Burnout – Interview mit Prof. Dr. Matthias Burisch

Als ich anfing, mich dafür zu interessieren, was Burnout eigentlich genau ist, entdeckte ich die ersten Texte und das 7-Phasen-Modell von Prof. Dr. Matthias Burisch. Eine differenziertere Darstellung konnte ich nicht finden. In fachlicher Hinsicht war ich also sofort begeistert. Nachdem ich mich intensiver damit beschäftigte, kam ich zu dem Schluss, dass ich es hier mit einem Menschen zu tun habe, der sich nicht (wie viele es tun) aus monetären Gründen damit auseinandersetzt. Nein, ich spürte, dass er irgendeinen persönlichen Bezug dazu haben muss. Sein Buch „Das Burnout-Syndrom“ (Rezension) ist jedenfalls das beste Fachbuch, das mir in diesem Zusammenhang bekannt ist. Leider aber ist es eben doch in erster Linie ein Fachbuch und somit Nicht-Psychologen nur bedingt zu empfehlen. Selbst habe ich einige Wochen benötigt, um es konzentriert durchzuarbeiten… Heute arbeitet Prof. Dr. Matthias Burisch als Berater, Trainer und Coach für Psychologen und Führungskräfte (Burnout-Institut Norddeutschland, Bind).

Prof. Dr. Matthias Burisch

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Nun habe ich erfahren, dass er ein neues Werk speziell für Betroffene geschrieben hat, das voraussichtlich im September erscheinen wird. Daraufhin hatte ich die Idee, ein paar Fragen an ihn zu richten. Seine Antworten können Sie nun hier lesen.

Mögen Sie erklären, wie Sie auf die Idee gekommen sind, sich mit dem Thema „Burnout“ zu befassen? Haben Sie ggf. eigene Erfahrungen damit? Was hat Ihnen persönlich am meisten dabei geholfen, sich wieder aufzurichten?

M. B.: „Ich habe Burnout in drei klassischen Rollen des Universitätsbetriebs kennen gelernt: Als Forscher, als Hochschullehrer, als Administrator. Beobachten konnte ich darüber hinaus Studenten, die innerhalb Wochen abbauten. Musterschüler auf ihren Gymnasien, die aber mit der neuen Freiheit, sich Ziele zu setzen, nicht zurecht kamen. Oder Studentenvertreter, wohl eher der Typ Schulsprecher, die schnell resignierten, wenn sie nicht mehr verleugnen konnten, dass ihr Klientel ausschließlich an Klausuren-Kopien interessiert war, nicht an Hochschulpolitik oder gar strukturellen Veränderungen. Beides war glücklicherweise nicht mein Schicksal.

Ich selbst hatte mir, in der Rolle des Nachwuchs-Forschers, für meine Dissertation ein Himalaya-Projekt gewählt. Das Ding ging natürlich schief. Der Fall, den ich in meinem neuen Buch (S. 69) skizziert habe — das war natürlich ich. Ich habe bis Mitternacht in meinem Büro gesessen und aus dem Fenster gestarrt, war völlig blockiert. Burnout #1.

Burnout #2 begann, als ich, nach ungefähr 10 Jahren, meine Lehrveranstaltungen runderneuert hatte. Das hatte viel Arbeit gekostet, und so hegte ich denn die Erwartung, ohne dass mir das bewusst gewesen wäre, meine Studenten würden nun ebenfalls ihren Arbeitseinsatz erhöhen, mit größtmöglicher Begeisterung selbstverständlich. Wie es weiterging, können Sie sich ausmalen. Für ein paar Jahre bin ich meinem Job nur sehr säuerlich nachgegangen, habe überlegt, ihn ganz aufzugeben.

Um die Jahrtausendwende, da war mein erstes Buch längst fertig, bin ich dann ein drittes Mal in eine Falle getappt, sehenden Auges, aber eben doch. An meinem Fachbereich, den ich nun mal als meine berufliche Heimat betrachtet habe, ließ sich eine Führungskrise nur dadurch beenden, dass die Dekanats-Funktion auf vier Personen aufgeteilt wurde. Das Puzzle ging nur dann auf, wenn ich den Studiendekan machte, für drei Jahre. Das war ein Himmelfahrtskommando, speziell zu den damaligen turbulenten Zeiten; meiner Nachfolgerin erging es nicht viel besser als mir. Vor allem aber fehlten mir zu der Aufgabe alle Voraussetzungen, insbesondere die Lust. Es war ein reines Pflichtprogramm, an dem nichts, aber auch gar nichts Spaß machte. Verbittert hat mich in diesen Jahren am stärksten die Gleichgültigkeit und Ignoranz der meisten Kollegen, die weiter vor sich hin wurschtelten und quengelten, während wir im Dekanat alle Hände voll damit zu tun hatten, den Fachbereich umzubauen und permanent Feuerchen zu löschen. Das Tagesgeschäft war natürlich parallel auch noch zu erledigen.“

Gibt es etwas, das Sie aus Ihren eigenen Erfahrungen gelernt haben bzw. worauf Sie nun bei sich achten?

M. B.: „Tja, was habe ich daraus gelernt? Ich überlege es mir viel sorgfältiger, bevor ich mich in Situationen begebe, die sich zu Fallen entwickeln könnten. Natürlich ist das viel leichter, seitdem ich im Ruhestand bin. Wie Sie an Geschichte #3 ablesen konnten, hat es mich nicht geschützt, dass ich über Burnout nun wirklich gründlich nachgedacht hatte. Bei der rückblickenden Verarbeitung, beim Wiederaufrichten, wie Sie das genannt haben, war es aber sicher hilfreich, die Geschehnisse einordnen zu können.

Nach wie vor wird in den Medien sehr viel über das Thema berichtet. Manchmal scheint es so, als wären die Veränderungen der modernen Arbeitswelt (Informatisierung, Subjektivierung, Akzeleration etc.) dafür verantwortlich, dass der Burnout zu einer Art Volksseuche oder auch (wie Kritiker sagen) Modeerscheinung geworden ist. Irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Wahrheit…?

Na ja, Burnout ist ja im letzten Jahr schon ein paar Mal totgesagt worden, der Medien-Hype hat halt Gegenreaktionen ausgelöst. Man konnte das Wort nicht mehr hören. Die Praktiker in den Organisationen, soweit sie ehrlich sind, haben aber immer gewusst, dass das Phänomen, um das es geht, damit nicht ausgestorben ist. Andererseits: Die aussagekräftigsten Zahlen, die ich kenne, lassen mich vermuten, dass etwa 10% der erwachsenen deutschen Bevölkerung sich als ausgebrannt empfinden. Das heißt aber ja auch, dass 90% das Gefühl haben, ihr Leben einigermaßen im Griff zu haben.“

Was ist ein bzw. was verstehen Sie unter einem „Organizational Burnout“?

M. B.: „Der Erfinder hat sich den Begriff patentieren lassen, ich habe sein Buch aber nicht gelesen. Immerhin: Schon eine ganz frühe Fallstudie aus dem Jahre 1953, die überhaupt noch nicht von Burnout spricht, schildert einige Wochen aus dem Leben einer Krankenschwester und analysiert sehr hellsichtig, wie sich auf einer amerikanischen Psychiatriestation aus scheinbar trivialen Startereignissen vielerlei Teufelskreise, innerhalb des Personals und zwischen Personal und Patientenschaft, aufschaukeln. Ein noch einfacheres Beispiel ist die „Ansteckung“, die passieren kann, wenn ein ausbrennender Mitarbeiter ganz oder teilweise ausfällt. Normalerweise müssen dann ja die Kollegen seine Arbeit mit erledigen, was in der Regel die Arbeitsfreude nicht gerade fördert.“

Wie können Unternehmen diesem Phänomen Ihrer Meinung nach am wirkungsvollsten entgegenwirken?

M. B.: „Es muss zu den Spielregeln gehören, dass man über Missstände und ungelöste Probleme offen reden darf, und zwar über Hierarchieebenen hinweg. Wo dafür das Vertrauen fehlt, entsteht leicht eine Problemblindheit, die sich zu einer Lösungsblindheit weiter entwickeln kann. Das führt dann zu einem kollektiven Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit. Dann ist Burnout nicht mehr weit. Dagegen hilft am besten regelmäßige offene Kommunikation.“

Welche Rolle spielen die Führungskräfte dabei? Wie können sie sich selbst und ihre Mitarbeiter am ehesten vor einem Burnout bewahren?

M. B.: „Die Führungskräfte setzen nun einmal die Normen, wie kommuniziert wird. Jede und jeder Vorgesetzte sollte sich klar machen, dass Vertrauen erarbeitet werden muss. Misstrauen kann man sehr schnell schaffen, bei Vertrauen ist das anders.“

In der einschlägigen Literatur findet man immer wieder das sogenannte „Burnout-Rad“, das den Prozess der Erkrankung (nach dem Modell von Freudenberger) in verschiedene Phasen aufteilt und dazu verwendet wird, Führungskräften Ratschläge an die Hand zu geben, wie diese mit betroffenen Mitarbeitern umgehen sollten. Was halten Sie von dem Modell bzw. von einer solchen Anwendung?

M. B.: „Ich kenne das Rad, habe aber meine Zweifel, ob die graphische Anordnung von Freudenberger selbst stammt. Die lädt nämlich zu dem Missverständnis ein, dass auf die Phase 12 wieder die Phase 1 folgt, und das ist nun wirklich Unsinn. Zweitens glaube ich auf keinen Fall, dass die Phasen so trennscharf abgrenzbar sind, dass man daraus Handlungsempfehlungen ableiten könnte. Ich habe ja einmal ein eigenes 7-Phasen-Modell beschrieben, aber immer betont, dass die Übergänge fließend sind, Phasen auch übersprungen werden können und nicht zwingend in fester Reihenfolge durchlaufen werden. Drittens, und da sind wir wieder beim Thema Vertrauen, rate ich Führungskräften im Umgang mit eventuell betroffenen Mitarbeitern zu Fingerspitzengefühl. Wer redet schon freiwillig über persönliche Probleme mit seinem Chef? In dem Augenblick, wo die Arbeitsfähigkeit einer Einheit gefährdet ist oder Ansteckung droht, muss natürlich eingegriffen werden. Auf unserer Website (unter BURNOUT-SERVICE) ist ein Leitfaden für Führungskräfte zu finden, in dem Hilfestellungen gegeben werden, wie man so ein Fürsorge-Gespräch anbahnt und durchführt. „

Lassen Sie uns nun einmal über die Betroffenen selbst sprechen… Woran bemerke ich, ob ich mich in einer einfachen Überforderungssituation befinde oder bereits gefährdet bin, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln?

M. B.: „Momentane Überforderungen lösen Stress aus, aber der wird im Normalfall ganz gut bewältigt. Erst wenn Stress chronisch wird und das Gefühl von Hilflosigkeit oder gar Hoffnungslosigkeit sich breit macht — ich nenne das Stress II. Ordnung —, beginnen Burnout-Prozesse. Eine Faustregel sieht den Startpunkt da, wo der Feierabend, das Wochenende oder gar der Urlaub nicht mehr zur Erholung ausreicht. Zugegeben, eine weiche Regel.“

Können Sie einen Selbsttest empfehlen, der frei im Internet zugänglich ist?

M. B.: „Unser Hamburger Burnout-Inventar (HBI) steht kostenpflichtig auf unserer Website www.burnout-institut.eu; eine Kurzform davon gibt es gratis auf www.cconsult.info/selbsttest/burnout-test.html, allerdings ist dort die Auswertung sehr spartanisch. Das HBI ist m. W. der einzige deutsche Fragebogen, der nach den Regeln der Testtheorie evaluiert ist und auch noch Normen besitzt.“

Was ist der Unterschied zu einer herkömmlichen Depression?

Elisabeth Naomi Reuter

M. B.: „Auch die Depression ist ja keineswegs etwas Einheitliches, zudem bis heute ziemlich Rätselhaftes. Man weiß heute viel mehr, was man alles nicht weiß. Dass es mithilfe der Diagnoseschlüssel nicht allzu schwer ist, verschiedene Schweregrade zu unterscheiden, täuscht darüber hinweg. Die Symptome und die erforderlichen Mindestanzahlen und –dauern sind nämlich ziemlich willkürlich. Übrigens überlappen sich die Symptomlisten beträchtlich. Symptomatisch lässt sich ein fortgeschrittener Fall von Burnout von einer schweren Depression nicht mehr unterscheiden. Der Unterschied liegt in der Entstehungsgeschichte. Burnout ist nichts Rätselhaftes; Ausbrenner haben Probleme, mit denen sie erfolglos kämpfen oder gekämpft haben, die aber prinzipiell lösbar sind. Depressive leiden an Unabänderlichem, oft Unerklärlichem.“

Warum spielt diese Unterscheidung eine so entscheidende Rolle für den Erfolg einer Therapie?

M. B.: „Psychotherapie halte ich bei Burnout für gar nicht einmal so oft angezeigt. Speziell da, wo die Auslöser „außen“ liegen, also z. B. in einer subjektiv hoffnungslosen Arbeits- oder Beziehungssituation sind eher Sozialarbeiter, Betriebsräte, vielleicht auch Rechtsanwälte gefragt als psychologische oder gar medizinische Therapeuten. Wenn die Falle äußerlich liegt, soll sie auch außen aufgelöst werden. Anders sieht es aus, wenn der Stress hausgemacht ist, die Falle also „innen“ liegt. Sehr oft haben Betroffene viel zu hohe Ansprüche an sich und andere. Was ich oben über meine Geschichte erzählt habe, liefert ja Anschauungsmaterial. Solchen Menschen kann man über ein Coaching meist gut helfen, sich aus ihren Fallen zu befreien. Beide Ansätze würden bei Depressiven ins Leere laufen.“

Gibt es etwas, das Sie jenen Menschen mitteilen möchten, die sich selbst hohen psychischen Belastungen ausgesetzt fühlen und teilweise bereits Symptome klinischer Störungsbilder aufweisen (z. B. Schlafstörungen, Grübelschleifen, Ängste etc.)?

M. B.: „Ich kenne nur zwei universell brauchbare Tipps für solche Fälle: Nimm dir Zeit und denke nach! Und wenn das nicht hilft: Bleib mit deinem Problem nicht allein! Vielleicht wird sich dabei herausstellen, dass du dich mit etwas abfinden musst. Dann: Gelassen abfinden! Meist lässt sich aber doch etwas tun, innen oder außen. Dann: Mutig anpacken! Hauptsache: In die Aktion kommen! Grübeln bringt‘s nicht.“

In „Dr. Burischs Burnout-Kur – für alle Fälle“, das gerade beim Springer-Verlag erschienen ist, beschäftigen Sie sich sehr viel ausführlicher mit dieser Frage und erläutern, wie man sich (mit oder ohne professionelle Unterstützung) helfen (lassen) und künftig vielleicht davor bewahren kann. Dieses „Arbeitsbuch“ ist m. E. eine großartige Hilfe für alle, die gefährdet oder bereits betroffen sind.

Rezensionen der beiden Bücher von Prof. Dr. Matthias Burisch:

Kontakt:

Prof. Dr. Matthias Burisch, Burnout-Institut Norddeutschland (Bind), Klevendeicher Chaussee 7, D-25436 Moorrege, Deutschland

www.burnout-institut.eu

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Verbittert, ausgebrannt oder „nur“ depressiv?

Ein böses Wort, eine ungerechte Beurteilung durch den Vorgesetzten oder ein energischer Streit mit dem Kollegen lassen sich in der Regel irgendwie ertragen. Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens sehr unterschiedliche Strategien, um mit Konflikten, Ausgrenzungen, Herabwürdigungen oder Schikanierungen im Berufsleben umzugehen. Die Resilienzforschung liefert inzwischen etliche Hinweise darauf, welche Faktoren dafür sorgen, dass viele Menschen es trotz solcher Widrigkeiten schaffen, gesund zu bleiben. Manchmal gelingt das jedoch nicht. Führt eine Kränkung zu einer tiefen Verletzung oder werden stetige Anfeindungen zur extremen Belastung, kann die Psyche erheblichen Schaden nehmen. Depressionen sowie Angst- und Anpassungsstörungen werden seit einigen Jahren immer häufiger diagnostiziert und auch psychosomatische Erkrankungen sind weit verbreitet. Die Betroffenen fallen dann oftmals für eine längere Zeit aus, werden behandelt und wieder eingegliedert – oftmals mit Erfolg. Nicht immer jedoch führen die therapeutischen und betrieblichen Maßnahmen zu dem gewünschten Ergebnis. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass nicht jede Störung richtig erkannt und dementsprechend am Problem vorbei interveniert wird. Gerade wenn es um psychische Belastungen und ihre Auswirkungen geht, wird viel spekuliert und gemutmaßt. Obwohl zumindest einige Erkrankungen inzwischen weitestgehend enttabuisiert und sogar entsprechende Gesetze zum Schutz der Mitarbeiter erlassen wurden, liegt noch vieles im Argen.

Doch Veränderungen führen zu Widerstand, auch im Gesundheitsbereich. Aktuell entfacht die geplante Neuauflage des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) eine heftige Diskussion in der Öffentlichkeit, da einige der angedachten Veränderungen stark in die Kritik geraten sind. Das wohl bekannteste Beispiel ist, dass man ihr zufolge bereits eine psychische Erkrankung aufweist, wenn man länger als drei Wochen um den Verlust eines geliebten Menschen trauert, was dann eine Therapie rechtfertigt. Kritiker sehen hierin die Gefahr einer Pathologisierung normaler menschlicher Gefühle. In diesem Zusammenhang wird zudem immer wieder betont, dass es „psychische Erkrankungen“ gibt, die kein Mensch braucht… Natürlich „brauchen“ wir keine Krankheiten, auch keine psychischen! Allerdings entscheidet eine gute und treffsichere Diagnose auch über den Erfolg einer eventuell notwendigen Behandlung. Zwei Beispiele, die in diesem Zusammenhang eine besondere Erwähnung verdienen, möchte ich im Folgenden einmal aufgreifen: Das Burnout-Syndrom und die posttraumatische Verbitterungsstörung.

Ist Burnout nur eine Modeerscheinung?

Gerade das Thema „Burnout“ wurde zu einem großen Hype, der zurzeit allerdings gerade wieder etwas abflacht. Letztendlich handelt es sich angeblich ja doch „nur“ um eine Erschöpfungsdepression, die den Betroffenen den Ruf verleiht, DIE LEISTUNGSTRÄGER unserer Gesellschaft zu sein. Es wird viel Geld damit verdient, Unternehmen dahingehend zu beraten, wie sie präventiv dagegen vorgehen und ihre Mitarbeiter vor einer langfristigen Krankschreibung bewahren können. Dass dabei auch viel Unsinn gemacht wird und falsche Annahmen über dieses Phänomen weit verbreitet sind, wird schnell deutlich, wenn man sich eingehender mit der Thematik befasst. Wer dies tun möchte, dem sei das bereits 1989 und nun in der 5. Auflage erschienene Buch von Prof. Dr. Matthias Burisch „Das Burnout-Syndrom“ empfohlen, das einen sehr fundierten Überblick über den aktuellen Forschungsstand gewährt sowie alles Wissenswerte über dieses komplexe Störungsbild beinhaltet. Insbesondere ätiologische Aspekte, die im ICD-10 (International Classification of Diseases) nicht berücksichtigt werden, spielen bei der Unterscheidung zu anderen Krankheiten eine wesentliche Rolle und geben Hinweise, worauf eine therapeutische Behandlung abzielen sollte. Obwohl anzunehmen ist, dass dieses Störungsbild weit verbreitet ist, taucht es dort bislang lediglich als Zusatzdiagnose (Z73.0) mit der lapidaren Erläuterung „Zustand der totalen Erschöpfung“ auf. Die Unterschiede zu einer Depression sind aber beachtlich: Während sich die Auslöser bei depressiven Menschen oftmals schwer finden lassen, sind sie beim Burnout relativ klar ersichtlich. Ausbrenner (vor allem im Endzustand) kämpfen und neigen dazu, Ihre Kräfte zu überschätzen. Depressive tendieren eher zu Resignation und Selbstunterschätzung. Zwar hegen auch die „Selbstverbrenner“ oftmals fundamentale Grundannahmen, die zu selbstschädigendem Verhalten führen, wie zum Beispiel jene, keine Fehler machen zu dürfen. Diese lassen sich allerdings vergleichsweise schnell ausfindig machen und können dann entsprechend modifiziert werden. Überwiegen hingegen äußere Faktoren, ist eine Veränderung der Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen – anstatt einer Therapie – das Mittel der Wahl. Während bei Depressiven die Emotionen Melancholie und Trauer vorherrschen, sind es bei Burnout Wut und Angst, die sich auf diese Weise vermindern oder sogar auflösen lassen.

Das verbitterte Streben nach Vergeltung

Auf eine andere psychische Erkrankung, die laut ICD-10 (noch) keine ist – bzw. lediglich unter F43.8 als „sonstige Reaktion auf schwere Belastung“ (vgl. auch „Anpassungsstörung“) erfasst wird – und die zuletzt in einem Artikel des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL in die Kritik geraten ist, möchte ich etwas ausführlicher eingehen. Sie ist nicht so bekannt, deshalb aber nicht weniger bedeutsam: die (posttraumatische) Verbitterungsstörung.

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Wird die von einem Mitarbeiter erbrachte Leistung nicht wertgeschätzt oder anerkannt, kann dies leicht zu einem Motivationsverlust führen oder dazu, dass dieser sich künftig weniger stark engagiert. Wer eine solche Erfahrung wiederholt macht, resigniert oder kündigt innerlich. Wertschätzung und Anerkennung für eine erbrachte Leistung zu erfahren, ist zwar wünschenswert, leider jedoch nicht selbstverständlich. Dennoch gelingt es den meisten Menschen, Strategien zu entwickeln, damit umzugehen. Werden durch eine Kritik oder Herabwürdigung jedoch fundamentale Grundannahmen erschüttert, die das Selbstbild und die Lebensleistung in Frage stellen, kann das schwerwiegende Folgen für das seelische Gleichgewicht haben und Verbitterung mit suizidalen Tendenzen und/oder ausgeprägten Rachegelüsten auslösen. Dabei wird die willentlich zugefügte Ungerechtigkeit als schwere Aggression erlebt und der Gerechte-Welt-Glaube im Sinne M. J. Lerners – also die generalisierte Erwartung, dass Menschen im Leben dasjenige bekommen, was sie verdienen – erschüttert.

Im Rahmen der beruflichen Wiedereingliederung psychisch schwer oder chronisch erkrankter Menschen habe ich regelmäßig mit Klienten gearbeitet, die durch eine (dauerhafte) Konfliktsituation am Arbeitsplatz psychisch stark belastet waren und zu ausgeprägten Rachefantasien mit selbstzerstörerischen Tendenzen neigten. Aus den mir vorliegenden Gutachten ging in der Regel hervor, dass diese Menschen an einer Depression oder einer Anpassungsstörung litten bzw. sie eine psychische Minderbelastbarkeit aufweisen, die in vielen Fällen bereits ohne oder mit nur mäßigem Erfolg therapeutisch behandelt wurde. Meine eigenen Beobachtungen ließen sich mit diesen Diagnosen aber nur teilweise in Übereinstimmung bringen. In dem Buch „Mobbing. Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen“ fasst Dr. Peter Teuschel seine Erfahrungen mit Betroffenen in einer Art Typologie zusammen, die als Heuristik dienen soll, um in der Beratung auf bestimmte Besonderheiten schnell und kompetent reagieren zu können. Die sechs von ihm beschriebenen Typen beruhen auf empirischen Beobachtungen aus seiner langjährigen Praxis als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Trotz der vorgenommenen Reduktion auf einige wenige Verhaltensaspekte, entdeckte ich dabei einen Typ, der deutliche Parallelen zu dem aufwies, was ich bei jenen meiner Klienten wahrnehmen konnte, die besonders schwierig bzw. konfliktträchtig zu sein schienen: Der „unermüdliche Kämpfer“ zeichnet sich ihm zufolge durch eine vordergründige Zugewandtheit und Freundlichkeit aus, ist aber im Wesen eher distanziert und unkorrigierbar. Ihm geht es in erster Linie darum, den Gegner bzw. den ‚Mobbing-Täter‘ (auch mittels der Inanspruchnahme äußerer Instanzen, wie z.B. Gerichten) besiegen zu wollen, um auf diesem Wege Gerechtigkeit zu erfahren, ohne dabei allerdings Rücksicht auf die eigene Gesundheit zu nehmen, was nicht selten zu Erschöpfungszuständen führt. Ursächlich für dieses Verhaltensmuster ist eine tiefe seelische Verletzung, hervorgerufen durch systematische Ausgrenzung oder Schikanierung, die sich dann in einer Art Gegenaggression äußert und die sich am besten durch den Begriff der Verbitterung beschreiben lässt. Auffällig ist, dass es vielen Betroffenen schwerfällt, sich der Unangemessenheit ihrer Empfindungen und Reaktionen bewusst zu werden, obwohl sich diese ganz offensichtlich dysfunktional auswirken und die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Dass auch gesunde bzw. stabile Persönlichkeiten unter den Belastungen einer anhaltenden Mobbingsituation psychisch und körperlich erkranken können, ist inzwischen erwiesen. Diese lässt sich also als ein den Beginn der Krankheit herbeiführendes „außergewöhnliches Lebensereignis“ betrachten, vor allem dann, wenn die Betroffenen zuvor keine psychischen Auffälligkeiten zeigten. Der Zusammenhang zwischen ihrer aktuellen psychischen Befindlichkeit und diesen Ereignissen ist den Betroffenen offenkundig. In Gesprächen berichten sie immer wieder von empfundenen Ungerechtigkeiten und wirken emotional erregt, wenn sie an ihre Erlebnisse erinnert werden. Ob es sich nun um eine einzelne, besonders schmerzliche (wie bei einer PTED), oder um viele kleine traumatisierende Erfahrungen handelt, die das Leid bzw. die Verbitterung hervorgerufen haben, ist eigentlich unerheblich. Folgende Symptome sind in beiden Fällen besonders häufig:

  • Die Patienten betrachten sich selbst als Opfer und sind hilflos, mit dem Ereignis oder den Folgen umzugehen.
  • Die Patienten geben sich selbst die Schuld für dieses Ereignis bzw. werfen sich vor, diesem nicht wirkungsvoll begegnet zu sein bzw. es nicht abgewendet zu haben oder nicht adäquat damit umgehen zu können.
  • Die Patienten berichten über intrusive Erinnerungen an das kritische Ereignis. Es kann sein, dass sie denken, es wäre wichtig, nicht zu vergessen, was man ihnen angetan hat.
  • Die Patienten äußern Gedanken, dass es eigentlich inzwischen egal ist, wie es ihnen geht, und sie wirken unsicher, ob sie überhaupt wollen, dass ihre Wunden heilen.
  • Manche Patienten äußern Suizidgedanken.
  • Begleitende Gefühle können sein: Dysphorie (Missstimmung), Aggressivität, Niedergeschlagenheit, die einer melancholischen, depressiven Verfassung (mit psychosomatischen Syndromen) ähnelt.
  • Die Patienten weisen eine Reihe unspezifischer somatischer Symptome auf, wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Schmerzen.
  • Die Patienten können Ängste (bzw. phobische Symptome) äußern, bezogen auf die Orte oder Personen, die mit diesem Ereignis in Verbindung stehen.
  • Der Antrieb ist reduziert oder blockiert. Die Patienten erleben sich selbst nicht als antriebsschwach, sondern eher als wenig motiviert, sich selbst noch weiter anzutreiben.
  • Die Emotionsregulierung ist nicht beeinträchtigt. Die Patienten können normale Gefühle zeigen (und empfinden), wenn sie abgelenkt sind oder sogar lächeln, wenn sie sich mit Rachegedanken beschäftigen.

Dauern diese Symptome länger als drei Monate an und sind sie klinisch bedeutsam, wären damit jene Kriterien erfüllt, die die Diagnose einer (posttraumatischen) Verbitterungsstörung rechtfertigen. Prof. Dr. Michael Linden, ärztlicher Direktor des Reha-Zentrums Teltow, stellt fest, dass es bemerkenswert sei, „dass Verbitterung trotz der eindeutig pathologischen Wertigkeit bislang in der Forschung nahezu keine Berücksichtigung gefunden hat. Ein Grund dafür könnte sein, dass Verbitterung immer mit einem externen Stimulus assoziiert ist, weshalb die Betroffenen ebenso wie die Umwelt den Affekt als scheinbar „gerechtfertigt“ erleben und das Pathologische der Reaktion nicht […] erkannt wird“, was dann aufgrund der resignativ-aggressiv-abwehrenden Grundhaltung auch die Behandlung erschwert. Das wohl berühmteste Beispiel aus der Literatur zu diesem Thema ist die Geschichte des Michael Koolhaas von Heinrich von Kleist. Der Kritik einiger Wissenschaftler, dass die PTED bislang nur bei Patienten untersucht wurde, die auch andere psychische Erkrankungen aufwiesen, ließe sich entgegnen, dass die entsprechenden diagnostischen Kriterien sich mit dieser in vielen Punkten überlappen, sie die gezeigten Symptome allerdings nicht in ihrer Ganzheitlichkeit erfassen, wie es die Verbitterungsstörung oder die PTED täte. Therapeutische Hilfsangebote, die bei anderen Störungsbildern durchaus wirkungsvoll sein können, erreichen diese Patienten oftmals nicht. Aufgrund ihrer ausgeprägten emotionalen Erregbarkeit sind gängige Disputationstechniken, wie sie zum Beispiel bei einer Depression zum Einsatz kommen, wenig zielführend. Die empfundene Ungerechtigkeit und die damit verbundenen Aggressionen lassen es kaum zu, sich den eigenen Erlebnissen rational zu nähern und die eigenen Gefühle in Frage zu stellen, da sie ja berechtigt zu sein scheinen. Eine Methode, mit der sich bei einer Verbitterungsstörung gute Behandlungsergebnisse erzielen lassen, ist nach Prof. Dr. Linden die Weisheitstherapie, bei der „unlösbare Probleme“ vorgestellt und diskutiert werden. Durch die Auseinandersetzung mit entsprechenden Konfliktsituationen, zu denen der Patient eine hinreichende emotionale Distanz hat, können Einsichten und Erkenntnisse gewonnen und diese dann auf die eigene Lebenssituation übertragen werden. Mittels eines mehrfachen Perspektivwechsels werden dabei die Empathiefähigkeit, die Emotionswahrnehmung und -akzeptanz, die Selbstdistanz sowie die Selbst- bzw. Anspruchsrelativierung gefördert. Ergänzt durch werterelativierende und humoristische Elemente kann die Verbitterung auf diese Weise schließlich verarbeitet und die damit verbundene Aggression aufgelöst werden.

Fazit

Die Unterscheidung dieser Krankheitsbilder macht durchaus Sinn. Auch wenn man der zunehmenden Pathologisierung von Gemütszuständen grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen sollte, sind entsprechend differentialdiagnostische Kategorien für den Erfolg einer Therapie von entscheidender Bedeutung. Es macht also sehr wohl einen Unterschied, ob man verbittert, ausgebrannt oder „nur“ depressiv ist.

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Literatur:

  • Baumann, Kai & Linden, Michael. Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie: Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen. Dustri Verlag (2008).
  • Burisch, Matthias. Das Burnout-Syndrom (5. Auflage). Springer Verlag (2014).
  • ICD-10. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision.
  • Linden, Michael. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Fuchs, Thomas & Berger, Mathias. Affektive Störungen. Klinik – Therapie – Perspektiven (Kapitel 8). Schattauer (2013).
  • Teuschel, Peter. Mobbing. Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen. Schattauer (2010).

Wenn die Arbeit Angst macht

Arbeit muss nicht krank machen. In der Regel führt sie sogar zu einem gesunden Selbstbewusstsein und zu psychischer Stabilität. Sich neuen Herausforderungen zu stellen und daran zu wachsen, ist im hohen Maße selbstwertdienlich und stärkt die Persönlichkeit. Dennoch haben wir oftmals Angst. Berufliche Veränderungen, betriebliche Umstrukturierungen, ungewisse Anforderungen, unlösbar wirkende Aufgaben, die Übernahme von großer Verantwortung oder Sorgen um die Zukunft (z. B. aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse) sind mögliche Auslöser. Plötzliche Schwindelgefühle, Schweißausbrüche und Herzrasen sind typische Symptome. Gelegentlich wird auch von Sehstörungen oder einem veränderten Körpergefühl berichtet. Entsteht aus einer Situation heraus das Gefühl, dieser oder sogar dem Leben insgesamt nicht gewachsen zu sein, kann die Psyche enormen Schaden nehmen. Dabei ist es vollkommen normal und in Ordnung, gelegentlich Angst zu empfinden. Sie gehört zur emotionalen Grundausstattung eines jeden Menschen und hat eine wichtige Warnfunktion. Wird sie allerdings übermächtig, kann sie die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen stark beeinträchtigen. Konzentrations- und Denkstörungen sind eine häufige Folge. Im beruflichen Kontext führen Ängste nicht selten zu Fehlleistungen oder zu unüberwindbar erscheinenden Widerständen bis hin zu einem (abrupten) Abbruch des Arbeitsverhältnisses. Da es aber viele wirkungsvolle Methoden gibt, ihnen zu begegnen, muss es nicht soweit kommen. Es macht also Sinn, sich damit zu beschäftigen, was Angst eigentlich ist, wie sie entsteht und wie man sie überwinden kann.

„Ein Feigling ist ein Mensch, bei dem der Selbsterhaltungstrieb normal funktioniert.“ Ambrose Bierce

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Die Annahme, dass der Mensch vor allem ein rationales und vernunftgesteuertes Wesen ist, gilt inzwischen als weitestgehend widerlegt. Den größten Teil unserer Entscheidungen treffen wir unbewusst und emotionsgeleitet. Das menschliche Gehirn besteht entwicklungsgeschichtlich betrachtet aus Regionen, die unterschiedlich alt sind. Der älteste Teil ist das Stammhirn. Es ist für die grundlegenden körperlichen Funktionen zuständig und Hauptsitz unserer Emotionen. In Gefahrensituationen aktiviert es reflexartig Verhaltensmuster (z. B. Kampf oder Flucht) und führt dazu, dass wir sofort und ohne darüber nachdenken zu müssen auf sie reagieren können. Der Forscher Joseph E. LeDoux nennt diesen Prozess „emotionales Prozessieren“. Ihm zufolge ist vor allem die Amygdala dafür zuständig, einen schnellen Abgleich eines Reizes auf Grundlage erlernter Muster vorzunehmen und diesen als „gefährlich“ bzw. „ungefährlich“ einzustufen. Dieser (leider fehleranfällige) Weg, den er „Quick and Dirty“ nennt, dient zur Vorbereitung schneller Reaktionen. Das „kognitive Prozessieren“ ist der zweite Weg, den die Verarbeitung von Reizen durchläuft, und dient der (bewussten) Kontrolle des oben geschilderten Ablaufes. Er ist allerdings zeitaufwendiger, da hierbei sowohl der präfrontale Cortex wie auch der Hippocampus mit einbezogen wird. Beim Erlernen dessen, wovor wir uns fürchten, werden sogenannte emotionale Auslöser etabliert, für die jeweils ein konditioniertes Netz bzw. ein Zellensemble gebildet wird, das dann wie eine „Alarmdatenbank“ funktioniert. Die Emotionstheorie von António R. Damásio geht noch einen Schritt weiter und postuliert einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Geist und Körper. Sogenannte somatische Marker bewirken die Bewertung von Vorhersagen und dienen u. a. als „Alarmglocken“. Emotionen rufen ihm zufolge nicht nur eine für den auslösenden Reiz spezifische Verhaltensreaktion hervor, sie versetzen den Körper z.B. durch Hormonausschüttung gleichzeitig in die Lage, eine entsprechende Reaktion auszuführen. Angst sorgt z. B. über den Fluchtimpuls hinaus für eine erhöhte Blutzufuhr in den beteiligten Muskelgruppen. Neben den neuroendokrinen Prozessen verändert sie zusätzlich die Arbeitsweise des Gehirns (nach Schleicher, 2009). Der Organismus wird dadurch in eine Art Erregungszustand versetzt, um schnell und effektiv reagieren zu können. Bewirken die dann ausgelösten Reaktionen allerdings keine spürbare Veränderung der Situation bzw. ihrer Bewertungen, können sich diese Prozesse so weit hochschaukeln, dass die Betroffenen sich handlungsunfähig und der Situation hilflos ausgeliefert fühlen.

Die kognitive Bewertung einer Situation oder eines Reizes ist also für das Entstehen einer Emotion entscheidend, wobei ‚kognitiv‘ nicht unbedingt mit ‚bewusst‘ gleichzusetzen ist. Richard S. Lazarus begreift in seiner Emotionstheorie darunter auch sämtliche subcortikalen Prozesse, wie die ’schnelle Route‘ der Reizverarbeitung bei einer Angstreaktion (vgl. LeDoux). Objektiv identische Situationen werden von verschiedenen Personen individuell erlebt und können so zu unterschiedlichen Gefühlen bzw. Stressniveaus führen. Ihm zufolge lassen sich die mit den menschlichen Emotionen verbundenen persönlichen Vorstellungen und Bedeutungen, die er für das Entscheidende hält, durch eine bloße Reduzierung auf ihre neurophysiologische Aktivität nicht adäquat abbilden. Ein weiterer Forscher, Klaus R. Scherer, unterscheidet in diesem Zusammenhang emotionale Erfahrungen, bewusste Wahrnehmung und Verbalisierbares als die drei Ebenen der Informations- bzw. der Reizverarbeitung. Dass manche („modale“) Emotionen für allgemeingültig gehalten werden, führt er darauf zurück, dass bestimmte Bewertungsmuster gehäuft auftreten, wie zum Beispiel bei der Angst.

„Wer nicht täglich seine Furcht überwindet, hat die Lektion des Lebens nicht gelernt.“ Ralph Waldo Emerson

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Wie Ängste entstehen, zu welchen körperlichen Reaktionen sie führen und wie sie erlebt werden, ist wissenschaftlich bereits gut erforscht. Doch was genau macht den Menschen eigentlich Angst? Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschreibt in seinem Buch „Grundformen der Angst“ vier zentrale Forderungen des Lebens, von denen jeweils zwei miteinander konkurrieren, die zu jeweils spezifischen Verhaltensmustern führen und das seelische Gleichgewicht beeinträchtigen können. Selbstwerdung versus Selbsthingabe ist das erste Spannungsfeld, in dem sich der Mensch bewegt: Je mehr man dem Wunsch (oder der Forderung) nach Selbstwerdung nachkommt und die damit verbundene Angst (Geborgenheitsverlust, Isolierung von der sozialen Gruppe) überwindet (oder verdrängt?), desto größer ist die Gefahr, zu einer schizoiden Persönlichkeit zu werden. Ebenso begegnet dem Menschen der Wunsch nach Hingabe in verschiedenen Formen. Sich zu öffnen bzw. Liebe und Zuneigung zu zeigen, kann aber auch als Bedrohung empfunden werden, da man dadurch leichter verwundbar ist. Die Angst vor der Hingabe ist stets verbunden mit der eines möglichen Ich-Verlustes. Hinzu kommt das Wechselspiel zwischen Beständigkeit und Veränderung: Je mehr wir uns wünschen, etwas festhalten zu können, desto größer wird die Angst vor Veränderung und umso zwanghafter werden wir. Dem gegenüber steht die Angst davor, sich (endgültig) festlegen zu müssen. Je mehr allerdings die unverbindliche Freiheit angestrebt wird, desto größer wird in der Regel die Furcht vor jenen Grenzen und Konsequenzen, die das Leben aufzeigt. Den Annahmen Riemanns zufolge bewegen sich die Menschen in einem Spannungsfeld aus den oben genannten Wünschen und den damit verbundenen Ängsten. Psychische Gesundheit entsteht, wenn sich diese in einem ausgewogenen Verhältnis befinden, und kann erreicht werden, indem man an sich arbeitet, wobei jede Bewältigung einer Angst ein Sieg ist, der das Individuum stärkt, und jedes Ausweichen eine Niederlage, die es schwächt.

In der beruflichen Rehabilitation ist der Umgang mit Angst ein wichtiges Thema. Viele Ängste gehen mit der Entstehung psychischer aber auch körperlicher Erkrankungen einher und erschweren zugleich den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben. Auf die Frage, was ihnen Angst macht, habe ich von meinen Klienten folgende Antworten besonders häufig gehört:

  1. Existenzängste bzw. Angst vor einer ungewissen oder als bedrohlich empfundenen Zukunft
  2. Angst davor, Gewohntes aufgeben zu müssen (z. B. bei sich verändernden Lebensbedingungen oder betrieblichen Umstrukturierungen)
  3. Versagensängste bzw. die Angst, etwas nicht schaffen zu können
  4. Angst vor Entlarvung bzw. die Angst davor, dass jemand merkt, „was mit mir los ist“
  5. Angst vor Verantwortung bzw. dieser nicht gerecht zu werden
  6. Angst davor, nicht gut (Arbeitsqualität) oder schnell (Arbeitstempo) genug zu sein
  7. Angst vor Ablehnung durch andere Menschen und vor Konflikten sowie davor, sich nicht durchsetzen zu können

Diese Ängste sind eine große Belastung für die Betroffenen und sie wirken sich in vielfacher Hinsicht negativ aus. In einer aktuellen Studie von Eldar Shafir et al. wurde z. B. festgestellt, dass Fehlentscheidungen allein schon durch Geldsorgen begünstigt werden. Wie es erst ist, wenn man von Existenzängsten geplagt wird, lässt sich wohl vermuten…

„Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von der Furcht.“ Walther Rathenau

Edgar Piel

Im Rahmen der Psychotherapie affektiver Störungen wird findet neben einer systematischen Desensibilisierung, in der die Patienten schrittweise mit immer angstauslösenderen Reizen oder Vorstellungen konfrontiert werden, vor allem die Methode der kognitiven Umstrukturierung Anwendung. Bekannt gewordene Beispiele sind das ABC-Modell von Albert Ellis sowie die Disputationstechniken zur Veränderung dysfunktionaler Annahmen in der Kognitiven Therapie von Aaron T. Beck. In beiden Ansätzen wird davon ausgegangen, dass es nicht die Dinge oder Ereignisse selbst sind (A = activating events), die Angst und negative Gefühle (C = consequences) auslösen, sondern die Gedanken, die die Menschen sich darüber machen (B = beliefs). Das Grundprinzip ist es, furchteinflößende Gedanken durch solche zu ersetzen, die eine positivere bzw. konstruktivere Sichtweise erlauben und somit zu einer Linderung der Angst beitragen. In der kognitiven Verhaltenstherapie wird oftmals mit einer Art Tagebuch gearbeitet, in dem sogenannte automatische Gedanken zunächst benannt, dann in ihrer Wirkungsweise auf die Befindlichkeit der Betroffenen analysiert und anschließend durch alternative Gedanken mit dem Ziel ersetzt werden, alltägliche Situationen besser zu bewältigen, ohne sich dabei in unheilvolle Gefühle zu verstricken. Die Veränderung der Gedanken soll schließlich dazu führen, angstfördernde Verhaltens- und Denkmuster aufzulösen. Da das aber einfacher klingt, als es ist, ist es ratsam, sich (wenigstens) bei der ersten Anwendung dieser Methoden professionell unterstützen zu lassen.

„Schrittweises Zurückweichen ist oft schlimmer als der Sturz.“ Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Psychotherapeutische Hilfe ist ratsam, wenn man zum Beispiel über 50 Prozent des Tages über seine Ängste nachdenkt oder es nicht mehr schafft, sie aus eigener Kraft zu überwinden, wenn sie dazu führen, dass man das eigene Leben bzw. wichtige Entscheidungen maßgeblich nach ihnen ausrichtet, und Probleme in der Partnerschaft bzw. Ehe sowie im Berufsleben durch sie entstehen oder sie sogar Suizidgedanken auslösen. Aber nicht jede Angst muss therapeutisch behandelt werden. Einfache Techniken können gerade zu Beginn einer drohenden Angststörung dazu beitragen, die Lebensqualität erheblich zu verbessern und die eigene Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Tipp 1: Seien Sie ehrlich zu sich selbst!

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Der erste Schritt, Ängsten wirkungsvoll zu begegnen, besteht darin, sich diese einzugestehen. Verdrängt man sie, wirken sie aus dem Unbewussten weiter. Weicht man ihnen aus, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich auf weitere Bereiche ausdehnen. Ratsam ist es, für eine gewisse Zeit eine Art Tagebuch zu führen, in dem man genau festhält, was einem Angst macht. Jedes Unbehagen und jede Sorge sollte dort eingetragen, benannt und hinterfragt werden. Auf diese Weise bekommt man einen Überblick darüber, was genau in welchen Situationen Angst auslöst. Große und unüberwindbar erscheinende Ängste können mit der von Albert Ellis vorgeschlagenen Methode der Zergliederung, die bereits aus der Antike bekannt ist, zunächst in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden. Dadurch kann das Bewusstsein entstehen, dass eine Situation weniger bedrohlich ist, als sie es bislang zu sein schien. Die Neigung, Meinungen und Fakten miteinander im Gefühlschaos zu vermengen, betrachtet Ellis als eine der Hauptursachen dafür, dass es Menschen oftmals schwer fällt, sich in angstauslösenden Situationen angemessen zu verhalten. Ihm zufolge sollten sich die Betroffenen stets fragen, was genau es ist und welche eventuellen Konsequenzen es im Einzelnen sind, die die Furcht bedingen? Manchmal ist es dabei hilfreich, (im entspannten Zustand) zuvor die Frage zu beantworten, was denn im schlimmsten Falle passieren könne, sich also ein Worst-Case-Szenario auszumalen und es dann zu zergliedern.

Tipp 2: Entwickeln Sie den Mut, Ihrer Angst zu begegnen!

Auflösen kann man die Angst nur, indem man sich ihr stellt. Das Gefühl der Hilflosigkeit kann dadurch überwunden und der eigene Handlungsspielraum erweitert werden. Ratsam ist es, schrittweise dabei vorzugehen und geduldig mit sich zu sein. Zunächst sollte man sich also bewusst solchen Situationen aussetzen, die nur etwas Angst machen, um zu erleben, dass man die Stärke hat, diese erfolgreich zu bewältigen, und sich auf diesem Wege Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen. Erlebt man dabei Rückschläge, sollte sich vergegenwärtigt werden, dass es immer wieder gute und schlechtere Tage gibt. Wichtig ist es, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern lieber rasch einen erneuten Versuch zu wagen, die entsprechende Situation zu meistern, und sich die Erlaubnis zu erteilen, auf Erfolge stolz zu sein bzw. sich über das Gelungene freuen zu dürfen.

Tipp 3: Entspannen Sie sich!

Da es unmöglich ist, gleichzeitig entspannt zu sein und Angst zu empfinden, ist es sinnvoll, Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson oder das autogene Training nach Johannes Heinrich Schultz zu erlernen und im Bedarfsfall anzuwenden. Da von vielen Klienten berichtet wird, dass sie die Angst körperlich unter ihrem Brustkorb spüren, kann es mitunter schon helfen, mehrfach hintereinander so tief einzuatmen, dass sich die entsprechende Region bei jedem Atemzug etwas wölbt. Dem Gefühl der Beklemmung kann so auf einfache Weise entgegengewirkt werden. Eine weitere Möglichkeit ist es, sich entspannt hinzusetzen und dann zehnmal tief durch die Nase einzuatmen und die Luft aus dem Mund ausströmen zu lassen. Dabei sollte sich lediglich auf die Atmung konzentriert werden. Während dieser Übung sollten (ähnlich wie beim Meditieren) intrusive Gedanken nicht „festgehalten“, sondern umgehend wieder losgelassen werden. Wenn Ängste spürbar werden, ist es also hilfreich, sich zunächst für einen Moment zurückzuziehen und Ruhe zu finden, um dann konstruktiv und überlegt mit der Situation umzugehen bzw. um Fehler und Kurzschlusshandlungen zu vermeiden.

Tipp 4: Distanzieren Sie sich von Ihren Ängsten!

Es lohnt sich nicht, ständig darüber nachzudenken, was einem Angst macht. Sinnvoller und zielführender ist es, die Gedanken auf das zu richten, was man erreichen oder erleben möchte und wie das zu schaffen ist. Angst ist lediglich ein vorübergehendes Gefühl, das überwunden werden kann. Dessen sollte man sich stets bewusst sein. Um die Kontrolle wiederzuerlangen, sind sogenannte Distanzierungs- oder Dezentrierungstechniken hilfreich, wie die vielzitierte 5-4-3-2-1-Übung oder zum Beispiel jene vier, die in dem Buch „Krisencoaching“ von Ralph Schlieper-Damrich beschrieben werden: (1) Beim „Rollentausch“ versetzen sich die Betroffenen in die Rolle einer ihnen vertrauten und wohlgesonnenen Person und beantworten sich die Frage, was sie aus dessen Sicht in der entsprechenden Situation benötigen würden, um weniger Angst empfinden zu müssen. (2) Bei der „Zeitmaschinenarbeit“ wird das angstauslösende Ereignis so betrachtet, als läge es einige Jahre zurück und hätte bereits an Bedeutung und Aktualität verloren. (3) Das „Zaubergeschäft“ dient vor allem der Aktivierung von Ressourcen und stellt die Frage, welche drei Aspekte ihrer Persönlichkeit die Betroffenen gern gegen welche neuen Eigenschaften oder Fähigkeiten eintauschen möchten. (4) In der „Kino- oder Lebensfilmmetapher“ stellen sich die Betroffenen die angstmachende Situation wie einen Film vor und kommentieren die „gelungene“ Dramaturgie humorvoll, um so eine neue Sichtweise zu entwickeln.

Tipp 5: Bewegen Sie sich!

So banal es auch klingen mag, regelmäßige (moderate) Bewegung reduziert die Wahrscheinlichkeit enorm, eine Angststörung zu entwickeln, auch wenn der erhöhte Pulsschlag und der schnellere Atem im ersten Augenblick vielleicht an eine aufkommende Angst erinnern und somit als unangenehm oder bedrohlich empfunden werden. Berühmtheit bei der Behandlung affektiver Störungen hat zum Beispiel der sogenannte „Gesundheitsmarsch“ erlangt, also der tägliche Spaziergang an der frischen Luft, der seit langer Zeit zu den therapeutischen Standardinterventionen gehört.

„Wer nicht täglich seine Furcht überwindet, hat die Lektion des Lebens nicht gelernt.“ Ralph Waldo Emerson

Der berühmte Kloß im Hals macht also niemanden zum Versager. Ängste sind unsere natürlichen Begleiter, auch in der Arbeitswelt. Es ist aber ratsam, sich mit Ihnen auseinanderzusetzen, um angemessen mit ihnen umzugehen und sie auflösen zu können. Neue Herausforderungen und berufliche Veränderungen ermöglichen es den Menschen dann, über sich selbst hinauszuwachsen, auch wenn ihnen dabei manchmal Angst und Bange ist.

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Literatur:

  • Damásio, António R.. Ich fühle, also bin ich – Die Entschlüsselung des Bewusstseins. List (2000).
  • Edmund Jacobson (Übersetzung von Karin Wirth). Entspannung als Therapie. Progressive Relaxation in Theorie und Praxis. 7. Auflage. Klett-Cotta (1990).
  • Ellis, Albert & Hoellen, Burkhard. Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie – Reflexionen und Neubestimmungen. 2. Auflage. Klett-Cotta (2004)
  • Knecht, Tobias. Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus. Grin Verlag (2013).
  • LeDoux, Joseph E. & Trunk, Christoph. Das Netz der Persönlichkeit. Wie unser Selbst entsteht. Patmos (2003).
  • Mullainathan, S., Shafir, E. & Freytag, C.. Knappheit: Was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben. Campus Verlag (2013).
  • Riemann, Fritz. Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag (1996).
  • Scherer, K. R., Shorr, A., & Johnstone, T. (Ed.). Appraisal processes in emotion: theory, methods, research . Oxford University Press (2001).
  • Schleicher, Robert. Emotionen & Peripherphysiologie. Papst Science Publishers (2009).
  • Schlieper-Damrich, Ralph (Hrsg.). Krisencoaching. Den Brüchen im Leben kraftvoll trotzen. managerSeminare Verlags GmbH (2013).
  • Schultz, Johannes Heinrich. Das original Übungsheft für das autogene Training. Anleitung vom Begründer der Selbstentspannung. 24. Auflage. TRIAS (2004).

Der Mythos von der (ewig) stabilen Persönlichkeit

„Als Geschäftsführer im Consulting-Bereich ist es für mich eigentlich nicht vorstellbar, mit Kollegen zu arbeiten, die unter einer psychischen Erkrankung leiden. Unsere Mitarbeiter beraten Unternehmen meist in exponierter Position, meist auch teilweise oder dauerhaft vor Ort. Von daher ist eine stabile Persönlichkeit Grundvoraussetzung für den Job.“

Manfred Evertz

Unternehmen sind daran interessiert, ihre vakanten Positionen so zu besetzen, dass die neuen Mitarbeiter mit den auf sie wartenden Herausforderungen gut zurechtkommen. Dabei ist neben der Qualifikation eines Bewerbers dessen charakterliche Struktur ein wichtiges Auswahlkriterium. Allerdings können auch vermeintlich gefestigte Persönlichkeiten, von denen man es nicht erwarten würde, durch eine Belastungs- oder Krisensituation in ein seelisches Ungleichgewicht geraten und psychisch erkranken. Es gehört zur menschlichen Natur, gelegentlich Leid, Schmerz, Trauer und Ärger etc. zu empfinden und damit umzugehen. Das Berufsleben ist aber mehr denn je durch ständige Veränderungen und Umbrüche gekennzeichnet, die – wenn man darauf nicht vorbereitet ist – als belastend empfunden werden bzw. zu seelischen Qualen und Verhaltensauffälligkeiten führen können. Die weit verbreitete Haltung, dass psychisch erkrankte Mitarbeiter für ein Unternehmen nicht tragbar sind, führt in der Regel lediglich dazu, dass Betroffene sich darum bemühen, diese solange zu verschweigen, bis der Leidensdruck übermächtig wird und zu langen Krankschreibungen führt. Neben den somatoformen Störungen, bei denen der Körper mit Symptomen auf psychische Belastungen reagiert, über die man dann viel leichter sprechen kann, oftmals allerdings ohne sich der seelischen Komponente bewusst zu sein, sind vor allem Angststörungen und Depressionen weit verbreitet. Da beide Erkrankungen nach wie vor mit einem Stigma versehen sind, werden Ängste in der Regel verschwiegen und Depressionen heutzutage lieber als „Burnout“ bezeichnet. Beides birgt die Gefahr, dass die dann notwendigen Schritte (wie z. B. das Aufsuchen eines Therapeuten) viel zu spät eingeleitet werden.

„Es ist besser auszubrennen als zu verblassen.“ Kurt Cobain

Edgar Piel

Ist „Burnout“ also nur ein Modebegriff? In dem Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“ fasst Stephan Grunewald die Ergebnisse von tausenden psychologischen Tiefeninterviews zusammen, die das rheingold institut in den vergangenen Jahren durchgeführt hat. Dem zufolge sind eine notorische Unruhe und Rastlosigkeit sowie ein sich immer weiter steigernder Effizienzwahn wesentliche Merkmale unserer Gesellschaft, in der ein Burnout wie eine Tapferkeitsmedaille stolz auf der Brust getragen wird. Schließlich kann ja nur ausbrennen und sich damit „schmücken“, der einmal für etwas „gebrannt“ und sich über seine Kräfte hinaus dafür engagiert hat?! Bereits 1974 wurde der Begriff durch den amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger im Zusammenhang mit einem Überengagement von Helfern in der psychosozialen Versorgung öffentlich bekannt. Als eine gesellschaftliche Ursache benennt er den rapiden gesellschaftlichen Wandel, die Auflösung alter Strukturen und Tabus, den zunehmendem Hedonismus, die fortschreitende Trennung zwischen Arbeit und Beruf sowie den Verlust von sozialen Bindungen, was zu einem Klima der Verunsicherung führt, in dem sich das Phänomen des Ausbrennens entwickeln kann (Freudenberger und Richelson, 1980).

Eine anfänglich typische Müdigkeit mündet häufig in Versuchen diese durch Gleichgültigkeit und Zynismus zu kompensieren. Schlaf- und Konzentrationsstörungen treten vermehrt auf und es werden Anstrengungen unternommen, die dadurch entstehenden Fehl- oder Minderleistungen durch längere Arbeitszeiten auszugleichen. Schon 1994 betrachtete Prof. Dr. Matthias Burisch Autonomieeinbußen in misslingenden Auseinandersetzungen des Individuums mit seiner Umwelt bzw. die durch die innere Repräsentation solcher „gestörter“ Interaktionen sowie das Scheitern bei ihrer Bewältigung als eine der wesentlichen Ursachen für einen Burnout. Die Betroffenen wirken dann auffällig ungeduldig und reizbar, sie entwickeln psychosomatische Beschwerden und nicht selten eine schwere Depression.

Obwohl „Burnout“ laut dem ICD-10 (noch) keine anerkannte psychische Erkrankung ist, wird im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements viel dafür getan, die Mitarbeiter davor zu schützen. Im Internet kursieren zahlreiche Checklisten und Tests, anhand derer man die eigene Betroffenheit einschätzen kann, die aber (auch aufgrund der Uneinheitlichkeit des Konzeptes) zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Zudem gibt es etliche „Helfer“, die ihre Dienste anbieten, und unzählige Aus- und Weiterbildungen zum Burnout-Berater von teilweise sehr fragwürdiger Qualität. Wichtig zu wissen ist, dass eine kleine Auszeit bzw. ein Urlaub, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen sowie ein Herunterdrosseln der Arbeitsbelastung bei einer Erschöpfungsreaktion sicher hilfreich sind, bei einer Depression jedoch für sich genommen nicht die erwünschte Wirkung erzielen. Deshalb ist es wichtig, sich fachkundigen Rat einzuholen, sollten sich entsprechende Symptome zeigen.

„Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht.“ Jean Paul Sartre

Der Wunsch, unbedingt erfolgreich sein zu sein wollen, kann zudem dazu führen, dass der Schutzmechanismus der Angst davor, berufsbedingte Erfordernisse nicht erfüllen zu können bzw. den damit verbundenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, ausgehebelt wird und die Menschen über ihre (Belastungs-)Grenzen hinausgehen. Ist diese Angst aber erst einmal da, unabhängig davon, ob sie „begründet“ ist, verändert sie die Wahrnehmung und das Verhalten der Betroffenen. Wird ihnen keine Gelegenheit gegeben, über ihre Sorgen zu sprechen, werden sie verdrängt und wirken als abgespaltene Persönlichkeitsanteile aus dem Unterbewusstsein mittels kaum noch berechenbarer Abwehrstrategien weiter. Das kann zu Katastrophisierungen oder zu unüberwindbaren Widerständen gegenüber gegebenen Anforderungen führen. Überraschende Kündigungen von Führungskräften oder Leistungsträgern sind dann eine der möglichen Folgen.

Elisabeth Naomi Reuter

Welchen Ängsten Arbeitskräfte ausgesetzt sind, wird regelmäßig in zahlreichen Studien untersucht, wie z. B. in der von Mozy, einem Online-Backup-Lösungsanbieter, bei 550 IT-Entscheider und 1.250 Büroangestellte aus den USA und fünf Ländern in Europa befragt wurden (Mai 2013). Hiernach sind vor allem die Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes (23%), vor Präsentationen (15%) oder davor, von niemandem gemocht zu werden (14%), weit verbreitet. Laut des Edenred-Ipsos-Barometers, bei dem 7.200 Arbeitnehmer aus sechs europäischen Ländern befragt wurden, gaben 44 Prozent an, dass ein gesichertes Arbeitsverhältnis ihre größte berufliche Sorge sei. Existenzängste und die grundlegenden Merkmale einer sozialen Phobie sind also häufiger anzutreffen, als man es gern wahrhaben möchte. Hinzu kommt die weit verbreitete Angst vor dem eigenen Versagen, die – je höher die Anforderungen und die Verantwortung sind – umso massiver werden kann und von der in wirtschaftlich unsicheren Zeiten vor allem Führungskräfte betroffen sind. Aber auch Veränderungen und betriebliche Umstrukturierungen erzeugen oftmals Angst, da liebgewonnene Gewohnheiten und Vertrautes aufgegeben werden müssen, wodurch in vielen Fällen Unsicherheit oder Frustration entsteht. Der dadurch ausgelöste innere Widerstand zeigt sich dann häufig in einem feindseligen oder aggressiven Verhalten. Vor allem auffällig heftige emotionale Reaktionen von Mitarbeitern deuten darauf hin, dass Neuerungen als bedrohlich empfunden werden.

Ängste gehören jedoch zum menschlichen Repertoire und haben eine wichtige Warnfunktion für den Organismus. Ab einem gewissen Grad wirken sie sich aber dysfunktional aus und können die Handlungsfähigkeit der Betroffenen so sehr einschränken bzw. einen so großen Leidensdruck erzeugen, dass es ratsam ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denkt man zum Beispiel über 50 Prozent des Tages über seine Ängste nach oder schafft es nicht mehr, sie aus eigener Kraft zu überwinden, führen sie dazu, dass man das eigene Leben bzw. wichtige Entscheidungen maßgeblich nach ihnen ausrichtet, entstehen durch sie Probleme in der Partnerschaft bzw. Ehe oder ernsthafte Schwierigkeiten, berufliche Aufgaben zu erfüllen, oder lösen sie sogar Suizidgedanken aus, ist eine therapeutische Unterstützung geboten, um sie aufzulösen. Oftmals ist es aber schon hilfreich, die verborgenen Ursachen der Ängste und Unsicherheiten bereits in ihren Anfängen in einem Gespräch zu erhellen. Geduld ist hierbei angezeigt und es ist ratsam, das Wort „Angst“ durch „Sorgen“ zu ersetzen, da die meisten Menschen eher zugeben, dass sie sich über etwas Gedanken machen, als dass sie ängstlich sind. Geht man davon aus, dass Ängste durch eine (möglicherweise) inadäquate Bewältigung von Belastungssituationen entstehen, können Fragen nützlich sein, die eine Realitätsüberprüfung im Sinne einer Entkatastrophisierung oder Konkretisierung ermöglichen bzw. die auf dahinterliegende Ressourcen oder Chancen aufmerksam machen oder die angstauslösenden Aspekte relativieren bzw. es den Betroffenen erlauben, eine gesunde emotionale Distanz zu wahren.

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Literatur:

  • Burisch, Matthias (2014). Das Burnout-Syndrom (5. Auflage). Springer Verlag.
  • Burisch, Matthias (1994). Ausgebrannt, verschlissen, durchgerostet. Psychologie heute (September 94), 23-26.
  • Freudenberger, H. J. & Richelson, G. (1980). Burn-Out. The High Cost of High Achievement. Garden City, N.Y.: Anchor Press.
  • Grunewald, Stephan (2013). Die erschöpfte Gesellschaft: Warum Deutschland neu träumen muss. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Das Schwierige im Umgang mit der Depression

Warum Depressionen zu Konflikten führen und wie Unternehmen mit Betroffenen umgehen können…

„Alles im Leben gibt Kund, dass das irdische Glück bestimmt ist, vereitelt oder als eine Illusion erkannt zu werden. Das Leben stellt sich dar als ein fortgesetzter Betrug – im Kleinen wie im Großen. Hat es versprochen, so hält es nicht, es sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswert das Gewünschte war. Unsere Welt ist die schlechteste aller Welten und etwas, das besser nicht sein sollte. Wenn ein Gott solch eine Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein. Ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen.“ Arthur Schopenhauer

Elisabeth Naomi Reuter

Eine Depression ist für diejenigen, die sie nie erlebt haben, schwer zu verstehen. Wie sollten Menschen, die mit ihrem Leben (einigermaßen) zufrieden sind oder die optimistisch und erwartungsvoll in die Zukunft blicken, nachvollziehen können, dass sich überall dort, wo sie Freude und Hoffnung empfinden, für andere nur Schmerz und Unstimmigkeiten zeigen. Seelische Krisen stellen die Betroffenen aber auch deren Umfeld auf eine harte Belastungsprobe. Depressive Menschen werden oftmals als „schwierig“ wahrgenommen und auf ihr Verhalten und Empfinden wird vielerorts mit Unverständnis reagiert, was zu ernsthaften Konflikten führen kann. Die Wahrscheinlichkeit, zumindest einmal im Leben an einer schweren, behandlungsbedürftigen Depression zu leiden, liegt aber laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) bei 15 bis 20 Prozent. Der WHO zufolge leiden ca. 121 Millionen Menschen an dieser Zivilisationskrankheit. Es macht also auch für Unternehmen Sinn, sich damit zu befassen, um jenen Irritationen wirkungsvoll zu begegnen, die depressive Mitarbeiter auslösen können. Die Gesetzgebung hat mit der Aufnahme psychischer Gefährdungen im Gefährdungskatalog nach § 5 ArbSchG jedenfalls inzwischen auf die Zunahme psychischer Erkrankungen reagiert.

Was ist eine Depression?

Die Hauptmerkmale einer Depression sind eine gedrückte Grundstimmung, Interessensverlust (Anhedonie) und eine Verminderung des Antriebs. Zu den Nebensymptomen zählen eine verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, ein mangelndes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, das Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit, eine negative oder pessimistische Sicht auf die Zukunft, Suizidgedanken, Schlafstörungen sowie Appetitlosigkeit. Ob eine Depression als schwer-, mittel- oder leichtgradig betrachtet wird, hängt dem ICD-10 zufolge von der Anzahl der auftretenden Haupt- und Nebensymptome ab. Neben einer Störung des Neurotransmitterhaushaltes (endogene Depression) werden vor allem seelische Verletzungen (reaktive oder neurotische Depression) und besondere Belastungssituationen (Erschöpfungsdepression oder Burnout) für ihr Auftreten verantwortlich gemacht.

Was macht die Depression so schwierig?

Dass Gedanken und Einstellungsmuster die eigene Befindlichkeit beeinflussen und Gefühle (und somit auch eine Depression) auslösen können, ist spätestens seit den Arbeiten der Psychotherapeuten Albert Ellis und Aaron T. Beck bekannt und führte zur sogenannten „kognitiven Wende“ in der Verhaltenstherapie. Klar ist aber auch, dass Stimmungen und Emotionen gleichzeitig einen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Menschen sowie auf dessen Gedanken bzw. Bewertungen haben. So ist eine Fokussierung auf das, was nicht stimmig ist, ein typisches Merkmal depressiver Menschen. Insbesondere Männer neigen auch deshalb oftmals zu einer erhöhten Reizbarkeit, schnellem Aufbrausen und Wutanfällen, Unzufriedenheit mit sich und anderen sowie zu Vorwürfen. Das kann zu erheblichen Problemen im sozialen und beruflichen Umfeld der Betroffenen führen.

Ein interessantes Erklärungsmodell zur möglichen Entstehung bzw. Veranlagung für eine Depression bietet die Transaktionsanalyse. Hier wird davon ausgegangen, dass vielen Menschen bereits in ihrer frühen Kindheit vermittelt wurde, z. B. nicht sein, nicht sie selbst sein, nicht erfolgreich sein oder nicht wichtig sein zu dürfen. Das Selbstwertgefühl entwickelt sich in Abhängigkeit von dem Umfeld, in dem ein Kind aufwächst, und kann unter solchen Umständen massiv beeinträchtigt werden. Häufig wird dazu auch noch „gelernt“, dass negative Gefühle wie Ärger, Enttäuschung oder Traurigkeit nicht erwünscht sind, sie also nicht gezeigt bzw. erlebt werden dürfen und deshalb unterdrückt oder „abgespalten“ werden müssen. Auch die in diesem Modell benannten „inneren Antreiber“ („Sei stark!“, „Sei perfekt!“, „Sei anderen gefällig!“ etc.) werden oftmals zur Erklärung selbstschädigender bzw. dysfunktionaler Gefühls- und Verhaltensmuster herangezogen und lassen z. B. die Entstehung eines Burnouts oder einer Erschöpfungsdepression verständlicher werden. Im Gegensatz dazu steht eines der am häufigsten auftretenden Symptome der Depression: die Antriebslosigkeit, die schnell falsch interpretiert werden und dazu führen kann, dass man den Betroffenen Faulheit oder mangelnde Arbeitsmotivation vorwirft. Muss die Arbeit der Betroffenen dann von Kollegen miterledigt werden, kann dies zu Anfeindungen und/oder sozialer Ächtung führen und den Krankheitsverlauf zunehmend ungünstig beeinflussen.

Edgar Piel

Sigmund Freud stellte Anfang des 20. Jahrhunderts die These auf, dass eine Aggression, die verleugnet oder unterdrückt wird, eine Depression zur Folge haben kann. Ist die Depressionen also die Folge einer seelischen Verletzung, die den Betroffenen von (einem) anderen Menschen zugefügt wurde und wird die Wahrnehmung und Aufarbeitung dieser nicht „zugelassen“, so richtet sie sich als Folge dieser Unterdrückung leicht gegen einen selbst und führt in den meisten Fällen zu ambivalenten Gefühlen und Einstellungen. Unter Zuhilfenahme des Modells des „Inneren Teams“ von Friedemann Schulz von Thun lässt sich erklären, welche Auswirkungen eine solche innere Zerrissenheit haben kann: Die in der Person bestehenden Konflikte entfalten neben ihrer Binnenwirkung (z.B. Energie- und damit Leistungsminderung durch andauerndes Abwägen und Unterdrückung von Verhaltenstendenzen, Kontaktlosigkeit zu bzw. Abspaltung von inneren Anteilen, „Flucht“ in Krankheiten, etc.) immer auch einen Effekt nach außen (z.B. durch widersprüchliche, nebulöse Kommunikation, Sprachlosigkeit, Streitsucht, etc.) und können deshalb zu immer wiederkehrenden Konflikten führen.

Woran erkennt man eine Depression?

Im Rahmen der beruflichen Rehabilitation psychisch erkrankter Menschen werden diese u. a. danach gefragt, woran Außenstehende eine Verschlechterung ihrer Befindlichkeit erkennen können?

Folgende Antworten sind sehr typisch:

  • „Ich werde ruhig und ziehe mich zurück.“
  • „Ich bin oft in Gedanken versunken und wirke geistig abwesend.“
  • „Ich bin dann leicht reizbar und genervt.“
  • „Ich fange grundlos oder wegen Kleinigkeiten an zu weinen.“

Weitere Warnsignale, die auf eine Depression hinweisen können, sind das vermehrte Auftreten von Flüchtigkeitsfehlern aufgrund von Konzentrationsstörungen, damit verbundener Leistungsabfall bzw. eine Verlangsamung des Arbeitstempos, Zerstreutheit und Nervosität, eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit bzw. vermehrte Fehlzeiten sowie regelmäßiger Alkoholkonsum.

Viele Betroffene haben allerdings gelernt, eine Fassade zu wahren und sind bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Ob jemand psychisch erkrankt ist, ist also vor allem im beruflichen Kontext nicht leicht zu erkennen, zumal auch selten offen darüber gesprochen wird, da immer die Gefahr einer Stigmatisierung damit einhergeht: Depressive Menschen gelten als wenig belastbar. Richtig daran ist, dass (berufliche) Überlastungssituationen von vielen Betroffenen oftmals nicht rechtzeitig erkannt oder angesprochen werden, obwohl sie (massive) Ängste bzw. Selbstzweifel auslösen und eine eventuell damit einhergehende Selbstwertproblematik verschärfen können.

Wie kann man den Betroffenen helfen?

„Nichts stimuliert uns so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und die Erfahrung von Liebe. Kern aller Motivation ist es also aus neurobiologischer Sicht, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden oder zu geben.“ Prof. Dr. Joachim Bauer

Manfred Evertz

So schwierig und auswegslos eine Depression auch zu sein scheint, es gibt inzwischen viele bewährte Wege, die einen Menschen dort wieder hinaus führen können. Psychotherapien sowie Antidepressiva sind in vielen Fällen die Mittel der Wahl und gerade in Phasen eines hohen Leidensdrucks angezeigt. Aber auch das Anbieten verlässlicher Beziehungen sowie die Stärkung vorhandener Ressourcen und die Bekräftigung positiver Sicht- und Verhaltensweisen der Betroffenen können helfen, den Leidensdruck zu mindern. Das sanfte Begleiten in die Übernahme von (mehr) Eigenverantwortlichkeit (auch für die eigene Befindlichkeit) und die Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen können ein zerrüttetes Selbstwertgefühl bereits erheblich stabilisieren. Das gilt auch am Arbeitsplatz! Auch wenn eine Führungskraft nicht mit einem Psychotherapeuten zu verwechseln ist, sollte sie sich im Sinne der klientenzentrierten Gesprächsführung (nach Carl Rogers) stets empathisch, wertschätzend und zugleich authentisch bzw. kongruent verhalten, besonders wenn der Betroffene trotz des Risikos einer vermeintlichen Diskriminierung offen über seine Depression spricht. Das Gefühl, „gesehen“ zu werden, stabilisiert und motiviert mehr als alles andere.

Ein vorbehaltloses Verständnis der Führungskraft für die Erkrankung bzw. die Problematik als Grundhaltung ist also hilfreich. Das bedeutet aber nicht, die Betroffenen „mit Samthandschuhen anzufassen“ und jegliches Verhalten zu tolerieren. Klare Absprachen und Strukturen, auf deren Einhaltung geachtet wird, können zur psychischen Stabilisierung beitragen und ermöglichen eine Orientierung. Mitleid oder die Aufforderung, sich „zusammenzureißen“, ist in den meisten Fällen jedoch kontraproduktiv, da beides den Leidensdruck in der Regel nur erhöht. Gerade bei einer bestehenden oder drohenden „Erschöpfungsdepression“ (oder einem Burnout) ist es zudem sinnvoll, die Anforderungen an das temporär verminderte Leistungsvermögen anzupassen, um den Heilungsprozess zu unterstützen und Ausfälle durch Krankschreibungen zu vermeiden bzw. um das entsprechende Risiko zu minimieren. Welche Maßnahmen zielführend sind, sollte in einem konstruktiv und lösungsorientiert geführten Mitarbeitergespräch geklärt werden. Die eingeleiteten Schritte sollten schließlich immer wieder dahingehend überprüft werden, ob und inwieweit sie tatsächlich wirksam sind, wobei aber auf Vorwürfe oder Abmahnungen möglichst zu verzichten ist.

Sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sie bereits gefährdet sind, eine Depression, einen Burnout oder eine Angststörung zu entwickeln, gibt es (kostenlose) Tests, die eine erste Antwort liefern (z. B. auf der Webseite des Pro Psychotherapie e. V.). Eine große Hilfe für viele Betroffene sind Selbsthilfegruppen, die sich leicht über die regionale/örtliche Selbsthilfekontaktstelle finden lassen. Sie bieten vor allem dann Halt und Unterstützung, wenn die Wartezeit auf eine Psychotherapie mehrere Monate beträgt, was in vielen Regionen leider normal ist.

„Das Leben ist auf eine bescheidene Weise sinnvoll, und zwar deshalb, weil dessen Sinnlosigkeit nicht bewiesen ist.“ Albert Ellis

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