Psychotherapie heute – Vision und Realität

Prof. Dr. Josef Aldenhoff sprach auf der Tagung unseres Psychologen-Forums in Regensburg über die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Psychotherapie. In diesem Zusammenhang haben sich bei mir im Nachhinein einige Fragen aufgeworfen, die in dem folgenden Interview diskutiert werden.

Prof. Dr. Josef Aldenhoff: Psychotherapie heute – Vision und Realität

Zitat (aus der Vorankündigung des Vortrags): „Seit den 80-ger Jahren hat sich die psychotherapeutische Landschaft von Grund auf verändert. Statt der Dichotomie zwischen Tiefenpsychologie (inkl. Psychoanalyse) und Verhaltenstherapie steht heute eine Vielzahl von störungsspezifischen, evidenzbasierten Therapien zur Verfügung. Fast jedes psychiatrische Krankheitsbild kann heute ganz, oder in wesentlichen Teilen spezifisch psychotherapeutisch behandelt werden. Diese Situation ist für Patienten wie Therapeuten sehr komfortabel.“

Trotz dieser Vielzahl von störungsspezifischen (evidenzbasierten) Therapien scheint es noch immer eine recht große Gruppe von Patienten zu geben, deren Krankheitsverläufe sich chronifizieren. Als Laie könnte man sich die Frage stellen, woran das liegt? Worin sehen Sie die wesentlichen Gründe hierfür?

Prof. Dr. Josef Aldenhoff

Wir wissen nicht genau, was die Voraussetzungen für Chronifizierung sind. Je allmählicher sich eine Störung entwickelt, desto langsamer wird wahrgenommen, dass etwas nicht stimmt. Und desto länger versuchen die Betroffenen und ihre Umgebung, andere Erklärungen zu finden. So lange nicht klar ist, dass es sich um eine behandlungsbedürftige Störung handelt, so lange gibt es keinen Ansatz für Therapie. Je länger und mehr sie die Veränderungen in Befinden und Erleben kognitiv verarbeitet haben, desto weniger sind sie bereit, den großen Schritt zu tun und sich auf eine Therapie einzulassen. So gesehen sind sehr akute Störungen günstiger als solche, die sich sehr allmählich entwickeln. Bei ihnen ist der Leidensdruck und die Motivation zur Veränderung größer.

Ein anderer Grund für Chronifizierung ist die mäßige Verfügbarkeit von wirklich gut ausgebildeten Therapeuten und dass es immer noch keine verpflichtenden Regeln für die Umsetzung von Leitlinien gibt: ich sehe zum Beispiel immer wieder Patienten, die über Jahre bei einer Zwangs- oder Angststörung über Jahre tiefenpsychologisch behandelt werden! Ohne irgendwas gegen die Tiefenpsychologie sagen zu wollen, – bei diesen Störungen bringt sie nun mal nichts, auch wenn sich Klienten und Therapeuten über viele Sitzungen angeregt unterhalten mögen. Das Ende vom Lied ist dann ein Angstpatient, der alles oder noch viel mehr über seine Störung weiß, aber jede Form von Exposition vermeidet.

In dem Buch „Irren ist menschlich“ von Klaus Dörner et al. Habe ich z. B. am Ende des Kapitels über die Depression gelesen, dass man – trotz aller wissenschaftlicher Bemühungen, die Bedingungen ihrer Entstehung zu erforschen – eigentlich nicht genau wisse, warum Menschen depressiv werden. Könnte es sein, dass vielleicht nicht nur die Ursachen einzelner Erkrankungen unzureichend geklärt, sondern auch die Diagnosen (ICD-10), anhand derer eine störungsspezifische Therapie eingeleitet wird, in einigen Fällen einfach zu ungenau sind?

Natürlich sind manche Diagnosen schwer zu stellen, obwohl das im Zeitalter von ICD-10 schon wesentlich einfacher ist, als früher. Während meiner Ausbildung habe ich noch erlebt, dass zwei langjährig im Fach tätige psychiatrische Oberärzte ein und denselben Patienten ausführlich exploriert haben und dann zu völlig unterschiedlichen Diagnosen kamen! Das kommt heute wohl kaum noch vor. Und die störungsspezifischen Therapien erfordern ja ihrerseits durchaus diagnostische Vorgaben.

Natürlich wissen wir nicht bei jedem Menschen, warum er depressiv wird, bzw. die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Aber wenn er einmal depressiv ist, dann zeigt er ganz bestimmte, individuell gefärbte aber nicht völlig individuelle Symptome und Verhaltensmuster, die sich nach Manual behandeln lassen.

Zitat: „Im Genehmigungsverfahren der Krankenkassen wird immer noch von der alten Dichotomie ausgegangen; will man moderne Verfahren anwenden, so muss man das unter dem Deckmantel einer der alten Therapien tun.“

Unter dem Begriff der „modernen“ Kognitiven Verhaltenstherapie werden ja inzwischen zahlreiche neuere Ansätze subsumiert (wie z. B. die Schematherapie oder die Mindfulness Based Cognitive Therapy etc.)…

Vielleicht sollte man nicht alle neuen Methoden in einen Topf werfen? Schematherapie ist sicher nicht unter Kognitive Verhaltenstherapie zu subsumieren.

Ja, das war ungenau. Die Schematherapie – so habe ich es bislang jedenfalls verstanden – ist eine Weiterentwicklung, die gezielt für Nonresponder auf KVT entwickelt wurde und Techniken humanistischer Therapien integriert. Was spricht dafür bzw. dagegen, entsprechende Behandlungen mit den Krankenkassen auf diesem Wege abzurechnen?

Die Lobby spricht dagegen. Es hat zum Beispiel sechs Jahre (nach Beantragung) gedauert, bis EMDR beim Gemeinsamen Bundesausschuss als Methode anerkannt wurde.

Was spräche denn aus fachlicher Sicht dafür oder dagegen?

Eigentlich spricht alles dafür: Den Psychotherapeuten/-innen wäre es leichter möglich, ehrlich zu sagen, was sie genau tun. Aber ich glaube, dass niedergelassene Therapeuten gegenüber Kassen und Gremien häufig zu wenig selbstbewusst auftreten.

Interessant fand ich die Anmerkung, dass es inzwischen eine große Vielzahl von Methoden gibt, die bspw. von vielen Coachs oder Psychologischen Beratern scheinbar beliebig eingesetzt werden. Die „intuitive“ Auswahl bzw. Vorgehensweise basiert allerdings nicht selten auf (mehr oder weniger umfangreichen) praktischen Erfahrungen. Wenn es demnach nun aber bereits für „Experten“ schon nicht immer ganz einfach ist, sich für die „richtige“ Methode zu entscheiden, wie sollten Laien (also potenzielle Klienten/-innen bzw. Patienten/-innen) das dann tun? Was könnte ihnen hierbei helfen?

Die Laien können das nicht. Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Therapeuten müssen den Patienten, die zu ihnen kommen, einen Therapievorschlag machen, die Methode erklären, ihre Wirkungsweise und ihre Nebenwirkungen und nach Möglichkeit auch die Evidenzlage. Dann kann der kranke Laie zurückfragen und entscheiden, ob er sich so eine Therapie zutraut oder nicht. Er braucht also Psychoedukation, um sich entscheiden zu können. Generell finde ich, dass der Betroffene die wesentliche Person bei der Entscheidung über Therapie ist. Therapeuten sollten sich nicht schlauer vorkommen, als ihre Klienten, bzw. alles tun, damit sich die Klienten sinnvoll entscheiden können.

Der Weg zum Psychologischen Psychotherapeuten ist äußerst steinig. Fleiß, hervorragende Leistungen sowie eine entsprechende Begabung scheinen allerdings nicht auszureichen, um ihn mit Erfolg beschreiten zu können. Viele junge Psychologen/-innen können sich eine solche Ausbildung einfach nicht leisten. Was halten Sie davon, das es gerade bei einem so anspruchsvollen Beruf wohl vor allem darauf ankommt (sozusagen als eines der entscheidenden Auswahlkriterien), über hinreichend finanzielle Mittel zu verfügen, um ihn erlernen und ausüben zu können?

Das ist kein Zustand, dass die Psychologen die Psychotherapieausbildung so teuer bezahlen müssen, was in vielen Fällen bedeutet, dass sich junge Menschen gleich zum Anfang ihrer Berufslaufbahn verschulden müssen! Vom Studium her bringen Psychologen sehr viel mit, um therapeutisch mit Menschen zu arbeiten. Man sollte sich hier von der Medizinerausbildung leiten lassen, die ja den Psychotherapietitel im Rahmen ihrer Facharztausbildung ohne zusätzliche Kosten bekommen.

Zitat: „Evidenzbasierte Psychotherapien sind ausnahmslos manualisiert und mit genauen Vorgaben zu ihrer Durchführung versehen. In der Praxis kann das zu Schwierigkeiten führen, wenn ein Therapeut im Laufe des Tages Patienten mit verschiedenen Diagnosen behandelt und sich dabei immer wieder auf andere Manuale beziehen muss.“

Wie kann man mit dieser Entwicklung sinnvoll umgehen? Sollten sich praktizierende Psychotherapeuten/-innen eventuell künftig vermehrt auf einzelne Störungsbilder spezialisieren?

Das wäre wahrscheinlich gut. Es setzt allerdings voraus, dass sich Therapeuten zu einem Verbund zusammen tun, der das ganze benötigte Spektrum an Therapie anbietet. Dann hätte der Einzelne genügend Zeit, mit den unterschiedlichen Therapien gründliche Erfahrungen zu sammeln.

Außerdem hat die Möglichkeit, immer mal wieder zu wechseln, durchaus ihren Charme. Immer nur Traumatherapie, oder immer nur mit chronischen Depressiven zu arbeiten kann sich schon aufs Gemüt schlagen. Auch die Supervision ließe sich so besser organisieren.

Zitat: „Die Stärke der störungsspezifischen Therapien liegt ohne Zweifel im evidenzbasierten Nachweis ihrer Wirksamkeit. Um diese Stärke nicht zu verlieren, müssen die Bedingungen genau einhalten, unter denen der Wirksamkeitsnachweis geführt wurde. Zur Überprüfung sind regelmäßige Supervisionssitzungen nötig. Es bestehen gewisse Zweifel, dass dieses Vorgehen auch unter den Bedingungen der niedergelassenen Psychotherapie überall beachtet wird.“

Natürlich ist eine regelmäßige Supervision mit einem gewissen Aufwand verbunden (Zeit und Geld) und gegebenenfalls auch unbequem. Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen Gründe dafür, dass es Psychotherapeuten/-innen zu geben scheint, die sich diesem Prozedere entziehen? Und wie könnte man dieses Problem lösen?

Wahrscheinlich ist es sehr menschlich, dass wir nicht immer beaufsichtigt werden oder Rechenschaft ablegen wollen. Man kann auch in Therapie schön in den flow kommen, wenn sie gut läuft. Das Aufnahme- oder Videogerät ist da eher hinderlich. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal eine Sitzung zu Supervisionszwecken mitgeschnitten habe, natürlich mit dem Einverständnis der Patientin, und es lief von Minute zu Minute schlimmer, ich blockierte immer mehr und hätte das Teil am liebsten ausgeschaltet.

Das andere ist, dass Supervision bisher von den Kassen nicht gezahlt wird und das geht nicht. Supervision macht ja nur Sinn, wenn ganz normale Therapiesitzungen supervidiert werden und das ist ja nicht nur im Sinn der Therapeuten, sondern durchaus in dem der Klienten. Also gehört Supervision zur Therapie und muss entsprechend bezahlt werden.

Sie haben in Ihrem Vortrag u. a. über die Grundwirkkomponenten von Psychotherapie gesprochen und infrage gestellt, inwieweit sich aus ihnen störungsspezifische Manuale erstellen ließen? Welche Komponenten sind das genau? Und was spricht eigentlich gegen die Idee, sich bei der Konzeption von Manualen an diesen zu orientieren und entsprechende Interventionen vorzuschlagen?

Zur Zeit wird an den therapieübergreifenden Elementen ziemlich intensiv geforscht, bspw. von Prof. Lisa Schramm aus Freiburg oder Prof. Martin Bohus aus Mannheim. Es ist zu erwarten, dass dabei auch Impulse für die praktische Therapie herauskommen. Allerdings darf man nicht zu schnell zu viel erwarten, denn alle neuen Ideen und Impuse müssen natürlich auch erst wieder evaluiert werden.

Können Sie sagen, was da genau erforscht wird, und vielleicht auch die Komponenten benennen, um die es dabei geht?

Bei den „Grundwirkkomponenten“ geht es um Therapie-Elemente, die verschiedenen Therapien gemeinsam sind. Dabei zeichnet sich ab, dass Fertigkeiten wie Emotionsregulation und Bewusstsein für die eigene Emotionalität, das Verständnis für die Art und das Ausmaß an Empathie meines Gegenübers und die Fähigkeiten zur sozialen Kommunikation Grundmerkmale für psychische Störungen und auch Grundelemente sind, die in der Therapie sinnvoller Weise angegangen werden können.

Als Psychologe habe ich den Auftrag, angehende Psychologische Berater bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie auf ihre Prüfung sowie auf die praktische Tätigkeit vorzubereiten. Für diese Aufgabe, nämlich die professionelle Entwicklung meiner Teilnehmer/-innen zu fördern und zugleich einen Raum zu schaffen, in dem Selbsterfahrungen möglich sind, habe ich allerdings nur ein sehr begrenztes Kontingent an Stunden zur Verfügung. Worauf sollte ich hierbei Ihrer Meinung nach besonders achten, damit diese (knappe) Zeit wirklich sinnvoll genutzt werden kann?

Folgende Fragen sollten dabei meiner Ansicht nach im Vordergrund stehen:

  1. Wie gehe ich respektvoll mit den Menschen um, die zur Beratung oder Therapie kommen? Hierbei spielt m. E. vor allem die therapeutische Haltung eine wichtige Rolle, die von bedingungsfreier Wertschätzung, Empathie und Kongruenz (Echtheit) geprägt sein sollte.
  2. Ist das Problem, das von dem Klienten bzw. der Klientin vorgetragen wurde, wirklich bearbeitet worden? Welchen Auftrag habe ich als Berater oder Therapeut? Wurde das Ziel erreicht (Evaluation)? Welche Bedeutung hat eine Supervision?

Wichtig ist es zudem, eventuelle Suizidgedanken der Klienten/-innen ernst zu nehmen!

Hier finden Sie eine Rezension.

In Ihrem Buch „Bin ich psycho… oder geht das von alleine weg?“ beschreiben Sie auf beeindruckende Weise verschiedene Störungsbilder aus Sicht der Betroffenen. Welche Rückmeldungen haben Sie von Ihren Lesern/-innen bekommen?

Es gibt viele differenzierte, in anspruchsvollem Stil geschriebene Bücher über Psychiatrie und psychische Störungen, bei denen man das Gefühl hat, es ginge ihnen letztlich gar nicht darum, für die Betroffenen verständlich zu schreiben. Die Menschen sollten aber verstehen können, was sie betrifft. Sprache hat schließlich ein großes Potenzial, sich selbst wiederzuerkennen. Oft bekam ich die Rückmeldung, ein empathisches Verständnis für die Betroffenen zu zeigen.

Prof. Dr. Josef Aldenhoff war viele Jahre Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Heute ist er vorrangig als Psychotherapeut, Coach, Berater und Autor tätig.

Kontakt: http://www.josef-aldenhoff.de

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Konflikte – GELASSEN & ELEGANT – lösen!

Ungelöste Konflikte verursachen nicht selten enorme Kosten und können zu erheblichen gesundheitlichen Problemen führen. Wie Konflikte Menschen verändern können… 

„Alle Konflikte resultieren daraus, dass sich verschiedene Systeme in Erstarrungen hinein entwickeln, die nebeneinander nicht zu existieren vermögen.“ Prof. Dr. Wilhelm Schwöbel

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit den Wirkmechanismen psychotherapeutischer Interventionen sowie mit ihren Grenzen: Warum hilft eine bestimmte Vorgehensweise in dem einen Fall und in dem anderen nicht? In zahlreichen Gesprächen über Konflikte, die in unterschiedlichen Kontexten ausgetragen wurden, machte ich nun die Erfahrung, dass eine ganzheitliche Betrachtung oder umfassende „Konfliktschau“ in der Regel sinnvoll ist, wenn man diese gezielt auflösen oder deeskalieren möchte. Eine derartige Vorgehensweise werde ich im Folgenden nun einmal in aller Kürze vorstellen:

Schritt 1: Fallschilderung

www.manfred-evertz-art.com

In der ersten Phase des Gesprächs sollte zunächst einmal die Möglichkeit gegeben werden, ausführlich über den Konflikt zu berichten. Hierbei geht es vor allem darum, mehr über die Sachlage und deren Hintergründe aus Sicht der Betroffenen zu erfahren. Auch bisherige Lösungsversuche, Strategien der Konfliktaustragung sowie deren Folgen werden analysiert. In diesem Zusammenhang sollten die Eskalationsstufe des Konfliktes sowie der akute Grad der Belastung ermittelt und daraufhin (vorläufige) Ziele erarbeitet bzw. benannt werden.

Schritt 2: Betrachtung der Handlungsmotive

Warum ist dieser Konflikt überhaupt entstanden? Was hat ihn ausgelöst? Warum wird er auf diese Weise ausgetragen? Welche Motive haben die Protagonisten? Worum geht es eigentlich?

Schritt 3: Introspektion & Awareness

Anschließend kann danach geschaut werden, ob es vielleicht eigene Anteile gibt, die dazu führen oder geführt haben, dass der Konflikt eskaliert ist? Im Vordergrund steht hierbei allerdings nicht die Klärung der berühmten „Schuldfrage“, sondern die Bewusstmachung jener Aspekte, die eventuell dazu beitragen oder beigetragen haben, dass sich die Situation so entwickelt hat. Das Ziel dieses Schrittes ist es, entsprechende Faktoren zu identifizieren, die den Handlungsspielraum einschränken. Geachtet wird hierbei u. a. auf Bewertungen, Einstellungen sowie damit einhergehender Reaktionsmuster, die sich eventuell ungünstig auf den Konfliktverlauf auswirken. Mittels eines sokratischen Dialogs können sogenannte „irrationale Überzeugungen“ daraufhin hinterfragt und ggf. modifiziert werden.

Warum bin ausgerechnet ich in einen derartigen Konflikt verstrickt? Warum reagiere ich auf bestimmte Dinge (Äußerungen, Entscheidungen etc.) oder Personen so empfindlich bzw. emotional? Welche Gefühle werden bei mir ausgelöst und was bewirken sie?

Im Alltag neigen wir in der Regel dazu, „störende“ Gefühle (Wut, Ärger, Enttäuschung, Neid, Traurigkeit etc.) zu unterdrücken, um nach außen hin stabil zu erscheinen. Im geschützten Raum dürfen sich diese nun einmal ganz unverblümt äußern, in ihrer vollen Kraft entfalten und ganzheitlich erlebt werden. Anschließend sollten dann Möglichkeiten zu finden sein, die entsprechenden Emotionen im Alltag angemessen zu regulieren.

Schritt 4: Systemische Konfliktanalyse

In der systemischen Konfliktanalyse geht es darum, jene Rolle(n) zu betrachten, die Klienten in jenem System „spielen“, in dem der Konflikt ausgetragen wird. Ziel ist es, systemische Zusammenhänge bzw. Dynamiken aufzudecken und auf diese Weise Strategien zu entwickeln, die die Position des Klienten stärken oder die dazu dienen, den Konflikt aufzulösen.

Schritt 5: Die beteiligten Personen

Mit wem habe ich es in diesem Konflikt eigentlich zu tun? Wer ist der „Kontrahent“? Was bewegt ihn (oder sie) dazu, sich auf eine solche Weise zu verhalten? Wodurch wird dieses Verhalten provoziert? Welche Bedürfnisse spielen hierbei eine Rolle? Wie wird versucht, diese zu befried(ig)en?

Relevante Ich-Zustände, wie sie aus der Transaktionsanalyse bekannt sind, oder Hervorlockungen, wie sie nach dem Modell des Inneren Teams von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun genannt werden, können nun aufgedeckt und somit modifizierbar gemacht werden. Daraufhin lassen sich neue Verhaltensstrategien erarbeiten, hinsichtlich ihrer Praktikabilität bewerten und ggf. einüben (Rollenspiele).

Schritt 6: Strategieentwicklung

Erst jetzt sollte die abschließende Phase der Strategieentwicklung folgen, in der sämtliche Aspekte, die bis dahin angesprochen wurden, berücksichtigt werden. Hierzu eignet sich eine lösungsorientierte Herangehensweise bzw. die Anwendung entsprechender Fragetechniken. Ergänzt werden sollte dies durch ein sogenanntes Ressourcenscreening: Auf welche Ressourcen kann zugegriffen werden? Welche externe Hilfe ist verfügbar und/oder notwendig?

Die gefundenen Strategien lassen sich nun auch dahingehend überprüfen, inwieweit sie mit den Wertvorstellungen der Klienten sowie mit jenen Normen korrespondieren, die in dem System vorzufinden sind, in dem der Konflikt ausgetragen wird. Anschließend können sogenannte Notfallpläne entwickelt und mögliche (negative) Rückkopplungsmechanismen sowie Worst-Case-Szenarien durchdacht bzw. besprochen werden.

Schritt 7: Evaluation & Prozessbegleitung

Die Umsetzung jener Strategien, die in den ersten sechs Phasen erarbeitet wurden, können Schwierigkeiten mit sich bringen oder unerwartete Folgen haben und eine „Nachbesserung“ erforderlich machen: Was hat funktioniert und was nicht? Warum ist das so? Wie könnte es künftig besser gelingen, sich den eigenen Zielen anzunähern oder sie im besten Fall sogar gänzlich zu realisieren?

„Machen Sie jetzt bloß keine Fehler!“

Wer in einen Konflikt verstrickt ist und keinen Ausweg mehr findet, kann mit diesen sieben Schritten eine individuelle Lösungsstrategie entwickeln. Die Kosten sind (im Gegensatz zu jenen, die durch eine fortlaufende Eskalation entstehen können) jedenfalls überschaubar. 😉

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Stressbewältigung – Interview mit Prof. Dr. Gert Kaluza

Haben sich die Empfehlungen zum Umgang mit Stress im Laufe der letzten Jahre wirklich sehr verändert? Oder werden die gleichen Dinge heute einfach nur anders genannt?

Als ich 2008 meine Tätigkeit beim Integrationsfachdienst aufnahm, wo ich mit der beruflichen Wiedereingliederung psychisch erkrankter Menschen betraut war, habe ich begonnen, mich intensiver mit Stress bzw. arbeitsbedingten Belastungen zu beschäftigen. In diesem Zusammenhang bin ich auf das Buch „Stressbewältigung“ von Prof. Dr. Gert Kaluza aufmerksam geworden, das ich nach wie vor für wegweisend halte.

Im Laufe der Jahre lernte ich verschiedene Konzepte kennen, über die man in diesem Zusammenhang so spricht. Insbesondere „Resilienz“ und „Achtsamkeit“ sind heute wohl in aller Munde. Auch die Positive Psychologie, die sich damit beschäftigt, was den Menschen allgemein stärkt und was das Leben lebenswerter macht, hat einen enormen Zulauf. Schaut man jedoch genauer hin, geht es wohl vorrangig darum, die innere Balance zu halten, so widrig die Umstände auch sein mögen.

Prof. Dr. Gert Kaluza

Galt es vor einigen Jahren noch als besonders schick, gestresst zu sein oder einen prall gefüllten Terminkalender bzw. „keine Zeit“ zu haben, geht man heute eher achtsam mit sich um. Burnout hatte einst den Ruf, eine Managerkrankheit zu sein, und wird heute von einigen Experten als eine Art Modeerscheinung abgetan. Da sich der Zeitgeist scheinbar ständig ändert, interessiert es mich, zu welchen Einsichten Prof. Dr. Kaluza seit Erscheinen seines Klassikers gekommen ist.

Prof. Dr. Gert Kaluza gründete 2002 das GKM-Institut für Gesundheitspsychologie in Marburg. Der psychologische Psychotherapeut, Trainer und Coach gilt schon seit den 1990er Jahren als einer der führenden Experten im Bereich des Stressmanagements.

1. Wie sind Sie seinerzeit auf die Idee gekommen, sich ausgerechnet mit „Stressbewältigung“ zu beschäftigen?

Am Anfang stand eine große Faszination für das komplexe Zusammenwirken von körperlichen und psychischen Prozessen – schon während der Zeit des Studiums, in der ich als Psychologiestudent mich gerne auch in der Medizin und Humanbiologie getummelt habe. Der Stressbegriff war für mich dann so etwas wie ein Dach, unter dem diese psychosomatischen Wechselbeziehungen untersucht werden konnten, der Mensch als „Körper und Seele in einer Umgebung“ verstanden werden konnte. Ich bin dann nach dem Studium nicht von ungefähr in der Medizinischen Psychologie gelandet und habe mit einer Arbeit zum Thema „Stress bei chronischen Rückenschmerzen“ promoviert. Der Rest ist schnell erzählt und ziemlich profan. Es gab eine – aus karrieretechnischen Gründen getroffene – Absprache zwischen meinem Doktorvater und mir, wonach er das Thema „Chronischer Schmerz“ und ich das Thema „Stress und Stressbewältigung“ weiter verfolgen würden. Und dabei ist es dann geblieben.

2. Können Sie in Kürze beschreiben, was Stress eigentlich genau ist und ab wann er gefährlich wird?

Ich will’s versuchen. Im Stress sind Sie immer dann, wenn Sie sich vor eine Situation gestellt sehen, deren erfolgreiche Bewältigung für Sie erstens persönlich wichtig ist. D.h. Sie sehen zentrale, persönlich bedeutsame Ziele, Motive oder Werte bedroht, bereits geschädigt oder herausgefordert. Es geht in dieser Situation also um etwas für Sie, Sie haben da persönliche Aktien im Spiel. Und zweitens sind Sie unsicher, ob es Ihnen gelingen kann, die Situation erfolgreich zu bewältigen, also die Bedrohung abzuwenden, den Schaden zu kompensieren, die Herausforderung zu meistern. Systemtheoretisch gesprochen besteht eine wahrgenommene Soll-Ist-Diskrepanz, die durch die verfügbaren routinemäßigen Reaktionen nicht behoben werden kann. Persönlich wichtig und zugleich unsicher, was die eigenen Bewältigungskompetenzen betrifft – da ist die Konstellation, in der das biologische Stressprogramm angeworfen wird. Dieses bewirkt eine umfassende körperliche Aktivierung und Energiemobiliserung. Dabei handelt es sich um ein ganz normales biologisches Geschehen, das durchaus als lustvoll erlebt werden und leistungssteigernd wirken kann, und als solches keinesfalls eine Gesundheitsgefahr darstellt – einmal abgesehen davon, dass eine intensive körperliche Aktivierung in solchen Situationen, für deren erfolgreiche Bewältigung komplexe geistige Operationen oder auch soziale Interaktionen erforderlich sind, nicht unbedingt funktional, also hilfreich ist. Gefährlich für die Gesundheit wird es dann, wenn die Aktivierung des biologischen Stressprogramms über längere Zeiträume aufrechterhalten wird oder in kurzen Zeitabständen immer wieder passiert ohne ausreichende Zeit für Entspannung und Regeneration. Dann kann es zu einer Überlastung des gewissermaßen auf Hochtouren laufenden Systems kommen. Da das biologische Stressprogramm im Grunde alle wichtigen Körpersysteme und -funktionen, von der Muskulatur über die Verdauung und den Stoffwechsel, Herzkreislaufsystem bis hin zu den Sinnesorganen und Gehirnfunktionen, beeinflusst, kann sich die Überlastung dann auch jeweils individuell in Form von Fehlfunktionen, Beschwerden, Störungen einer oder mehrerer dieser Körpersysteme bemerkbar machen. Wann dieser Punkt der Überlastung erreicht ist, hängt ebenfalls von individuellen Faktoren ab.

3. In Ihrem Buch finden sich zahlreiche praktische Übungen. Gibt es vielleicht eine, die in Ihren Seminaren immer besonders gut ankommt?

Kleinere köperorientierte Übungen, die der Entspannung, Lockerung oder auch Vitalisierung dienen und zudem möglichst alltagstauglich sind, werden in der Regel gut angenommen. Top-Favorit in meinen Seminaren ist eine Übung aus dem Mentaltraining, bei der es darum geht, eine vorgegebene potentielle Stress-Situation bewusst und gerne auch mit einer Portion Übertreibung einmal aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Da entsteht Humor, der enorm hilfreich ist, wenn es darum geht, festgefahrene, stressverschärfende Denkmuster zu lockern.

4. Gibt es ein Modell oder eine Annahme, das Sie in der Vergangenheit mal für plausibel hielten, aufgrund einer (späten) Einsicht jedoch wieder verworfen haben?

Nicht ganz verworfen, eher vertieft, differenziert oder erweitert. So habe ich ganz zu Beginn doch mit einem zu einseitig individualistischen, zu sehr psychologisierenden Blick auf die Stressthematik geschaut. Es ist der einzelne Mensch, der mit seinen Bewertungen, Einstellungen und Haltungen Stress erzeugt. Inzwischen sehe ich viel stärker die Bedeutung auch struktureller, organisationaler und gesellschaftlicher Faktoren für das individuelle Stresserleben. Gesellschaftspolitische Diskussionen und Initiativen z.B. zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder zum bedingungslosen Grundeinkommen finde ich auch unter dem Aspekt „Stressmanagement“ äußerst spannend.

Die vor allem durch Globalisierung und Digitalisierung vorangetriebenen gravierenden Veränderungen in der Arbeitswelt haben auch zu einer Revision gängiger Arbeitsstress-Modelle geführt. So sind ja z.B. nach dem bekannten Job-Demand-Control-Model insbesondere fehlende Handlungsspielräume in Kombination mit hohen Anforderungen für das Stresspotential eines Arbeitsplatzes von ausschlaggebender Bedeutung. Inzwischen kann man feststellen, dass in modernen, indirekt und ergebnisorientiert gesteuerten Unternehmen oftmals zu große Handlungsspielräume Stress erzeugen, indem den Beschäftigten die alleinige Verantwortung für die Zielerreichung übertragen wird.

Entscheidend erweitert wurde mein Blick auf die Stressthematik auch durch die psychologische und neurobiologische Bindungsforschung, die die enorme Bedeutung verlässlicher sozialer Beziehungen nicht nur für die Ausbildung und Sensitivität des individuellen biologischen Stresssystems – sondern auch für die Stressbewältigung – eindrucksvoll gezeigt hat. Interventionen zur Förderung sozialer Netzwerke, Maßnahmen zur Teambildung u. ä. gewinnen vor diesem Hintergrund auch unter dem Gesichtspunkt eines nachhaltigen, quasi „interpersonellen“ Stressmanagements einen besonderen Stellenwert.

5. Was tun Sie, wenn Sie selbst mal gestresst sind?

In einer akuten Situation: Ich halte kurz inne, sag‘ mir: „Okay, es ist jetzt so.“ und konzentriere mich dann auf das, was ich evtl. noch tun kann – zumindest bemühe ich mich darum.

Ansonsten für Ausgleich sorgen, Sport und Bewegung, Kontakte pflegen, eigene Prioritäten klären und selbstschützend Grenzen setzen und immer mal wieder in den Himmel schauen, um die Dinge zu relativieren.

6. Wissenschaftler des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigen sich mit den verschiedenen Faktoren der Resilienz und stellten dabei fest, dass der zentrale Mechanismus, der über die Resilienz eines Menschen entscheidet, wohl eine positivere Bewertung jener Reize sei, denen dieser ausgesetzt ist. Die bislang identifizierten Faktoren beeinflussen die Widerstandsfähigkeit eines Menschen demnach also nur indirekt, indem sie zu einer positiven Bewertung von potenziellen Stressoren beitragen. Der Theorie gaben sie den Namen PASTOR (Positive Appraisal Style Theory Of Resilience). Wie denken Sie darüber?

Das klingt für mich nach „alter Wein in neuen Schläuchen“. Dass individuelle Bewertungsvorgänge entscheidend dafür sind, ob und wie heftig Stressreaktionen in einer bestimmten Situation ausgelöst werden, wissen wir ja spätestens seit der Formulierung des transaktionalen Stressmodells durch Lazarus und Kollegen. Hier wird mit hohem Anspruch, um nicht zu sagen einer gewissen Hybris, ein neues theoretisches Rahmenkonzept formuliert, das allerdings vorliegende Erkenntnisse der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Ressourcenforschung nicht oder nur verkürzt rezipiert. Die Autoren sind von Hause aus ja Neurowissenschaftler, die hier in ein für sie eher neues Forschungsfeld immigrieren, um es sogleich zu usurpieren. Ich teile auch nicht den Optimismus der Autoren, dass durch MRT-Messungen von Gehirnaktivitäten wesentliche Erkenntnisse zur Resilienzforschung zu erwarten sind. Aber warten wir’s ab…

Im übrigen habe ich den Eindruck, dass der Resilienzbegriff in dem aktuellen Hype zu sehr auf individuelle Resilienz verkürzt wird. Resilienz wird zu einem Merkmal des Einzelnen. Gesellschaftliche und soziale Bedingungen, die die Entwicklung individueller Resilienz überhaupt erst möglich machen, wie sie von Pionieren der Resilienzforschung wie Emmy Werner und Aaron Antonovsky beschrieben worden sind, kommen kaum noch vor. Resilienz wird so zu einer weiteren Selbstoptimierungsaufgabe des Individuums.

7. Was halten Sie von dem Konzept der Achtsamkeit? Ist das „nur“ ein flüchtiger Trend oder steckt mehr dahinter?

Achtsamkeit verstanden als eine innere Haltung der wachen, offen-neugierigen Wahrnehmung und des bewertungsfreien Annehmens dessen, was ist, ist als Fundament individueller Stressbewältigung sicher sehr hilfreich. Achtsamkeit ermöglicht eine innere Distanzierung und Dis-Identifikation mit stresskorrelierten emotionalen Turbulenzen und Grübeleien und schafft einen Gegenpol zum Modus des aktionistischen Machens und Managens. Schon J.H. Schultz hat ja mit seinem Autogenen Training implizit eine solche innere Haltung entwickeln wollen – ganz ohne Rückgriff auf buddhistische Traditionen. Die durch die Praxis der Achtsamkeit gewonnene innere Distanz, Gelassenheit und innere Stärke gilt es dann allerdings auch für zielgerichtetes Handeln einzusetzen, z.B. um bestimmte belastende Lebensbedingungen und -situationen aktiv zu verändern. Dieser Aspekt kommt in meinen Augen in dem gegenwärtigen „Mindfullnes-Boom“ deutlich zu kurz.

Buchtipps:

  • Gert Kaluza (2015). Stressbewältigung. Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung. (3. Auflage). Heidelberg: Springer-Verlag.
  • Gert Kaluza (2015): Gelassen und sicher im Stress. Das Stresskompetenzbuch. (6. Auflage). Heidelberg: Springer-Verlag.

Kontakt:

Prof. Dr. Gert Kaluza
GKM-Institut für Gesundheitspsychologie
Liebigstrasse 31a
35037 Marburg
T: 06421 979 526
F: 06421 979 538
kaluza@gkm-institut.de
www.gkm-institut.de

Die Schlüssel zum verlorenen Selbst

Haben Sie schon einmal eine Phase durchgemacht, in denen Ihr Leben keinen Wert mehr zu haben schien und Ihnen jeder Blick in die Zukunft ein Gefühl der Sinnlosigkeit vermittelte? Haben Sie sich zu dieser Zeit vielleicht in einem Gedankenkarussell verfangen und wurden geplagt von zermürbenden Gemütszuständen? Wissen Sie, wie es ist, sich lust- und freudlos von Tag zu Tag zu schleppen? Können Sie sich vorstellen, wie absurd es dann wohl ist, wenn man dazu aufgefordert wird, positiv zu denken oder sich eine Zukunft auszumalen, in der alle Probleme gelöst seien?

Das Problem mit dem Problem

Aus manchen Phasen einer schweren Depression scheinen selbst höchst wirkungsvolle Fragetechniken (wie bspw. die Wunderfrage) oder (meta-)kognitive Strategien, die einer funktionalen Selbststeuerung normalerweise dienlich sind (z.B. „positives Denken“), nicht herauszuhelfen. Das habe ich bereits selbst erfahren müssen. Deshalb habe ich mir im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder die Frage gestellt, wie sich das eigentlich erklären lässt? Warum ist es so, dass eine Intervention in dem einen Fall wirkt bzw. in einem anderen nicht?

www.manfred-evertz-art.com

Schwierige Lebensumstände oder seelische Krisen vernebeln nicht selten die Sicht auf ein erstrebenswertes Ziel. Gewisse Erlebnisse sind leider unglaublich furchtbar, unsagbar ungerecht oder einfach nur traurig. Wie kann es den Betroffenen in Anbetracht vielleicht schlimmster (Vor-)Erfahrungen überhaupt noch möglich sein, eine positive Zukunftsvision zu entwickeln? Auf welche Weise wirken lösungsorientierte Fragen und warum verfehlen sie manchmal ihr Ziel? Welche Rolle spielt die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu regulieren, und wieso ist es für das Finden einer Lösung nicht immer egal, wie sich ein Problem anfühlt oder wodurch es entstanden ist? Diese Fragen lassen sich alle unter Hinzunahme einer neuen Persönlichkeitstheorie – der PSI-Theorie – recht gut beantworten, was die Ableitung nützlicher Strategien, mit deren Hilfe eine funktionale Selbstwerdung gelingen kann, deutlich erleichtert.

Bereits das Stressmodell von Richard Lazarus geht davon aus, dass Menschen bei der Bewertung von potenziellen Stressoren stets anhand der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen überprüfen, ob sie sich diesen gewachsen fühlen. Dazu gehören neben einem unterstützenden, sozialen Netzwerk z.B. auch Selbstwirksamkeitserwartungen und Kontrollüberzeugungen sowie ein angemessener Optimismus. Letztendlich sind dies jene Faktoren, die eine Aussage darüber erlauben, wie widerstandsfähig bzw. resilient ein Mensch ist. Ratgeber, die sich mit diesem Themen befassen, findet man inzwischen wahrscheinlich in nahezu jedem gut sortierten Bücherregal. Welche der vielen Anregungen oder Tipps, die darin gegeben werden, allerdings im konkreten Einzelfall wirklich hilfreich sind, ist dann aber wohl doch eine recht individuelle Angelegenheit.

Die PSI-Theorie eröffnet neue Einsichten, warum das so ist und welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Da das Modell allerdings sehr komplex ist, möchte ich ihren Urheber mit dem folgenden Zitat beim Wort nehmen und einen ersten Deutungsversuch wagen:

„Die PSI-Theorie wirbt [nun also] dafür, sich von den liebgewonnenen Vereinfachungsillusionen zu verabschieden und sich auf ein wenig mehr Komplexität einzulassen. Dazu reicht es zunächst einmal vier Funktionssysteme zu unterscheiden und zu lernen, wie ihre Interaktionen durch zwei motivationale Systeme gesteuert werden (d.h. durch das Belohnungs- und das Bestrafungssystem und die damit verbundenen positiven und negativen Affekte).“ Prof. Dr. Julius Kuhl

Eine neue Persönlichkeitstheorie

www.manfred-evertz-art.com

Im Zweig der Persönlichkeitspsychologie geht es grundsätzlich um die Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung des individuellen Erlebens und Verhaltens. Lange Zeit dominierte hierbei der sogenannte “Trait”-Ansatz die Forschung, der mit der Entwicklung der sogenannten “Big Five” (Angleitner, Ostendorf & John, 1990) nochmals Aufwind bekam. Leider aber lässt sich ein spezifisches Verhalten in einer konkreten Situation nur schwerlich auf Grundlage einer Eigenschaft (oder mehrerer) vorhersagen, da Individuen in der Regel nicht immer so auf ihre Umgebung reagieren, wie es die (zuvor ermittelte) Ausprägung dieser erwarten ließe. Die transsituative Inkonsistenz des Verhaltens wird erst verständlich, wenn man die motivationale Ebene betrachtet. Bereits Gordon Allport (1937, S. 218) bemerkte diesbezüglich: “Motivation is the go of personality, and is, therefore, our most central problem”. Immer wieder wird seither bekräftigt, dass das Wissen über die Arten von Zielen, die Individuen in sozialen Interaktionen verfolgen, wichtig für das Verständnis von Persönlichkeit ist. Gängige Modelle unterschieden hierbei zwischen Motiven, die sich größtenteils in der Lebensphase vor dem Spracherwerb herausbilden und die das Individuum fortan durch den Einfluss dieser in der Vergangenheit liegenden Erfahrungen antreiben, sowie den in der Zukunft liegenden Zielen, die eine Person (bewusst) erreichen möchte. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es eine begrenzte Anzahl von (weitgehend unbewussten) Motiven gibt, die bei verschiedenen Individuen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind und sich abhängig von situationalen Bedingungen im Verhalten manifestieren können. Wie es trotz dieser offensichtlichen Unklarheit gelingen kann, „stimmige“ Entscheidungen zu treffen, die handlungsleitend werden, darauf gibt die PSI-Theorie nützliche Antworten.

Die Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie) von Julius Kuhl (ehem. Professor für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie, Universität Osnabrück) ist eine Theorie der willentlichen Handlungssteuerung, die motivationale, volitionale, kognitive, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologische Modelle bzw. Theorien integriert. Beispiele hierfür sind das Konzept der „fully functioning person“ von Carl Rogers oder die Persönlichkeitstypologie von Carl Gustav Jung. Während viele andere Modelle (z.B. die „Big Five“) lediglich einen beschreibenden (deskriptiven) Charakter haben und die (statistisch) aufgedeckten Zusammenhänge (i.d.R.) nicht bzw. nicht hinreichend erklären, lassen sich aus der PSI-Theorie Annahmen ableiten, die ein tieferes bzw. erweitertes Verständnis des individuellen Erlebens und Verhaltens ermöglichen.

Erkenntnistheoretisch steht bei diesem Modell u. a. die Frage im Vordergrund, wie Menschen vom Wollen ins Handeln kommen (oder eben auch nicht). Wie sich eine Persönlichkeit entwickelt bzw. wie diese sich in spezifischen Situationen verhält, ist aus Sicht der PSI-Theorie vor allem davon abhängig, wie sich die Kommunikation zwischen ihren vier Erkenntnissystemen gestaltet bzw. wie gut diese gelingt. Jedes System erfüllt spezifische Aufgaben, die erst in ihrem zweckmäßigen Zusammenspiel zu dem führen, was Carl Rogers als „fully functioning person“ bezeichnet.

Dem Modell zufolge gibt es – kurz gesagt – also jeweils ein System,

  1. das für die Planung eines Vorhabens (Intentionsgedächtnis),
  2. dessen Ausführung (intuitive Verhaltenssteuerung),
  3. für die Analyse (Objekterkennungs-System) eventuell auftretender Probleme oder Schwierigkeiten zuständig ist und
  4. eines, das als Ratgeber fungiert (Extensionsgedächtnis).

Eine etwas ausführlichere Beschreibung der vier Erkenntnis- bzw. kognitiven Makrosysteme (siehe Tabelle) finden Sie hier: „PSI-Theorie-light“ von Prof. Dr. Julius Kuhl.

Wie sich das Zusammenspiel der einzelnen Wahrnehmungskanäle („Worauf achte ich?“ bzw. „Wie nehme ich meine Umwelt wahr?“), der damit verbundenen Makrosysteme und den verschiedenen Affektlagen gestaltet und ggf. steuern lässt, wird in der PSI-Theorie durch die sieben Modulationsannahmen beschrieben (Kuhl 2001):

→ Zwei Basismodulationsannahmen:

  • Willensbahnung: „Die Generierung von positivem Affekt beseitigt die Hemmung der Verbindung zwischen dem IG und der IVS, so dass Absichten vom IG zur IVS transportiert und umgesetzt werden können.
  • Selbstbahnung: „Die Herabregulierung von negativem Affekt bahnt den hemmenden Einfluss des EG auf das OES, so dass inkongruente Objektwahrnehmungen zugunsten eines ganzheitlichen Überblicks verhindert werden.

→ Weitere Modulationsannahmen:

  • Ausführungshemmung: Je stärker das IG aktiv ist, umso stärker wird die Verbindung zur IVS gehemmt. Voreiliges Umsetzen von Absichten wird verhindert.
  • Selbstberuhigung: Die Aktivierung des EG führt zu einer Herabregulierung von negativem Affekt. Unkontrollierbares Grübeln wird verhindert.
    → „Das ist doch nicht so schlimm.“
  • Selbstmotivierung: Die Aktivierung des EG erhöht die Aktivierung von positivem willensbahnenden Affekt, wodurch intrinsisch motiviertes Handeln möglich wird.
  • Selbstverwirklichung: Voraussetzung für Selbstwachstum und selbstkongruentes Handeln ist der ausgewogene Wechsel zwischen positiven und negativen Affektlagen und ihrer Herabregulierung („emotionale Dialektik“).
  • Intra- und intersystemische Penetration: Je komplexer ein Makrosystem oder ein spezifisches Untersystem entwickelt ist, desto höher und länger anhaltend muss die Intensität der Aktivierung eines Affekts sein, damit dieses Makro- oder Mikrosystem aktiviert werden kann.

Die neuronale Vernetzung bzw. die Kommunikation zwischen den vier Makrosystemen wird also vor allem durch die Regulation positiver und negativer Affekte gesteuert. Der Selbstkonditionierungs-Hypothese zufolge werden die Fähigkeiten der Affektregulation bereits während der frühkindlichen Sozialisation erworben. Indem die Mutter auf die Bedürfnisse des Kleinkindes in einer zeitlich und inhaltlich abgestimmten Weise reagiert, werden im Sinne einer klassischen Konditionierung bei diesem Verbindungen zwischen dem Selbstsystem (EG) sowie den jeweiligen affektgenerierenden Systemen gebahnt. Irgendwann sollte das Kind im Idealfall folglich in der Lage sein, diese Verbindungen selbst herzustellen und sich von dem affektregulierenden Einfluss der Mutter unabhängig zu machen. Hierbei kann es jedoch zu Störungen unterschiedlichster Art kommen, die sich unter Zuhilfenahme der PSI-Theorie transparent machen lassen. Das Modell bietet folglich Erklärungen für die Entstehung zahlreicher Entwicklungsstörungen – aber auch psychischer Probleme (z.B. für das Phänomen der Prokrastination) – an und lässt erkennen, wie ihnen wirkungsvoll begegnet werden kann und warum das so ist.

Die Kraft der Emotionen

www.manfred-evertz-art.com

Fritz Perls (1979) schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“ Eine solche Sichtweise halte ich grundsätzlich für hilfreich, um zu verstehen, warum es für die Entwicklung einer psychisch stabilen Persönlichkeit hinderlich sein kann, schmerzvolle Empfindungen aus Gründen des Schutzes dauerhaft vom eigenen Erleben abzuspalten oder zentrale Bedürfnisse zu ignorieren.

War es also aus irgendeinem Grund bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder waren die Befürchtungen zu groß, es sei zu egoistisch, zu belastend oder sehr beängstigend, sich mit den entsprechenden Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass die schmerzvollen Empfindungen aus Gründen des Schutzes vom eigenen Erleben abgespalten und die mit ihnen verbundenen Bedürfnisse womöglich dauerhaft ausgeblendet bzw. vernachlässigt werden.

Die PSI-Theorie postuliert nun, dass die Fähigkeiten der Emotionsregulation (vgl. „emotionale Erst- bzw. Zweitreaktion“) erlernt werden können, weshalb auch ein dysfunktionaler Bewältigungsstil, der im Extremfall zu einer psychischen Störung führen kann, (z.B. im Rahmen einer Therapie) grundsätzlich modifizierbar ist. Sie ist also nicht so „statisch“ wie viele andere Modelle. Verdeutlichen lässt sich dies m. E. ganz gut mit dem folgenden Zitat: „Nicht wie der Wind weht, sondern wie wir die Segel setzen, darauf kommt es an!“

→ Emotionale Erst- und Zweitreaktion

  • Bei der emotionalen Erstreaktion treten Emotionen spontan auf (abhängig vom Temperament, den vorherrschenden Motiven, den konditionierten Reaktionsmustern etc.). Die Zweitreaktion stellt sich aufgrund einer (mehr oder weniger) bewussten Affektregulation ein.
  • Beispiel: Angst vor Dunkelheit (→ emotionale Erstreaktion), Selbstberuhigung durch Summen (Beruhigung → emotionale Zweitreaktion)

Obwohl des Erlernen eines funktionalen Umgangs mit Gefühlen natürlich in den meisten Therapieverfahren ein zentrales Thema ist, scheint insbesondere die Schematherapie von Jeffrey Young selbst bei „schwierigsten Fällen“ (z.B. bei Persönlichkeitsstörungen) Anlass zu einem derartigen Optimismus zu geben. Nachdem die Kernprobleme (z.B. intensive negative Gefühle, Vermeidung, Unterwerfung, Überkompensation, Selbstabwertung oder übertriebener Perfektionismus) herausgearbeitet und den entsprechenden Modi bzw. Schemata zugeordnet wurden, wird in diesem Verfahren neben kognitiv-behavioralen Techniken u.a. auch mit emotionsfokussierenden bzw. gestalttherapeutischen Methoden (bspw. der „Stuhltechnik“) gearbeitet, deren konzeptionelles Fundament u.a. das Erlangen einer „Awareness“ vorsieht, die dem sehr ähnelt, was man heutzutage mit „Achtsamkeit“ verbindet.

Die Bedürftigkeit des Menschen

www.manfred-evertz-art.com

Am Anfang der Entwicklung eines Individuums steht das Urvertrauen im Vordergrund, d.h. das unbedingte Vertrauen in die Vorstellung, dass sich in dieser Welt, in der es sich willkommen fühlen darf, alle Bedürfnisse weitgehend befriedigen lassen! Eine irgendwie vergleichbare Erfahrung hat jedenfalls jeder Mensch während seiner Zeit im Mutterleib gemacht. Hier war die Verbundenheit mit einem anderen Menschen vollkommen und das Gehirn belohnte den Organismus zudem automatisch für jeden vollzogenen Entwicklungsschritt. Mit der Geburt jedoch muss dieses „Paradies“ verlassen werden. Ein Säugling ist nun darauf angewiesen, eine empathische und liebende Umgebung vorzufinden. Bekundungen von Gefühlszuständen oder Erregung lassen sich als Hinweise auf seine dahinterliegende Bedürfnisse auffassen. Die Art, wie die Bezugspersonen damit umgehen, entscheidet darüber, wie gut ein solcher Umgang dem Säugling später wohl selbst gelingen wird. Geht die Umwelt also auf entsprechende Äußerungen oder Bekundungen ein, d.h. ist die Interaktion mit dieser erfolgreich, werden die Emotionen abgefedert, die Reaktionen der Erwachsenen hingegen werden abgeguckt, abgespeichert und ggf. künftig im Selbstdialog abgerufen. Tut sie das nicht, werden ggf. Abwehrmechanismen aktiviert, um den Leidensdruck spürbar zu reduzieren, was in so manchem Fall zu psychischen Störungen führen kann. So können sich sogenannte „subjektive Imperative“ herausbilden, also „innere Stimmen, die befehlen, dass etwas auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschehen muss bzw. dass etwas auf gar keinen Fall geschehen darf, und die gleichzeitig verlangen, dass von dieser Vorstellung nicht abgewichen werden darf“ (Dehner & Dehner, S. 78). Die Bedeutung der Imperative wurde bereits in der Transaktionsanalyse erkannt. Einschärfungen und Antreiber sind dort entsprechend formuliert.

Meldet sich ein Bedürfnis nun bzw. löst es einen Zustand spürbarer Erregung aus, prüft das Individuum also, welche Möglichkeiten es hat, dieses unter den gegebenen situativen Bedingungen zu befriedigen. Sollte das unmittelbar möglich sein und sind dabei (den bisherigen Erfahrungen zufolge) keine nennenswerte Hindernisse zu erwarten, frohlocken positive Gefühle. Die Wahrnehmung sowie die Bewertung der Situation beruhen allerdings auf Grundlage konditionierter Muster, sind also abhängig von jenen individuellen Erfahrungen, die mit vergleichbaren Gegebenheiten in der Vergangenheit gemacht wurden. Stehen gewohnte bzw. hinreichend vertraute Optionen zur Verfügung, führt dies im Optimalfall zu einer prospektiven Handlungsorientierung, die die IVS aktiviert und ein Flow-Erleben ermöglicht.

Welche Bedürfnisse können sich zu Wort melden?

→ Soziale Bedürfnisse:

www.manfred-evertz-art.com

  • Habe ich ausreichend Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten?
  • Bekomme ich hinreichend Zuwendung?
  • Wird mir genügend Aufmerksamkeit geschenkt? Werde ich beachtet?
  • Fühle ich mich anderen Menschen zugehörig oder sogar mit ihnen verbunden?
  • Werde ich von meinen Mitmenschen respektvoll und wertschätzend behandelt?
  • Fühle ich mich (grundsätzlich) von ihnen verstanden?

→ Sicherheitsbedürfnisse:

  • Kann ich darauf vertrauen, dass sich die Dinge in meinem Sinne entwickeln werden?
  • Darf ich mich (hier) sicher fühlen?
  • Fühle ich mich geborgen?

→ Ich-Bedürfnisse:

  • Betrachte ich mich selbst als wertvoll? Wird mir hinreichend gespiegelt, dass ich liebenswert bin?
  • Fühle ich mich in der Lage, Dinge selbst beschicken zu können? Habe ich genügend Einfluss?
  • Fühle ich mich frei? Darf ich so sein, wie ich bin?
  • Darf ich mich so verhalten bzw. so leben, wie ich es möchte?
  • Kann ich mich hier entfalten?

Solange sämtliche Fragen mit „ja“ beantwortet werden, besteht keine Gefahr! Das Verhalten kann also (soweit dem Organismus das bereits möglich ist) weitgehend intuitiv gesteuert werden (IVS).

Verfehlte Selbstwerdung & Reparaturarbeiten

Wird einem Kind schon früh gespiegelt, dass gewisse Gefühle oder Bedürfnisse (scheinbar) nicht akzeptabel sind, kann das leicht dazu führen, dass es Mechanismen entwickelt, um diese aus dem eigenen Selbstbild zu eliminieren. Eine solche „Abspaltung“ kann jedoch im weiteren Verlauf des Lebens erhebliche Probleme zur Folge haben. Zu einer gelingenden Selbstwerdung gehört es nämlich, auch unangenehme Gefühle zuzulassen und die Verantwortung für jene Bedürfnisse zu übernehmen, die vielleicht gerade nicht so passend bzw. sozial erwünscht sind oder deren Integration in das eigene Selbstbild Schwierigkeiten bereitet.

Durch fokussierende Fragestellungen und verschiedene Methoden zur Steigerung der Selbstwahrnehmung können Zugänge zu diesen Aspekten des Selbst erarbeitet werden, um mit ihnen (wieder) in Kontakt zu kommen. Durch eine Erweiterung der Bewusstheit („Awareness“) bzw. durch die (Weiter-)Entwicklung einer sogenannten „sinnlichen Reflexivität“ können entsprechende Blockaden überwunden werden, was es den Betroffenen ermöglicht, die Verantwortung für das eigene Verhalten bewusst zu übernehmen. Entweder kann sich dann für ein Festhalten an dem Bewährten oder für eine einzuleitende Veränderung entschieden werden. So lassen sich Erstarrungen bzw. dysfunktionale Wahrnehmungs- und Interaktionsmuster nachhaltig auflösen und Handlungsspielräume schrittweise erweitern. Methoden, die auf Emotionen fokussieren, geben also keine Lösungen vor, sondern tragen dazu bei, die Selbstverantwortlichkeit und Autonomie zu steigern, indem sie dabei helfen, mit dem Inneren (d. h. mit unerwünschten Gefühlen oder Bedürfnissen sowie mit abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen) Kontakt aufzunehmen und in einen Dialog zu treten.

Unabhängig von der sogenannten emotionalen Erstreaktion (s. u.), die sich auch künftig weiterhin einstellen wird, lassen sich dann Strategien der Emotionsregulation erlernen (z.B. Selbstberuhigung, Selbstmotivation etc.), die zu einer gelingenden Kommunikation zwischen den verschiedenen Makrosystemen beitragen und dem Individuum auf diese Weise eine funktionale Selbststeuerung ermöglichen. Hierbei ist es selbstverständlich erforderlich, Belastungsgrenzen rechtzeitig zu erkennen und ggf. (therapeutisch) stützend oder schützend einzugreifen. Funktional ist die Selbststeuerung übrigens dann, wenn sie dem Wohlbefinden sowie der seelischen Gesundheit eines Individuums dienlich ist bzw. wenn sie sich positiv auf die Interaktion mit dessen sozialer Umwelt auswirkt. Tut sie das nicht, wird sie als „dysfunktional“ betrachtet.

Auch das Kernstück der Kognitiven Verhaltenstherapie – die kognitive Umstrukturierung – sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Im Rahmen eines sokratischen Dialogs können bspw. durch Fragen nach empirischen Beweisen und der logischen Konsistenz des Denkens, nach einer realistischen Neubewertung künftiger Situationen und Ereignisse oder solchen, die hilfreich dabei sind, den hedonistischen Wert von Bewertungen einzuschätzen, dysfunktionale (Grund-)Annahmen modifiziert werden. Grundsätzlich geht es hierbei also darum, jene Einstellungen bzw. Gedanken zu betrachten und ggf. zu verändern, mit denen sich die Betroffenen selbst im Weg stehen. Kurz gesagt: Natürlich beeinflussen Gedanken unsere Gefühle. Sind diese überwiegend negativ, wirkt sich das auch auf die Stimmung aus und kann im schlimmsten Fall bspw. zu einer Depression oder Angststörung führen. Von besonderer Bedeutung hierbei ist jedoch der kognitive Stil, der darüber entscheidet, wie wir mit gewissen Erfahrungen umgehen und diese verarbeiten bzw. wie wir es gewohnt sind, über uns und unsere Umwelt nachzudenken. So können z.B. eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen oder kritischen Lebensereignissen sowie verschiedene Techniken der Emotionsregulation davor schützen, ins bloße Grübeln zu verfallen oder sich den eigenen Gefühlen machtlos ausgeliefert fühlen zu müssen.

Ins Handeln kommen…

Entwickelt das Individuum nun eine Handlungsstrategie, die Erfolg zu versprechen scheint, bahnen positive Gefühle (bspw. Hoffnung, Zuversicht etc.) die Aktivierung der IVS („Selbstmotivierung“). Die Konsequenzen der durchgeführten Handlung können nun erlebt und in das EG integriert werden. Dies ist jedoch nur solange möglich, wie die Aktion von überwiegend positiven Gefühlen begleitet wird. Führt diese hingegen nicht zu dem gewünschten Ergebnis bzw. löst sie Frustration aus, wird die IVS gehemmt und das OES erneut aktiviert. Die Handlung wird unterbrochen und die Suche nach Lösungen fortgesetzt. Der Fokus verengt sich hierbei allerdings auf das rationale Denken, da der Zugang zum EG zeitweise blockiert ist. Lassen sich die negativen Gefühle vielleicht aufgrund der (neuen) Erkenntnisse hinreichend eindämmen oder sogar auflösen („Selbstberuhigung“), aktiviert das IG die IVS erneut, wobei das Wissen aus dem OES nun in diese eingespeist werden kann.

www.manfred-evertz-art.com

Das IG ermöglicht es, verschiedene Zielvorstellungen und Pläne zu entwickeln sowie ihren Nutzen und ihre Chancen anhand rationaler Kriterien einzuschätzen. Beschäftigt sich ein Individuum also bewusst mit der Lösung von (möglicherweise) auftretenden Schwierigkeiten und definiert entsprechende Ziele, kann zunächst noch nicht überprüft werden, wie „stimmig“ sich diese für das EG anfühlen. Die Kommunikation mit dem EG kann z.B. durch die Freude über die Erwartung einer gelingenden Auflösung jeglicher Eventualitäten („positive Zukunftsvision“) gebahnt werden. Daraufhin kann das EG das Vorhaben nun emotional bzw. hinsichtlich seiner gefühlten Stimmigkeit bewerten. Allerdings sind diesem spezifische oder konkrete Ziele eher fremd. Wie erstrebenswert ein Ziel für das EG ist, kann mittels somato-affektiver Signale überprüft werden, die Antonio Damasio (1994) zufolge „somatische Marker“ genannt werden. Gemeint ist damit eine automatische Körperreaktion auf die emotionale Befindlichkeit, die bspw. als Alarm- oder Startsignal für eine Handlung mit einem bestimmten Ereignis verknüpft ist bzw. ein zielgerichtetes Verhalten initiiert. Rationale Begründungen spielen (anders als beim IG) hierbei keine Rolle. Obwohl das EG zwar sehr schnell arbeitet und das kritische Ereignis mit (nahezu) unendlich vielen in diesem Zusammenhang möglicherweise relevanten Erfahrungen abgleicht, meldet es uns zunächst also lediglich zurück, ob und inwieweit ein eventuelles Vorhaben tatsächlich attraktiv bzw. stimmig für uns ist, und es kann uns ggf. Wege aufzeigen, wie wir mit ähnlichen Gegebenheiten in der Vergangenheit bereits erfolgreich umgegangen sind.

Fazit

Dominieren negative Emotionen (Trauer, Wut, Enttäuschung etc.) das Erleben, scheinen diese den Zugang zum EG zeitweilig zu blockieren. Das erklärt, welche Bedeutung dann einer mitfühlenden Haltung („Compassion“) zukommt, aus der heraus ein Gespräch in einem solchen Fall geführt werden sollte: Sie macht es den Betroffenen überhaupt erst wieder möglich, sich allmählich für eine Zukunftsvision zu öffnen, indem sie es ihnen erlaubt, sich in dem eigenen Leid gesehen und trotzdem angenommen zu fühlen. Diese Erfahrung fördert folglich die Bereitschaft, mit dem eigenen Selbst wieder in Kontakt zu treten. (Vgl. „Wenn das Leid zu groß für eine Lösung ist…“)

Erst jetzt können lösungsorientierte Fragestellungen ihre volle Wirkung entfalten. Da kaum ein Problem zu jeder Zeit gleichermaßen intensiv erlebt erlebt wird, kann nun bspw. nach jenen Situationen gefragt werden, in denen das Problem entweder weniger groß oder gar nicht vorhanden ist. Die Fokussierung auf diese Ausnahmen, d.h. auf jene Erlebnisbereiche, die ein Problem weniger schlimm erscheinen lassen oder die sogar die Zuversicht wecken, dass man selbst etwas zur Verbesserung der eigenen Lage beitragen kann (Selbstwirksamkeit), bewirkt im Idealfall eine Herabregulierung des negativen Affekts und sie macht es dem Individuum somit wieder möglich, auf sämtliche Erfahrungen zuzugreifen, die es im EG abgespeichert hat. Die Fixierung auf inkongruente Objektwahrnehmungen (OES) weicht folglich einer ganzheitlichen Sichtweise (EG). Offenbart sich zugleich ein erstrebenswertes Ziel, das mit positivem Affekt einhergeht, lassen sich entsprechende Absichten vom IG zur IVS transportieren und können daraufhin umgesetzt werden (Willensbahnung).

www.manfred-evertz-art.com

Die Wahrscheinlichkeit, mit der eine therapeutische Intervention ein wünschenswertes Ergebnis erzielt, ist also im hohen Maße abhängig davon, an welcher Stelle sie zum Einsatz kommt. Möchte man Klienten in ihrem Prozess der Selbstwerdung unterstützen, sollte man demnach zunächst genau hinschauen (z.B. im Rahmen einer „Ortsbegehung“ oder einer SORKC-Analyse) und verstehen, worin die individuellen Schwierigkeiten überhaupt begründet liegen. Das ist zwar eine Binsenweisheit, die in der Praxis aber aufgrund persönlicher Präferenzen für bestimmte Methoden leicht übersehen werden kann bzw. nicht selten sogar komplett ausgeblendet wird.

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Literaturhinweise:

  • Allport, F.H. (1937). Teleonomic description in the study of personality. Character and Personality, 5, 202-214.
  • Angleitner, A., Ostendorf, F. & John, O.P. (1990). Towards a taxonomy of personality.
  • Bamberger, Günter G. (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.
  • Damasio, Antonio R. (1994). Descartes‘ Error. GP Putnam’s Sons.
  • Dehner, Ulrich & Dehner, Renate (2016). IntrovisionCoaching. managerSeminare Verlags GmbH.
  • Faßbinder, Eva, Schweiger, Ulrich & Jacob, Gitta (2011). Therapie-Tools: Schematherapie. Beltz Verlag.
  • Kuhl, Julius (2015). Spirituelle Intelligenz. Glaube zwischen Ich und Selbst. Verlag Herder.
  • Kuhl, Julius & Storch, Maja (2012). Die Kraft aus dem Selbst: sieben PsychoGyms für das Unbewusste. Hogrefe.
  • Kuhl, J. & Koole, S. (2005). Wie gesund sind Ziele? Intrinsische Motivation, Affektregulation und das Selbst. In: R. Vollmeyer & J. C. Brunstein (Hrsg.). Motivationspsychologie und ihre Anwendung (S. 109–130). Kohlhammer.
  • Kuhl, Julius (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme. Hogrefe.
  • Perls, F. S. (1979). Gestalttherapie Praxis. Ernst Klett Verlag für Wissen und Bildung GmbH.
  • Storch, Maja & Krause, Frank (2007). Selbstmanagement-ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Züricher Ressourcen Modell (ZRM). 4. vollständig überarbeite Auflage. Verlag Hans Huber.
  • Wells, A. (2009). Metacognitive Therapy for Anxiety and Depression. Guilford.
  • Zarbock, Gerhard (2012). Das Konzept Identität in der Verhaltenstherapie- In: Hilarion G. Petzold (Hrsg.). „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Die fünf Pfeiler der Identität

Wer bzw. wie bin ich? Diese Frage spielt auch im Rahmen einer Kognitiven Verhaltenstherapie nicht selten eine wichtige Rolle. Doch wie wird Identität in diesem Zusammenhang betrachtet? Was macht sie aus und woraus besteht sie eigentlich?

www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

Die Kognitive Verhaltenstherapie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt und das aus ihrer Gründerzeit stammende „mechanistische“ Menschenbild („Reiz-Reaktions-Modell“) elaboriert bzw. stetig weiter ausdifferenziert. In dem Buch „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven“ von Hilarion G. Petzold findet sich ein Kapitel von Gerhard Zarbock, in dem das Konstrukt „Identität“ aus verhaltenstherapeutischer Perspektive betrachtet wird. Ihm zufolge fußt diese auf fünf Pfeilern, die hier kurz beschrieben und diskutiert werden sollen.

Pfeiler 1: Selbstpräsenz-Erfahrung

  • Identifikation mit dem reinen (nicht wertenden, akzeptierenden) Bewusstsein

Identität wird demnach u.a. dadurch bestimmt, „ob und wie es dem Menschen gelingt, sich für die Erfahrung jeden Momentes mit einem nicht-wertenden, akzeptierenden Gewahrsein aufzuschließen und sich dabei mit der basalen menschlichen Fähigkeit der bewussten Beobachtung als Zentrum seines Selbsterlebens zu identifizieren“ (S. 225). Die MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) von Jon Kabat-Zinn (1995) arbeitet bspw. auf Grundlage dieser Annahme.

www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

Warum ein „akzeptierendes Gewahrsein“ sinnvoll sein kann, wird deutlich, wenn man bspw. die Emotions- bzw. Bewusstseinstheorie von António R. Damásio heranzieht, die einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Geist und Körper postuliert. Sogenannte somatische Marker bewirken die Bewertung von Vorhersagen und dienen u.a. als „Alarmglocken“. Demnach rufen Emotionen nicht nur eine für den auslösenden Reiz spezifische Verhaltensreaktion hervor, sie versetzen den Körper z.B. durch Hormonausschüttung zugleich in die Lage, eine entsprechende Reaktion auszuführen. Der Organismus wird dadurch in eine Art Erregungszustand versetzt, um schnell und effektiv reagieren zu können. Bewirken die dann ausgelösten Reaktionen allerdings keine spürbare Veränderung der Situation bzw. ihrer Bewertungen, können sich diese Prozesse so weit hochschaukeln, dass die Betroffenen sich handlungsunfähig und der Situation hilflos ausgeliefert fühlen.

Mittels verschiedenster Achtsamkeits- bzw. Meditationsübungen kann es nun gelingen, eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion zu entdecken und dysfunktionale (Verhaltens-)Impulse besser zu kontrollieren sowie das Selbsterleben von den Inhalten negativer Gedanken (im Sinne einer Entschmelzung oder Defusion) loszulösen.

Pfeiler 2: Metakognitive Selbstkontrolle

  • Identifikation mit der Fähigkeit, Metakognitionen zu erkennen und zu verändern

Durch die Fähigkeit zum Erkennen und Verändern von Metakognitionen können wir uns von der imperativen Macht der jeweiligen Bewusstseinseindrücke befreien und durch verbale Reflexion Freiraum, Orientierung und Kontrolle, und somit auch Selbstwirksamkeit und Identität zurückgewinnen“ (S. 226). Partiell wird Identität also durch die Art der bei einem Individuum vorherrschenden metakognitiven Annahmen und den daraus abgeleiteten Strategien bestimmt.

www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

Das klingt zunächst einmal recht abstrakt. Verständlicher wird es wahrscheinlich, wenn man sich genauer anschaut, was die Funktionalität einer „metakognitiven Selbstkontrolle“ ausmacht. Im Grunde genommen geht es hierbei um den „kognitiven Stil“, mit dem sich ein Mensch mit sich und seiner Umwelt auseinandersetzt. „Im Gegensatz zu den kognitiven Therapien von Ellis und Beck […] steht der Ansatz der metakognitiven Therapie (Wells 2009) auf dem Standpunkt, dass negative Gedanken häufig vorkommen und nicht die Ursache psychischer Störungen darstellen. Als zentral hingegen werden […] metakognitive Glaubenssätze (z.B. „Grübeln hilft mir zukünftige Probleme zu vermeiden. Ich muss jederzeit die Kontrolle über meine Gedanken haben“) und daraus abgeleitete Strategien (z.B. Kontrollversuche der Gedanken und Emotionen, Vermeidungsverhalten in Bezug auf Erinnerungen) angesehen, die sich auf die Bewertung der Gedanken und den erforderlichen Umgang mit ihnen beziehen“ (S. 226).

Kurz gesagt: Natürlich beeinflussen Gedanken unsere Gefühle. Sind diese überwiegend negativ, wirkt sich das auch auf die Stimmung aus und kann im schlimmsten Fall bspw. zu einer Depression oder Angststörung führen. Von besonderer Bedeutung hierbei ist jedoch der kognitive Stil, der darüber entscheidet, wie wir mit gewissen Erfahrungen umgehen und diese verarbeiten bzw. wie wir es gewohnt sind, über uns und unsere Umwelt nachzudenken. So schützen z.B. eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit alltäglichen Problemen oder kritischen Lebensereignissen sowie verschiedene Techniken der Emotionsregulation zwar grundsätzlich davor, ins bloße Grübeln zu verfallen oder sich Gefühlen machtlos auszuliefern, allerdings sind auch das wohl keine Allheilmittel. Warum auch ein noch so eleganter Umgang mit Schwierigkeiten oder inneren Zuständen nicht immer davor bewahrt, dass man sich „in ihnen verliert“, sollte im weiteren Verlauf dieses Textes deutlich werden…

Pfeiler 3: Selbsterzeugung von Realität

  • Identifikation mit der Fähigkeit zum Selbstgespräch und zum Tagtraum
www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

Folgt man der Erkenntnistheorie von Humberto Romesin Maturana, dann ist das menschliche Erkennen durch die Struktur des Organismus (und nicht durch die Objekte der Außenwelt) determiniert. Ihm zufolge ist das Nervensystem eines Menschen eine operationale und funktionale Einheit, die nicht zwischen internen und externen Auslösern differenziert. Von daher sind Wahrnehmung und Illusion prinzipiell nicht unterscheidbar. Aussagen über die (ontische) Realität sind demnach grundsätzlich nicht möglich. Das bedeutet zwangsläufig, dass Menschen sich ihre eigene Wirklichkeit konstruieren (müssen).

An dieser Schnittstelle (zwischen Realität und Wirklichkeit) setzen nun verschiedene Therapieverfahren an. So sind Selbstgespräche bspw. in der Selbstmanagementtherapie von Frederick Kanfer das zentrale Element, wobei das subjektive Erleben durch Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstverstärkung reguliert wird. Mit Tagträumen wird u. a. im mentalen Training bzw. in der imaginativen Therapie gearbeitet. Ein Ziel hierbei ist die Aufrechterhaltung, Absicherung und Verteidigung des eigenen Selbstverständnisses bzw. der Identität trotz gegenläufiger Informationen aus der realen oder sozialen Umwelt.

Pfeiler 4: Identifikation mit Bewusstseinsinhalten

  • Identifikation mit Grundannahmen, Grundbedürfnissen, Regeln und persönlichen Erinnerungen

Nach Richard Lazarus (1991) sind sechs Arten der Ego-Involvierung bzw. Selbst-Identifikation maßgeblich an der Erfahrung von Identität beteiligt: (1) Soziale und Selbst-Achtung, (2) moralische Werte, (3) Ich-Ideale, (4) zentrale Welt(be-)deutungen und Ideen, (5) andere Menschen und ihr Wohlergehen sowie (6) Lebensziele. Das erscheint zunächst plausibel und ist wohl auch hinlänglich bekannt…

www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

Das schematherapeutische Konzept von Jeffrey Young stellt die Annahme einer einheitlichen Identität hingegen grundsätzlich in Frage. Das Modell der Modi geht davon aus, dass eine Person verschiedene „Gesamtzustände“ annehmen kann, wobei ein Gesamtzustand als strukturiertes Gesamt aus psychischen, psychosomatischen und somatischen Zuständen verstanden wird. „Ein Modus ist in diesem Sinne ein Attraktor des Psychischen, indem der Modus das Psychische temporär ordnet und gegenläufige, mit dem Modus unvereinbare Zustände unterdrückt und das Erleben und Verhalten somit vereinheitlicht (Roedinger 2009, 7 ff.).“

Die Schematherapie finde ich aber noch aus einem anderen Grund interessant: In ihr wird, nachdem die Kernprobleme (z.B. intensive negative Gefühle, Vermeidung, Unterwerfung, Überkompensation, Selbstabwertung oder übertriebener Perfektionismus) herausgearbeitet und den entsprechenden Modi bzw. Schemata zugeordnet worden sind, neben kognitiv-behavioralen Techniken auch mit tiefenpsychologischen Erklärungsmodellen sowie mit emotionsfokussierenden Methoden („Stuhltechnik“) gearbeitet. Die 18 Schemata lassen sich in fünf Domänen einteilen, wobei davon ausgegangen wird, dass diese jeweils in Verbindung mit der Nichterfüllung bestimmter Grundbedürfnisse in der Kindheit stehen: (1) Fehlende Sicherheit und Zurückweisung, (2) Beeinträchtigungen im Umgang mit Begrenzungen, (3) Fremdbezogenheit oder (4) übertriebene Wachsamkeit oder Gehemmtheit. War es also aus irgendeinem Grund bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder waren die Befürchtungen zu groß, es sei zu egoistisch, zu belastend oder sehr beängstigend, sich mit den entsprechenden Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass die schmerzvollen Empfindungen aus Gründen des Schutzes vom eigenen Erleben abgespalten und die mit ihnen verbundenen Bedürfnisse womöglich dauerhaft ausgeblendet bzw. vernachlässigt werden. Der Schlüssel zur Überwindung derartiger Entwicklungsblockaden liegt nun vor allem in der Erweiterung der Bewusstheit („awareness“), also – gestalttherapeutisch formuliert – in der Ausbildung der „sinnlichen Reflexivität“ sowie einer sich ihr anschließenden bewussten Übernahme von Verantwortung für das eigene Verhalten.

Wie ich wurde, was ich bin“

www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

In diesem Zusammenhang ist es auch nachvollziehbar, dass bereits vereinzelte (ebenso wie sich stetig wiederholende) Erfahrungen die Entwicklung eines Individuums prägen und entsprechend nachhaltige Auswirkungen haben können, Gerhard Zarbock spricht hier von sogenannten „Schlüsselerlebnissen“, d.h. von relevanten biographischen Erinnerungen, „die für die Biographie eine herausragende oder einschneidende Bedeutung haben oder [die] lang andauernde positive oder negative Lebenssituationen exemplarisch bzw. stellvertretend prägnant veranschaulichen […]“ (S. 230).

Identität wird diesem Pfeiler zufolge also durch die Identifikation mit irgendeinem Dritten gestiftet. „Diese Dritten können bewusste oder unbewusste Glaubenssätze, Ziele, gesellschaftliche Institutionen, soziale Regeln, wiederkehrende Stimmungen (die sogenannten Modi der Schematherapie), andere Menschen („meine Familie“) oder zentrale prägende Erinnerungen und Erfahrungen sein“ (S. 230).

Pfeiler 5: Selbst-Einbindung in die Umwelt

  • (Ungewusste) Identifikation mit der individuellen Umwelt

Die Frage nach der Identität impliziert diesem Pfeiler zufolge „die Frage nach der Funktionalität einer Identifizierung (z.B. mit einem Selbstkonzept, wichtigen Glaubenssätzen und Grundannahmen) in der sozial relevanten Umwelt (externale Funktionalität) und der seelischen Innenwelt (internale Funktionalität) des Individuums“ (S. 232).

www.manfred-evertz-art.com

www.manfred-evertz-art.com

Funktional ist eine Identifizierung übrigens dann, wenn sie für das Wohlbefinden sowie die seelische Gesundheit eines Individuums förderlich ist bzw. wenn sie sich positiv auf die Interaktion mit dessen sozialer Umwelt auswirkt. Tut sie das nicht, wird sie als „dysfunktional“ angesehen und kann im Rahmen eines sokratischen Dialogs bspw. durch Fragen nach empirischen Beweisen und der logischen Konsistenz des Denkens, nach einer realistischen Neubewertung künftiger Situationen und Ereignisse oder solchen, die hilfreich dabei sind, den hedonistischen Wert von Bewertungen einzuschätzen, modifiziert werden. Grundsätzlich geht es in einer Therapie also darum, jene Einstellungen bzw. Gedanken zu betrachten und ggf. zu verändern, mit denen sich die Betroffenen selbst im Weg stehen.

Fazit

Zusammenfassend könnte man also sagen, dass Achtsamkeit, Metakognitionen, Selbstgespräche und Tagträume, Bewusstseinsinhalte und die Identifikation mit der individuellen Umwelt sich als die (zentralen) Bausteine unserer Identität auffassen lassen. Konzentriert man sich im Rahmen einer „Identitätsarbeit“ lediglich auf einen oder wenige dieser Pfeiler, kann das dazu führen, dass man bei einem solchen Vorgehen die Komplexität der menschlichen Persönlichkeit nicht hinreichend berücksichtigt. Auf die eingangs formulierte Frage („Wer bzw. wie bin ich?“) scheint es folglich keine einfache Antwort zu geben, so wünschenswert das auch sicher ist. Nicht ohne Grund ist „Identität“ schließlich eines der Kernthemen in der modernen Psychotherapie.

Psyche und Arbeit bei Facebook finden Sie hier.

Literaturangaben:

  • Zarbock, Gerhard (2012). Das Konzept Identität in der Verhaltenstherapie- In: Hilarion G. Petzold (Hrsg.). „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Faßbinder, Eva, Schweiger, Ulrich & Jacob, Gitta (2011). Therapie-Tools: Schematherapie. Beltz Verlag.

identitaet-coverQuellen aus dem Literaturverzeichnis (Petzold 2012):

  • Lazarus, Richard S. (1991). Emotion & Adaption. Oxford University Press.
  • Kabat-Zinn, Jon (1995). Gesund durch Mediation. O. W. Barth.
  • Roedinger, E. (2009). Was ist Schematherapie? Jungfermann.
  • Wells, A. (2009). Metacognitive Therapy for Anxiety and Depression. Guilford.

Das Innere Team im Kriegszustand!

Dauerhafte Konflikte oder Anfeindungen können einem ganz schön zu schaffen machen. Auch (noch so) starke Persönlichkeiten verändern sich irgendwann durch solche Erfahrungen. Was kann man dann tun? Gibt es Erklärungsmodelle oder Lösungsansätze, die sich in der Praxis bewährt haben?

In diesem Beitrag wird das Modell des „Inneren Teams“ von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun vorgestellt und es werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie es in der Mobbingberatung angewendet werden kann.

Inhalt:

Manfred Evertz

www.manfred-evertz-art.com

  • Einleitende Gedanken
  • Das Innere Team
  • Grundaufstellungen und individuelle Bandbreite
  • Die Übung
  • Störung des inneren Betriebsklimas
  • Wie sind die Konflikte zu lösen?
  • Stärkung der Persönlichkeit
  • Anwendung des Modells bei typischen Problemen in der Mobbing-Beratung
  • Welche Widerstände gibt es?
  • Fazit
  • Danksagung
  • Literatur

Einleitende Gedanken

Mobbing ist oftmals ein mulitkausal verursachtes Geschehen, welches in einem sozialen Kontext stattfindet. Folgt man Paul Watzlawick, so reicht es bei der Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen (bzw. Systeme) nicht aus, sich lediglich auf die individuellen Eigenschaften der daran beteiligten Personen zu fokussieren (Rollen, Bedürfnisse, Erwartungen, Werte, Ziele, Charakter etc.), da diese sich in einem jeweils anderen Umfeld ganz unterschiedlich auswirken können. Viele Ansätze gehen nun den Weg, dass sie einige (besonders wichtige) Aspekte des menschlichen Miteinanders fokussieren (z. B. Empathie, Wertschätzung, Toleranz etc.) und Methoden entwickeln, diese zu stärken. Zugleich arbeiten die meisten Berater, Coachs und Therapeuten zunehmend auch systemisch und berücksichtigen die entsprechenden Dynamiken der Umgebung (bzw. des Systems), denen Klienten ausgesetzt sind.

Wie wichtig das ist, zeigt sich z.B. an dem Phänomen der ’negativen Rückkopplung‘, welches die Bemühungen des Systems bezeichnet, einen Gleichgewichtszustand bzw. eine vorhandene Struktur aufrechtzuerhalten. Negative Rückkopplungen wirken also wie ein Korrektiv in Richtung „Stabilität“ oder „Beruhigung“. „Probiert“ ein Klient nun also eine veränderte Einstellung in seinem (gewohnten) Umfeld aus und zeigt sich diese in seinem Verhalten, wird das System (also das Umfeld bzw. seine Kommunikationspartner) dem automatisch entgegenzuwirken versuchen. So geschieht es nicht selten, dass der Klient schnell wieder in gewohnte Verhaltensmuster zurückfällt und die angeregten selbstreflexiven Prozesse im Sande verlaufen…

Ein wichtiger Teil der Arbeit des Beraters bzw. Coachs ist es also, den Klienten in seinem Veränderungsprozess zu bestärken. Noch hilfreicher ist es, wenn der Klient in die Lage versetzt wird, sich selbst zu (be-)stärken. Diese sogenannten ‚positiven Rückkopplungen‘ unterstützen also die Veränderung (z.B. das neue Verhalten). Es stellt sich also die Frage, wie es ein Klient schaffen kann, sich selbst in seinem neu erlernten Denken und Verhalten dauerhaft zu bestärken?

Es gibt viele Ansätze, die sich mit dieser Frage beschäftigen, wie also die Resilienz eines Menschen gestärkt oder gefördert werden könne. Neben den herkömmlichen Tipps (wie z.B. eine gesunde Ernährung, Sport, regelmäßige Erholungsphasen) sind vor allem jene Modelle verbreitet, die von anerzogenen bzw. früh erlernten aber veränderbaren Glaubenssätzen bzw. Grundannahmen über sich selbst, die Mitmenschen und die Welt ausgehen. Es wird angenommen, dass sich einige davon ungünstig auf das Stressverhalten des Betroffenen auswirken und somit reflektiert und mittels bestimmter (je nach Verfahren sehr unterschiedlicher) Techniken modifiziert bzw. ausgetauscht werden sollten. Die Auswirkung auf das Verhalten bzw. auf das Wohlbefinden des Klienten ist bei dieser Vorgehensweise (bei adäquater Durchführung) in der Regel sehr positiv und nachhaltig. Dabei stellt sich allerdings die Frage, wie der Klient sich vor sogenannten ‚blinden Flecken‘ bei der Selbstwahrnehmung schützen kann?

Das Modell des „Inneren Teams“ von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun bietet für diese beiden Fragen praktische Lösungen an, die es dem Klienten erleichtern, ein hohes Maß an Transparenz bzw. Klarheit und damit Entscheidungsfähigkeit zu erlangen und sich innerlich zu stärken.

Das Innere Team

Inneres Team

www.manfred-evertz-art.com

Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun (Psychologe und Kommunikationswissenschaftler) ist durch seine Werke „Miteinander Reden“ und hierbei vor allem durch das Nachrichtenquadrat (bzw. die „vier Seiten einer Nachricht“) bekannt geworden, dessen Aussagen sich auch in den anderen Modellen des Autors wiederfinden. In dem dritten Teil seiner Veröffentlichung bespricht er die Möglichkeit, die Persönlichkeit des Menschen als Inneres Team aufzufassen, wodurch innere Konflikte und Verhaltenstendenzen erklärbar werden. Die Mitglieder des Inneren Teams beschreibt er als Einstellungen und Tendenzen, die sich durch bestimmte Begrifflichkeiten beschreibbar und somit für den Klienten im Rahmen einer Selbstreflexion besser handhabbar machen lassen. Innere Konflikte können so durch einen inneren Dialog geklärt werden. Schulz von Thun formuliert dies so: „Die Mitglieder des Inneren Teams sind innere Wortmelder. Sie melden sich als Botschafter der Seele zu einem bestimmten Thema oder einer bestimmten Situation. Sie melden sich und wollen etwas. Zumindest wollen sie gehört und berücksichtigt werden. In der Beratung wenden wir viel liebevolle Gründlichkeit auf, um ihre Botschaft prägnant zu machen und um ihnen einen Namen zu geben.“

Da die in der Person bestehenden Konflikte neben ihrer Binnenwirkung (z.B. Energie- und damit Leistungsminderung durch andauerndes Abwägen und Unterdrückung von Verhaltenstendenzen, Kontaktlosigkeit bzw. Abspaltung von inneren Anteilen, Krankheiten etc.) immer auch nach außen wirken (z.B. durch widersprüchliche, nebulöse Kommunikation, Sprachlosigkeit, Streitsucht, etc.), können die durch diese bedingte Verhaltensweisen, die zu Konflikten führen, erklärt und aufgelöst werden. Um bestehende Kommunikationsprobleme mit anderen Menschen zu bearbeiten, scheint demnach eine Selbst- und Rollenklärung des Klienten hilfreich zu sein. Eine Begründung seines Ansatzes geht aus der sogenannten Parallelitätshypothese hervor, die besagt, dass „die innere Dynamik im Seelenleben des Menschen […] in weiten Teilen der Dynamik [entspricht], wie sie sich in Teams oder Gruppen ereignet. Das Geheimnis für ein produktives Arbeits- und Seelenleben (mit Effektivität nach außen und gutem „Betriebsklima“ nach innen) liegt im gelungenen Zusammenspiel von kooperativer Führung und Teamarbeit.“

Der Begriff des Inneren Teams wird dabei als eine Art Ideal verstanden, da sich in der Realität oftmals ein Gegeneinander, Durcheinander und Nebeneinander von inneren Stimmen bzw. Teammitgliedern zeigt. Angelehnt an den Begriff des „Selbst“ geht Schulz von Thun davon aus, dass es in jedem Inneren Team ein sogenanntes Oberhaupt gibt, welches darum bemüht sein sollte, die unterschiedlichen Interessen der Teammitglieder „unter einen Hut“ zu bringen“, wobei es aufgrund der oben angesprochenen „Unordnung“ in erster Linie um die Kunst geht, sich selbst zuzuhören. Dieses Oberhaupt hat nun wie in einem Unternehmen die Aufgaben, seine Mitglieder zu kontrollieren, den inneren Dialog zu moderieren, die verschiedenen Stimmen synergetisch zusammenzuführen, Polarisierungen aufzulösen, abgespaltene Mitglieder zu integrieren und für jede Aufgabe bzw. Situation die richtige „Mannschaft“ aufzustellen.

In jeder Kommunikation sind also immer verschiedene Mitglieder des Inneren Teams beteiligt, dessen unterschiedlichen Bestrebungen zunächst sortiert werden müssen, um vorschnelle Reaktionen zu vermeiden bzw. um angemessen mit der inneren Pluralität umzugehen.

Grundaufstellungen und individuelle Bandbreite

Um interindividuelle Unterschiede zwischen Menschen auch mittels dieses Modells verständlicher zu machen, bemüht Schulz von Thun u. a. die Persönlichkeitstheorie von Fritz Riemann, die vier Grundbestrebungen des Menschen benennt, welche wiederum als jene Pole aufgefasst werden können, in deren Spannungsfeld sich menschliches Verhalten vollzieht: Dauer vs. Wechsel und Nähe vs. Distanz. Diese vier Pole sind sozusagen die Stammspieler des Inneren Teams und stehen für jeweils gegensätzliche Bedürfnisse, die bei jedem Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind. Interindividuelle Unterschiede lassen sich durch den Wirkungsgrad dieser Motive erklären, die zu einer sogenannten „Grundaufstellung“ führen, mit der Menschen durch ihr Leben gehen.

Dass das Modell des Inneren Teams jedoch nicht statisch ist, also nicht von einer einmal und für alle Zeiten festgelegten Teamstruktur einer Person ausgeht, zeigt sich daran, dass situative Faktoren einen großen Einfluss auf dessen Zusammensetzung haben, es sich also immer wieder verändert. Dies könnte zu der Annahme verleiten, dass es keine erkennbare, einheitliche Persönlichkeitsstruktur gibt, was eine Analyse deutlich erschweren würde. Dass das nicht so zu verstehen ist, lässt sich z.B. an dem Prinzip der personenbezogenen Grundaufstellungen erklären.

Hier zeigt sich die dynamische Variabilität des Modells dadurch, dass sich – je nachdem, mit wem es eine Person zu tun hat – die Aufstellung des Inneren Teams verändert. Selbst wenn man situative Veränderungen dieser Zusammensetzung berücksichtigt, ergibt sich zumeist jedoch eine typische Konstellation. Als Beispiel führt Schulz von Thun das Verhalten seines Sohnes an, der sich seinem Vater gegenüber anders verhält, also andere Teammitglieder „ins Boot holt“, als er dies gegenüber seiner Mutter tut. So hatte die Mutter es häufig mit dem trotzigen Poltergeist sowie mit dem wehleidigen Jammerpott zu tun, während der Vater mit dem selbständigen Manager („Ich kann das schon allein!“) und dem rücksichtsvollen Partner („…wenn es Dir nichts ausmacht, würde ich gern…“) konfrontiert wurde. Je nachdem, welche Rolle eine Person also im Leben des Betroffenen spielt, werden verschiedene Teammitglieder aktiv und treten in die Interaktion. Dies macht deutlich, dass jeder Mensch über ein hohes Maß an Flexibilität verfügt und sich jeweils individuell auf seinen Gegenüber einstellt. Man verhält sich demnach „seinem Gegenüber entsprechend“ und erlebt dies in der Regel auch so. Dies impliziert eine Veränderbarkeit der Aufstellungen im Rahmen der individuellen „personalen Bandbreite“, wobei nicht eine vollkommen andere Persönlichkeit dabei zutage tritt, sondern lediglich eine andere Facette von ihr sichtbar wird.

Der Abgrenzer

www.manfred-evertz-art.com

Welche Teammitglieder jeweils ins Team geholt werden, hängt entscheidend von der Rolle ab, die diese Person im Leben des Betroffenen spielt, und von den gezeigten Verhaltensweisen (die ja oftmals auch typisch bzw. charakteristisch sind). Diese spezifischen „Hervorlockungen“ können nun reziprok („…wie es in den Wald hineinruft“) oder komplementär sein. Schulz von Thun verweist dabei auf Experimente und Übungen, in denen sich gezeigt hat, dass die Ausstrahlung eines Menschen innerhalb der ersten Minuten bereits die innere Aufstellung einer „Gegenmannschaft“ beim Gegenüber hervorruft. Auch wenn situative Faktoren dabei eine wichtige Rolle spielen, lohnt es, sich der eigenen Außenwirkung bewusst zu werden. Ein Beispiel aus dem Buch verdeutlicht diesen Zusammenhang: „Ein Kollege, der eher verschlossen ist (der Verschlossene), könnte z.B. den besorgten Seelendoktor bei seinem Gegenüber aktivieren, der dann durch sein Verhalten (z.B. durch besorgtes Nachfragen) wiederum ein darauf eingestelltes Teammitglied bei ihm aktiviert (z.B. den Grenzwächter) und ihn zu entsprechenden Reaktionen veranlasst (z.B. Abgrenzungs- bzw. Abwehrverhalten).“

Weitere situative Aspekte, die die Zusammensetzung des Inneren Teams maßgeblich beeinflussen, sind z.B. das entsprechende Thema, um das es geht, sowie der Kontext, in dem die Kommunikation stattfindet. In der Beratung werden also neben den inneren Stimmen des Klienten immer auch diese äußeren Einflussfaktoren berücksichtigt und in die Analyse mit einbezogen. Für die Mobbing-Beratung besonders wichtig ist auch die berufliche Rolle des Betroffenen, die zu einer Aktivierung von jeweils spezifischen Teammitgliedern führt. So wurde im Rahmen von wissenschaftlichen Arbeiten bereits mehrfach untersucht, welche Teamaufstellungen bei welchen Berufen typisch sind. Jede Profession beinhaltet demnach spezielle „seelische Herausforderungen“, denen sich der Betroffene stellen muss. Weicht die gebotene Teamaufstellung zu sehr von den bevorzugten Konstellationen des Klienten ab, wird dieser sich in seinem Beruf wahrscheinlich eingeengt und eher „unvollständig“ fühlen. Durch diesen Mangel an erlebter Vitalität kann es dann zu Konflikten mit dem Umfeld kommen.

Die Übung

Um nun mit dem Ansatz des „Inneren Teams“ zu arbeiten, kann man eine Übung durchführen, die aus fünf Schritten besteht. Grundsätzlich geht es um eine innere Standortanalyse bezogen auf eine bestimmte Situation oder (häufiger) auf eine persönliche Frage, die dem Klienten auf spielerische Art Einsicht die eigene Persönlichkeitsstruktur gewähren kann. Das eigene Verhalten (bzw. die eigenen Reaktionen) – z.B. in einer Konfliktsituation – wird somit einsichtiger und im stärkeren Maße beeinflussbar. Die Übung dient also dazu, das Innere Team des Klienten zu optimieren. „Richtige“ und „falsche“ Lösungen gibt es dabei nicht, aber sicher solche, die „funktionieren“… Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von Stimmigkeit: „authentisch und situationsgerecht – das eine nicht ohne das andere und das andere nicht ohne das eine.“

1. Schritt: Die Fragestellung

Zunächst wird ein Stuhl in den Raum gestellt, auf den sich der Klient setzt. Er wird aufgefordert, sich vorzustellen, dass er nun in der Position des Oberhauptes und darum bemüht ist, eine Lösung für die belastende Situation zu finden. Zunächst geht es darum, eine Fragestellung zu überlegen, die er in dieser Funktion mit seinem Inneren Team klären möchte. Diese Frage soll der Klient dann in einem kurzen Satz formulieren und auf eine Karte schreiben. Mit der Beantwortung dieser Frage sollte der Klient einen Weg für sich finden, mehr Klarheit in die Mobbing-Situation zu bringen oder sie eventuell sogar auflösen zu können, bzw. ein besseres Verständnis darüber erlangen, warum er unter dieser Situation so sehr leidet, damit er künftig besser damit umgehen kann.

Beispiele für solche Fragen könnten sein:

  • Warum belastet mich meine Situation am Arbeitsplatz zurzeit so sehr?
  • Warum lasse ich mich von Herrn Meier so unter Druck setzen?
  • Warum fühle ich mich in meinem Team so unwohl?

Besonders hilfreich für den Klienten ist es, bereits diese Frage lösungsorientiert zu formulieren („Wie schaffe ich es, mit dieser Situation gelassener umzugehen?“). Anschließend legt er diese vor sich auf den Boden und spricht sie laut aus.

2. Schritt: Die inneren Stimmen

Der Klient ist nun aufgefordert, sich gedanklich und emotional ganz auf seine Fragestellung einzulassen bzw. sich in eine typische Konfliktsituation hineinzuversetzen. „Befindet“ sich der Klient dann (gedanklich) in der Situation und hat er einen emotionalen Zugang zu dem, was in einem solchen Moment in ihm vorgeht, können diese Emotionen und die durch sie entstehenden Gedanken benannt werden. Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von ‚Botschaften‘ mittels derer sich die Mitglieder des Inneren Teams zu Wort melden. Diese müssen zunächst erkannt und dann überprüft werden, inwieweit sie sich für den Klienten stimmig anfühlen bzw. umformuliert werden müssten. Nach Schulz von Thun könnte die dabei gestellte Frage lauten: „Wer meldet sich in Ihnen?“ Das kann dann etwas sein, was der Betreffende zu sich selber sagt, es kann aber auch einen vorgestellten Adressaten der Außenwelt haben (z.B. „Was bilden Sie sich eigentlich ein?“ Oder: „Was bildet der Kerl sich eigentlich ein?“).

Der Klient wird also gebeten, alle Gedanken, Gefühle bzw. Impulse aufzuschreiben, die Ihm in den Sinn kommen, ohne sie dabei zu bewerten. Er verbleibt solange in der Fragestellung bzw. in der Konfliktsituation, wie er es aushalten kann und schreibt alles auf, was ihm einfällt. Auch auftretende Gefühle können in entsprechende Sätze übersetzt und notiert werden.“

Selbstverständlich sollte man bei der Durchführung dieser Übung Rücksicht auf die aktuelle Belastbarkeit des Klienten nehmen und diesen nicht durch zu intensives Insistieren überfordern. Sollte man während der Durchführung der Übung bereits feststellen, dass es dem Klienten schwer fällt, solche Gedanken oder Gefühle aufzuschreiben, können gezielte Fragen gestellt werden, die ihm dabei helfen.

Fragebeispiele:

  • Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Person X sich Ihnen gegenüber so verhält?
  • Welcher Gedanke geht Ihnen dabei durch den Kopf?
  • Was würden Sie in diesem Moment am liebsten tun?
  • Warum tun Sie das nicht? Was hält Sie davon ab?

Zu bedenken gilt es hierbei, dass Stimmen der Teammitglieder sich ganz unterschiedlich äußern können. Einige tauchen in einer entsprechenden Situation sofort auf, andere melden sich erst viel später, dann allerdings häufig mit aller Deutlichkeit. Einige sind leise, andere laut (also mehr oder weniger leicht wahrnehmbar). Auch sind sie in einem unterschiedlichen Maße willkommen, was bedeutet, dass dem Klienten einige dieser Stimmen unangenehm oder sogar peinlich sein könnten. Auch kommt es nicht selten vor, dass sich die notierten Aussagen widersprechen.

Diese inneren Regungen (Gedanken, Gefühle, Handlungsimpulse, etc.) soll er anschließend mit Namen versehen, die für die diesen zugrunde liegenden Anteile der eigenen Persönlichkeit stehen, und jeweils auf eine Karte schreiben. Bei der Wahl der Namen kann es hilfreich sein, sich auf das der jeweiligen Regung zugrundeliegende Motiv oder Bedürfnis zu beziehen.

Beispiel 1:

  • „Ich will meine Ruhe haben!“

Beispielhafte Deutung 1:

  • Motiv: Sehnsucht nach Entspannung und Ruhe.
  • Name: Der Erholer, der Ruhemensch, der Einsiedler etc.

Beispielhafte Deutung 2:

  • Motiv: Weniger Belästigung durch Dritte oder die Umgebung
  • Name: Der Abschirmer, der (Ent-)Störungsminister etc.

Beispiel 2:

  • „Ich will meinen Arbeitsplatz nicht verlieren!“

Beispielhafte Deutung 1:

  • Motiv: Angst vor sozialem Abstieg
  • Name: Der Sicherheitsbedürftige, der Ehrgeizige, der fürsorgliche Familienvater etc.

Beispielhafte Deutung 2:

  • Motiv: Ich will mich von meinen Kollegen nicht kleinkriegen lassen!
  • Name: Der Kämpfer, der Beharrliche, der Durchsetzer eigener Interessen

Bei der Auswahl der Namen sind der Fantasie des Klienten keine Genzen gesetzt. Je nachdem, welches Bedürfnis beim Betroffenen im Vordergrund steht (z.B. also der Wunsch nach Ruhe oder nach weniger Störung), sollte ein entsprechender Name gefunden werden. Dieser sollte so gewählt sein, dass er möglichst treffend beschreibt bzw. beinhaltet, worauf es in dem entsprechenden Satz bzw. Gedanken ankommt. Es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Namen, nur solche, die die Stimme treffend oder weniger treffend charakterisieren. Um Veränderungen in emotionalen Reaktionsmustern zu erreichen, ist es hilfreich, das Unbewusste durch möglichst „starke“ Bilder anzusprechen.

Sind sämtliche „Regungen“ benannt, die dem Klienten in den Sinn kommen, werden die diese (also die Teammitglieder), die an der Situation beteiligt sind, so auf den Boden gelegt bzw. angeordnet, wie sie in Beziehung zueinander stehen. Dieses Vorgehen ist vergleichbar mit einer Aufstellung, bei der inhaltliche oder motivationale Ähnlichkeiten bzw. Tendenzen durch räumliche Nähe gekennzeichnet werden. Teammitglieder, die sozusagen an einem Strang ziehen, bilden dabei eine Art innere Koalition, die nun sichtbar wird. Die auf diese Weise entstehende Visualisierung dient dem Klienten dazu, einen unmittelbaren Zugang zu seiner inneren Struktur zu bekommen. (Schulz von Thun schlägt in diesem Zusammenhang übrigens alternativ vor, mit Zeichnungen zu arbeiten.)

3. Schritt: Identifikation mit den einzelnen Teammitgliedern

Wie man nun weiter mit diesen Ergebnissen arbeitet, sollte man von der individuellen Situation des Klienten sowie von den Ergebnissen der ersten beiden Schritte abhängig machen. Hier beginnt die eigentliche Arbeit, in der es darum geht, die Dynamiken und eventuelle Konflikte transparent zu machen bzw. zu analysieren (auch in Hinblick darauf, wie sie nach außen wirken) und dem Klienten somit auf beinahe spielerische Art einen Diskurs mit den verschiedenen Persönlichkeitsanteilen zu ermöglichen. Der Autor geht davon aus, dass die Fähigkeit zur inneren Teambildung zu mehr Resilienz und einem klareren Auftreten verhilft.

Um dies zu ermöglichen, wird der Klient nun aufgefordert, sich nacheinander auf die am Boden platzierten Karten zu stellen und die jeweilige Position bedingungslos einzunehmen bzw. das dahinterliegende Bedürfnis ganz klar zu spüren und zu äußern, ohne sich dabei durch die „Stimmen“ der anderen Teammitglieder beeinflussen bzw. stören zu lassen. Er soll sich also, abhängig davon, auf welcher Karte er gerade steht, ganz und gar mit dem entsprechenden Teammitglied identifizieren und dieses ungefiltert zu Wort kommen lassen. Erzielt werden soll dadurch ein bewusstes Erleben der eigenen Bedürfnisse und Motive.

4. Schritt: Der innere Dialog

Nun obliegt es dem Coach, Therapeuten oder Berater, die Teammitglieder miteinander in eine Art Dialog zu bringen. Hierzu stellt er dem Klienten Fragen, die dieser dann aus der Perspektive der angesprochenen Teammitglieder beantwortet. Auch in diesem Schritt stellt der Klient sich immer auf jene Karte, dessen Position er gerade einnimmt. Innere Konflikte können auf diese Weise diskutiert bzw. offen ausgesprochen werden.

In dieser Phase ist es möglich, die Karten neu anzuordnen, also neue Koalitionen zu bilden, oder neue Karten hinzuzunehmen (s. u.). Die Möglichkeiten zur Reflexion, die sich nun mittels des Modells ergeben, sind sehr vielfältig und können hier nur bruchstückhaft dargestellt werden. Im Mittelpunkt dabei steht die Auflösung innerer Teamkonflikte. Dies gilt auch für die Mobbingberatung, wobei hier besonders auf Teammitglieder zu achten ist, die sich bezogen auf den Konfliktpartner bzw. auf die für die Mobbing-Handlungen ausschlaggebenden Aspekte (z.B. berufliche Rolle, Arbeitsplatz) zu Wort melden.

5. Schritt: Die Entscheidung

Nachdem die einzelnen Teammitglieder alle zu Wort gekommen sind und sich miteinander auseinandergesetzt haben, sich eventuell neue Koalitionen entwickelt haben und/oder neue Teammitglieder einberufen worden sind, es also zunächst nichts weiter hinzuzufügen gibt, verkündet das Oberhaupt eine Entscheidung. Hierzu setzt sich der Klient wieder auf den Stuhl und betrachtet die Karten nochmals (in ihrer jetzigen Anordnung). Dann entscheidet er, wie er die unterschiedlichen Motive und Bedürfnisse künftig „unter einen Hut“ bringen möchte bzw. wie er meint, mit ihnen umgehen zu wollen. Das Ergebnis soll also eine Art Handlungsstrategie oder innere Haltung sein, die sich für den Klienten bezüglich der zuvor formulierten Fragestellung nun entwickelt (hat).

Störung des inneren Betriebsklimas

sinnliche-reflexivitaet

www.manfred-evertz-art.com

Gehen die Meinungen bzw. die Bedürfnisse der einzelnen Mitglieder des Inneren Teams zu sehr auseinander und kann keine Einigung erzielt werden, so führt dies zu Teamkonflikten, die immer auch eine Außenwirkung haben. Infolge interner Reibungsverluste kann es somit zu einer Leistungsminderung (bis hin zur Erschöpfung) aber auch zu einer unstetigen Außenwirkung kommen, die zu einem Image- oder Vertrauensverlust führen kann. Das Impression-Management des Betroffenen, welches normalerweise u. a. darauf ausgerichtet ist, nach außen hin konsistent zu erscheinen, funktioniert dann nicht mehr. Auch in der Kommunikation des Betroffenen zeigen sich die inneren Konflikte deutlich, z.B. durch widersprüchliche oder nebulöse Aussagen. Dadurch kommt es zu einer Schwächung der eigenen Wirksamkeit bzw. Durchsetzungsfähigkeit, die entweder genereller oder punktueller (bezogen auf einzelne Themen, Situationen oder Personen) Natur sein kann. Eskaliert der Konflikt zwischen den Teammitgliedern und sind die beteiligten Parteien in etwa gleichermaßen einflussreich, kann dies sogar zu Handlungsblockaden führen, die im Extremfall chronisch werden können. Oftmals wird durch die inneren Konflikte auch eine Aggressivität nach außen hin spürbar, die abschreckend wirken kann.

Eine Schwierigkeit bei der Erkundung des Inneren Teams bzw. der an einem Konflikt beteiligten Mitglieder sind die sogenannten Klumpatsch-Gestalten, die durch die Verschmelzung zweier Teilnehmer eines inneren Konflikts entstehen können. Wie bei einer chemischen Verbindung entwickeln diese Mitglieder dann im Zustand der Verschmelzung neue Eigenschaften, die eine Identifizierung erschweren. Besonders die Symptome, die oftmals im Zusammenhang mit einer Depression auftreten (Lustlosigkeit, Müdigkeit, Resignation etc.), sind besonders verdächtig und sollten einer genaueren Analyse unterzogen werden. Das Erkennen der miteinander verstrickten Teammitglieder fällt einem Außenstehenden in den meisten Fällen leichter als dem Betroffenen selbst.

Es wird davon ausgegangen, dass Menschen ein Idealbild von sich haben, das sie anzustreben bzw. zu sein versuchen. Daraus lässt sich ableiten, dass das Oberhaupt dazu neigt, sich mit einigen Mitgliedern seines Teams zu verbünden („Es ist ein Teil von mir.“) bzw. (bei einer Überidentifikation) mit ihnen zu verschmelzen. Andere Mitglieder hingegen wertet es ab („Es ist nur ein Teil von mir.“) oder es versucht, diese zu ignorieren und aus Entscheidungsprozessen auszugrenzen, sie also abzuspalten. Diese abgespaltenen Teammitglieder verschwinden aber nicht einfach, sondern wirken entweder leise aus dem sogenannten Bühnenhintergrund oder sogar aus dem Untergrund weiter. Sie wirken also wie ‚ungeschlossene Gestalten‘, die immer wieder versuchen, zu Wort zu kommen bzw. ihren Bedürfnissen Gehör zu verschaffen, und beeinflussen bzw. beeinträchtigen das Verhalten des Betroffenen meist unbewusst. Die Klumpatschbildung könnte eine Folge solcher Unterdrückungsmaßnahmen sein. Schon die Triebreduktionstheorie von Sigmund Freud besagt, dass die Unterdrückung bzw. Abspaltung innerer Anteile zu hohem Energieverlust und zugleich zu selbstschädigenden Verhaltenstendenzen führen kann. Mit der Methode des Inneren Teams können also Phänomene der Verleugnung, Projektion, Sublimierung, Verschiebung etc. durch einen inneren Dialog der an der Entstehung beteiligten Teammitglieder auf eine leicht zugängliche Weise erhellt und bearbeitet werden, ohne sich dabei den Konstrukten von nebulösen Trieben zu bedienen.

Für die Mobbing-Beratung kann es sinnvoll sein, die auf den Konfliktpartner ausgerichtete, personenbezogene Aufstellung des Teams nach bestehenden Konflikten zu untersuchen. Sollten sich diese finden und auflösen lassen, kann sich das Kommunikations- bzw. Konfliktverhalten des Klienten so maßgeblich verändern, dass sich die Situation auflöst. Aber auch Teamkonflikte, die aufgrund der beruflichen Rolle, des Arbeitsumfelds oder durch die Arbeit selbst entstehen, können nach außen hin wirken und andere (z.B. die Führungskraft oder Kollegen) dazu veranlassen, sich gegenüber dem Klienten distanziert bis feindselig zu verhalten. Dies wird wahrscheinlich umso eher der Fall sein, wenn die Inneren Teams dieser Personen mit den gleichen oder ähnlichen Konflikten zu kämpfen haben. Der Betroffene würde in dem Fall als eine Art Projektionsfläche fungieren und somit zur Zielscheibe werden. In den Konfliktsituationen können auch Ängste des Betroffenen zu Teamkonflikten führen, die sich nach außen z.B. durch undiplomatisches Verhalten oder durch Handlungsblockaden zeigen können. Diese Ängste bzw. die dahinterliegenden Erwartungen und Motive gilt es dann genauer zu betrachten (vorzugsweise im Rahmen themen- oder situationsbezogener Teamaufstellungen).

Wie sind die Konflikte zu lösen?

Zur Auflösung innerer Teamkonflikte schlägt Schulz von Thun vor, die (beiden) Kontrahenten zunächst zu identifizieren und sich dann jedem einzeln in Form einer „monologischen Selbstoffenbarung“ zu widmen. Diese Methode lässt sich auch in der Gestalttherapie wiederfinden („Zwei-Stuhl-Technik), wo die „streitenden“ Positionen (nacheinander) auf zwei sich gegenüber stehenden Stühlen (oben wurde von einer Positionierung auf den jeweiligen Karten gesprochen) zu Wort kommen gelassen werden. Hierbei geht es darum, in Kontakt mit den konträren Teammitgliedern zu treten. Anschließend beginnt die Suche nach einer Integration dieser (komplementären) Polaritäten. Anstatt das eine also zu Gunsten des anderen auszuschalten oder vermengte Gefühle anzustreben, wird nach einem „Sowohl-als-auch“-Ansatz Ausschau gehalten, mit dem der Klient eine neue Beweglichkeit entwickeln kann. Abschließend kommt bei dem Modell von Schulz von Thun hinzu, dass eine Teamkonferenz einberufen wird, die es zum Ziel hat, eine neue Teamvereinbarung zu treffen, an der die beiden Konfliktparteien gleichberechtigt beteiligt sind und die den Anforderungen der Situation gerecht wird (s. o.).

Stärkung der Persönlichkeit

Manfred Evertz

www.manfred-evertz-art.com

Wird bei der Benennung der an der Situation beteiligten inneren Anteile bzw. der Teammitglieder des Klienten deutlich, dass einige von ihnen zwar gute Absichten haben, jedoch zu einer Verschlechterung der Befindlichkeit bzw. der Situation beitragen, sie also dysfunktional sind, könnten die entsprechenden Reaktionen hinterfragt und (gedanklich) modifiziert werden. So kann eine neue Vorgehensweise für die Verfolgung eines zugrundeliegenden Bedürfnisses gefunden werden, die sich weniger selbstschädigend auswirkt. Das Ziel ist es, das sich der Klient bewusster darüber wird, wie er die Situation aktiv beeinflussen oder wie er sich von ihr abgrenzen kann.

Hierbei wird davon ausgegangen, dass (besonders) in Konfliktsituationen oftmals Verhaltensmechanismen bzw. Gedanken aktiviert werden, die bereits in der frühen Kindheit erlernt wurden und inzwischen dysfunktional sind, also kontraproduktiv auf die Situation einwirken. Durch die Bewusstmachung der dahinterliegenden Bedürfnisse können neue Strategien entwickelt werden, um einer „Befriedung“ dieser nahezukommen.

Im Rahmen der Transaktionsanalyse (TA) wird in diesem Zusammenhang von ‚Antreibern‘ gesprochen, die in der frühen Kindheit vor allem aus dem Bedürfnis heraus entstanden sind, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen. Auch wenn die daraus resultierenden Verhaltensweisen in der Kindheit vielleicht zum Ziel führten, liegen ihnen Einstellungen zugrunde, die in der Gegenwart übertriebenes oder selbstschädigendes Verhalten auslösen können, die also dysfunktional sind. In der TA werden fünf solcher Antreiber benannt, die durch sich ihnen gegenüber komplementär verhaltenen Erlaubern aufgelöst bzw. ersetzt werden können. Um entsprechende „Erlauber“ ins Team zu holen, kann man den Klienten bitten, eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit zu unternehmen, um nach Situationen zu suchen, in denen diese Erlauber sich (erfolgreich) zu Wort gemeldet haben. Ist eine solche Situation gefunden, kann die entsprechende Stimme benannt und auf eine neue Karte geschrieben werden, die dann auch auf dem Boden platziert wird (s. o.).

1. Der Antreiber „Sei perfekt!“ weist auf ein schwaches Selbstwertgefühl hin, welches den Betroffenen ständig daran erinnert, besser werden zu müssen bzw. nicht gut genug zu sein. Diese innere Haltung strahlt aus und führt eventuell dazu, dass andere Menschen sich ihm gegenüber wenig wertschätzend verhalten. Als Erlauber könnte man nun Mitglieder ins Innere Team holen, die es dem Betroffenen gestatten, Fehler machen zu dürfen, bei anderen nachsichtig zu sein und die ein ständiges Sich-Rechtfertigen unterbinden. Der lässige Schüler, der tolerante Beobachter oder der selbstverliebte Diktator wären Beispiele für entsprechende Teammitglieder.

2. Der Antreiber „Sei Stark!“ wird hervorgerufen durch die innere Haltung, keine Schwäche oder (negativen) Gefühle zeigen zu dürfen. Erlaubnisse könnten in dem Fall sein: „Du darfst Dir Hilfe holen“ (der Expertensucher), „Du darfst auch negative Gefühle haben“ (der traurige Clown) sowie „Du darfst Zuwendung annehmen und zeigen“ (der liebevolle Casanova).

3. Der Antreiber „Sei (anderen) gefällig!“ wird durch die Haltung hervorgerufen, dass die eigenen Gefühle und Bedürfnisse denen anderer Menschen unterzuordnen seien. Mögliche Erlaubnisse wären: „Du darfst Rücksicht auf Deine Bedürfnisse und Gefühle nehmen“ (der smarte Egoist), „Du darfst Dich von den Meinungen anderer freimachen“ (der Freidenker) sowie „Du darfst so sein, wie Du bist“ (der geläuterte Pinocchio).

4. Beim Antreiber „Beeil Dich!“ geht es darum, keine Zeit zu vergeuden und sich ständig in Bewegung zu halten. Ruhephasen werden oftmals mit einem Gefühl der Wert- und Nutzlosigkeit assoziiert, was zu einer ständigen Unruhe und Hektik führen kann. Gegensteuern könnten zum Beispiel die Erlaubnisse „Du darfst Dir die Zeit nehmen, die Du brauchst“ (die selbstbewusste Momo), „Du darfst nach Deinem Rhythmus leben“ (der kreative Dirigent) oder „Auch Du darfst Pausen machen“ (der Pausenbeauftragte).

5. Der Antreiber „Streng Dich an!“ geht davon aus, dass man sich immer bemühen und sein Bestes geben muss. Er drängt zu immer weiteren Anstrengungen, selbst wenn der Klient keine Hoffnung auf Erfolg hat. Erlaubnisse könnten hier sein: „Du darfst die Dinge so gut erledigen, wie Du es kannst“ (der Hobby-Bastler), „Du darfst an neue Aufgaben ruhig und gelassen herangehen“ (der Zen-Meister) sowie „Du darfst erfolgreich sein und das auch genießen“ (der innere Bob Marley).

Ein weitere Möglichkeit ist die Suche nach Teammitgliedern, die in einer entsprechenden Konflikt oder Mobbing-Situation zu einer Stärkung des Klienten beitragen können, um diese dann aktiv in das Geschehen mit einzubinden. Hier könnte die Frage nützlich sein, was der Klient sich in dieser Situation selbst empfehlen würde, wäre er sein eigener Berater? Schulz von Thun spricht in diesem Zusammenhang von der Aufgabe des Oberhauptes, für eine gegebene Situation das jeweils richtige Team aufzustellen. Doch welche Mitglieder sind gemeint? Diese Frage lässt sich wohl nur individuell beantworten, wobei es hilfreich ist, auf die vorhandenen Ressourcen oder auf vergangene Erfahrungen (im Sinne eines lösungsorientierten Vorgehens) des Klienten zurückzugreifen (z.B. persönliche Stärken, Erholungs- sowie wirksame Selbstregulationsmechanismen etc.).

Anwendung des Modells bei typischen Problemen in der Mobbing-Beratung

Auch wenn Klienten mit sehr individuellen Problemkonstellationen in die Beratung kommen, so lassen sich doch immer wieder typische Verhaltensmuster finden, die eine entsprechende Herangehensweise sinnvoll erscheinen lassen.

Problem 1: Ratlosigkeit

Oftmals wissen Betroffene die Situation, in der sie sich befinden, nicht richtig einzuschätzen. Vor allem in Hinsicht auf die Motive des Mobbers herrscht oft Unklarheit. Manche Klienten scheinen damit überfordert zu sein, adäquat bzw. zielgerichtet auf die Mobbing-Handlungen zu reagieren.

Entscheidungen und Handlungsstrategien werden immer wieder umgeworfen bzw. verändert. Hier könnte eine Klärung des „inneren“ Teams dazu verhelfen, sich des Ursprungs der unterschiedlichen Handlungsimpulse bewusst zu werden und eine klarere Ausrichtung zu erreichen. Auch kann durch die Analyse der Außenwirkung besprochen werden, wie das eigene Verhalten auf die Mitmenschen (auch auf die Täter) wirkt bzw. welche Mitglieder des Teams beim Gegenüber dadurch aktiviert werden.

Problem 2: Kontrolle und Schuldzuweisung

Sucht ein Betroffener nach einem Schuldigen für die Mobbing-Handlungen und ist er darum bemüht, diesem seine Schuld mit aller Kraft (z.B. durch das Anfertigen eines detaillierten Mobbing-Tagebuchs) nachzuweisen, so kann dies als Versuch gewertet werden, die Kontrolle über die Situation zurückzuerlangen. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden. Sollte sich jedoch herausstellen, dass diese Bemühungen in einem Übereifer und schließlich in Erschöpfungszuständen münden, dann kann mittels einer „Teamsitzung“ versucht werden, andere Möglichkeiten zu finden, die Kontrolle über die Situation zu erlangen, um somit den „Kampf gegen Windmühlen“ zu beenden.

Problem 3: Unversöhnlichkeit

Ist beim Klienten festzustellen, dass dieser es sich zum Ziel gemacht hat, seinen Kontrahenten „auf Teufel komm‘ raus“ besiegen zu wollen und sind bereits erste gesundheitliche bzw. psychische Beeinträchtigungen bei ihm erkennbar, kann es ratsam sein, die Bedürfnisse der entsprechenden Teammitglieder für diesen „Siegeswillen“ genauer zu hinterfragen. Entlastend für den Klienten könnte es sein, eine Versöhnung mit dem „Feind“ anzustreben bzw. zu überprüfen, ob Abgrenzungsstrategien nicht der bessere Weg wären? Nach Aufdeckung der dahinterliegenden Bedürfnisse können also Strategien entwickelt werden, die sich für den Klienten weniger belastend auswirken und somit funktionaler sind.

Problem 4: Angst

Einige Klienten neigen dazu, sich von anderen Menschen zu wenig abzugrenzen und sich von ihnen zu viel gefallen zu lassen. Die gewählten Strategien dienen lediglich der Konfliktvermeidung und sind gekennzeichnet durch Unterordnung und Passivität. Hier kann man zunächst das Prinzip der komplementären Hervorlockungen aufzeigen und in einem nächsten Schritt die Ängste oder Bedürfnisse jener Teammitglieder hinterfragen, die für diese verantwortlich sind.

Problem 5: Die unsympathische Ausstrahlung

Einige Menschen geraten aufgrund eines (etwas) auffälligen Sozialverhaltens immer wieder in Konflikte mit ihrem Umfeld, da sie (unwillkürlich) gegen Normen verstoßen und somit den Ärger ihrer Mitmenschen auf sich ziehen. Gründe hierfür können fehlende Selbsteinsicht aber auch psychische Erkrankungen bzw. Auffälligkeiten sein, auch solche, die erst durch das Mobbing entstanden sind. Eine Analyse der beteiligten Teamstruktur und ihrer Hervorlockungen kann auch hier hilfreich sein, um die Außenwirkung der Betroffenen zu verbessern und bestehende Konflikte aufzulösen.

Welche Widerstände gibt es?

Ungeliebt

www.manfred-evertz-art.com

Ein wesentlicher Widerstand ergibt sich z.B. aus dem Wunsch des Menschen, normal zu sein, welcher bereits den frühen Vertretern der humanistischen Psychologie ein gewisses Unbehagen bereitete. Dieser Widerstand kann zum Beispiel durch das Teammitglied des angepassungsbereiten Nachahmers benannt und in seiner Wirkungsweise hinterfragt werden. Hinter seiner Stimme verbirgt sich der Wunsch nach Zugehörigkeit bzw. danach, Verbundenheit zu spüren. Dieses Bedürfnis gehört (selbst nach neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen) zu den zwei wesentlichen Grundmotiven des Menschen. Das andere bzw. zweite Motiv ist Wachstum bzw. Selbstentfaltung oder Autonomie, und genau das soll durch die Anwendung des Modells gefördert werden.

In dem Ansatz von Schulz von Thun geht es dabei vor allem um eine wesensgemäße Stimmigkeit des Verhaltens. Carl Rogers sagte hierzu einmal: „Sei Du selbst und werde, wer Du bist.“ Allerdings bedarf es wohl einiger Übung, um den dafür erforderlichen Mut zu sich selbst zu entwickeln. „Stimmigkeit“ bedeutet nun, sich in Übereinstimmung mit der Wahrheit der Gesamtsituation zu befinden. Hierzu gehören nach Schulz von Thun die innere Verfassung und Zielsetzung des Betroffenen und der Charakter der Beziehung zum Gegenüber (auch der Rollenbeziehung), aber auch die innere Verfassung des Empfängers sowie die Anforderungen der Situation.

Fazit

Durch die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Inneren Team, also mit seinen unterschiedlichen Motiven, Bedürfnissen, Einstellungen etc. kann ein Klient eventuell neue Möglichkeiten für sich entdecken, mit einer Situation so umzugehen, dass er nicht mehr (so sehr) darunter leidet. Eventuell führt die Bewusstmachung und Reflexion innerer Konflikte sogar zu dessen Auflösung? Durch ein klares Auftreten und strikte Abgrenzung lassen sich viele Mobbing-Situationen bereits in der Phase ihrer Entstehung auflösen. Das bedeutet für diesen Ansatz, dass er umso wirkungsvoller ist, je früher er angewendet wird. Eine Möglichkeit, dem Klienten eine größere Bewusstheit über und einen leichteren Zugriff auf die eigenen Ressourcen zu ermöglichen, ist es, sich die in der Mobbing-Situation involvierten Persönlichkeitsanteile des Klienten anzusehen und in einem zweiten Schritt zu überlegen, wie dieses Team „umformiert“ werden könnte, um sich in einer entsprechenden Situation besser behaupten bzw. abgrenzen zu können.

Der Ansatz des Inneren Teams ermöglicht einen spielerischen und fantasievollen Zugang zu inneren Konfliktmustern und somit selbstreflexive Prozesse, die bei der Anwendung anderer Verfahren möglicherweise blockiert wären. Durch die Arbeit mit Bildern wird das Unterbewusstsein dabei unmittelbar angesprochen und in die Auflösung der Konfliktmuster mit einbezogen, was für eine hohe Wirksamkeit spricht.

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei Herrn Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun für seine freundliche Unterstützung bei der Erstellung dieses Textes bedanken. Entstanden ist dieser Artikel übrigens bereits (in einer ersten Fassung) im Jahr 2013.

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Literatur

  • Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 3 – Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Sonderausgabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011 (Die Originalausgabe erschien erstmals 1981)
  • Friedemann Schulz von Thun (Hrsg.), Johannes Ruppel, Roswitha Stratmann: Miteinander reden: Kommunikation für Führungskräfte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2000/2003
  • Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien (10. Auflage). Verlag Hans Huber, Bern 2000
  • Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt Verlag, München 1996
  • Ian Stewart, Vann Joines. Die Transaktionsanalyse – Eine Einführung. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 1990

Wer bin ich?

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Die Suche nach der eigenen Identität ist für viele Menschen ein zentrales Thema – nicht nur in der Pubertät. Doch lässt sie sich überhaupt definieren? Ist nicht jeder Versuch, sich selbst bzw. den Kern der eigenen Persönlichkeit zu beschreiben bzw. zu benennen, nur ein temporäres Konstrukt, das sich aus der momentanen Selbstwahrnehmung ableitet? Verändern wir uns ständig oder gibt es Konstanten in unserem Wesenskern? Lassen sich Individuen tatsächlich in „Persönlichkeitstypen“ kategorisieren, oder basieren derlei Vorstellungen lediglich auf Simplifizierungen? Ist nicht jede (Selbst-)Definition abhängig von der Perspektive, aus der heraus sie konstruiert wird?

Der Persönlichkeitspsychologie hat es noch nie an theoretischen Konstrukten gemangelt: Begriffe wie Motive, Eigenschaften, Werte, Wünsche, Einstellungen, Ziele, Überzeugungen, Schemata und Bedürfnisse sind Beispiele der konzeptionellen Einheiten, die in dem Vorhaben, die menschliche Persönlichkeit zu verstehen, untersucht wurden. In der Persönlichkeitspsychologie, in der es nach Schneewind (1996) um die Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Veränderung des individuellen Erlebens und Verhaltens geht, herrschte lange Zeit der “Trait”-Ansatz vor, der mit der Entwicklung der sogenannten “Big Five” nochmals Aufwind bekam. Kritik wurde dieser Herangehensweise deswegen entgegengebracht, weil sich Eigenschaften relativ schlecht dazu eigneten, Verhalten vorherzusagen. Asendorpf (1996) weist in diesem Zusammenhang auf Phänomene wie die transsituative Inkonsistenz von Verhalten oder die mangelnde Reaktionskohärenz hin. Ein weiterer Mangel bestehe in der dürftigen Korrelation der Trait-Indikatoren untereinander. Eigenschaften sind also lediglich beschreibende Einheiten, die auf wiederholtem und gewohnheitsmäßigem Handeln beruhen, während Motive gerichtetes Verhalten erklären sollen.

Gerade lese ich das Buch „Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven“ von Prof. Hilarion G. Petzold, in dem ich auf das folgende Zitat (S. 79 f.) aufmerksam wurde:

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Die Frage nach der Identität hat eine universelle und eine kulturell-spezifische Dimensionierung. Es geht bei der Identität eigentlich immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven „Innen“ und dem gesellschaftlichen „Außen“, also zur Produktion einer individuellen sozialen Verortung. […] Die universelle Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als „Mängelwesen“ bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Selbstbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptablere Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und äußeren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar. Sie soll einerseits das unverwechselbare Individuelle, aber auch das soziale Akzeptable darstellbar machen. Insofern stellt sie immer eine Kompromissbildung zwischen „Eigensinn“ und Anpassung dar, insofern ist der Identitätsdiskurs immer auch mit Bedeutungsvarianten von Autonomiebestrebungen (z. B. Nunner-Winkler 1983) und Unterwerfung (so Adorno oder Foucault) assoziiert, aber erst in der dialektischen Verknüpfung von Autonomie bzw. Unterwerfung mit den jeweils verfügbaren Kontexten sozialer Anerkennung entsteht ein konzeptuell ausreichender Rahmen.

Manfred Evertz

Manfred Evertz

Das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Unterwerfung (mir gefällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Anpassung“ besser) lässt sich auf verschiedene Bedürfnisse zurückführen, die nicht selten in Konkurrenz zueinander stehen: Ich-Bedürfnisse versus sozialer Bedürfnisse (bspw. nach Zugehörigkeit). Sich die Frage zu stellen, wer oder wie man denn nun sei, mag zwar in bestimmten Kontexten sinnvoll sein, grundsätzlich lässt sich aber wohl kaum eine endgültige Antwort darauf finden. Die Ergebnisse von Persönlichkeitstests könnte man demzufolge also als „vorläufige Bestandsaufnahmen“ betrachten, die sich im Laufe der Jahre (mehr oder weniger) verändern können. Sie bieten lediglich Heuristiken an, die uns dabei helfen, uns Menschen irgendwie voneinander zu unterscheiden. Persönlich bevorzuge ich es deshalb, mich an dem humanistischen Ideal zu orientieren: „Sei Du selbst und werde, der Du bist.“ Übersetzen könnte man dies mit: „Achte auf Deine Bedürfnisse (ansonsten wirst Du Dir selbst fremd) und entwickle Dein Potenzial (also das, was bereits in Dir steckt).“ Gelingen kann das allerdings am ehesten dann, wenn man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch sein soziales Umfeld im Blick hat.

Mein Fazit? Individualität bzw. Identität muss man sich nicht erarbeiten oder „antrainieren“. Sie ist uns eigentlich bereits von Natur aus mitgegeben. Vergleichen wir uns mit anderen oder versuchen, uns mittels eines Tests besser zu erkennen, kann das zwar zu neuen Einsichten führen, niemals aber zu einem vollständigen Bild unserer Persönlichkeit. Manchmal ist es deshalb vielleicht besser, sich (wenigstens ein Stück weit) davon loszulösen. Man könnte also auch sagen: Wir sind, wer wir sind. Machen wir doch einfach das Beste daraus.

Was denken Sie darüber?

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Literaturhinweise:

  • Asendorpf, J. B. (1996). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer.
  • Petzold, Hilarion G. Petzold (Hrsg.) (2012). Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften – Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
  • Schneewind, K. A. (1996). Persönlichkeitstheorien. Darmstadt: Primus Verlag.

Die Wiederentdeckung der Lebensfreude

anhedonie-manfred-evertz-1

www.manfred-evertz-art.com

Was bedeutet eigentlich Anhedonie? Ist die Stimmung getrübt, fühlt man sich manchmal antriebslos und wenig motiviert dazu, sich den Zerstreuungen des Alltags freudvoll hinzugeben. Aktivitäten, die normalerweise ein Aufleben positiver Gefühle ermöglichen, erscheinen dann farblos oder sie werden als „Zeitverschwendung“ abgetan. Wie förderlich sich bspw. das unbekümmerte Spielen, die Beschäftigung mit einem Hobby, das Pflegen sozialer Kontakte, Spaziergänge oder Phasen der reinen Erholung auf das Wohlbefinden auswirken, scheint dann keine Rolle mehr zu spielen. Stellt sich daraufhin die Frage, was man denn davon habe, derlei Dinge zu tun, kann es geschehen, dass sich zunächst keine plausible Antwort darauf findet. Vielleicht sind die aktuellen Probleme zu schwerwiegend, die negativen Gefühle zu überwältigend oder die eigenen Gedanken zu sehr damit beschäftigt, sich im Kreis zu drehen, um den kleinen Freuden des Alltags irgendetwas abgewinnen zu können. Nicht selten entsteht deshalb wohl der Eindruck, als wäre jegliche Ablenkung nur eine inadäquate Form der Flucht, die höchstens kurzfristige Linderung verspricht, im Großen und Ganzen aber keinen Sinn mache. Das ist vollkommen normal. Bedenklich wird es allerdings, wenn sich diese Haltung immer mehr verfestigt und dazu führt, dass man sämtlichen Möglichkeiten, positive Erfahrungen zu machen oder etwas Schönes zu erleben, aus dem Weg geht und sich so in einer Welt gefangen hält, in der es kein Glück oder Wohlbefinden zu geben scheint.

Unter Anhedonie versteht man grundsätzlich die Unfähigkeit, Freude und Lust zu empfinden. Zentrale Merkmale sind eine Verminderung positiver Reaktionen in der Anzahl sowie in ihrer Qualität. Der französische Psychologe Théodule Ribot führte den Begriff im 19. Jahrhundert in die Psychologie ein. Jahre später differenzierten Loren J. Chapman und Michael Mishlove erstmals zwischen den beiden Komponenten der physischen (die Unfähigkeit, nicht-soziale Ereignisse lustvoll zu erleben oder körperliche Erfahrungen als angenehm zu verarbeiten) und sozialen Anhedonie (beschreibbar durch verminderte soziale Aktivität und sozialen Rückzug). Letztere soll gerade bei Menschen, die depressiv sind, sehr typisch sein. Zwar ist sie nicht selten auch bei anderen psychiatrischen Störungsbildern zu beobachten (bspw. Schizophrenie, Demenz oder Suchterkrankungen), bei einer Depression gehört sie jedoch zu den drei Hauptsymptomen.

anhedonie-manfred-evertz-freudlosigkeit

www.manfred-evertz-art.com

Wie nähern sich also gängige klinische Tests diesem Phänomen an? Im Beck-Depressions-Inventar (BDI ) sind es vor allem die beiden Skalen „Verlust von Freude“ sowie “Interessenverlust“, mit denen es erfasst wird. Ebenso lassen sich noch „Veränderungen des Appetits“ und „Verlust an sexuellem Interesse“ damit in Verbindung bringen. In der Hamilton rating scale for depression (HAMD) hingegen, die dazu dient, die Schwere einer depressiven Störung zu ermitteln, ist Anhedonie noch nicht einmal durch eigenständige Items repräsentiert. Dabei verursacht sie doch großes Leid und beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen somit erheblich. Sie kann Antriebslosigkeit und sozialen Rückzug bedingen oder sich auf beides verstärkend auswirken.

Immerhin gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Verfahren, die das Konstrukt gesondert zu erfassen versuchen: Beispiele hierfür sind die Snaith-Hamilton Pleasure Scale (Franz, M., Lemke, M.R., Meyer, T. et al., 2005), die Physical and Social Anhedonia Scale (Chapman, L.J., Chapman, J.P. & Raulin, M.L., 1976) oder der Tübinger Anhedonie-Fragebogen (Zimmer, 1990). Einige Beispiel-Items findet man bei Burgdörfer & Hautzinger (1987), die der deutschsprachigen Version der Physical and Social Anhedonia Scale entnommen sind.

Physische Anhedonie:

  • Ich habe oft Lust verspürt, eine attraktive Frau/Mann anzuschauen.
  • Auch wenn es nach gutem Essen riecht, weckt dies nicht meinen Appetit.
  • Ich verliebe mich sehr leicht in eine(n) attraktive(n) Frau/Mann.
  • Wenn ich an einer Bäckerei vorbeigehe, macht mich der Geruch von frischem Brot oft hungrig.

Soziale Anhedonie:

  • Ich flirte gerne öfter mal mit einer Frau/einem Mann.
  • Ich lache gerne mit anderen Menschen über Witze.
  • Gewöhnlich versuche ich, neue Leute kennenzulernen, so oft sich Gelegenheit dazu bietet.
  • Wenn ich besonders glücklich bin, habe ich manchmal Lust, jemanden zu umarmen.

Obwohl in der Vergangenheit viel über neurophysiologische Korrelate spekuliert und entsprechende Forschungsarbeit geleistet wurde (vgl. Kleins, 1974, Pflug in Heimann, 1990, Birbaumer, 1996, Keedwell, P.A., Andrew, C., Williams, S.C. et al., 2005, Heller, A.S., Johnstone, T., Shackman, A.J. et al., 2009 u.s.w.), sind ihre neuronalen Grundlagen bei verschiedenen psychiatrischen Störungsbildern bislang nicht vollständig entschlüsselt. Ebenso ungelöst ist derzeit wohl noch die Frage, inwiefern sich Anhedonie möglicherweise auf einer basalen physiologischen Ebene in Form einer gestörten hedonischen Bewertung von Sinnesreizen in den verschiedenen Wahrnehmungskanälen niederschlägt. Vielleicht gibt es inzwischen schon neuere Erkenntnisse, zumindest aber habe ich dieses Fazit verschiedenen Dissertationen (z. B. Marion Clepce, 2010) entnehmen können. Von daher halte ich die Frage für interessanter, wie man hedonistische Verhaltensweisen fördern bzw. entwickeln kann?

anhedonie-manfred-evertz-medusa

www.manfred-evertz-art.com

Im therapeutischen Kontext spielt hierbei – neben dem Aufbau stimmungsförderlicher Aktivitäten – das „Genusstraining“ eine bedeutende Rolle. Euthyme Techniken fokussieren auf jene Ressourcen, auf die ein betroffener Mensch noch zugreifen kann. Es geht also vor allem darum, die gesunden Verhaltensanteile zu stärken. Hierbei sollte in einem ersten Schritt überprüft werden, welche Erlebnisbereiche die Betroffenen belastend bzw. entlastend empfinden, um daraufhin die Sinnesmodalitäten sowie das Vorstellungsvermögen zu aktivieren und angenehme Erfahrungen zu ermöglichen. Jene Menschen, bei denen arbeitssüchtiges Verhalten, depressiver Rückzug oder Freizeitstress erkennbar ist, werden hierbei zunächst angeleitet, vermehrt auf Warnsignale zu achten, die sie auf eine akute Belastung aufmerksam machen. Im Folgenden kann sich dann mit der Frage beschäftigt werden, welche Freizeitaktivitäten wohl der Erholung dienen, um diese anschließend zu initiieren. Mit der Planung und Durchführung konkreter (kleinerer oder größerer) Projekte, die zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen können, lassen sich unterdrückte hedonistische Wesenszüge allmählich wieder stärken.

Was kann man aber tun, wenn das alles keinen Sinn zu machen scheint?

Nun, nicht ohne Grund wird dem Phänomen der sogenannten „Grübelschleifen“ bspw. in der Kognitiven Verhaltenstherapie große Aufmerksamkeit geschenkt. Ein einfacher Fragebogen, mit dem man die eigene Neigung zum Grübeln überprüfen kann, wurde u. a. von Prof. Susan Nolen-Hoeksema (Yale University) entwickelt, der sich mit der Frage einleiten lässt: „Wie reagieren Sie, wenn Sie aus der Fassung, traurig, niedergeschlagen oder nervös sind? Treffen die folgenden Aussagen „nie oder fast nie“, „manchmal“, „oft“ oder „immer oder fast immer“ auf Sie zu?“

  1. Ich denke darüber nach, wie allein ich mich fühle.
  2. Ich denke darüber nach, wie erschöpft oder verletzt ich mich fühle.
  3. Ich denke darüber nach, wie schwer es mir fällt, mich zu konzentrieren.
  4. Ich denke darüber nach, wie passiv und motivationslos ich mich fühle.
  5. Ich denke: „Warum bringe ich nur nichts auf die Reihe?“
  6. Ich denke immer wieder über ein bestimmtes Ereignis nach und wünsche mir, dass es besser gelaufen wäre.
  7. Ich denke über meine Traurigkeit oder Ängstlichkeit nach.
  8. Ich denke an all meine Schwächen und Fehler.
  9. Ich denke daran, dass ich keine Energie habe, irgendetwas anzupacken.
  10. Ich denke: „Warum gelingt es mir nicht, das Leben besser in den Griff zu bekommen?“

Je öfter man mit „oft“ bzw. „immer oder fast immer“ antwortet, desto höher ist das Risiko, dass man deutlich zu viel grübelt. Hilf- bzw. Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und/oder eine getrübte Stimmung können die Konsequenz sein. Die Freude am Leben bzw. am eigenen Tun und Sein lässt sich durch derlei Überlegungen jedenfalls nur schwerlich fördern. Die Antwort auf die Frage, wie es gelingen kann, Menschen davon zu überzeugen, sich selbst etwas gönnen zu dürfen, offenbart sich also womöglich erst, wenn es funktioniert, solche Gedanken (wenigstens zeitweilig) aufzulösen. Oder in aller Kürze: Welchen Nutzen hat es bzw. was bringt es, sich mit diesen Themen zu quälen?

anhedonie-manfred-evertz-perfektion

www.manfred-evertz-art.com

Selbstverständlich ist kein Mensch perfekt, und niemand hat nur Stärken oder kann ausschließlich auf Erfolge zurückblicken. Auch wenn wir folglich alle „nur“ Menschen sind, sollten wir unser Leben trotzdem leben dürfen! An dieser Stelle fällt mir ein Zitat des Psychotherapeuten Albert Ellis ein: „„Das Leben ist auf eine bescheidene Weise sinnvoll, und zwar deshalb, weil dessen Sinnlosigkeit nicht bewiesen ist.“

Anhedonie hat viele Gesichter und verschiedenste Ursachen. Allen gemein ist das traurige Resultat, das Interesse, die Freude und die Lust am Leben zu verlieren. Es lohnt sich m. E. eigentlich nicht, weiter darüber nachzudenken… Für hilfreicher halte ich es hingegen, einfach mal nach vorn zu schauen und ins Handeln zu kommen:

  • Was gehört dazu, was brauchen Sie, um auch im Alltag Dinge genießen oder Angenehmes erleben zu können?
  • Gibt es Aktivitäten, denen Sie zwar gern, aber nur selten oder nie nachgehen?
  • Gibt es Dinge, die Ihnen früher Spaß gemacht haben oder die Sie schon immer einmal tun wollten?

Vielleicht kann es auf diese (oder eine andere) Weise gelingen, dem Leben wieder etwas abzugewinnen, für das es sich nicht nur lohnt, es einfach irgendwie auszuhalten, sondern es auch zu mögen und Freude am Tun und Sein zu entwickeln?

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Quellen & Literaturhinweise:

  • Beck, Aaron T., Brown, Gregory K. & Steer, Robert A. (2013). Beck-Depressions-Inventar-FS (BDI-FS). Manual. Deutsche Bearbeitung von Sören Kliem & Elmar Brähler. Frankfurt am Main: Pearson Assessment.
  • Birbaumer, N., Schmidt, R. S. (1996). Biologische Psychologie. 3. Auflage. Springer, Berlin, S. 635-637 u. S. 724-725.
  • Burgdörfer, G. & Hautzinger, M. (1987). Physische und soziale Anhedonie. Die Evaluation eines Forschungsinstruments zur Messung einer psychopathologischen Basisstörung. European Archives of Psychiatry and Neurological Sciences, 236 (4), S. 223-229.
  • Chapman, L. J., Chapman, J. P., & Raulin, M. L. (1976). Scales for physical and social anhedonia. Journal of Abnormal Psychology, 87, S. 374-407.
  • Franz, M., Lemke, M.R., Meyer, T., Ulferts, J., Puhl, P. & Snaith, R.P. (2005). „Snaith-Hamilton-Pleasure Scale (SHAPS-D)“. Göttingen, Hogrefe.
  • Clepce, Marion (2010). Anhedonie als psychopathologisches Symptom – Eine Untersuchung zur hedonischen Bewertung von Geruchsstoffen bei psychiatrischen Patienten. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Humanbiologie an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
  • Hautzinger, M., Keller, F. & Kühner, Ch. (2009). BDI-II. Beck-Depressions-Inventar. Revision. 2. Auflage. Pearson Assessment: Frankfurt.
  • Heimann, H. (1990). Anhedonie, Verlust der Lebensfreude. Fischer, Stuttgart, New York.
  • Kaluza, Gert (2004). Stressbewältigung: Trainingsmanual zur psychologischen Gesundheitsförderung (2. Auflage). Springer-Verlag.
  • Keedwell, P. A., Andrew, C., Williams, S. C., et al. (2005). The neural correlates of anhedonia in major depressive disorder. Biological psychiatry, 58, S. 843-853.
  • Heller, A. S., Johnstone, T., Shackman, A. J., et al. (2009). Reduced capacity to sustain positive emotion in major depression reflects diminished maintenance of fronto-striatal brain activation. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 106, 22445-22450.
  • Klein, D. F. (1974). Endogenomorphic depression. Arch. Gen. Psychiat. 31 (1974), S. 447-454.
  • Kloppenhöfer, Eva (2004). Kleine Schule des Genießens: Ein verhaltenstherapeutisch orientierter Behandlungsansatz zum Aufbau positiven Erlebens und Handelns. Pabst Science Publishers.
  • Nolen-Hoeksema, Susan (2006). Warum Frauen zu viel denken – Wege aus der Grübelfalle. Heyne.

Stimmen aus der Vergangenheit

Manfred Evertz

Wie gut kennen Sie Ihr persönliches Lebensskript, also jenes Drehbuch, das Sie in Ihrer Kindheit im Rahmen Ihrer damaligen Möglichkeiten für Ihr Leben entwickelt haben? Fühlen Sie sich eventuell eingeengt oder sogar darin „gefangen“? Möchten Sie sich aus leidvollen „systemischen Verstrickungen“ lösen? Obwohl es sicher nicht ganz einfach ist, lässt es sich jedes auch noch so (scheinbar) festgefahrene Lebensskript im Nachhinein korrigieren bzw. verändern. Gelingen kann dies bspw. durch einen Dialog mit bislang weitgehend unterdrückten Gefühlen und Bedürfnissen oder mit jenen inneren Stimmen, die sich hier und da kritisch zu Wort melden. Die bewusste Wahrnehmung und Integration entsprechender Wesensfacetten ermöglicht es, die Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und sich für ein Festhalten an dem Bewährten oder für eine einzuleitende Veränderung zu entscheiden. Auf diesem Wege können Erstarrungen bzw. dysfunktionale Wahrnehmungs- und Interaktionsmuster nachhaltig aufgelöst und Handlungsspielräume schrittweise erweitert werden.

Die Methoden, mit denen man dieses Ziel erreichen kann, sind sehr vielfältig. Einige, mit denen ich bislang stets gute Erfolge erzielt habe, möchte ich in diesem Artikel kurz vorstellen.

„Viele haben sich in ihrer frühesten Kindheit verloren und bis zu ihrem Ende auch nie wieder gefunden.“ Alfred Selacher

Etliche Überzeugungen über uns selbst oder darüber, wie andere Menschen sind, über das Leben sowie darüber, wie die Welt, in der wir leben, beschaffen ist, entwickeln wir in unserer Kindheit, d. h. wir übernehmen das, was wir von unseren Bezugspersonen vermittelt bekommen. Das meiste davon ist nützlich und hilft uns dabei, uns zu orientieren und zu überleben. Einiges jedoch wirkt sich im Laufe des Lebens dysfunktional aus. Die Einstellungen, die wir bestimmten Dingen gegenüber haben, beeinflussen unser Denken in allen Situationen unseres Alltags. Zudem gleicht unser emotionales Gedächtnis jeden Reiz, den wir wahrnehmen, mit bereits gemachten Erfahrungen ab und bewertet diesen. Beides zusammen löst über die Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen unwillkürlich körperliche Reaktionen aus, die wiederum dazu führen, dass wir uns auf eine bestimmte Art fühlen. Während wir also unsere Aufmerksamkeit auf das ein oder andere richten, führen wir (oftmals unbemerkt) eine Art inneren Dialog mit uns selbst, und beeinflussen mittels sogenannter „automatischer Gedanken“ und Bewertungen unsere Emotionen und damit unmittelbar auch unsere Reaktionen bzw. unser Verhalten.

tagesprotokoll-negativer-gedankenDen Methoden der kognitiven Umstrukturierung, mit denen in der Kognitiven Verhaltenstherapie gearbeitet wird, liegt die Annahme zugrunde, dass sich Bewertungen bzw. Gedanken unmittelbar auf das psychische Wohlbefinden auswirken und es oftmals schon zu einer Verbesserung der Befindlichkeit führt, wenn man die gewohnten Denk- oder Einstellungsmuster verändert. Ziel ist es also, sich seiner Selbstinstruktionen (d. h. der automatischen Gedanken) sowie seiner Bewertungen bewusst zu werden und sie so zu modifizieren, dass sie die Stimmung nicht mehr beeinträchtigen. Des Weiteren wird über sogenannte Disputationstechniken versucht, den fundamentalen Grundannahmen bzw. irrationalen Überzeugungen, die ursächlich für diese Bewertungsmuster sind, auf die Spur zu kommen und diese so zu verändern, dass sie sich konstruktiver bzw. funktionaler auswirken.

Oftmals folgen jene Verhaltensmuster, die als irritierend oder störend empfunden werden, allerdings bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die nicht verhandelbar zu sein scheinen. Die dafür verantwortlichen Persönlichkeitsanteile könnte man nach Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun als „graue Eminenzen“ auffassen, die durch eine Verschmelzung mit dem Selbst das Verhalten eines Menschen dominieren und zu befremdlichen Reaktionen führen. Als graue Eminenz wird (vor allem in der Politik) jemand bezeichnet, der aus dem Hintergrund die Fäden zieht, Macht ausübt und dabei nicht bzw. kaum in Erscheinung tritt. Eine solche Sichtweise reduziert komplexe Psychodynamiken auf ihre Grundelemente, um einen intuitiven Zugang zu der dahinterliegenden Bedürfnisstruktur zu ermöglichen. Dabei wird unterstellt, dass diese Verhaltensmuster „erlernt“ und somit prinzipiell veränderbar sind. Entsprechende Entwicklungen vollziehen sich allerdings meistens nur sehr langsam und in besonders schweren Fällen kaum merklich. Der Frustration, die aufgrund ihrer vermeintlichen „Veränderungsresistenz“ entstehen kann, lässt sich recht gut beikommen, indem man sich die Bedeutung jener Mechanismen bewusst macht, denen diese sich mit starrem Automatismus bedienen.

dialog-mit-dem-inneren-team

Beispielhafter Dialog mit dem Inneren Team

Heilsam ist es zudem eigentlich immer, wenn jene verbindliche Unterstützung, Zuwendung, Wertschätzung und Anerkennung in einer zwischenmenschlichen Beziehung “nachgereicht“ wird, die von den Eltern (aus welchen Gründen auch immer) nicht im notwendigen Maße geboten wurde. Ein solches „Nachnähren“ macht es möglich, dysfunktionale Beziehungsmuster aufzulösen, die sich früh herausgebildet haben, um frustrierte Grundbedürfnisse (z. B. nach Bindung) entweder (doch noch) zu erfüllen oder sie durch die Befriedigung anderer (z. B. dem nach Autonomie) zu kompensieren. Damit einher gehen oftmals bestimmte Wahrnehmungs-, Handlungs- und Denkmuster bzw. Bewältigungsstrategien (Vermeidung, Erduldung oder Kompensation), die – vergleichbar mit Trampelpfaden im neuronalen Netz der Betroffenen – äußerst veränderungsresistent sind und jeweils mit einem ganzen Komplex dysfunktionaler Glaubenssätze in Verbindung stehen können. Vereinfacht lässt sich sagen, dass die Wahrnehmung aktueller Situationen und das durch sie ausgelöste Verhalten nicht selten durch “Übertragungen” gesteuert werden, also durch das, was in der Kindheit “erlernt” wurde.

Die eigene Kindheit ist ein zeitloses Schnittmuster erwachsener Kleidung.“ Heike Ullmann

systemische-aufstellungObwohl es für das Finden einer Lösung streng genommen eigentlich egal ist, wie ein Problem entstanden ist, kann es für die Entwicklung entsprechender Strategien äußerst hilfreich sein, auch mal in die eigene Vergangenheit zurückzublicken. Eine hervorragende Möglichkeit, den besagten Mustern auf die Spur zu kommen, bietet die systemische Aufstellung. Hierbei werden jene Rolle(n) betrachtet, die ein Mensch in seiner Ursprungsfamilie ausgefüllt hat, und es wird überprüft, inwieweit Parallelen zur aktuellen Lebenssituation bestehen. Im Rahmen eines Vier-Augen-Gesprächs werden zu diesem Zweck zunächst passende Figuren (Farbe, Größe, Form) für die einzelnen Familienmitglieder ausgewählt und auf dem Brett platziert. Kriterien für die Positionierung sind bspw. (1) emotionale Nähe vs. Distanz sowie (2) Zugewandtheit vs. Abgewandtheit. Ergänzt werden kann dies durch eine kurze Charakterisierung der benannten Personen. Daraufhin wird die Aufstellung analysiert. Mittels verschiedener Fragetechniken wird ein erweitertes Verständnis des Systems „Familie“ bezogen auf dessen Strukturen und Dynamiken ermöglicht.

Beispielhafte Leitfragen:

  • Wie glauben Sie, haben die anderen Familienmitglieder Sie damals wahrgenommen?
  • Was war Ihre zentrale Rolle bzw. Aufgabe in diesem System? Was wollten die anderen von Ihnen? Welche Bedürfnisse haben Sie erfüllt?
  • Was hat Ihnen dabei geholfen, in diesem System zu bestehen bzw. Ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten bzw. das zu tun, was Sie tun wollten?
  • Wenn Sie damals einen Wunsch frei gehabt hätten, welcher wäre das gewesen?
  • Was hätten Sie in dem System damals gern verändern wollen? Was haben Sie versucht, um das zu erreichen?
  • Ist Ihnen das gelungen? Falls ja, wie? Falls nein, welche Kräfte des Systems haben dem entgegengewirkt?

Anschließend werden die gegenwärtigen Lebensumstände und Beziehungen betrachtet („Erkennen Sie Parallelen?“) und ein Blick in die Zukunft vorgenommen („Was möchten Sie verändern?“). Es geht also um ein Erkennen und Auflösen festgefahrener (dysfunktionaler) Verhaltensmuster und Sichtweisen, um intendierte Veränderungen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck können nun verschiedenartige Interventionen – kontextspezifisch sowie in Abhängigkeit von der jeweiligen Fragestellung und Zielvorgabe – mit in das Gespräch eingebunden werden.

Selbst wenn alles einstürzt, bleiben die Grundmauern des Ichs, um darauf neu zu bauen.“ Damaris Wieser

Warum Menschen immer wiederkehrende Konflikte mit sich selbst oder mit anderen haben, weshalb sie trotz großer Anstrengungen nicht das erreichen, was sie sich vornehmen, oder wie sie sich selbst ein Leben voller Druck und Stress erzeugen, darauf kann zum Beispiel das Modell der Transaktionsanalyse Antworten geben. Hierbei wird grundsätzlich zwischen drei verschiedenen Ich-Zuständen unterschieden, aus denen heraus Menschen sich verhalten können. Kommunikationsabläufe lassen sich demzufolge in „Transaktionen“ differenzieren, was dabei hilft, typische Reaktions- bzw. Verhaltensmuster aufzudecken und plausibel zu machen. Ein derartiges Verständnis erleichtert es, individuelle Handlungsstrategien zu entwickeln, mittels derer gegenwärtige Interaktionen (in den jeweiligen sozialen Systemen) funktional gestaltet werden können.

ich-zustaende-der-transaktionsanalyse

Ich-Zustände der Transaktionsanalyse

Ich bin ich. Leider viel zu selten.“ Ernst Ferstl

Für die Auflösung und Veränderung dysfunktionaler Verhaltens- bzw. Konfliktmuster kann eine transaktionsanalytische Betrachtung also sehr hilfreich sein. Ein Transfer der hierbei entwickelten Handlungsoptionen in die Praxis ist aber zumeist mit viel Übung verbunden und benötigt eine gewisse Zeit. Der Grund dafür ist, dass jene Verhaltensweisen, die uns in der Vergangenheit dazu verholfen haben, ein gewünschtes Ziel zu erreichen, im prozessualen Gedächtnis gespeichert und durch die wiederholte Anwendung so sehr gefestigt werden, dass sie anschließend wie Automatismen ablaufen. Gleiches gilt übrigens auch für unsere Aufmerksamkeitsprozesse, mittels derer wir jene Umgebungsreize (sogenannte „Trigger“) im besonderen Maße wahrnehmen, die unser Gehirn dazu veranlassen, diese bestimmten bzw. „bewährten“ Reaktionen abzurufen. Begünstigt wird ein solcher Rückfall in alte Verhaltensmuster zudem oftmals durch systemische Rückkopplungsmechanismen, weshalb es Sinn macht, folgende Fragen bereits im Vorfeld zu beantworten:

  • Womit ist zu rechnen (negative Rückkopplungen, Gewohnheitsmuster, Krisen etc.)?
  • Woran lassen sich „Vorläufersignale“ erkennen, die ein altes Verhaltensmuster aktivieren?
  • Auf welche Ressourcen lässt sich im Falle solcher Signale bewusst zugreifen? Wie kann das gelingen?
  • Wie lässt sich mit Rückfällen („Umfallern“) konstruktiv umgehen?
  • Was könnte zusätzlich noch stärken?

Sollten Sie sich also fragen, welche Rolle(n) Sie spielen und warum Sie das tun, können die so gewonnenen Erkenntnisse Ihnen dabei helfen, sich bewusst für das Leben zu entscheiden, das Sie eigentlich führen wollen.

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.

Die Vielfalt therapeutischer Angebote – Interview mit Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller

Prof. Dr. Heidi Möller

„Macht mir mal das Symptom weg!“ Immer wieder werde ich von Klienten danach gefragt, zu welcher Therapieform ich ihnen (nach einer kurzen Schilderung der individuellen Problematik) raten würde? Eine Expertin, die darauf sicher schlüssige Antworten zu geben weiß, ist Frau Dr. Heidi Möller. Sie ist Professorin des Fachbereichs „Theorie und Methodik der Beratung“ am Institut für Psychologie der Universität Kassel.

Sie hat die Ausbildungen der gängigen Psychotherapien (Grundausbildung in Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapeutische Ausbildung, Graduierung zur Integrativen Therapeutin, Fachkundenachweis Tiefenpsychologie, Psychoanalyse) absolviert, ist zertifizierte Lehrtherapeutin sowie Organisationsberaterin und Supervisorin. Zudem hat sie sich im Rahmen verschiedener Publikationen mit zentralen Aspekten des Coachings beschäftigt. Das finde ich deshalb besonders interessant, weil es vielen Menschen trotz der immer besser werdenden Aufklärung scheinbar nicht leicht fällt, sich bei Bedarf aus den Bereichen Psychotherapie oder Coaching das passende bzw. indizierte Angebot herauszusuchen. Die Unübersichtlichkeit des Marktes, (oftmals) fehlende Transparenz und eine nicht immer eindeutig ersichtliche Differenzierung der Zielgruppen und Wirkmechanismen sind mögliche Gründe dafür.

Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassung eines telefonischen Interviews (mit einigen Texten der Professorin ergänzt), das ich mit Dr. Heidi Möller führen durfte. Ziel des Gesprächs war es, etwas Licht in den Psychotherapie- und Coaching-Dschungel zu bringen.

1. Warum haben Sie sich für ein Psychologie-Studium entschieden?

Ich habe meinen Vater früh verloren und war mir seitdem klar darüber, dass ich Psychologin bzw. Psychotherapeutin werden möchte. Das hatte sicher viel damit zu tun, dass ich schon früh in eine sehr verantwortliche Rolle kam, meine Brüder großgezogen habe und mich zudem um meine Mutter kümmerte, die nach dem Tod ihres Ehemannes nicht mehr so richtig zurück ins Leben fand. Es entspricht zwar einem Klischee, auf diese Weise motiviert einen solchen Beruf zu ergreifen, allerdings können derlei Beweggründe auf früh erworbene Kompetenzen verweisen, dass man sich als jemand erlebt hat, der für Menschen in Not Einfühlungsvermögen hat. Wichtig dabei ist allerdings, dass diese Motivation im Rahmen der psychotherapeutischen Ausbildung bzw. Selbsterfahrung hinreichend reflektiert wird. Wurden diese Motive sowie die eigene Vergangenheit (inklusive eventueller Traumatisierungen, kritischer Lebensereignisse etc.) gut aufgearbeitet, können insbesondere selbst einst krisengeschüttelte Therapeuten bei den Patienten die Zuversicht wecken, ihre jetzigen Schwierigkeiten zu bewältigen. Kurz gesagt entspricht das der Theorie eines „wounded healers“.

2. Sie sind in mehreren Therapieverfahren geschult. Warum haben Sie sich nicht – wie die meisten Ihrer Kollegen/-innen – mit einer Ausbildung begnügt?

Anfang der 1980er Jahre, als die Psychotherapie rechtlich noch nicht geregelt war, konnte man bereits während des Studiums mit einer entsprechenden Ausbildung beginnen. Also absolvierte ich noch zu meiner Studienzeit eine Grundausbildung zur Gesprächspsychotherapeutin, stellte aber fest, dass das kein Verfahren ist, das meiner Persönlichkeit entspricht. Es folgten eine verhaltenstherapeutische und eine gestalttherapeutische Ausbildung sowie eine Weiterbildung zur Lehrtherapeutin für Gestalttherapie. Für eine saubere Diagnostik und ein vertieftes Verstehen von Menschen zog es mich dann allerdings noch zur Psychoanalyse. Für meine didaktische Arbeit an der Universität ist diese Mischung ideal. So kann ich einen bestimmten Fall bspw. aus der Perspektive eines Verhaltenstherapeuten betrachten und mit der eines Tiefenpsychologen oder Gestalttherapeuten vergleichen.

Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass sich nur ein ganz kleiner Teil des Therapieerfolgs durch die sogenannte therapeutische Technik erklären lässt. Einst ging man von ca. 10 Prozent aus. Heute ist man sogar noch vorsichtiger und spricht von einem Wert im einstelligen Bereich. Das bedeutet, dass die Methode, die man anwendet, eigentlich sekundär ist. Wichtiger ist die Tragfähigkeit der therapeutischen Beziehung. Wie diese gestaltet wird, hängt vor allem von der Reife bzw. der persönlichen Entwicklung des Therapeuten ab

3. Worauf sollten Menschen, die psychisch erkranken, bei der Auswahl eines Therapeuten oder einer Therapeutin achten?

Vorschläge zur Reflexion des Nachkontakts mit einem Psychotherapeuten:

  • Stimmt der emotionale Kontakt?
  • Ist der/die Patient/-in ernst genommen worden, fühlte er/sie sich wohl, wertgeschätzt und konnte er/sie Vertrauen fassen?
  • Hat der/die Patient/-in sich verstanden gefühlt?
  • Hat das Erstgespräch neue Sichtweisen auf das Problem eröffnet und sind Veränderungsmöglichkeiten eröffnet worden?
  • Übernimmt der/die Psychotherapeut/-in einfach die Ziele des Patienten bzw. der Patientin oder setzt er/sie sich mit angemessener Distanz konstruktiv mit ihnen auseinander?
  • Haben der/die Psychotherapeut/-in und der Patient bzw. die Patientin gemeinsam daran gearbeitet, die psychotherapeutischen Ziele zu setzen?
  • Konnte der/die Psychotherapeut/-in ggf. mit den Bedenken bezogen auf die Psychotherapie umgehen?
  • Konnte der/die Psychotherapeut/-in seine/ihre Diagnose nachvollziehbar darlegen und die geplanten Interventionen erläutern?
  • Konnten neue, überraschende Aspekte der belastenden Situation entdeckt werden?
  • War der/die Psychotherapeut/-in in freundlicher, aber professioneller Distanz oder ließ er/sie sich verwickeln, ergriff Partei?

4. Was ist in Ihren Augen das Besondere der Kognitiven Verhaltenstherapie?

Sie ist so schön eingängig und einfach. Man kann sie gut erklären. Ich bin geneigt zu sagen, sie suggeriert schnelle Veränderungen. Rein kognitive Interventionen verändern das Erleben und Verhalten eines Menschen aber kaum. Wir wissen aus der Hirnforschung, dass es dringend einer affektiven Beteiligung bedarf, wobei der Ebene des Erlebens bzw. der affektiven und kognitiven Verarbeitung des Erlebten eine besondere Rolle zukommt. Viele moderne Kognitive Verhaltenstherapeuten/-innen nutzen hierfür allerdings zunehmend verschiedene Methoden anderer Verfahren. Man könnte sie demzufolge als „produktive Strandgutsammler“ bezeichnen.

5. Welchen Patienten würden Sie eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie empfehlen?

All denen, die neugierig sind auf sich und ihre Erlebniswelt sind – also darauf, sich selbst besser kennenzulernen – und die wissen wollen, woher ihr Unmut, ihre Unzufriedenheit oder ihr Unglück im Leben eigentlich kommt, die also „archäologisch“ vorgehen möchten. Anderen Patienten, die ganz klar umrissene Symptome haben (bspw. eine Angststörung), kann man eine Verhaltenstherapie empfehlen, die hinsichtlich einer Linderung sehr gute Ergebnisse vorzuweisen hat. Möchte man allerdings etwas tiefer in das Verstehen des Entstehens einer psychischen Störung einsteigen, ist man bei einem/-er tiefenpsychologischen Psychotherapeuten/in wohl besser aufgehoben. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Einige Patienten sind zufrieden, wenn sich ihr Symptom schnell lindert, andere hingegen möchten sich mehr als Ganzes erleben, verstehen und wahrnehmen können.

6. Unter welchen Umständen sollten sich Betroffene für eine Psychoanalyse entscheiden?

Ein Argument für diese Methode ist ein recht pragmatisches, dass bspw. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung oder einer schweren Traumatisierung einfach mehr Zeit benötigen, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Diese gewährt die Psychoanalyse aufgrund ihres höheren Stundenkontingents, wobei in solchen Fällen dann nicht unbedingt klassisch psychoanalytisch gearbeitet wird. Aber auch Störungsbereiche wie z. B. die narzisstischen Störungen sind mit psychodynamischen Methoden besser zu behandeln, zumal ein wirklich gutes verhaltenstherapeutisches Modell zur Entstehung dieser psychischen Erkrankung fehlt. Die Psychoanalyse hat sich seit der Zeit von Sigmund Freud stetig weiterentwickelt.

7. Hat die Psychoanalyse nicht den Ruf, wenig effektiv zu sein?

Die Aussage, die Psychoanalyse sei nicht effektiv, ist nicht richtig. Wohl aber stimmt es, dass die Psychoanalytiker erst ziemlich spät mit der Durchführung von Studien zur Wirksamkeit begonnen haben, weshalb es auch weniger von ihnen gibt als bspw. zur Kognitiven Verhaltenstherapie. In der Langzeitwirkung ist die Psychoanalyse der KVT allerdings überlegen.

8. Was halten Sie persönlich von den humanistischen Therapieverfahren?

Ich war eine begeisterte Gestalttherapeutin und verwende diese Konzepte nach wie vor bspw. in meinen Beratungen. An den Universitäten sind die humanistischen Therapien jedoch unterrepräsentiert, weshalb ist es auch schwierig ist, ausreichend Forschung zu diesen Verfahren zu generieren. Die Gestalttherapie im klassischen Sinne war eher für Menschen gedacht, die psychisch recht gesund sind, aber ihr Erleben und Verhalten erweitern wollen. Auf der konzeptionellen Ebene gibt es zwar Weiterentwicklungen, jedoch nur wenige empirische Studien.

Bei der Klientenzentrierten Gesprächstherapie ist das anders, zumal Carl R. Rogers als der Begründer der Psychotherapieforschung gilt. Er hat ja erstmalig auch Transkripte von Sitzungen angefertigt. Die Grundregeln, was die Gesprächstechniken betrifft, werden heute allerdings eigentlich in jeder Therapieform angewendet. Wie wäre eine Behandlung denkbar ohne Unterstützung der Selbstentwicklung, ohne bedingungslose Akzeptanz? Die Gesprächspsychotherapie ist hilfreich, meiner Ansicht nach aber an vielen Stellen nicht störungsspezifisch genug.

Die Logotherapie von Viktor Frankl ist ja bspw. in Österreich als Psychotherapieverfahren anerkannt. Sie ist gut konzeptionalisiert, allerdings fehlt es auch bei ihr an empirischen Effizienznachweisen. Bei der Transaktionsanalyse (nach Eric Berne) wird die Forschung hingegen zurzeit gerade wieder aktiviert.

9. Gibt es therapeutische Verfahren, von denen Sie eher abraten würden?

Nicht empfehlen würde ich Menschen, die psychisch erkrankt sind, die Neurolinguistische Programmierung. NLP ist ja ein Konglomerat von allem, was irgendwie ganz gut funktioniert hat, allerdings ohne eine Konsistenz im Menschenbild bzw. in den Interventionen vorweisen zu können. Ich halte sie zudem für eine Methode, die in mancherlei Hinsicht manipulativ ist.

10. In Ihrem Forschungsprojekt „Kompetenzentwicklung von Psychotherapeutinnen in Ausbildung“ werden verschiedene Kompetenzen erhoben und mit dem therapeutischen Behandlungserfolg in Beziehung gesetzt. Haben Sie in diesem Zusammenhang bereits Erkenntnisse gewinnen können?

Es konnte bspw. aufgezeigt werden, dass es überhaupt nicht mit der Zeit zusammenhängt, wie lange sich jemand – also ob zum Beispiel 120 oder 1000 Stunden – in der Ausbildung selbstreflexiv mit der eigenen Persönlichkeit im Rahmen einer Lehranalyse oder Lehrtherapie auseinandersetzt. Entscheidender ist, wie er oder sie das getan hat, also ob jemand gelernt hat, in guten und in schlechten Zeiten wohlwollend und freundlich zu sich selbst zu stehen. Wichtig ist zudem, dass ein Therapeut bzw. eine Therapeutin das für sich passende Verfahren wählt, ganz einfach deshalb, weil Menschen unterschiedlich denken und die Welt auf eine jeweils andere Weise erfassen. Je einiger sie mit ihrem Verfahren sind, desto zufriedener sind die Psychotherapeuten mit ihrem Beruf.

11. Welche Qualitätskriterien sollte Coaching erfüllen? Welchen Tipp können Sie jenen Menschen geben, die auf der Suche nach einem Coach sind?

Ein guter Coach muss ein stimmiges Theorie-Praxis-Konzept vorweisen, das eine Verbindung von den zugrundeliegenden Annahmen bis zum konkreten beraterischen Handeln schafft und angekoppelt ist an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Der Coach braucht zudem prozedurale Fertigkeiten zur Herstellung einer tragfähigen Arbeitsbeziehung und Durchführung von Interventionen, sowie Wissen über allgemeine Wirkfaktoren wie Zielklärung, Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, Problembewältigung und -klärung. Dem Coach muss klar sein, warum er bei diesem Klienten in dieser Phase des Beratungsprozesses bestimmte Interventionen wählt, warum z.B. bei einem Klienten Methodiken aus der kognitiven Verhaltenstherapie anwendet und bei einem anderen eine psychodynamische Deutung erwägt. Der Coach muss über interpersonale Kompetenzen zur Herstellung einer günstigen Arbeitsbeziehung (Beziehungskompetenz) verfügen. Des Weiteren braucht er eine hohe diagnostische Kompetenz, um sich rasch ein fundiertes Bild sowohl über individuelle, interaktionistische als auch organisationale Phänomene machen zu können (vgl. Möller & Kotte, 2014).

Coaching als diskrete Dienstleistung, die hinter verschlossenen Türen stattfindet, entzieht sich der Forschung nur all zu oft. Deshalb ist der wissenschaftliche Blick auf die Wirksamkeit und Wirkfaktoren von Coaching bisher noch eingeschränkt. Längsschnittliche Designs, eine Betrachtung mehrerer Perspektiven (Coach und Klient), die Kosten-Nutzen Relation und der organisationale Kontext werden bisher zu wenig berücksichtigt (Möller & Kotte, 2011). Auch wird zumeist mit kleinen Stichproben gearbeitet. Der Zugang zu den Klienten als Untersuchungspartnern erfolgt zumeist über die Coaches selbst, was zu Selektionseffekten führt (Möller & Kotte, 2011), denn die Coaches bitten oft nur Kunden, bei denen das Coaching als erfolgreich eingeschätzt wurde, an Studien teilzunehmen.

Ob der Coach fachlich und persönlich überzeugt, das kann nur der Kunde im persönlichen Kontakt herausfinden. Am besten er vereinbart ein Erstgespräch und traut seinem Bauchgefühl! Erscheint der/die Coach anschlussfähig an das eigene Berufsfeld, die eigene Branche? Stimmt die „Chemie“, fühle ich mich als Kunde wohl, verstanden und habe das Gefühl, etwas lernen zu können?

12. Worauf sollte man Ihrer Meinung nach bei der Auswahl eines Coaching-Ausbildungsinstituts achten?

Hinsichtlich der Qualität von Coachingausbildungen habe ich sechs Thesen formuliert, die vor der Entscheidung für ein bestimmtes Institut überprüft werden sollten:

  • These 1: Eine gute Coachingausbildung muss ein stimmiges Theorie-Praxis-Konzept vorweisen, das eine Verbindung von den zugrundeliegenden Annahmen bis zum konkreten beraterischen Handeln schafft und angekoppelt ist an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.
  • These 2: Eine gute Coachingausbildung darf nicht nur Methoden und Tools vermitteln, sondern muss eine beraterische Identität ausbilden. Dazu muss sie auch wesentliche Teile an Selbsterfahrung und Reflektion umfassen.
  • These 3: Eine Coachingausbildung muss unterschiedliche Lernformen anbieten, eine sinnvolle Lernarchitektur beinhalten, die im Ausbildungsverlauf Theorie, Praxis und Transfer verknüpft und einen Integrationsort haben, an dem die vielfältigen Lernerfahrungen verzahnt werden können.
  • These 4: Eine gute Coachingausbildung muss klare Bezüge zu anderen arbeitsweltlichen Beratungsformaten herstellen und in Übereinstimmung mit dem beratungswissenschaftlichen Diskurs stehen.
  • These 5: Eine gute Coachingausbildung muss Aufnahmevoraussetzungen definieren und die Motivation zur Coachingausbildung im Ausbildungsverlauf systematisch reflektieren.
  • These 6: Eine Coachingausbildung muss von erfahrenen Ausbildern geleitet werden. Erfahrung beinhaltet sowohl umfassende und aktuelle eigene Beratungserfahrung als auch Erfahrung in der Ausbildung von Coaches.

13. Gibt es eine bestimmte Frage- oder Problemstellung, die Sie persönlich besonders herausgefordert hat?

Ja, ich denke da bspw. an eine anorektisch und bulimische Patientin, bei der ich bereits die sechste Therapeutin war…

14. Welche Literatur empfehlen Sie?

  • Cord Benecke (2014). Klinische Psychologie und Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Stephan Döring & Heidi Möller (Hrsg.)(2014). Mon Amour trifft Pretty Woman. Liebespaare im Film. Heidelberg: Springer.
  • Heidi Möller & Stephan Döring (Hrsg.) (2010). Batman und die himmlischen Kreaturen. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen, Band II. Heidelberg: Springer.
  • Stephan Döring & Heidi Möller (Hrsg.)(2008). Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen, Band I. Heidelberg: Springer.

Kontakt: Prof.Dr.Heidi Möller, Universität Kassel, Fachbereich 01, Institut für Psychologie, Holländische Straße 36-38, 34127 Kassel

Vielen Dank für das Interview!

Hier finden Sie Psyche und Arbeit bei Facebook.