. Da Menschen wertegetrieben seien, schaffe ein Bewusstsein über diese Werte in der Regel Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft. Es scheint demnach wichtig zu sein, die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Arbeit beantworten zu können.

Vieles von dem, was Prof. Badura berichtete, war mir u. a. bereits aus seinen Vorträgen bekannt, die man z. B. bei YouTube findet. Etwas überrascht hat mich aber die Aussage, dass Fehlzeiten in der Regel nur schwach mit dem tatsächlichen Krankenstand korrelieren. Mit anderen Worten bedeutet das, dass die Menschen ihrer Arbeit nicht unbedingt aus gesundheitlichen Gründen fernbleiben. Auf der anderen Seite entstehen den Unternehmen hohe Kosten vor allem aufgrund eines Phänomens, das als Präsentismus bezeichnet wird. Gemeint ist das Verhalten von Arbeitnehmern, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen bzw. deren Einschränkung hinsichtlich der Arbeitsproduktivität aufgrund vorhandener Leistungsdefizite, die auf gesundheitliche Beschwerden zurückzuführen sind. In einer Untersuchung an 12.397 Beschäftigten der Firma Dow Chemicals konnte aufgezeigt werden, dass diese Kosten pro Mitarbeiter ein Zehnfaches gegenüber jenen betrugen, die durch Fehlzeiten bedingt waren. Allerdings führen nicht nur psychische Erkrankungen (die z. B. nach dem ICD-10 diagnostiziert werden) zu erheblichen Einbußen, sondern vor allem bereits leichtere Beeinträchtigungen (bei eigentlich vorhandener Leistungsfähigkeit). Beispiele hierfür sind Schlafstörungen (32%), Erschöpfung/Ausgebranntsein (28%), Nervosität/Gereiztheit (25%), niedergedrückte Stimmung (13%) sowie Angstzustände (7%).

Als wichtigsten Gesundheitsfaktor benannte er schließlich die Vorgesetzten. Bei diesen sei vor allem ein Umsetzungs- und seltener ein Kenntnisdefizit feststellbar. Viele Führungskräfte seien heutzutage verunsichert, da sie Angst haben, das Falsche zu tun. Diese Sorge ist, wie ich finde, allerdings nicht ungefährlich, da sie zur Handlungsunfähigkeit und damit zu Defiziten im Führungsverhalten führen kann. Meiner Ansicht nach gibt es gerade im zwischenmenschlichen Bereich ohnehin kein Richtig oder Falsch, sondern nur mehr oder weniger Hilfreiches. Um Unternehmen aber gezielt unterstützen zu können, etwas für die (psychische) Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu tun, ist es vor allem wichtig, zuvor eine gute Diagnose zu erstellen. Hierbei kann die Unterstützung von Fachleuten (z. B. Psychologen) sinnvoll sein, da sie aufgrund ihrer Außenperspektive weniger dazu neigen, einer eventuell vorherrschenden Betriebsblindheit zu unterliegen, und sie mittels einer systematischen Anwendung entsprechender Diagnosetools (z. B. Mitarbeiterbefragungen) Belastungsfaktoren unbefangener zu benennen in der Lage sind. Im Dialog mit den Führungskräften sowie unter Berücksichtigung der jeweiligen Unternehmenskultur ließen sich dann ggf. eher geeignete Maßnahmen ableiten, die zu einer Steigerung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit der Belegschaft führen.

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So funktioniert „psychische Gesundheit“ in Hamburg!

Sie sind psychisch erkrankt bzw. fühlen sich irgendwie „neben der Spur“, haben Freunde oder Angehörige, denen es so ergeht, und suchen fachlichen Rat oder Hilfe? Auf der Webseite www.psychenet.de wurde ein Portal eingerichtet, das umfangreiche Informationen (nicht nur für Hamburger) bereitstellt und m. E. in diesem Bereich absolut vorbildlich ist!

Was ist psychenet?

Mehr als 60 namhafte wissenschaftliche und medizinische Einrichtungen, Beratungsstellen, Unternehmen, Betroffenen- und Angehörigenverbänden sowie der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg und die Handelskammer Hamburg haben sich in der Region Hamburg zu einem Netzwerk formiert, das an wegweisenden Versorgungsmodellen arbeitet. Ziel ist es, die Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern.

Woran erkenne ich eine psychische Störung und wie gehe ich damit um?

Bereits auf der Startseite wird deutlich, dass sich dieses Projekt vor allem um die Belange und Sorgen der Betroffenen (und deren Angehörige) kümmert. Unter den kurzen Selbstaussagen einiger Patienten (z.B. „Jeder spricht doch mal mit sich selbst. Aber nicht jeder hört dabei Stimmen.“) finden sich Links zu Seiten, auf denen das jeweils entsprechende Störungsbild (Psychosen, Depression, Burnout, Bipolare Störungen, Panik, Soziale Phobie, Generalisierte Angst, Somatoforme Störungen, Magersucht, Bulimie) mittels einer Audiodatei kurz skizziert wird und dazugehörige Kurzinformationen abgerufen werden können. Diese beinhalten verständlich aufbereitete (wissenschaftliche) Definitionen, Erläuterungen zu möglichen Verläufen, Grundlegendes zu den Entstehungsmodellen sowie Tipps zur Vorbeugung, zum Erkennen der Störung und Empfehlungen geeigneter Behandlungsmöglichkeiten. Abgerundet wird dies durch nützliche Ratschläge für Freunde und Angehörige sowie durch einige hilfreiche Links.

Besonders eindrucksvoll sind die (vier) verschiedenen Kurzfilme, die im Rahmen der Medienkampagne „Aufmerksamkeit statt Stigma und Wissen statt Angst“ produziert wurden, einer Gemeinschaftsarbeit von Betroffenen, Angehörigen und Profis in Kooperation mit der Werbeagentur Heye & Partner, der Filmproduktionsfirma BLM, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem gemeinnützigen Verein Irre menschlich Hamburg e.V.:

Klicken Sie einfach mit Ihrer Maus auf einen der folgenden Begriffe, um sich den entsprechenden Film anzusehen: DepressionBipolare StörungPsychoseEssstörung.

Interessant sind zudem die Ergebnisse einer Online-Befragung aus dem Jahr 2013, bei der die Antworten von 493 Betroffenen und 185 Angehörigen zur der Frage, welche Entscheidungen im Verlauf psychischer Erkrankungen wichtig sind, ausgewertet wurden. Diese Ergebnisse finden Sie hier.

Des Weiteren werden auf dem Portal viele nützliche Hilfestellungen angeboten, wenn sich bspw. (nach oder während einer psychischen Erkrankung) die Frage stellt, ob und wie eine Rückkehr zur Arbeit erfolgen sollte. Hier gelangen Sie zur Übersicht.

Welche Ziele hat psychenet?

Das Hamburger Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lösungen für Versorgungsprobleme von Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihren Angehörigen zu erarbeiten und deren Nutzen wissenschaftlich zu untersuchen. Die psychische Gesundheit der Hamburger Bevölkerung soll durch klar formulierte Ziele in den folgenden Bereichen gefördert werden:

  • Aufklärung und Bildung
  • Krankheitsübergreifende Prävention
  • Verbesserung der Diagnostik, Indikationsstellung und Therapie
  • Stärkung der Betroffenen und Angehörigen
  • Neue Strukturen in der Versorgung

Weitere Informationen zu den fünf Arbeitsschwerpunkten finden Sie hier.

Sie möchten sich gern einen persönlichen Eindruck machen oder mehr über die Arbeit von psychenet erfahren? Am 29./30. Juni 2015 findet in der Handelskammer Hamburg das 4. psychenet-Symposium mit dem Titel „Vier Jahre Umsetzung und Begleitforschung in der Gesundheitsregion Hamburg“ statt. Zur Anmeldung gelangen Sie hier.

Mein Fazit? Ein großartiges Konzept, das an Professionalität und Nutzen kaum zu übertreffen ist! Überzeugen Sie sich selbst.

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Wenn das Leid zu groß für eine Lösung ist…

Im Dialog mit Günter G. Bamberger, Autor des Buches „Lösungsorientierte Beratung“:

Die Lösungsorientierung gehört seit vielen Jahren zu den Standards in Therapie, Beratung und Coaching und wird gern als eine Art Allheilmittel betrachtet. Das lösungsorientierte oder -fokussierte Vorgehen erscheint unmittelbar plausibel und besticht vor allem durch seine Einfachheit. Dass es so gut funktioniert und warum es das tut, lässt sich u. a. durch die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung (vor allem mit dem Prinzip der Neuroplastizität) gut erklären.

Manfred Evertz

Doch wie ist es um die Anwendbarkeit lösungsorientierter Fragetechniken bestellt, wenn Menschen sich noch allzu sehr in einer sogenannten „Problemtrance“ befinden? Manche Klienten benötigen eine ganze Weile, bevor sie sich für eine lösungs- und ressourcenorientierte Vorgehensweise öffnen können. Der Grund dafür ist das starke Bedürfnis, in dem eigenen Leid wahrgenommen zu werden bzw. Mitgefühl zu erfahren. Natürlich sollte jeder dort „abgeholt“ werden, wo er sich gerade befindet. Geht man zu schnell in die Lösungsorientierung (z. B. indem man zum Beispiel die berühmte Wunderfrage stellt), kann das dazu führen, dass die Betroffenen sich nicht ernst genommen fühlen und sich enttäuscht abwenden.

In dem Buch „Lösungsorientierte Beratung“ geht Günter G. Bamberger unter anderem der Frage nach, was einen Klienten zum Klienten macht bzw. wann „Klienten“ keine Klienten (im Sinne lösungsorientierter Beratung) sind… Er stellt in diesem Zusammenhang drei „Typen“ vor, wobei er sich auf die Arbeiten von Steve de Shazer bezieht. Auf zwei davon werde ich hier kurz eingehen:

1. „Klagende“ sind demnach „Klienten“, deren Hauptanliegen es ist, andere Personen oder äußere Umstände für ihr Leid verantwortlich zu machen, also (an-)zu „(-)klagen“, und die keine Verantwortung übernehmen und sich dementsprechend auch nicht „verändern“ wollen bzw. keinen Grund dafür sehen. Für diese (zunächst) „(Nicht-)Klienten“ werden nun lösungsorientierte Fragen vorgeschlagen, mittels derer sie zu „richtigen“ Klienten werden, d.h. durch die sie für eine zielorientierte Zusammenarbeit geöffnet werden können. Hierbei geht es um eine Umfokussierung von der „Suche nach einem Schuldigen“ hin zu einer Wahrnehmung und Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten, also um die Übernahme von mehr Selbstverantwortung. Die in dem Buch vorgeschlagene Vorgehensweise ist in der Regel zielführend, das zeigen zumindest meine Erfahrungen.

2. „Leidende“ werden als Menschen beschrieben, die bei der Beschreibung ihrer Probleme stets vage bleiben und oftmals von einem Thema zum anderen springen. Hierbei ist eine starke emotionale Verankerung der Probleme deutlich spürbar, ebenso wie eine bedrückende Einsamkeit der Betroffenen. Ihnen scheint es in erster Linie darum zu gehen, Anteilnahme und Mitleid (also Aufmerksamkeit und Zuwendung) zu bekommen, anstatt eine Lösung zu finden. Der Autor rät dazu, sich zunächst mitfühlend zu zeigen und dann eine Skala einzuführen, die das Ausmaß des empfundenen Leids beschreibt (von 1 bis 10). Die angeführte Skala ist zwar ein nützliches Instrument, um dem Berater oder Coach anzuzeigen, wie groß der Schmerz ist, und sie kann dabei helfen, den Grad einer erhofften Besserung zu benennen, sie löst aber das Problem zunächst einmal nicht. Das aus der menschlichen Grunderfahrung der „Verbundenheit“ heraus entstandene Urvertrauen und die damit verknüpfte Lebensakzeptanz können so sehr beeinträchtigt sein, dass solche Fragetechniken allein nicht ausreichen, um wirkungsvoll zu helfen. Die durch gewisse Erlebnisse herbeigeführten Persönlichkeitsveränderungen bzw. emotionalen Verletzungen können so gravierend sein, dass das Finden einer Lösungsvision für die Klienten unmöglich erscheint. Kommt die Lösungsorientierung hier also an ihre Grenzen?

Manfred Evertz

Sobald ein Mensch erkennt, welche Ressourcen und Potentiale in ihm vorhanden sind und wie er diese erfolgreich leben bzw. für sich nutzen kann, entsteht die Möglichkeit, sich für einen neuen Weg zu entscheiden, selbst wenn diese „Entscheidung“ etwas mehr Zeit beansprucht. Doch wann ist die „richtige“ Zeit dafür? Und welche Möglichkeiten hat ein Berater, diesen Weg mit dem Klienten gemeinsam so abzukürzen, dass dieser nicht vorher in seinem Leid „untergeht“? Gibt es hierfür lösungsorientierte Techniken oder sind andere Methoden in solchen Fällen vielleicht wirkungsvoller? Und wenn ja, welche sind das? „Nur“ klientenzentriert zu arbeiten, scheint in manchen Fällen nicht auszureichen… Wichtig scheint mir noch der Hinweis darauf, dass es Menschen gibt, die sich noch in dem besagten Stadium (des „Leidens“) bzw. im „stuck state“ befinden, obwohl sie bereits (erfolglos) eine Therapie gemacht haben. Sich darauf zu beschränken, eine solche zu empfehlen, ist also (leider) nicht immer zielführend.

Günter G. Bamberger:

„Lieber Herr Müller, jeder von uns hat ja eine ganz individuelle Entwicklung durchlaufen, ganz einzigartige Erfahrungen gemacht und damit ein ganz spezifisches Weltbild entwickelt. In der Begegnung mit Klienten – wiederum mit ihren ganz eigenen Geschichten – wird es wichtig sein, sich auf diese mit Sicherheit ganz anderen Welten einlassen zu können. Insofern bin ich dankbar, wenn ich durch kollegialen Erfahrungsaustausch die Möglichkeit erhalte, an anderen Erfahrungen teilnehmen zu können und sie mit meinen bisherigen Erfahrungen abzugleichen – sei es im Sinne von Akkommodation, Assimilation oder wie immer man solche Teilhabe durch Verbundenheit auch immer beschreiben mag. Ich erlebe in solchen offenen kollegialen Diskussionen ein Sich-umeinander-Kümmern. Danke!

Manfred Evertz

Beispielsweise bin ich jetzt noch nachdenklicher geworden, was die „Klassifizierung“ von Klienten betrifft – und vor allem, wie die „Leidenden“ beschrieben sind. Es täte mir sehr leid, wenn ein Klient im Gespräch mit mir das Gefühl hätte, dass er nur willkommen ist, wenn er optimistisch in die Zukunft schaut und voller Selbstwirksamkeit auch gleich die Ärmel hochkrempelt … In der großen Mehrzahl kommen Klienten mit einer großen Erfahrung an Leid – und wollen in diesem Leid gesehen und (!) in ihrer Auseinandersetzung damit gewürdigt werden. In solch einer ersten Begegnung sind nicht Lösungsvisionen angesagt, vielmehr geht es um Mit-Leid, um Mit-Gefühl, um Verbundenheit…

Jetzt höre ich die Frage: „Und wie geht es nach diesem Mit-Leiden und dieser „Compassion“ (Tania Singer macht sich für diesen Begriff sehr stark) – bevor man darin „untergeht“ – weiter?“ Welche Techniken und Methoden ermöglichen vielleicht doch eine „Abkürzung“? Ja, wenn es passend erscheint, mag eine Skalierungsfrage ein möglicher erster Schritt sein. Vielleicht auch einfach eine Berührung. Vielleicht … Ich denke, in solchen Situation ist ein sensibles Hinhören, eine tiefe Eingelassenheit auf den Klienten wichtig. Ich konnte bislang fast immer die Erfahrung machen, dass er auf seine Art auszudrücken versteht, was er braucht. Und wenn ich glaube, etwas in dieser Richtung verstanden zu haben, dann kann ich nachfragen, ob es vielleicht so ist, dass … usw. Ich versuche einfach nachzuspüren. Dabei lasse ich mich von einer Welt- bzw. Beratungs-Sicht leiten, die Luc Isebaert in der Zeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ (2012, Heft 3) so beschrieben hat: „Jede Therapie ist Selbsttherapie. Ein Klient, der in die Therapie kommt, will unerwünschte Gewohnheiten ändern. Man kann nur sich selbst ändern – nur der Klient kann also die therapeutische Arbeit leisten. Dies ist seine Aufgabe. Aufgabe des Therapeuten ist es – zusammen mit dem Klienten – den Kontext zu schaffen, in dem es für diesen einfacher sein wird, die erwünschten Änderungen durchzuführen. Diese Änderungen betreffen den Umgang mit sich selbst und mit der Realität. Bestimmte Aspekte der Realität kann man ändern, andere nicht. In der Therapie hilft man den Klienten zu ändern, was er ändern will und kann, und zu akzeptieren, was er nicht ändern kann.“

Aber: Um die Mitarbeit am Kontext zu beginnen, brauche ich den Auftrag des Klienten, zum Beispiel indem er sich aus der inneren Betrachtung seines Problems zu lösen beginnt, den Kopf anhebt, Augenkontakt sucht … Vielleicht ist dann für den Berater sogar der Zeitpunkt gekommen, um von einer besonderen „Technik“ zu erzählen … Man hört, liest und sieht ja viele neue Ideen … Klopfen, EMDR usw. Ich selbst schätze ganz besonders die Kooperation mit den Ressourcen des Klienten …

Herzliche Grüße aus Tübingen!
Günter G. Bamberger“

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Literatur:

  • Günter G. Bamberger (2010). Lösungsorientierte Beratung. Praxishandbuch (4. vollst. überarbeitete Auflage). Beltz Verlag (Weinheim, Basel).

Die Webseite von Günter G. Bamberger (Dipl.-Psych./Coach) finden Sie hier.