Die Inseln der Glückseligkeit

Kennen Sie das Gefühl, das entsteht, wenn man – obwohl man sich wahrhaftig um ein Vorankommen bemüht – irgendwie nur noch auf der Stelle zu treten scheint? Beschreiben ließe sich ein solcher Zustand m. E. gut mit der folgenden Metapher: „Man fühlt sich, als wäre man in der Mitte eines Meeres, umgeben von verschiedenen Inseln der Glückseligkeit, auf die man gern zusteuern würde. Doch so sehr man sich auch anstrengt bzw. egal, in welche Richtung man sich zu bewegen versucht, man kommt auf keiner dieser Inseln an.“ Die Inseln stehen hier stellvertretend für erstrebenswerte Ziele. Ist man also mit einigen (vielleicht ganz wesentlichen) Aspekten des eigenen Lebens unzufrieden, sieht aber fast nur noch „Baustellen“ um sich herum, kann das dazu führen, dass man allmählich handlungsunfähig wird. Das in diesem Artikel vorgestellte Coaching-Tool kann in solchen Situationen hilfreich sein.

  • Anlass bzw. Thema: „Ich habe das Gefühl, nirgendwo wirklich anzukommen.“
  • Material: Großes Blatt Papier (DIN A3), Ressourcen-Karten (z. B. die ZRM-Bildkartei von Maja Storch)

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In dieser Übung geht es also darum, Klarheit darüber zu erlangen, wohin die Reise eigentlich gehen soll und was einen bislang daran gehindert hat, das gewünschte Ziel zu erreichen.

Schritt 1: Lebensbereiche und Zukunftsvisionen

Zunächst sollte das Problem („Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation“) in seine einzelnen Bestandteile bzw. Problemfelder zergliedert werden, um es überschaubarer zu machen. Für die verschiedenen Aspekte des Problemkonglomerats werden daraufhin Zukunftsvisionen („Wie stelle ich mir eine optimale Lösung vor?“) entwickelt, die sich anschließend mit Ressourcen-Karten visualisieren lassen. Das wiederum hat den Zweck, die entsprechenden Ziele emotional aufzuladen.

  • Nehmen Sie sich ein größeres Blatt Papier (DIN-A3) und zeichnen Sie sich in die Mitte.
  • Schreiben Sie jene Lebensbereiche drumherum, die Ihnen wichtig sind und bei denen Sie den Wunsch haben, endlich „anzukommen“.
  • Überlegen Sie sich jetzt für jeden dieser Lebensbereiche, wie eine ideale Zukunft aussehen könnte. Was genau wünschen Sie sich? Was sollte sich verändern?
  • Wählen Sie daraufhin für jeden dieser Lebensbereiche eine Karte aus, die mit Ihrer Zukunftsvision in Resonanz geht und legen Sie diese auf die entsprechende Stelle des Blattes.

Tipp: Lassen Sie die Auswahl der Karten kommentieren und hören Sie dabei aufmerksam zu. Auf diese Weise erhalten Sie in der Regel interessante Einblicke in die Wirklichkeitskonstruktionen Ihrer Klienten/-innen, die Sie im weiteren Verlauf des Gesprächs aufgreifen und hinterfragen können. Es ist übrigens zu empfehlen, ein Foto von dem entstandenen Bild zu machen.

Schritt 2: Hinterfragung der Konfliktfelder

Wenn wir etwas erreichen wollen, es aber nicht gelingt, steckt nicht selten ein innerer Konflikt dahinter, der zunächst aufgelöst werden will. Bitten Sie Ihre Klienten/-innen nun also, sich zu jeder der Karten (bzw. zu jeder Zukunftsvision) folgende Fragen zu stellen:

  • Was will ich? Was ist mir wichtig, um glücklich oder wenigstens zufrieden zu sein? Wie stelle ich mir meine erwünschte Zukunft konkret vor? Formulieren Sie für jeden Lebensbereich fünf zentrale Aspekte!
  • Was fehlt? Was brauche ich noch, um das Gefühl zu haben, angekommen zu sein? Welchen Mangel spüre ich? Finden Sie ein passendes Wort dafür!
  • Was trennt mich? Was hält mich davon ab? Welches Gefühl steht dazwischen? Spüren Sie in dieses Gefühl hinein! Lassen Sie es einmal bewusst zu und schauen Sie, was es Ihnen sagen möchte!
  • Darf ich? Angenommen, Sie könnten sofort dorthin gelangen, würden Sie sich das erlauben? Oder gibt es ein Gebot, gegen Sie verstoßen müssten?
  • Was erlaube ich mir nicht? Was verbietet es Ihnen, Ihr Glück zu finden? Was müssten Sie möglicherweise dafür aufgeben bzw. was könnten Sie auf dem Weg dorthin verlieren? Wozu wären Sie auf keinen Fall bereit? Formulieren Sie entsprechende Gebote und Verbote.

Tipp: Natürlich ist nicht immer jede der Fragen gleichermaßen zweckmäßig. Die Grundregel, dass jedes Gespräch einen individuellen Verlauf hat, an den ein Tool angepasst werden muss, damit es nützlich und hilfreich ist, gilt folglich auch hier. Vertrauen Sie also Ihrer Intiution und wählen Sie jeweils nur jene Fragen aus, die Ihnen hinsichtlich des entsprechenden Problemfelds zielführend zu sein scheinen. Erfahrungsgemäß macht es zudem Sinn, sich vage oder unklare Antworten genauer erläutern zu lassen (z. B. mit Konkretisierungs- oder Verflüssigungsfragen). Achten Sie dabei auch auf bedeutsame Aussagen sowie auf die emotionalen Reaktionen und heben Sie diese ggf. besonders hervor, indem Sie sie paraphrasieren bzw. verbalisieren.


Exkurs: Paraphrasieren & Verbalisieren

Beim Paraphrasieren geht es darum, die Äußerungen des Klienten mit eigenen Worten zu wiederholen bzw. zusammenzufassen. Dadurch lässt sich überprüfen, ob das Gesagte richtig verstanden wurde. Zudem lässt sich das, was besonders bedeutsam zu sein scheint, deutlicher hervorheben, um es bewusster zu machen. Beim Verbalisieren geht es hingegen darum, auf emotionale Reaktionen zu achten, also jene Gefühle zu verstehen und zur Sprache zu bringen, die zwar gezeigt, aber nicht explizit benannt werden.


Schritt 3: Auflösung der Blockaden

In dieser Phase geht es darum, mit den Ergebnissen aus dem 2. Schritt weiterzuarbeiten, um Lösungen zu entwickeln. Vorab bietet es sich an, nach möglichen Gemeinsamkeiten oder Parallelen zu schauen, die den verschiedenen Problemfeldern zugrunde liegen.

  • Wie lassen sich Ihre Blockaden lösen? Stehen Sie überhaupt zur Disposition? Welche Sichtweise ist hilfreich, um sie auszuräumen oder um sie durchlässiger zu machen? Formulieren Sie ggf. Erlaubnisse, die sich stimmig für Sie anfühlen.
  • Welche Entwicklungsaufgaben sehen Sie? Was können Sie konkret dafür tun, um sich dem jeweiligen Ziel anzunähern?
  • Wie können Sie sich selbst „grünes Licht“ dafür geben? Formulieren Sie Ihr persönliches „Go!“-Signal (z. B. in der Form eines Mottosatzes).
  • Mit welchen Problemen ist bei der Umsetzung Ihres Vorhabens am ehesten zu rechnen? Welche Hindernisse könnten Ihnen dabei im Weg stehen? Entwickeln Sie schon im Vorfeld sogenannte „Wenn-dann“-Pläne, die ihnen dabei helfen, sie im Falle eines Falles aufzulösen oder zu überwinden

Tipp: Richten Sie den Fokus immer wieder auf die Gefühlsebene, da diese für die Aufdeckung und Klärung innerer Konflikte sowie für die Herausarbeitung und Stärkung der Motivation besonders bedeutsam ist.


Exkurs: Mottosatz

Dieser Begriff wird u. a. in dem Züricher Ressourcen Modell ® verwendet. Maja Storch sagte hierzu in etwa Folgendes: „Ein Motto-Satz ist dann gut, wenn der- oder diejenige, der oder die ihn für sich entwickelt hat, „glückselig grinst“, sobald er oder sie sich daran erinnert.“

Literatur: Maja Storch & Frank Krause (2007). Selbstmanagement-ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Züricher Ressourcen Modell (ZRM). 4. vollständig überarbeite Auflage. Verlag Hans Huber. Hier finden Sie das Buch bei Amazon (Werbung).


Schritt 4: Zusammenfassung der Ergebnisse

Fassen Sie die wesentlichen Erkenntnisse abschließend nochmals zusammen:

  • Welche Einsichten haben Sie gewonnen?
  • Welche Ideen haben Sie entwickelt?
  • Welche Entwicklungsaufgaben sehen Sie?
  • Was sind Ihre nächsten Schritte?

Tipp: Bitten Sie Ihre Klienten/-innen darum, die wichtigsten Erkenntnisse schriftlich festzuhalten, damit sie nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Bei der Formulierung der nächsten Schritte sollten Sie sich an dem Motto „Weniger ist mehr!“ orientieren, um die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ihre Klienten/-innen eventuell überfordern, möglichst gering zu halten.

„In einem Meer voll Schwierigkeiten liegt immer eine Insel der Möglichkeiten.“ Unbekannter Verfasser

Literaturempfehlung:

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Gespräche mit (m)einem Therapeuten

Erfahrungsbericht: Wissen Sie, was eigentlich genau in einer tiefenpsychologisch fundierten Gesprächstherapie passiert? Bestimmt haben Sie schon davon gehört, dass das unbewusste Erleben und Verhalten dabei eine wichtige Rolle spielen? Wurden innere Konflikte oder traumatische Erlebnisse nicht gelöst bzw. nicht adäquat verarbeitet, wirken sie in die Gegenwart hinein und verursachen – so die Theorie – dort Leid. Doch obwohl die Geschehnisse aus der Vergangenheit (insbesondere jene aus der Kindheit) von zentraler Bedeutung sind, geht es in den Gesprächen vor allem um die Bearbeitung aktueller Problembereiche und ihrer Hintergründe. Doch wie kann man sich die Zusammenarbeit mit einem entsprechend ausgebildeten Therapeuten konkret vorstellen? Wird man von diesem analysiert und daraufhin mit Aussagen konfrontiert, die einem dabei helfen sollen, jene Psychodynamiken besser zu verstehen, die das Denken, Empfinden und Verhalten in spezifischen Situationen beeinflussen? Und was geschieht dann? Wie kann man solche Reaktionsmuster nachhaltig verändern? Das möchte ich in diesem Artikel gern an einigen Beispielen aus dem Fundus meiner eigenen Erfahrungen aufzeigen.

„Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“ Pindar

Ungefähr fünf Jahre lang spreche ich jetzt schon in regelmäßigen Abständen mit einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie über mich und mein Leben. Damals war es mir ein zentrales Anliegen, endlich einmal gründlich „in meiner Psyche aufzuräumen“. Gründe dafür gab es genug: Schon der Beginn meines Lebens war ein klassischer Fehlstart. Als ich geboren wurde, ließ mich meine Mutter im Krankenhaus zurück, woraufhin ich meine ersten 1½ Lebensjahre in einem Kleinkinderheim verbrachte. Da die Beziehung zu meinen Adoptiveltern auch nicht ganz unproblematisch war, ging ich davon aus, dass es sinnvoll sei, da nochmals genauer hinzuschauen. Aber auch im weiteren Verlauf meines Lebens gab es die ein oder andere Entwicklung, die ich gern besser verstehen wollte. Da ich mich beruflich schon eine ganze Weile intensiv mit den Wirkmechanismen psychotherapeutischer Gesprächsführung beschäftigte, hielt ich es zudem für eine gute Idee, es nochmals selbst zu erfahren, wie es sich anfühlt, im Rahmen einer therapeutischen Beziehung über meine Probleme und Gefühle zu sprechen. Der eigentliche Anlass war aber eine Sinnkrise, in die ich mich im Jahr 2012 verstrickte. So hatte ich also viele Themen im Gepäck, die wir nun im Laufe der Zeit in aller Ausführlichkeit diskutierten. Obwohl wir unsere Zusammenarbeit schon sehr früh „berufsbezogene Beratung“ genannt haben, was im Grunde genommen aber eine Mischung aus beruflicher Supervision und therapeutischer Selbsterfahrung war, habe ich mich dabei stets gefühlt wie ein „richtiger“ Patient. Von daher halte ich die Bezeichnung „Therapie“ durchaus für stimmig.

„Wer an den Spiegel tritt, um sich zu ändern, der hat sich schon geändert.“ Seneca

Für eine tiefenpsychologisch fundierte Gesprächstherapie Ich habe mich übrigens bewusst entschieden, da sich die analytische Vorgehens- und Betrachtungsweise m. E. hervorragend dafür eignet, sich selbst zu erkunden, um ein tieferes Selbst-Verständnis zu erlangen (im Sinne einer Selbstklärung), indem man sich mit der eigenen Vergangenheit – aber auch mit aktuellen Problemen – gezielt („aufdeckend“) auseinandersetzt. Dass ich mich im Rahmen meiner Lehr- und Beratungstätigkeit selbst vorrangig mit Konzepten aus dem Bereich der Kognitiven Verhaltenstherapie sowie mit einigen der humanistischen Therapieverfahren beschäftigte, bekräftigte mich in dieser Entscheidung. Ich ging davon aus, dass ich mit der Wahl eines Therapeuten, der tiefenpsychologisch arbeitet, der Gefahr, es könnte zu einer Art „Kompetenzgerangel“ kommen, vorbeugen kann. Selbstverständlich habe ich mich parallel zu den Gesprächen auch eigenständig mit meinen Themen befasst. Trotzdem war es – wie ich im Rückblick sagen muss – unabdingbar, jemanden zu haben, der mich auf diesem Weg begleitet, der sich mir sozusagen als „Kompass“ zur Verfügung stellt und mich mit Fragen konfrontiert, der mir hier und da seine Einschätzungen mitteilt und der mich auf der emotionalen Ebene „erreicht“. Obwohl ich die Kosten für diese Gespräche selbst tragen musste (und teilweise noch muss), bin ich überzeugt davon, dass ich mit diesem Geld nichts Sinnvolleres hätte tun können.

Einige Vorbehalte, die ich im Zusammenhang mit der Tiefenpsychologie hatte, konnte ich übrigens schnell ad acta legen:

  1. Zwar weiß ich nicht, was tatsächlich in dem Kopf meines Therapeuten vorgegangen ist, aber von der Inanspruchnahme einer „Deutungshoheit“ habe ich bei ihm nichts bemerkt.
  2. Auch wenn mir der Weg, durch eine Analyse des Problems zu einer Lösung zu gelangen, manchmal zu umständlich zu sein scheint, da ich der Auffassung bin, dass es der Lösung egal sein müsste, wie ein Problem entstanden ist (frei nach Steve de Shazer), waren etliche Erkenntnisse über die Hintergründe und Ursachen sehr wohltuend. Gelegentlich lösten sich Verstrickungen sogar schon allein dadurch auf. Eine plausible Begründung dafür, warum das manchmal funktioniert und ein andermal eben nicht, könnte ich jetzt allerdings nicht so ohne Weiteres formulieren.
  3. Feststellen durfte ich zudem, dass das, was Carl Rogers sich unter dem Ideal einer therapeutischen Haltung vorstellt, auch bei einigen Ärzten, die tiefenpsychologisch arbeiten, sehr wohl bereits angekommen ist. Mein Therapeut hat sich mir gegenüber jedenfalls stets empathisch, wertschätzend und – soweit ich das beurteilen kann – kongruent verhalten. Das habe ich bei einigen seiner Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich beruflich zu tun hatte, allerdings auch schon ganz anders erlebt.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit

Es gibt Themen, die sich allein nur schwerlich sinnvoll aufarbeiten lassen. Um meine Kindheit aufzuarbeiten, brauchte ich jedenfalls jemanden, der mir spiegelte, inwieweit ich mich auf meine eigenen Wahrnehmung verlassen könne bzw. ob und wo ich dazu neige, Erlebtes zu dramatisieren oder schmerzvolle Erfahrungen zu bagatellisieren. Obwohl ich gut darin geübt bin, Menschen zu unterstützen, ihre emotionalen Konflikte aufzulösen, bin ich mir selbst immer wieder ausgewichen, wenn es bspw. darum ging, mich der Wut auf meinen Vater zu stellen. Darf ich sie überhaupt zulassen oder müsste ich ihm nicht für das danken, was er für mich getan hat? Wäre es nicht eigentlich meine Aufgabe, ihm zu verzeihen bzw. mich mit ihm zu versöhnen?

So, wie es also im Lehrbuch steht, führten uns unsere Unterhaltungen immer wieder zurück in die Zeit meiner Kindheit und Jugend. Dabei durfte ich feststellen, dass mich diese intensive Form der Auseinandersetzung mit jenen Menschen, mit denen ich es damals zu tun hatte, und mit den Gefühlen, die ich in diesen Lebensphasen hatte, ab und zu ganz schön angestrengt und manchmal auch sehr belastet hat. Dieses Risiko war ich allerdings bereit einzugehen, auch wenn ich mich deshalb gelegentlich in Gemütszuständen wiederfand, in denen ich mir selbst äußerst unheimlich wurde. Über frühe Bindungserfahrungen zu sprechen, zumal dann, wenn sie kompliziert waren, kann einen innerlich sehr aufwühlen. Das ein oder andere Mal hatte ich den Eindruck, ich wäre wieder der kleine Junge, der ich einst war. Zumindest habe ich mich meinem Therapeuten wohl mehrfach von einer Seite gezeigt, die mit meiner beruflichen Rolle in keinster Weise korrespondiert. So forderte ich gelegentlich auf recht dramatische Weise jene fürsorgliche (väterliche) Zuwendung von ihm ein, die ich mir als Kind gewünscht hätte – obwohl mir durchaus klar war, dass wir uns in einem therapeutischen Setting befanden und der Mann, mit dem ich da sprach, ganz gewiss nicht mein Vater war. Ich denke, man nennt das wohl „Regression“. Zu meinem Glück konnte mein Therapeut das aber gut aushalten und mich auch stets wieder aus den damit einhergehenden Reaktionsmustern herausführen. In diesen Momenten habe ich insbesondere seine gelungene Gratwanderung zwischen Nähe (im Sinne eines „Nachnährens“ oder „Reparentings“) und Distanz („Aufforderung, in die Selbstverantwortung zu gehen“) als äußert hilfreich empfunden. Interessant war es übrigens auch zu erfahren und zu erleben, dass es im Zusammenhang mit Übertragungen auch um Erwartungen und Fantasien gehen kann.

„Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, mit sich ins Reine zu kommen.“ Christian Morgenstern

Wie gesagt, meine fachliche Ausrichtung unterscheidet sich fundamental von der meines Therapeuten, woraus sich natürlich ganz verschiedene Blickwinkel ergeben. An einem konkreten Beispiel wurde mir das besonders deutlich: Vor ungefähr zwei Jahren befasste ich mich intensiver mit der PSI-Theorie von Prof. Dr. Julius Kuhl. Dank dieser Persönlichkeitstheorie veränderte sich mein Blick auf den Menschen grundlegend. Obwohl ich meinem Therapeuten das Buch „Spirituelle Intelligenz“ – nachdem ich es mit Begeisterung gelesen hatte – geschenkt habe, kam es nie zu einem Gespräch darüber. Da in die PSI-Theorie (insbesondere im Zusammenhang mit dem Extensionsgedächtnis) u. a. auch Überlegungen von C. G. Jung – dem Begründer der Analytischen Psychologie – eingeflossen sind, hatte ich zumindest gehofft, er würde sich irgendwann mal dazu äußern. Das geschah aber nicht. Dabei hätte es mich z. B. sehr interessiert, was er von dem Phänomen der „vertikalen Regression“ hält, da ich in besonders kritischen Phasen etwas Vergleichbares bei mir selbst recht gut beobachten konnte.

Vertikale Regression: Die vertikale Regression ist mit chronischer Bedürftigkeit durch Verängstigung verbunden, die zur Blockierung der Selbstwahrnehmung führt, so dass ein verwirrendes Grübeln über Einzelheiten entstehen kann, die vom Gesamtzusammenhang (dem Selbst) losgelöst sind. Man spricht hier von latenter Alienation, weil der Zugang zu einem nicht beobachtbaren (latenten) System, nämlich dem Selbst, geschwächt ist.

„Jeder Mensch hat seinen wunden Punkt und das macht ihn erst menschlich.“ Oscar Wilde

Obwohl es gelegentlich auch Gespräche gab, die mich zeitweilig etwas aus der Bahn geworfen haben, und andere, die ich mir gern erspart hätte, da sie in mir nichts in Bewegung brachten, bin ich mit dem, was ich im Rahmen der bisherigen Gespräche für mich erarbeiten konnte, sehr zufrieden. Deshalb habe ich mir überlegt, diesen Artikel zu schreiben, in dem ich ausgewählte Themen bzw. Fragestellungen, um die es in den vergangenen fünf Jahren ging, in aller Kürze darstelle. Die rmeisten davon spielen auch in der Arbeit mit meinen Klienten/-innen immer wieder eine zentrale Rolle, andere zeigen exemplarisch etwas auf, das ich für bedeutsam halte..Auf diese Weise erfahren Sie auch, wie ich die Arbeit meines Therapeuten erlebt habe und was mir persönlich geholfen hat.

Thema 1: Negatives Selbstkonzept

Negative Selbstkonzepte entstehen durch abwertende Äußerungen der Eltern oder anderer Bezugspersonen, die auf recht unerfreuliche Weise identitätsstiftend sind. Als Kind wurde mir z. B. immer wieder gesagt, dass ich „schwierig“ sei. Diese Aussage habe ich in Form einer Überzeugung in mein Selbstkonzept integriert und durch mein eigenes Verhalten dafür gesorgt, dass sich diese Annahme immer wieder bestätigt. Obwohl es gewiss dysfunktionalere Überzeugungen gibt, habe ich sie doch als störend empfunden und nach einem Weg gesucht, sie aufzulösen. In dem Artikel „Passamtsarbeit bei einschränkenden Identitätsüberzeugungen“, auf den ich leider erst vor Kurzem aufmerksam wurde, erläutert Dr. Bernd Schmid eine wunderbare Methode, die ich in diesem Zusammenhang für hilfreich halte. Die Selbstzuschreibung, dass ich „schwierig“ sei, habe ich übrigens für mich so verändern können, dass sie in ihrer Dysfunktionalität abgeschwächt wurde. Heute sage ich also lieber, dass ich „eigen“ bin, da ich das für deutlich weniger problematisch halte und trotzdem daran glauben kann. Vielleicht mag das etwas lächerlich wirken, aber m. E. steckt der Teufel oftmals im Detail. Mir hat es jedenfalls geholfen, ein anderes Wort zu finden.

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In diesem Zusammenhang muss ich auch an die zahlreichen Gespräche denken, in denen es um jene Persönlichkeitsanteile ging, die ich an mir selbst nicht sonderlich mag. So habe auch ich das ein oder andere Verhaltensmuster (bzw. entsprechende Gewohnheiten) entwickelt, auf das ich nicht gerade stolz bin, was ich aber für vollkommen normal halte. Trotzdem löst es nicht selten Schamgefühle (unterschiedlicher Intensität) aus, wenn ich mich gedanklich damit beschäftige. Dieses Bild von Manfred Evertz zeigt das, was ich dann erlebe und fühle, m. E. ganz hervorragend auf. Mit dem Modell der Ich-Instanzen von Sigmund Freud würde ich das in etwa so beschreiben: ES äußert sich mittels triebhafter Impulse, die vom ÜBER-ICH als Bedrohung empfunden und abgewehrt werden, was dazu führt, dass man sich vor Scham beugt, das ICH erstarrt und eine Maske aufsetzt, um den inneren Konflikt vor seiner Umwelt zu verbergen. So in etwa stelle ich mir das jedenfalls manchmal laienhaft vor. Wie kann es nun gelingen, seinen Schatten (ein Begriff von C. G. Jung) anzunehmen und „ganz“ zu werden, d.h. sich mit jenen Bedürfnissen zu arrangieren, die die besagten Impulse auslösen? Mit dieser Frage haben wir uns immer mal wieder beschäftigt, da es natürlich keine Antwort gibt, die immer passt. Letztendlich ist es aber dann doch ganz einfach:“Change it or accept it!“ Besonders hilfreich ist es wohl aber, wenn einem kongruent signalisiert wird, dass das, was man an sich ablehnt, keineswegs dazu führen muss, weniger wertschätzend behandelt zu werden.

Thema 2: Selbstwertgefühl

Gesprochen haben wir auch mehrfach darüber, wie sich eine mögliche Diskrepanz auswirken kann, die zwischen dem impliziten und expliziten Selbstwertgefühl besteht. Auch wenn man sich seiner Leistungen und Erfolge bewusst ist, kann man sich zugleich wertlos oder „nicht liebenswert“ fühlen. Die Ursachen dafür liegen in der Regel in der Kindheit. In dieser Zeit entwickelt sich bei vielen Menschen eine innere Stimme, die eine mögliche Kritik anderer vorwegnimmt, um sich gegen die zu erwartende Verletzung schon im Vorfeld zu immunisieren. In seinem Buch „Hermann! – Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker“ beschreibt Tom Diesbrock eine äußerst wirkungsvolle Methode, wie man sich mit dieser Stimme versöhnen kann. Die wohlwollende und wertschätzende Haltung meines Therapeuten hat mir sehr dabei geholfen, diesen Teil meines Selbst zu ergründen und mein Selbstwertgefühl nachhaltig zu stabilisieren. Im Laufe der Zeit habe ich es dank seiner Hilfe – und der dieses Buches – immer besser geschafft, meinen inneren Kritiker an die Hand zu nehmen und ihn ruhiger werden zu lassen. Heute würde ich sagen, dass die oben erwähnte Diskrepanz zwischen meinem expliziten und meinem impliziten Selbstwertgefühl auf ein gesundes Maß geschrumpft ist. Eine Anleitung finden Sie übrigens in dem Artikel „Der Mythos der eigenen Minderwertigkeit“.

Thema 3: Internale Schuldattributionen

Schuldgefühle, die man mit sich herumträgt, können manchmal zu recht befremdlichen Reaktionen führen und im hohen Maße belastend sein. Plagt man sich also damit, ist es oftmals schon sehr hilfreich, darüber zu sprechen, um genauer zu verstehen, warum man sich eine Schuld zuschreibt. In einem sokratischen Dialog lassen sich die Gründe dafür dann gut hinterfragen und/oder widerlegen. Hilfreich ist es zudem, einen Anwalt in sein Inneres Team einzuberufen und sich von diesem „verteidigen“ zu lassen, während man sich die Frage stellt, ob bzw. inwieweit man tatsächlich für das, was vorgefallen ist, verantwortlich sei? Wie das im therapeutischen Setting funktioniert, beschreibt Thomas Prünte in „Für einen fairen Prozess sorgen“. Mir gefällt diese Idee auch deshalb so gut, weil ich sie seit etwa zwei Jahren bei mir selbst anwende. Führe ich jetzt also einen inneren Dialog, in dem es um Dinge geht, die ich mir vorwerfe, so formuliere ich eine Verteidigungsrede und stelle mir dabei vor, ein Anwalt würde mich bzw. meine Interessen vertreten. Meine Wahl – um ein dabei Bild vor Augen zu haben – fiel auf Andrew Samuel Griffith aus der TV-Serie „Matlock“. Jedenfalls kann ich dank dieses Vorgehens auf meine hier und da auftretenden Schuldgefühle inzwischen einigermaßen abgeklärt reagieren und – auch wenn ich etwas tatsächlich sehr bereue – gleichzeitig so etwas wie „Selbstmitgefühl“ empfinden. Vielleicht ist es aber auch lediglich der wohlwollende und verständnisvolle Blick meines Therapeuten, den ich seither in meiner Vorstellung abrufe? Wie dem auch sei, es hilft!

Attribution: Zuschreibung von Eigenschaften und Ursache-Wirkung-Beziehungen gegenüber der Realität durch die handelnde Person zur Erleichterung der Orientierung im Alltag. Attributionen ersetzen häufig überprüftes Wissen. (Quelle: Gabler Wirtschaftslexikon)

Thema 4: Irratationale Überzeugungen

Kognitive Grundannahmen führen dazu, dass wir die Dinge so sehen und bewerten, wie wir es tun. Sie wirken auf allen Ebenen der Physiologie eines Menschen, sie prägen seinen Körperausdruck sowie seine innere und äußere Haltung. Auf Grundlage dieser fundamentalen Überzeugungen ordnet, beurteilt und strukturiert jedes Individuum seine Welt auf eher unbewusste Weise. Obwohl ich mich schon sehr lange mit den Methoden der kognitiven Umstrukturierung befasse, habe ich es als sehr schwierig empfunden und zum Teil sehr lange dafür gebraucht, meine eigenen irrationalen Überzeugungen eindeutig zu identifizieren. Im Rahmen dieser Therapie ist es mir bspw. nur einmal gelungen, eine davon aufzudecken, die meine berufliche Entwicklung allerdings enorm beeinflusst hat. Anlass war eine Äußerung meines Therapeuten, die mich noch einige Wochen beschäftigte. Hat man eine irrationale Überzeugung aber erst einmal erkannt und versteht, wie sie sich auf das eigene Leben auswirkt, kann es passieren, dass sie sich (fast) wie von selbst auflöst. In meinem Fall war das so. Der Erkenntnisprozess, der in diesem Zusammenhang bei mir in Gang gesetzt wurde, hat mich jedenfalls beeindruckt und mich zudem in die Lage versetzt, das „Drehbuch“ meines Lebens zu korrigieren, mein Lebensskript also umzuschreiben.

Thema 5: Ich-Bezogenheit

Geht es um Eigenschaften, über die ich mich maßgeblich definiere, also um zentrale Aspekte meines Selbstkonzepts, reagiere ich auf Botschaften, die bei mir den Anschein erwecken, man würde diese in Frage stellen, manchmal ganz besonders empfindlich. Man könnte sagen, ich neige dann dazu, mich zu verhalten, wie ein gekränktes Kind, das sich nicht „gesehen“ fühlt. Bemerke ich das heute, begegne ich der Kränkung, indem ich zu mir sage, dass ich mich nicht zu wichtig nehmen dürfe, da es ja sein könnte, dass ich eigentlich gar nicht gemeint bin. Vielleicht hat mein Gegenüber diese Kränkung ausgelöst, ohne sich überhaupt in irgendeiner Form mit mir zu beschäftigen? In einem der Gespräche wurde mir das anhand eines konkreten Beispiels von meinem Therapeuten jedenfalls ganz wunderbar vor Augen geführt, was mich seither in die Lage versetzt, mich deutlich schneller aus einem entsprechenden Stimmungstief herauszuziehen, indem ich mich selbst beruhige und die Motive meines Gegenübers kritisch hinterfrage.

Thema 6: Kränkungen

Zutiefst gekränkt – vielleicht vergleichbar mit einer narzisstischen Kränkung – bin ich vor allem dann, wenn ich mich von einer Person, die eine hohe emotionale Bedeutung für mich hat, in einem besonders identitätsstiftenden Aspekt – also in dem Kern meines Selbst – nicht oder nicht richtig „gesehen“ fühle. Die Folge ist, dass ich verstumme. Meine Gedanken sind dann scheinbar von meinem Gefühl abgetrennt, und sie rotieren, was im hohen Maße irritierend ist. In diesem Zusammenhang würde man gewiss von einer vertikalen Regression (s. o.) sprechen.

Narzistische Kränkung: Unter einer narzisstischen Kränkung verstehe ich Äußerungen oder Verhaltensweisen, die das Selbstwertgefühl einer Person in Frage stellen, wobei es aufgrund der dadurch ausgelösten Frustration zu hochemotionalen Reaktionen kommt.

Dankbar bin ich aber dafür, dass ich das auch in der Begegnung mit meinem Therapeuten erleben und mir somit genauer anschauen durfte. Auch wenn wir nicht alles detailliert besprochen haben, habe ich doch sehr viel daraus gelernt, was ich vor allem seiner Geduld und seiner Gelassenheit  verdanke: Wo ist meine Kontaktgrenze? Wie reagiere ich auf Grenzüberschreitungen? Woran erkenne ich, ob meine Reaktion angemessen und erforderlich ist? Bei welchen Themen und auf welche Menschen reagiere ich besonders empfindlich?  Da derlei Kränkungen alerdings nicht allzu häufig vorkommen, kann ich noch nicht beurteilen, inwieweit mir das dann wirklich hilft, aber ich gehe davon aus, dass es das tun wird.

Thema 7: Leitmotive

Von Anfang an, insbesondere aber in unseren letzten Gesprächen ging es dann vorrangig um eine Frage, die mich – seitdem ich denken kann – beschäftigt. Es gibt so manches Bedürfnis oder Motiv, mit dem man so durch die Welt läuft, das sich nur schwerlich in Worte fassen lässt. Findet man keinen Weg, dem gerecht zu werden bzw. es auf eine angemesse Weise zu befriedigen, sind innere Konflikte nahezu unausweichlich. Welche Auswirkungen eine (sich daraus entwickelnde) Bedürftigkeit haben kann, musste ich bereits während meiner Kindheit und Jugendzeit feststellen. Wirklich geklärt oder aufgelöst habe ich das damals allerdings nicht, obwohl das wahrscheinlich sinnvoll gewesen wäre.. Das wollte ich nun endlich tun.

„Wenn wir nicht wissen, welchen Hafen wir ansteuern sollen, ist kein Wind günstig.“ Seneca

Schon während meines Psychologie-Studiums interessierte ich mich deshalb vor allem für die motivationale Persönlichkeitspsychologie. Besonders faszinierte mich die Idee von Gordon Allport, dass jeder Mensch eine „persönliche Disposition“ habe, die ihn in seiner Einzigartigkeit beschreiben könne. Obwohl mir auch sein Persönlichkeitsmodell plausibel erschien, hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung davon, wie mir dieses Konstrukt („persönliche Disposition“) dabei helfen könne, mich besser zu verstehen. Etwas, das mich im Innersten antreibt, meinen Lebenslauf am ehesten erklärt und mein aktuelles Verhalten im hohen Maße beeinflusst, würde ich auch mit einer Art Leitmotiv in Verbindung bringen. Bei einem meiner Leitmotive fiel es mir jedoch seit jeher schwer, die passenden Worte dafür zu finden. Deshalb habe ich mich immer wieder nach irgendeinem Pendant in der Fachliteratur umgeschaut. Dabei lernte ich, dass man Motive (die meist unbewusst sind und die sich vor dem Erwerb der sprachlichen Fähigkeiten herausbilden), wie bspw. in dem Modell von David Clarence McClelland (drei Grundmotive: Leistung, Macht und Affiliation), von Zielen, Plänen, persönlichen Bestrebungen, Projekten oder Anliegen unterscheiden könne. Auch über die Entstehung der verschiedensten Bedürfnisse sowie über jene Mechanismen, mit denen Menschen versuchen, diese zu befriedigen, habe ich damals viel gelesen.So richtig verstanden habe ich das besagte Leitmotiv trotzdem nicht.

Also machte ich es zum Thema in meiner Therapie. Wie schwierig es aber ist, etwas zum Ausdruck zu bringen, das man sich selbst nur mit Widerwillen eingestehen kann und für das man bislang kaum passende Worte gefunden hat, wurde mir in den letzten Sitzungen eindringlich von meinem Therapeuten gespiegelt, der meine Erkärungsversuche nach einem der Gespräche mit der lapidaren Aussage kommentierte: „Mir ist das, was Sie da sagen, viel zu theoretisch, was dazu führt, dass ich es sofort, nachdem Sie es gesagt haben, wieder vergesse.“ Gut, erklären konnte ich es ihm also nicht, zumindest wohl nicht so, dass er es sich auch hätte merken können. Das ist zwar schade, aber eigentlich nicht besonders tragisch. Immerhin habe ich mich jetzt soweit verstanden, dass ich davon überzeugt bin, auch diese Gespräche haben sich irgendwie gelohnt.

Mein Fazit?

Psychologen sind auch „nur“ Menschen. Die Themen, mit denen viele meiner Klienten/-innen zu mir kommen, sind mir also zum Teil sehr vertraut. Die Erfahrung, selbst einmal im therapeutischen Setting daran gearbeitet zu haben, empfinde ich als unglaublich bereichernd, auch wenn ich das berühmte „Tal der Tränen“ dabei das ein oder andere Mal durchschreiten musste. Die Gespräche waren jedenfalls weitaus mehr als nur regelmäßige „Plauderstunden“, nämlich deutlich kraftraubender. Die Anstrengungen haben sich aber gelohnt.

„Erst wenn wir nicht mehr weiter wissen, lernen wir uns selbst richtig kennen.“ Henry David Thoreau

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„Mein ganz persönliches Projekt“

Leben Sie auch, oder arbeiten Sie nur? Manche Menschen sind so sehr auf ihre beruflichen Ziele fokussiert, dass sie ihr Privatleben vernachlässigen oder es sogar gänzlich aus den Augen verlieren. Das kann die Lebensqualität auf Dauer enorm beeinträchtigen und birgt zudem das Risiko, dass sie sich vom beruflichen Erfolg so sehr abhängig machen, dass sich jeder Misserfolg so anfühlt, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen.


Exkurs: Persönliche Projekte

Das Wissen über die Arten von Zielen, die Individuen in sozialen Interaktionen verfolgen, ist hilfreich und bedeutsam für das Verständnis von Persönlichkeiten. Dabei lassen sich hierbei nomothetische Ansätze, die Motivdispositionen oder soziale Motive als andauernde, affektiv getönte kognitive Cluster betrachten, von idiographischen Ansätzen, wie z. B. den von Little (1983) unterscheiden. Die Differenzierung dieser beiden Forschungsrichtungen ist deshalb wichtig, da angenommen wird, dass Motive sich größtenteils in der Lebensphase vor dem Spracherwerb herausbilden und das Individuum fortan durch den Einfluss dieser in der Vergangenheit liegenden Erfahrungen angetrieben wird, während die in der Zukunft liegenden Ziele, nach deren Erreichen oder Vermeiden eine Person trachtet, im Unterschied dazu durch die Methode der direkten Befragung erfasst werden können. Es wird davon ausgegangen, dass es eine begrenzte Anzahl von Motiven gibt, die bei verschiedenen Individuen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind und sich in Abhängigkeit von situationalen Bedingungen im Verhalten manifestieren. Little (1983) sieht in seinem Konstrukt der „persönlichen Projekte“ – eine Sequenz von Handlungen, die zum Erreichen eines persönlichen Zieles vollführt werden – eine Möglichkeit, menschliches Verhalten zu beschreiben und vorherzusagen.

Literatur: Little, B.R. (1983). Personal projects. A rationale and method for investigation. Enviroment and Behavior, 15, 273-309.


Unser Berufsleben allein wäre kein sehr glücklicher Zustand, hätten wir nicht unser Privatleben daneben …

Bei dieser Übung, die sich z. B. mit ausgewählten Karten aus der „Personality Toolbox“ gut durchführen lässt, geht es darum, Klienten zu ermutigen, ihr Privatleben durch die Initiierung eines persönlichen Projekts aktiver zu gestalten bzw. es bewusst umzugestalten.

  • Anlass: Ressourcen im Privatleben aktivieren / Steigerung der Lebensqualität
  • Material: Karten der Kategorien Privat, Denken und Fühlen (Personality Toolbox)

Tipp: Ersetzen Sie die Karten „Kontrolle“ und „Unabhängigkeit“ aus der Kategorie Privat durch die Karten „Spiritualität“ und „Liebe“ aus der Kategorie Seele.

Schritt 1: Themenfindung

  • Geben Sie für die 15 Karten der Kategorie Privat (siehe oben) auf einer Skala von 1 bis 10 an, wie zufrieden Sie mit diesem Aspekt in Ihrem Privatleben bereits sind. Stellen Sie sich herfür bspw. vor, die obere Tischkante würde den Skalenwert 10 darstellen und die untere den Skalenwert 1. Verteilen Sie die Karten nun so auf dem Tisch, wie es sich für Sie stimmig anfühlt.
  • Schauen Sie sich jene drei bis vier Karten genauer an, bei denen Sie die niedrigsten Skalenwerte angegeben haben und entscheiden Sie, in welchem Bereich Sie in der nächsten Zeit gern auf einen (deutlich) höheren Skalenwert gelangen möchten.

Tipp: Lassen Sie sich die Skalenwerte erläutern, die für die einzelnen Aspekte vergeben werden. Auf diese Weise lernen Sie Facetten der Lebenswelt Ihrer Klienten/-innen kennen, über die im Beratungskontext ansonsten vielleicht eher selten gesprochen wird.

Schritt 2: Ortsbegehung & Zukunftsvision

  • Warum haben Sie sich für diese Karte entschieden?
  • Wo stehen Sie jetzt? Wie sieht es hinsichtlich dieses Aspektes zurzeit bei Ihnen aus? Was motiviert Sie dazu, in diesem Bereich etwas zu verändern?
  • Wo möchten Sie hin? Was genau wollen Sie verändern? Wie möchten Sie diesen Aspekt künftig gestalten? Entwickeln Sie eine Zukunftsvision und beschreiben Sie diese möglichst detailliert.
  • Was unterscheidet Ihren IST- von dem SOLL-Zustand?
  • Was würde mir an Ihnen auffallen, wenn Sie Ihren SOLL-Zustand bereits erreicht hätten?

Tipp: Versuchen Sie, Ihre Klienten/-innen zu ermutigen, ihre Zukunftsvision so konkret wie möglich zu formulieren. Hierfür bieten sich verschiedene Fragetechniken an (z. B. Verflüssigungs- bzw. Konkretisierungsfragen).


Exkurs: Verflüssigungs- bzw. Konkretisierungsfragen

  • Neigen Klienten zu generalisierenden bzw. kategorischen Aussagen oder bleiben Erklärungen bzw. Beschreibungen vage, kann eine Hinterfragung zu einem besseren Verständnis (für beide Seiten) beitragen und dazu dienen, Lösungsoptionen sichtbar zu machen.
  • Beispiele: „Was meinen Sie genau damit?“, „Wann genau?“ „Unter welchen Umständen?“

Literatur: Günter G. Bamberger (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.


Schritt 3: Denken und Fühlen

  • In den Kategorien Denken und Fühlen sind verschiedene Eigenschaften aufgeführt, die für das Erreichen des SOLL-Zustands mehr oder weniger hilfreich sein könnten. Wählen Sie aus beiden Kategorien jeweils zwei Eigenschaftswörter aus, die Ihnen hinsichtlich der gewünschten Veränderung besonders bedeutsam erscheinen.
  • Beginnen Sie mit der Kategorie Denken und erörtern Sie, warum Sie diese beiden Karten ausgewählt haben, bevor Sie sich der Kategorie Fühlen widmen.

Tipp: Diese Instruktion wurde bewusst etwas mehrdeutig formuliert. Was unter „besonders bedeutsam“ zu verstehen ist, sollten Sie nicht näher erläutern, sondern es Ihren Klienten überlassen, wie sie das interpretieren. Wenn Sie anschließend über die ausgewählten Karten sprechen, erhalten Sie dadurch wichtige und manchmal überraschende Einblicke in die Wirklichkeitskonstruktionen Ihrer Klienten.

Schritt 4: Entwicklungsaufgaben und Handlungsoptionen

  • Erläutern Sie, warum Sie diese vier Begriffe ausgewählt haben.
  • Formulieren Sie zu jedem dieser Begriffe eine Entwicklungsaufgabe, die Sie bewältigen sollten, um sich Ihrer gewünschten Zukunft anzunähern.
  • Leiten Sie daraus konkrete Handlungspläne ab.

Tipp: Bemühen Sie sich darum, die Handlungspläne so konkret wie möglich formulieren zu lassen: Was? Wie? Wann? Auch sollten Sie sich nicht immer mit der erstbesten Antwort zufrieden geben, sondern die ein oder andere „Und-was-noch?“-Frage stellen.

Schritt 5: Risiken und Hindernisse

  • Welche Risiken sind mit der gewünschten Entwicklung bzw. mit Ihrem Vorhaben verbunden?
  • Wer könnte sich Ihnen in den Weg stellen? Warum würde er oder sie das vielleicht tun? Wie könnten Sie es schaffen, sich mit dieser Person zu verbünden oder sie wenigstens zu besänftigen?
  • Welche Hindernisse könnten auf Ihrem Weg liegen bzw. mit welchen Schwierigkeiten könnten Sie es zu tun bekommen? Wie können Sie diese überwinden, wenn sie auftauchen?

Tipp: Lassen Sie Ihre Klienten „Wenn-dann-Pläne“ entwickeln, damit es ihnen gelingen kann, ihr Vorhaben selbst bei auftretenden Schwierigkeiten aktiv weiterzuverfolgen, also am Ball zu bleiben.

Schritt 6: Fazit

  • Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesem Gespräch gewonnen?
  • Was sind Ihre nächsten Schritte?

Tipp: Bitten Sie Ihre Klienten darum, sich die wichtigsten Erkenntnisse kurz zu notieren, und fragen Sie, ob sie sich vielleicht ein Foto von den bearbeiteten Karten machen möchten? Fragen Sie beim nächsten Termin danach, wie die Umsetzung bislang gelungen ist, und besprechen Sie dann die nächsten Schritte.

„Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.“ Demokrit

Kartenset: E. Rauschert & U. Schirrmacher (2018). Personality Toolbox. ManagerSeminare Verlag.

PS: Eine weitere Idee, wie Sie mit den Karten aus der Personality Toolbox arbeiten können, finden Sie hier: Das Leben ist eine Baustelle!

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„Empörung und Mediation“ von Prof. Dr. Leo Montada

Anlass für Konflikte ist oftmals die erlebte Verletzung einer normativen Überzeugung, die Empörung auslöst. Empörung motiviert Vorwürfe, Vergeltung, Bestrafung, eventuell auch Abbruch einer Beziehung. Die aufrichtige Bitte um Verzeihung hat befriedende Wirkung, weil die Personen, die die Empörung ausgelöst haben, damit zum Ausdruck bringen, dass die verletzte Norm Geltung hat, und dass sie verantwortlich für ihre Fehlverhalten sind und keine Entschuldigung haben.

Die befriedende Wirkung der Bitte um Verzeihung beruht im Wesentlichen darauf, dass die Geltung der Norm anerkannt wird. Alle sozialen Beziehungen und Gemeinschaften erfordern zum Erhalt des Friedens normative Regeln. Konflikte bieten insofern eine Gelegenheit, diese Regeln zu artikulieren und zu reflektieren und konsensuell zu ändern. Das gelingt in Mediationen eher als den Streitparteien alleine. Für normative Diskurse ist spezifische Expertise erforderlich.

Die Psychologie ist weder historisch, noch aktuell eine homogene Disziplin. Je nach Menschenbild gibt es unterschiedliche Psychologien, auch solche mit problematischen anthropologischen Annahmen. Wer z. B. die Willensfreiheit des Menschen infrage stellt, wie das einige Hirnforscher oder auch der Behaviorismus im letzten Jahrhundert getan haben, hat für Mediationen nichts anzubieten.

Ich wüsste jedenfalls nicht, wie man Mediationen nachhaltig produktiv gestalten könnte,

  • ohne die Annahme der Willensfreiheit des Menschen und der Eigenverantwortung für Urteilen und Handeln,
  • ohne die Annahme, dass Menschen Mitgestalter ihres Lebens, ihrer sozialen Bezüge, ihrer Kultur sind,
  • ohne die Annahme, dass sie Moral und Gerechtigkeit beachtende und reflektierende Wesen sind, zumindest sein könnten und sollten,
  • ohne die Annahme, dass sie Überzeugungen und Theorien bilden oder übernehmen – über Gott und die Welt, über andere Menschen, über sich selbst und ihr Leben, Überzeugungen, die ihr Erleben und ihr Handeln prägen, auch wenn sie falsch oder borniert sind,
  • und ohne die Überzeugung, dass problematische und kontraproduktive Überzeugungen der Streitparteien geändert werden können.

Daraus resultiert eine Psychologie, in der viele verschiedene Motive und Wertorientierungen, vor allem auch normative Überzeugungen und soziale Verantwortlichkeiten als relevant für das Erleben und Handeln von Menschen angesehen werden. Ein solches Menschenbild eröffnet andere Perspektiven auf Konflikte, auf ihre Klärung und auf Optionen für ihre Beilegung als etwa die Modelle des homo oeconomicus oder des Behaviorismus.

Psychologen wollen ihren Klienten helfen, Probleme zu klären und zu bewältigen. Die Probleme können die Klienten mit sich selbst haben oder mit Partnern, Familienmitgliedern, Nachbarn, Kollegen, anderen Menschen in verschiedensten Kontexten und mit Institutionen. Konflikte sind eine Kategorie von Problemen und sie führen zu weiteren Problemen. Problembewältigung erfordert immer Veränderungen und Entwicklungen der Klienten: Neue Erkenntnisse über sich, über andere Menschen, über die Welt sind zu gewinnen; neue Kompetenzen sind zu entwickeln; Überzeugungen, Einstellungen, Sichtweisen sind zu reflektieren und zu ändern und vieles mehr. Psychologische Praxis ist immer Entwicklungsarbeit, Veränderungsarbeit. Das ist auch so in Konfliktmediationen. Insofern entspricht Mediation eher der psychologischen Praxis als etwa der anwaltlichen. Anwälte können ihren Mandanten sagen: „Ich mache das für Sie.“ Mediatoren können das nicht. Sie müssen versuchen, Konflikte gemeinsam mit den Konfliktparteien zu klären und in produktiver Weise beizulegen.

Die Beilegung von Konflikten setzt wechselseitiges Verstehen voraus!

Die im Konflikt relevanten Überzeugungen, Motive und Anliegen, die Wertorientierungen, und die daraus resultierenden Handlungen und Emotionen können und sollten wechselseitig verstanden werden. Handlungen sind dann verstanden, wenn man ihre Motive und ihre Ziele erkennt. Die Motive des Handelns, das zu Konflikten führt, des Handelns in Konflikten, auch des Handelns und Entscheidens in Mediationen resultieren vielfach aus Emotionen, z. B. Empörung, Hass, Feindseligkeit, Angst, Ohnmacht, Neid, Eifersucht, Scham. Ohne die Emotionen von Medianden zu verstehen, kann man ihnen nicht helfen, sie zu kontrollieren. Sie werden verstanden, wenn man ihren Anlass bzw. die subjektive Deutung des Anlasses durch eine Person und den Bezug zu ihren persönlichen Anliegen, Wertorientierungen und Überzeugungen erkennt. In Konflikten sind die Themen, über die gestritten wird, nicht identisch mit den Motiven. Letztere sind zu klären und zu verstehen, wenn man den Konflikt beilegen will. Man versteht den Streit nur, wenn man die Motive kennt.

  • Sachfragen sollten eigentlich auch sachlich geklärt werden können. Wenn es zu Konflikten darüber kommt, gibt es Motive dafür, die verstanden werden sollten: Geht es um Anerkennung der eigenen Expertise, um Status, um die Durchsetzung von Interessen oder um was sonst?
  • In Konflikten über Werturteile – was immer ihre Gegenstände sein mögen: andere Menschen, religiöse und andere Glaubensinhalte, Politik, Kunst, Sport etc. – ist zu verstehen, welche Bedeutung oder Funktionalitäten diese für die wertenden Personen haben:
    • Sind sie nur Ausdruck einer persönlichen Präferenz?
    • Oder dienen sie der Selbstdarstellung, z. B. als gebildete Person, als Experte?
    • Soll die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder die Distanzierung von einer anderen demonstriert werden?
    • Geht es um Sozialstatus, um Verantwortung, Sorge um Gesundheit, Sicherheit, Wohlstand?
    • Viele weitere Motive sind möglich.
  • Schuldvorwürfe werden vielfach nicht geäußert. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt und dass sie nicht virulent werden können.

Beispiel: Ist Mobbing am Arbeitsplatz durch Lust an der eigenen Macht oder an der Ohnmacht der Opfer motiviert? Oder ist es eine Vergeltung für Unkollegialität der gemobbten Person oder für deren Missachtung ungeschriebener Verhaltensregeln? Oder ist es der Versuch, eine unfähige Person zu einer Kündigung zu veranlassen, die man arbeitsrechtlich nicht oder nur mit hohen Kosten durchsetzen könnte? Eine Bestrafung der Täter würde „die Opfer“ zwar vielleicht befriedigen, wohingegen eine Klärung der Motive wichtige Erkenntnisse vermitteln kann, die eine Beilegung des Konflikts ermöglichen.

Soziale Konflikte resultieren aus der Verletzung normativer Erwartungen oder Ansprüche, die subjektiv meist als gerecht angesehen werden. Ob Konflikte justiziabel sind oder nicht, sie resultieren aus erlebten Verletzungen normativer Überzeugungen und Erwartungen. Divergierende Urteile, Pläne und Ziele, Interessen und Präferenzen sind noch keine Konflikte. Sie können erwünscht sein – etwa in einem Brainstorming für ein Vorhaben. Sie werden toleriert, wenn sie als legitim angesehen werden. Sie führen zu Konflikten, wenn sie als illegitim, als Normverletzungen, als Verletzungen legitimer Ansprüche bewertet werden. Auch Wettbewerbe sind keine Konflikte. Selbstverständlich gibt es konkurrierende Interessen im Sport, auf allen Waren-, Arbeits-, Berufs- und Informationsmärkten oder in der Politik. Es gibt Konkurrenzen um Subventionen wie um andere knappe Ressourcen (Wasser, Energieträger, Rohstoffe, Fischgründe und andere Allmenden). Und es gibt Konkurrenzen um soziale Positionen, um Anerkennung, um Nähe und Liebe.

Wettbewerb birgt ein Konfliktrisiko!

Wenn es aber fair zugegangen ist, haben die Verlierer den Gewinnern nichts vorzuwerfen. Zu Konflikten kommt es nur, wenn normative Regeln des Wettbewerbs oder allgemein geltende ethische Normen verletzt werden. Der Wettbewerb um knappe Güter kann als ungerecht bewertet werden, Einschränkungen des Wettbewerbs etwa durch Quotensysteme der Zuteilung hingegen als gerecht, z. B. von Wasser und anderen Allmendegütern wie Energieressourcen, Weiden, Fischbestände, knappe Lebensmittel, Sozialwohnungen, Studienplätze, Emissionsrechte u.s.w. Über die Frage, wie gerecht solche Systeme sind, gibt es allerdings häufiger Konflikte. Es gibt allerdings auch soziale Systeme und Situationen, in denen Wettbewerb grundsätzlich als illegitim gilt, in denen Fürsorge, Solidarität, Kollegialität, Loyalität oder Hilfsbereitschaft normativ erwartet werden, etwa in Familien, Freundschaften, Kollegien.

Empörung ist der Leitindikator von Konflikten!

Wir verstehen die Empörung über einen Akteur, wenn wir wissen, welche Normverletzung ihm vorgeworfen wird, dass er dafür als verantwortlich angesehen wird und dass keine Rechtfertigungsgründe erkannt oder anerkannt werden. Diese Überzeugungen, die Empörung und Konflikte auslösen, sind in Mediationen zu klären. In justiziablen Konflikten erfolgt diese Klärung als „juristische Objektivierung“ des Konflikts. Dieser Begriff belegt, dass Konflikte nicht auf Verletzungen staatlicher Gesetze beschränkt sind, sondern aus Verletzungen weiterer normativer Überzeugungen resultieren. Schon die Ermittlung und exakte, wechselseitig verständliche Formulierung dieser Überzeugungen kann eine schwierige Aufgabe sein. Außerdem ist zu erwarten, dass deren Geltung wechselseitig abgestritten wird.

Normative Überzeugungen stammen aus heterogenen Quellen: die Charta der Menschenrechte, Verfassungsmaximen und Gesetze, Religionen, Ideologien, kulturelle Konventionen, Rollenmuster und Ehrkonzepte oder eine der vielen verbreiteten Gerechtigkeitsmaximen. Die Maximen und Normen aus den verschiedensten Quellen, die die Überzeugungen der Bürger in pluralistischen Gesellschaften prägen, sind alles andere als konvergent. Z.B. gibt es wohl kein staatliches Gesetz, das nicht unter Anlegung einer der vielen Gerechtigkeitsmaximen kritisierbar wäre. Und es gibt wohl kein Gerechtigkeitsprinzip, das nicht in jedem konkreten Anwendungsfall im Widerspruch zu vielen anderen Prinzipien stünde. Die Vermittlung wechselseitiger Kenntnis – möglichst auch eines wechselseitigen Verstehens der relevanten normativen Überzeugungen und Erwartungen – ermöglicht den Parteien eine Beilegung ihres Konflikts durch Vereinbarungen, welche Normen im Binnenverhältnis wechselseitig zu beachten oder zu tolerieren sind.

Der Kampf um Gerechtigkeit

Die Parteien in einem emotionalisierten Konflikt haben meist subjektive Gewissheiten bezüglich der Geltung ihrer normativen Überzeugungen und ihrer Sicht des Anlasses. Für das subjektive Rechtsgefühl ist Gerechtigkeit besonders wichtig. Auch kodifizierte staatliche Rechtssysteme werden unter Berücksichtigung der Gerechtigkeitsüberzeugungen entwickelt, die in einer Population verbreitet sind und das „allgemeine Rechtsgefühl“ ausmachen. In Demokratien ist die Akzeptanz des Rechts in der Bevölkerung erforderlich. Sie ist abhängig von der Einschätzung der Legitimität der Rechtsnormen, und diese wird in mündigen Bevölkerungen nicht nur aus der tradierten Autorität der Gesetzgeber abgeleitet, sondern aus Bewertungen ihrer Funktionalität und ihrer Gerechtigkeit, die allerdings einem historischen Wandel unterliegen, der die Streichung oder Novellierung bestehender oder die Erlassung neuer Gesetze motiviert.

Die subjektiven Gerechtigkeitsüberzeugungen der Parteien werden bestärkt durch…

  • selektive Wahrnehmungen – man setzt sich zB nicht mit divergierenden Überzeugungen auseinander,
  • „geltende“ Gesetze – mögliche alternative gesetzliche Regelungsoptionen werden nicht in Betracht gezogen,
  • unreflektierte normative Traditionen sowie
  • den allgemeinen Sprachgebrauch: Der Begriff Gerechtigkeit wird nur im Singular verwendet. Der Singular lässt vermuten, dass es in jedem Fall nur eine gerechte „Lösung“ (Regelung, Entscheidung) gibt. Unreflektiert stärkt das den Glauben, die eigenen Überzeugungen seien die einzig wahren oder gültigen. Die Verwendung des Plurals „Gerechtigkeiten“ würde bewusst machen, dass konfligierende Urteile, was gerecht sei, existieren und mit guten Gründen vertreten werden können.

In Mediationen sind nicht nur justiziable, sondern alle normativen Ansprüche zu klären, deren Verletzung zum gegebenen Konflikt geführt haben. In der Mediationsliteratur ist die Empfehlung zu finden, den Blick von den konfligierenden Positionen (den normativ begründeten Vorwürfen oder Ansprüchen) auf die Interessen oder Anliegen der Medianden zu lenken und sich mit diesen zu befassen. Kluges Verhandeln oder auch Feilschen sei angesagt. Diese Empfehlung resultiert wohl auch aus der Erwartung, dass Debatten über die Wahrheit oder Geltung normativer Überzeugungen nicht fruchtbar sind und nicht zu einer Lösung führen. Vermutlich steht auch das ökonomische Denkmodell Pate, demgemäß Menschen primär motiviert sind, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, was nicht ausschließt, dass eine Berücksichtigung der Interessen der Gegenseite die beste Strategie ist. Konflikte werden in diesem Modell als Interessenkonflikte interpretiert. Folglich ist zu ermitteln, welche divergierenden Interessen vorliegen und ob es Möglichkeiten eines Interessenausgleichs oder gar allseitiger Gewinne gibt.

Das Harvard-Modell, auf das in der Mediationsliteratur häufig Bezug genommen wird, ist sicher eine gute Grundlage für produktives Verhandeln, aber unzureichend für eine Konfliktmediationen. Es ist schon möglich, dass ein normativer Konflikt an Bedeutung verliert, wenn die Aussicht auf wechselseitig gewinnbringenden Austausch besteht. Das ist aber bei hohen Graden an Empörung kaum zu erwarten. Sollte es doch der Fall sein, wäre der Konflikt damit nicht nachhaltig beigelegt. Die erlebte Normverletzung würde auch bei künftigen Interaktionen Misstrauen angeraten sein lassen. Konflikte sind nämlich erst dann nachhaltig beigelegt, wenn die einer Normverletzung beschuldigten Personen den Vorwurf als berechtigt bewerten und um Verzeihung bitten. Das wird verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass die um Verzeihung bittende Person zum Ausdruck bringt, dass sie eine Norm verletzt hat, deren Geltung sie nicht abstreitet, dass sie dafür verantwortlich ist und dass sie keine überzeugenden Rechtfertigungsgründe für ihr Handeln hat. Dann herrscht Einigkeit in der Bewertung. Über Schadenersatz, Wiedergutmachung und künftige Beziehungen ist dann ggf. zu verhandeln.

Zeit vergeht – Schuld nicht!

Wenn, wie oft in Konflikten, die Schuldvorwürfe wechselseitig sind, müsste auch das Eingeständnis einer Normverletzung wechselseitig sein, um den Konflikt zu befrieden. Das ist nicht zu erwarten, wenn einem Konflikt divergente normative Überzeugungen zugrunde liegen. Wird für die Beilegung eines Konflikts eine Mediation nachgefragt, wird man divergierende normative Überzeugungen offen legen und sich mit diesen zu befassen haben, schon um die Positionen und Ansprüche der Streitparteien wechselseitig besser verstehbar zu machen. Auf der Grundlage dieses Verständnisses ist dann auszuloten, ob und wie der Konflikt nachhaltig beizulegen ist und um, falls gewünscht oder unumgänglich, künftig eine tragfähige soziale Beziehung zu ermöglichen, was gemeinsam anerkannte Normen voraussetzt.

Normative Konflikte können nicht wie Interessenskonflikte durch einfache Kompromisse gelöst werden. Eine Annäherung divergenter normativer Überzeugungen ist in Diskursen möglich, in denen Informationen über die Herkunft und die Begründung der divergierenden Normen erarbeitet und vermittelt werden, mit dem Ziel, dass die Medianden ihren Anspruch relativieren, nur sie selbst seien „im Recht“ (und die Gegenseite im Unrecht). Oft hilft die Einsicht, dass es auch gute Gründe gegen die eigene normative Überzeugung und für die von der Gegenseite vertretene gibt, dass – wie oft – ein normatives Dilemma oder Polylemma vorliegt, also dass nicht für eine Position alleinige Geltung beansprucht werden kann. Die subjektive Gewissheit der Konfliktparteien, dass nur ihre eigenen normativen Überzeugungen gelten, erschwert die Beilegung von Konflikten erheblich. Diese Gewissheiten durch Reflexion und Diskurse zu relativieren und einzusehen, dass auch die Überzeugungen der Gegenseite mit guten Argumenten vertreten werden können, ist oft eine Voraussetzung für die Beilegung von Konflikten und auch für gedeihliches Zusammenleben in der Zukunft.

Everyone’s a winner!

Mediation bietet in der facettenreichen Bearbeitung eines konkreten Konfliktes Chancen auf nachhaltige Entwicklungsgewinne, also auf „Mehrwerte“ im Sinne nachhaltiger Erkenntnis- und Kompetenzgewinne, wie z. B. die folgenden:

  • Die Medianden gewinnen Erkenntnisse über sich selbst – wie bspw. über Dispositionen und Verhaltensweisen, die Konflikte erzeugen können, auch wenn diese nicht gewollt sind.
  • Sie gewinnen Erkenntnisse über die andere Seite, die ein besseres Verstehen erlauben und damit helfen können, künftig Konflikte zu vermeiden.
  • Sie erwerben Wissen über gute und problematische Formen der Kommunikation, über konfliktträchtige und friedensstiftende Kommunikation, etwa aus den Bemühungen der Mediatoren, die Medianden durch aktives Zuhören besser und richtiger zu verstehen.
  • Sie beobachten die Strategien der MediatorInnen, problematische Emotionen der Medianden zu steuern, schon durch die Bemühung um Verstehen der Emotionen, etwa von Empörung oder Ängsten, aber auch durch Reflektion emotionalisierender Anlässe und deren Deutung.
  • Sie erleben, wie ein Bemühen um besseres Verstehen eine Deeskalierung von Konflikten ermöglicht.
  • Sie erfahren, dass allein schon die Generierung möglicher Lösungsoptionen Konflikte entkrampfen kann – auch durch Ausweitung des Betrachtungsfeldes.
  • Sie erfahren auch, dass Menschen in allen sozialen Beziehungen, Situationen und Kontexten normative Erwartungen an ihre Mitmenschen haben, und dass es Konflikte gibt, wenn diese nicht übereinstimmen.
  • Sie gewinnen Weisheit hinsichtlich der eigenen normativen Überzeugungen, wenn sie erkennen, dass es normative Dilemmata gibt, aber auch, dass es universell unterschiedliche normative Kulturen gibt, die die persönlichen Überzeugungen prägen.
  • Sie erkennen vielleicht auch, dass insofern normative Konflikte unvermeidbar und normal sind.
  • Vor allem aber sollten sie erkennen, dass sie bezüglich ihrer sozialen Beziehungen Gestaltungsmöglichkeiten haben, dass sie zusammen mit ihren Konfliktgegnern in der Rolle der Gesetzgeber sind: Sie können sich einigen und vereinbaren, was künftig in ihrem Binnenverhältnis gelten soll. Das ist das Ziel in Mediationen.
  • Sie sollten ein neues Verständnis von Gerechtigkeit im sozialen Leben gewinnen: Gerechtigkeit durch Vertrag, der im Binnenverhältnis gerecht ist, wenn er mit gleicher Freiheit und Informiertheit der Vertragsparteien geschlossen wird, ohne Zwang und Ausnutzung von Notlagen und ohne Täuschung über Kosten und Folgewirkungen.
  • Und sie werden durch die Mediatoren aufgeklärt, dass sie darauf zu achten haben, ob ihre Vereinbarung Dritte tangiert und deren Rechte und Anliegen verletzen könnte, und dass dies zu vermeiden ist: Keine Verträge auf Kosten Dritter.
  • Die Erweiterung des Erwägungshorizontes auf Dritte ist eine besondere Entwicklungschance der Mediation. Sie erweitert den Horizont für die Vermeidung von Konflikten und Unfrieden.

Es ist gut zu erkennen, dass Konflikte nicht nur unvermeidbar, sondern oft auch unverzichtbar sind, um die Beziehungen und das Zusammenleben gemeinsam neu zu konzipieren. Das Beziehungsverhältnis neu regeln, Rollenkonflikte als Aushandeln der Rollenbeziehungen begreifen: Konflikte sind der Anstoß dazu. Beziehungskonflikte sind beigelegt, wenn die Beteiligten sich auf ein neues Beziehungsmodell verständigen.

In emotionalisierten Konflikten werden die eigenen normativen Überzeugungen oft als objektiv gültige, wenn nicht gar als heilige, als unverhandelbare Wahrheiten vertreten. Diskurse in Mediationen haben nicht (wie in der Diskursethik) das Ziel, allgemeingültige ethische Wahrheiten zu suchen. Vielmehr geht es darum, den Anspruch zu reflektieren, nur die eigene Überzeugung sei gültig. Letztlich ist die Einsicht zu vermitteln, dass Normen keine transzendentalen Wahrheiten, sondern Menschenwerk sind, dass Normen nicht universell anerkannt werden, dass es große Kulturunterschiede gibt und dass alle sozialen Systeme _– Familien, Gruppen, Organisationen usw. – auch eigene Normen bilden. Normen können vorgegeben und durchgesetzt sein durch machtvolle Personen, etwa die Gründer einer Religion. Oder sie können in einem Prozess der Erörterung kreiert werden, wie z. B. die Gesetze in einem demokratischen Staat oder die Aufgabenverteilung in einer Wohngemeinschaft.

Es kann hilfreich sein, bewusst zu machen, dass viele tradierte soziale und moralische Normen per Sozialisation internalisiert werden, sodass sie als gültig wahrgenommen und vertreten werden, ohne dass Gründe für ihre Kreierung bekannt und reflektiert werden, dass aber im Falle von Konflikten ihre rationale diskursive Erörterung produktiv ist. Wer all das verstanden hat, wird einsehen, dass Konflikte unvermeidbar und legitim sind, auch dass man sich für ein gutes Zusammenleben oder für gedeihlichen Austausch verständigen muss, welche Normen gelten sollen. Dazu gehört auch die Option, sich auf Grenzziehungen unterschiedlicher Art zu verständigen, von Zuständigkeiten, Autonomiefeldern, Zonen des Privaten bis hin zur Vermeidung von Kontakten in der Zukunft. Auch dafür müssen Normen vereinbart werden. Ohne Bereitschaft zum Diskurs wird eine tragfähige Vereinbarung nicht möglich sein. Die Befähigung zum Diskurs über normative Überzeugungen, zur Reflexion von Gründen und Gegengründen, von Funktionalitäten und Dysfunktionalitäten von Normen, auch der eigenen normativen Überzeugungen, kann in Mediationen gefördert werden. Befähigung zum Frieden durch Gewinn an Weisheit bezüglich normativer Überzeugungen, auch der eigenen, und Gewinn an Kompetenzen zu normativer Reflexion sowie zum normativem Diskurs ist der wohl wichtigste Mehrwert einer Mediation.

Vereinbarungen „auf Bewährung“

Aus der aspektreichen Erörterung von Optionen im Hinblick auf nicht sicher vorauszusehende künftige Gegebenheiten, Entwicklungen und Reaktionen des sozialen Umfeldes lässt sich die Folgerung ableiten, Vereinbarungen erst einmal „auf Bewährung“ zu treffen und einen Gesprächstermin zu vereinbaren, bei dem über die Erfahrungen mit der getroffenen Vereinbarung zu reden ist und in dem diese ggf. nachjustiert werden können, falls es gute Gründe dafür gibt. Das heißt, eine Mediation ist nicht mit der ersten getroffenen Vereinbarung abgeschlossen.

Die Bereitschaft zu einvernehmlichen Evaluierungen und Optimierungen entspricht der Kultur der Mediation. Feilschen ist typisch für Verhandlungen, auch für moderierte Verhandlungen, entspricht aber nicht der Kultur des wechselseitigen Verstehens und gemeinsamen Gestaltens in der Mediation, die nachhaltigen Frieden zum Ziel hat. Nachhaltiger Frieden setzt Zufriedenheit mit den getroffenen Vereinbarungen voraus. Positive Erfahrungen der Medianden mit einer Mediation schaffen Vertrauen und die Bereitschaft, neuerliche Probleme im Geiste der Mediation aufzuarbeiten und ggf. Konflikte mediatorisch beizulegen. Die Vereinbarung einer angemessenen „Erprobungszeit“ und eines Gesprächstermins zur Evaluation wird dieses Vertrauen bekräftigen und Konflikte bei Unstimmigkeiten dämpfen, da ja ein Folgetermin in der Mediationsrunde vereinbart ist.

Das soziale Leben ist hoch komplex und in ständigem Wandel begriffen. Zusammenleben und sozialer Frieden muss immer neu gestaltet werden. Gut, wenn ein Vertrag dauerhaften Frieden schafft. Eine erfolgreiche Konfliktmediation ist eine gute Voraussetzung dafür.

Hier gelangen Sie zu dem Artikel „Die Bedeutung von Emotionen in sozialen Konflikten von Prof. Dr. Leo Montada.

Dr. Leo Montada war Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Konstanz und folgte 1972 einem Ruf an die Universität Trier, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 wirkte. Neben seiner Tätigkeit an der Universität war er von 1979 bis 2004 zugleich Direktor des Leibniz Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). Von 1982 bis 1995 war er Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und leitete von 1993 bis 2000 das Zentrum für Gerechtigkeitsforschung an der Universität Potsdam. Von 1997 bis 2002 war er Gründungspräsident der International Society for Justice Research (ISJR).

Quelle:

  • Leo Montada (2015). Ist der normative Kern von Konflikten in Mediationen auszublenden oder zu fokussieren? In: Stefan Arnold & Stephan Lorenz (Hrsg.). Gedächtnisschrift für Hannes Unberath. C.H.Beck Verlag.
  • Hier finden Sie das Buch auf der Seite des Verlags C.H. Beck. PS: Dieser Artikel wurde für die Veröffentlichung in diesem Blog überarbeitet und gekürzt.

Literaturempfehlungen:

  • Montada, L. & Kals, E. (2013). Mediation: Pschologische Grundlagen und Perspektiven (3. erweiterte Auflage). Weinheim: Beltz PVU.
  • Dieter, A., Montada, L. & Schulze, A. (Hrsg.) (2000). Gerechtigkeit im Konfliktmanagement und in der Mediation. Frankfurt/M.: Campus.
  • Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.) (2008). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union (6. Auflage).

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Die Sprache der Gefühle

Was wollen uns unsere Gefühle eigentlich mitteilen oder wozu sind sie überhaupt gut, insbesondere dann, wenn sie uns bspw. unzufrieden, traurig oder wütend machen? Und warum fällt es uns manchmal so schwer, über sie zu sprechen?

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Vor einiger Zeit habe ich Ihnen die Frage gestellt, welche Erfahrungen Sie mit jenen Gefühlen haben, für die es keine Worte zu geben scheint, und u. a. folgende Rückmeldungen erhalten:

  • Worte und Denken sind Kognitionen und eben nicht Emotionen. Das wird oft nicht differenziert. Daher antworten viele Menschen auf die Frage, „Was fühlst du?“, mit „Das weiß ich nicht.“
  • Oh ja, das kenne ich gut…. Habe eine traumatische Kindheit erlebt und bis zum Erwachsenenalter vieles verdrängt. Irgendwann habe ich angefangen es aufzuarbeiten, verschiedene Therapien gemacht – auch stationär. Jetzt – seit einem Jahr – Trauma-Therapie. Ich merke, wie lang der Weg ist und wie schwer es ist, das in Worte zu fassen, was in mir los ist. Das geht nur in kleinen Schritten.
  • In der kunsttherapeutischen Praxis, durch die Arbeit mit inneren Bildern, gelingt eine Annäherung an emotionales Erleben, ein zunächst nonverbaler Ausdruck. Für Gedanken und Emotionen, die – aus welchen Gründen auch immer – (noch) nicht verbalisiert werden können oder für die es möglicherweise im Moment kein passendes Wort gibt… Das Visualisieren ermöglicht im nächsten Schritt einen Erkenntnisprozess, ein Begreifen, ein Bearbeiten, eventuell Verändern und eine visuelle Verankerung des Erarbeiteten.
  • Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass wir den Gefühlen nicht auf den Grund gehen. Man darf eine Person nicht doof finden, also lasse ich diese Gefühle gar nicht zu bzw. werde mir ihrer nicht bewusst. Nehme ich mir mal die Zeit und fühle in mich hinein, dann merke ich, dass da ganz viele verschiedene Gefühle sind. Die Gefühle sind da. Unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht sind, nehme ich sie wertfrei an.
  • Mir hilft es, die einzelnen Fragmente zu betrachten, aus denen das Gefühl besteht. Das Gefühl ist wie ein Kuchen und ich betrachte, aus welchen Zutaten es gemacht wurde. Außerdem versuche ich zu verstehen, ob es sich wirklich um ein Gefühl handelt, welches in einer bestimmten Situation entstanden ist, warum es genau da entstanden ist und ob es auch nur in diese Situation gehört, oder ob es sich vielleicht um eine Emotion handelt, die sich aus Erfahrungen, Befürchtungen und Wünschen zusammensetzt – in einem ganz anderen Moment, zu einer ganz anderen Zeit entstanden ist – und sich nun meldet.

„Denke nicht so viel, sondern fühle.“ Fritz Perls

In der Regel zeigen uns unsere Gefühle, welche Bedürfnisse wir haben. Im Grunde genommen sagen sie uns also, was wir brauchen, und geben Auskunft darüber, inwieweit wir uns mit dem begnügen, was wir wohl bekommen werden oder schon bekommen haben. Nicht immer ist das jedoch offensichtlich. Manchmal reagieren wir emotional auf andere Menschen, Ereignisse oder gewisse Reize, ohne zu wissen, warum wir das eigentlich tun. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, sich mit dem Motiv für diese Reaktion zu befassen, um zu verstehen, wodurch sie ausgelöst wurde. Manchmal lässt sich durch eine gezielte Reflexion erkennen, dass es sich um eine Projektion handelt, ein andermal vielleicht um eine Übertragung oder um etwas ganz anderes. Nicht immer gelingt es uns jedoch, der Ursache durch bloßes Nachdenken auf die Spur zu kommen. Der Grund dafür könnte sein, dass wir irgendwie „blockiert“ sind. Solche Blockierungen können in verschiedenen Zusammenhängen auftreten und auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen. Um dann trotzdem herauszufinden, worum es eigentlich geht, ist es hilfreich, sich zunächst einmal intensiv mit dem aufgetauchten Gefühl zu befassen, d.h. es zuzulassen und in sich hineinzuspüren, so wie es bspw. in gewissen Achtsamkeitsmeditationen getan wird. In der Beratung, in einer Therapie oder im Coaching können Klienten durch gestalttherapeutische Interventionen dabei unterstützt werden, dieses „Gewahrsein“ zu erlangen. Diese Methoden machen es – kurz gesagt – möglich, Menschen wieder (mehr) mit sich selbst (sowie mit ihrer Umwelt) in Kontakt zu bringen.

„Wir erlauben uns selbst nicht – oder es wird uns nicht erlaubt –, vollkommen wir selbst zu sein.“ Fritz Perls

Humanistische Psychologen gehen davon aus, dass jeder Mensch über ein nahezu unbegrenztes Enwicklungspotenzial verfügt und danach strebt, sich nach seinen Möglichkeiten zu verwirklichen, sich also zu entfalten und seinem Leben einen Sinn zu geben (Wachstumsbedürfnisse). Dabei wird der Mensch immer zugleich selbst als ein Ganzer (der Mensch als System), wobei Körper, Seele und Geist eine untrennbare Einheit bilden, und als Teil des Ganzen betrachtet, der abhängig ist von seinen Mitmenschen, insbesondere dann, wenn es darum geht, soziale Bedürfnisse zu befriedigen sowie zu einem gelingenden Miteinander beizutragen (Interdependenz). Folgt man den Gedanken Martin Bubers, wäre vielleicht zu ergänzen, dass erst die Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, (dem „Du“) oder mit der dinglichen Welt (dem „Es“) es dem „Ich“ ermöglicht, sich von seiner Umwelt abzugrenzen und sich in dieser Welt zu verorten.

Werner Eberwein hat das Humanistische Menschenbild in einem kurzen Video bei YouTube sehr schön erläutert:

Die Gestalttherapie gehört zu den klassischen Therapieverfahren der Humanistischen Psychologie. Sie basiert auf der Annahme, dass unerledigte Situationen oder Erlebnisse, die unzureichend oder dysfunktional verarbeitet wurden und die als „offene Gestalten“ betrachtet werden, spätere Entwicklungen beeinträchtigen und das Entscheidungsverhalten eines Individuums im hohen Maße – mehr oder weniger subtil – beeinflussen können. Ein „gesunder“ Menschen sollte demzufolge möglichst immer erkennen, welches Bedürfnis in einem jeweiligen Moment im Vordergrund steht, um sich im hinreichenden Maße darum kümmern zu können, damit sich die entsprechende Gestalt wieder „schließt“. In einer auf diesem Ansatz fußenden Beratung geht es darum, die Wahlfreiheit der Klienten zu erweitern, latente Potenziale und Ressourcen zu entfalten sowie abgewehrte Persönlichkeitsanteile, abgespaltene Gefühle und Bedürfnisse oder leidvolle Erlebnisse zu integrieren. Die gestalttherapeutischen Interventionen sind m. E. – richtig angewendet – hochpotent und sollten demnach immer mit Bedacht eingesetzt werden. Das Wohl der Klienten muss hierbei stets im Vordergrund stehen.

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Fritz Perls schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“

„Die Vergangenheit belagert unsere Gegenwart.“ Fritz Perls

In der Gestalttherapie werden insbesondere die persönlichen Muster der Kontaktaufnahme und -unterbrechung betrachtet und – soweit sie erkennbar oder erspürbar werden – im Rahmen der therapeutischen Begegnung im Hier und Jetzt gespiegelt. Daraufhin wird überprüft, inwieweit diese Muster funktional sind, d.h. mit dem Ziel korrespondieren, den bewussten Handlungsspielraum zu erweitern und zugleich die Übernahme von (Selbst-)Verantwortung zu fördern. Dabei wird vor allem nach den eigenen Anteilen (an gelingenden bzw. misslingenden Interaktionen) geschaut, d.h. nach jenen routinisierten Verhaltens- und Wahrnehmungsmustern, die den Kontakt mit der jeweiligen Situation auf unangemessene Weise unterbrechen können und die den Betroffenen selbst häufig nicht bewusst sind. Im schlimmsten Fall sind Traumatisierungen ursächlich dafür. Mittels einer Gefühlsaktualisierung lassen sich die entsprechenden Engramme bearbeiten, also jene physiologische Spuren, die Erlebnisse bzw. entsprechende Reizeinwirkungen in Form struktureller Änderungen im Gehirn hinterlassen haben. Neue emotionale Erfahrungen können dabei helfen, diese Strukturen sowie die damit verbundenen Reaktionsmuster nachhaltig zu verändern. Bedenken sollte man dabei allerdings, dass die Muster der Kontaktunterbrechungen etwa im Sinne eines Selbstschutzes (z. B. bei Misshandlung oder Missbrauch) durchaus funktional sein können. Insofern geht es nicht um die Förderung von Kontakt an sich, sondern um die genaue Herausarbeitung des Stellenwertes des jeweiligen Musters im Rahmen der Biographie sowie der aktuellen Beziehungen, in denen ein Organismus zur Umfeld steht. War es Ihnen aus irgendeinem Grund also bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder haben Sie die Befürchtung, es sei egoistisch, zu belastend oder beängstigend, sich mit gewissen Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass Sie die damit im Zusammenhang stehenden Erfahrungen vielleicht vom eigenen Erleben abgespalten haben, um sich nicht dem Risiko einer Retraumatisierung auszusetzen (Selbstschutz).

„Mit seinen Emotionen auf Tuchfühlung zu gehen und zu lernen, sie zu umarmen, ist heilsam.“ Fritz Perls

Emotionen spielen eigentlich immer eine zentrale Rolle. Selbst bei einer lösungsorientierten Vorgehensweise sind sie die stetigen Begleiter von Gedanken. Von daher betrachte ich gestalttherapeutische Interventionen als ein nützliches Mittel, um mehr Tiefe in Gespräche zu bringen und somit nachhaltige Entwicklungen zu begünstigen. Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen. Das ist zumindest (m)eine Definition der Gestalttherapie.

Wenn Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, dann empfehle ich Ihnen, sich das folgende Interview mit Werner Eberwein und Dr. Lotte Hartmann-Kottek, der Autorin des Buches „Gestalttherapie“, anzuschauen.

Literaturhinweis:

Werner Eberwein ist Psychologischer Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Berlin-Kreuzberg, 2. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT), Leiter des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP) und des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH). Seine Webseite finden Sie hier.

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Das Wagnis der Aufrichtigkeit

Manchmal sind es gerade die einfachsten Dinge, die das Leben so unglaublich kompliziert machen…

Ärzte, Psychiater und Psychotherapeuten sind in der Regel auf die Selbstauskünfte ihrer Patienten angewiesen, wenn es darum geht, eine Diagnose zu erstellen und eine indizierte Behandlung einzuleiten, deren Kosten daraufhin ggf. von der Krankenkasse übernommen werden. Dafür sollten die Symptome, die auf eine psychische Störung hinweisen, genauestens hinterfragt werden und eine Einschätzung ihres Schweregrads („Leidensdruck“) erfolgen. Auch Coaches müssten eigentlich so vorgehen, insbesondere dann, wenn ihre Klienten andeuten, dass sie sich in einer (wie auch immer gearteten) Krise befinden und sich deshalb nach Hilfe umschauen.

„Schwache Menschen können nicht aufrichtig sein.“ François de La Rochefoucauld

Manchen Menschen scheint es allerdings unangenehm oder sogar unmöglich zu sein, über bestimmte Aspekte ihres Befindens in der eigentlich erforderlichen Form Auskunft zu geben. Einige neigen folglich dazu, ihre Symptome zu bagatellisieren oder – im gegenteiligen Fall – zu dramatisieren.

  • Dramatisierung: Das Leid möchte „gesehen“ werden und wird deshalb in übertriebener Weise explizit gemacht.
  • Bagatellisierung: Das Leid wird heruntergespielt und verharmlost, um den Eindruck zu erwecken, man hätte eine stabile oder starke Persönlichkeit.

In beiden Fällen boykottiert die (mehr oder weniger bewusst gewählte) Strategie der Darstellung dessen, was man fühlt und erlebt, eine wahrhaftige Begegnung, Wer sich nicht so zeigt, wie er ist, wird wahrscheinlich auch nicht als derjenige erkannt werden, der er wirklich ist.

„Aufrichtigkeit“ als Entwicklungsaufgabe

Folgt man den Gedanken von Carl Rogers, sollten auch professionelle Helfer, wie bspw. Coaches oder Berater, möglichst kongruent sein. Damit ist gemeint, dass sie sich als echte und transparente Person in den Beratungsprozess einbringen und die eigenen Gefühle sichtbar machen. Damit das gelingen kann, müssten sie allerdings ihre positiven und negativen Merkmale hinreichend in das eigene Selbstbild integriert haben.

Verkehre mit den Menschen so gerade und schlicht, dass sie zur Aufrichtigkeit gezwungen werden und gar nicht erst versuchen, mit dir auf irgendeine Weise umzuspringen. Es ist das höchste Kompliment, das du anderen Menschen machen kannst.“ Ralph Waldo Emerson

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich es mir nun angewöhnt, in regelmäßigen Abständen persönliche Entwicklungsaufgaben zu formulieren und jene Themen bewusst anzugehen, denen ich bislang eher ausgewichen bin. Eine davon ist es, aufrichtig mit mir und mit meinen Mitmenschen umzugehen, insbesondere dann, wenn sie eine hohe emotionale Bedeutung für mich haben. Die besondere Herausforderung dabei ist es, weder mich selbst noch mein Gegenüber damit zu überfordern.

Gibt man bei Wikipedia den Begriff „Aufrichtigkeit“ ein, kann man Folgendes lesen: „Aufrichtigkeit (das Aufrichtigsein) bezeichnet ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen, zu stehen und den eigenen Gefühlen und der eignen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Rede und Handlungen Ausdruck zu geben. Aufrichtigkeit bedeutet auch, anderen Menschen, wie auch sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen.“

In diesem Zusammenhang drängt sich mir die Frage auf, wie man Klarheit oder Gewissheit über das erlangt, was man für einen anderen Menschen empfindet? Wollen wir das eigentlich immer so genau wissen? Und verändert sich das nicht ohnehin ständig? Sind wir in unseren Beziehungen nicht immer auch auf die Resonanz unseres Gegenübers angewiesen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man zu ihm oder zu ihr steht?

Oftmals fällt es uns leicht zu durchschauen, was uns dazu antreibt, die Nähe eines anderen Menschen zu suchen. Sind es vorrangig sexuelle Begierden, Sehnsüchte nach freundschaftlicher Verbundenheit oder irgendwelche (konkreten) Vorteile, die wir in einer Beziehung für uns sehen, empfinden wir unsere Bemühungen, nach Aufmerksamkeit zu heischen, als kongruent und im weitesten Sinne als „gesellschaftlich akzeptiert“. Schwieriger wird es dann, wenn die Motive, die uns im Innersten dazu antreiben, sich nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen, sie also außerhalb der Norm liegen, vielleicht weniger offensichtlich oder sogar diffus sind.

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Immer wieder betonen Psychologen, wie enorm der Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung eines Menschen ist, der von den ersten (frühkindlichen) Bindungserfahrungen ausgeht. War diese Lebensphase geprägt von emotionaler Vernachlässigung oder sogar von Missbrauch, kann das schwerwiegende Konsequenzen haben und zu einer befremdlich anmutenden Bedürftigkeit führen. Nicht selten entstehen daraus recht eigenartige Präferenzen, die einem Außenstehenden nur schwerlich zu vermitteln sind, da sie mit den gängigen Kategorien, wie sie in unserer Gesellschaft vorherschen, kaum korrespondieren.

Auch wenn es nicht einfach ist, sich eine etwaige Bedürftigkeit einzugestehen, halte ich es für erforderlich, die damit verbundenen Gefühle zuzulassen, sie ernstzunehmen und achtsam mit ihnen umzugehen, um nicht an ihnen zu „zerbrechen“. Die nächste große Herausforderung liegt dann darin, sie in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen. Das muss in der Regel aber zunächst einmal gelernt und dann geübt werden.

Persönliche Reife hat m. E. wenig damit zu tun, ob man irgendeinem Ideal entspricht oder nicht. Wichtiger ist es, einen guten Umgang mit dem hinzubekommen, was einen im Kern ausmacht. Daran arbeite ich nicht nur mit meinen Klienten, sondern immer wieder auch selbst. Trauen Sie sich, das zu tun? Wie aufrichtig sind Sie zu sich selbst und zu Ihren Mitmenschen?

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„Passamtsarbeit bei einschränkenden Identitätsüberzeugungen“ von Dr. Bernd Schmid

Viele menschliche Probleme sind in einschränkenden Identitätsüberzeugungen begründet. Sie zu identifizieren und mit antithetischen Identitätszuschreibungen zu entkräften, wird hier als Mittel der Wahl beschrieben. Die Methode der Passamtsarbeit stellt ein dafür hochpotentes Instrument dar.

Ein Großteil menschlicher Probleme entsteht dadurch, dass Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens einen einschränkenden Glauben darüber angenommen haben, was oder wer sie sind. In einem wesentlichen Mosaikstein ihrer Identität spiegeln sie sich in einem Irrglauben über sich. Sie leben dann diesen Glauben wie einen Fremdkörper und lassen ihn unberührt von den Erfahrungen, die sie machen. Dadurch leben sie bestimmte Seiten ihrer selbst nicht, weil sie sie als nicht zu sich passend erleben. Oder sie leben sie, bringen sie aber nicht in Verbindung mit dem eigenen Selbstbild, der eigenen Identität.

Mosaikspiegel der Identität

Im Allgemeinen wird Identität als eine in sich und in der Zeit erlebte Einheit einer Person beschrieben. Sie wird als Gesamtbild, das eine Person von sich hat, verstanden im Sinn von: „Das bin ich.“ Im Unterschied dazu verstehe ich Identität als einen Mosaikspiegel, in dem man sich in ganz verschiedener Weise sieht. Identität ist nie aus einem Guss. Sie ist ein komplexes Gebilde, das in jeder Lebensphase und in unterschiedlichen Kontexten immer anders spiegelt. Es treten immer andere Aspekte in den Vorder- bzw. in den Hintergrund. Ein wirklicher Charakter zeichnet sich dadurch aus, dass er über verschiedene Dimensionen hinweg scheinbar widersprüchlich ist. Nur die Gesamtintegrität bleibt durchspürbar. Mit dem Bild vom Mosaikspiegel wird eine Identität aus Fragmenten beschrieben. Teile, die für das Ganze stehen oder doch sinnvoll mit dem Ganzen verbunden werden können, nennt man Fragmente. Dies ist von einer dysfunktionalen Fragmentierung zu unterscheiden, bei der dieser Zusammenhang zerfällt und die Teile getrennt voneinander ein eigenes Bild ergeben und nicht integrierbar scheinen.

Die im Bild des Mosaikspiegels gemeinte funktionale und die dysfunktionale Fragmentierung liegen nahe beieinander. Jemand, der versucht, sich jeweils nur im Einzelteil zu spiegeln, fühlt sich fragmentiert. Im gelingt es gefühlsmäßig nicht, eine innere Zusammenschau zu halten. Hier hilft oft zurückzutreten. Denn das Gesamtbild wird, wie das bei Mosaiken so ist, manchmal erst aus dem Abstand erkennbar. Menschen, die sich fragmentiert fühlen, müssen einerseits lernen, die eigene Fragmentierung nicht durch starke Über- und Untertreibung aktiv vorzunehmen. Andererseits müssen sie lernen auszuhalten, die Teile zu lassen und zu respektieren, wenn kein Zusammenhang erkennbar ist. Denn vieles, was im Alter von 20 Jahren neurotisch aussieht, erkennt man mit 40 als notwendige Vorstufe für eine komplexe Persönlichkeit.

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In diesem Sinn heißt Integration, einen Schritt zurückzutreten, Gesamtschau zu halten und zu tolerieren, dass Teile des Mosaiks noch nicht fertig sind. Wenn man erkennt, dass das Mosaik nicht fertig ist, heißt das aber nicht, dass das, was da ist, verkehrt ist. Es heißt lediglich, dass noch ein paar Steinchen fehlen, die, wenn sie hinzukommen, plötzlich den Sinn dessen erschließen, was bisher unsinnig erschien, und die den Blick auf das Ganze ermöglichen. Auch deswegen ist es wichtig, als Berater auf das Fehlende achten, auf das, was noch hinzukommen müsste, um aus der Neurose einen Charakter zu machen.

Einschränkende Identitätsüberzeugungen

Ein wesentliches Erkennungsmerkmal von einschränkenden Identitätsüberzeugungen ist, dass sie von gemachten Erfahrungen unberührt bleiben. Jemand, der beispielsweise die Idee von sich hat, „Ich bin nicht liebenswert“, hält unberührt an diesem Selbstbild fest, auch wenn es in seiner Umgebung viele Menschen gibt, die sich liebevoll auf ihn beziehen. Als interner Mechanismus kann es zwar sein, dass er dieses Verhalten registriert, er wird aber plausible Erklärungen dafür finden, warum diese Menschen Ausnahmen darstellen. Möglicherweise denkt er: „Die, die sich liebend auf mich beziehen, haben nur noch nicht erkannt, dass ich im Grunde einer bin, der nicht liebenswert ist. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie es erkennen und dann werden sie sich abwenden.“ Es kann auch sein, dass er denkt: „Es kann zwar sein, dass diese Menschen mich mögen, aber die, die mir wirklich wichtig sind, die mögen mich nicht. Und dass die mich als denjenigen erkennen, der ich wirklich bin, nämlich als jemand, der nicht liebenswert ist, erkenne ich daran, dass sie unerreichbar bleiben.“ D.h. egal, wie sich die Menschen in seiner Umgebung ihm gegenüber verhalten, bleibt er unerschütterlich in seinem Glauben. Von außen ist ein solcher Irrglaube daran erkennbar, dass man dazu neigt, ihn zu bestätigen, wenn man dem Beziehungsangebot des Klienten folgt.

Als Berater entwickelt man nun möglicherweise Ideen über frühkindliche Traumata als Erklärung, warum er es nicht spürt. Wenn man jetzt auf der Ebene von Erleben und Verhalten mit ihm arbeitet, gerät man jedoch gerade auf Irrwege. Hier empfiehlt es sich, auf die Ebene des Denkens zu gehen. Jetzt kann sein, dass man auf den bisher nicht erkannten, nicht benannten und daher unhinterfragten Glauben über sich selbst stößt, der etwas mit einer Zuschreibung in der Kindheit zu tun haben kann. Ein Kind ist auf Realitätsbehauptungen, auf Konstruktionen von Elternfiguren angewiesen. Es übernimmt solche Annahmen über sich und verhält sich dann entsprechend. Es lernt dann geradezu die Verhaltensweisen, die zu diesem Etikett gehören. Menschen entwickeln also Glaubenssätze über sich, die letztlich auf Behauptungen, auf Selbstschlussfolgerungen oder auf Selbstverständlichkeiten beruhen. Manchmal ist es notwendig, solche Glaubenssätze durch Gegenbehauptungen zu ersetzen.

Wenn der Klient diese neue Behauptung über sich annimmt, hat er eine andere Prämisse, die Welt zu erfahren und sich im Kontakt mit Menschen zu verhalten. Auf Grund dieser Prämisse kann er einerseits Dinge, die bereits in seinem Leben vorhanden sind, anders einordnen. Andererseits kann er Verhaltensweisen und Erfahrungen machen, die in seinem bisherigen Repertoire nicht vorhanden waren, weil er jetzt überhaupt erst damit rechnet, dass es sie gibt. Jetzt entsteht erst ein Suchraster, aufgrund dessen sich Wirklichkeit kristallisieren kann, die er bisher ausgeschlossen hat. Bisher kam er gar nicht auf die Idee, dass es das in seinem Leben geben kann.

Manchmal ist es gerade ein wichtiger Aspekt des therapeutischen Vorgehens, die oft krampfhaften Versuche zu unterbrechen, am Verhalten Anzeichen feststellen zu können, dass man auch anders sein könnte. Dazu ist es notwendig, die Identitätsüberzeugung vom konkreten Verhalten los zu definieren. Man muss demjenigen die Idee geben, dass er in einem Irrtum über sich lebt und dass er sich an den Irrtum so gewöhnt hat, dass er sich identisch mit sich fühlt, wenn er diesen Irrtum lebt. Deshalb nehmen viele Menschen nicht in Anspruch, was ihnen eigentlich zusteht. Sie verharren in ihrem Irrglauben über sich und verhalten sich entsprechend. Denn jedes Verhalten schafft eine Menge es plausibel machende und aufrecht erhaltende Bedingungen.

Eine Veränderung in der Identitätsannahme über sich selbst zieht nicht automatisch eine Veränderung auf der Verhaltensebene nach sich. Es kann ein längerer und komplexer Umlernprozess sein, der manchmal sogar eine Veränderung des sozialen Milieus und vieler anderer Dinge nach und nach notwendig macht, um sich von dem zu überzeugen, was man über sich entschieden hat oder akzeptiert, wenn es jemand anderes in einem sieht. D.h. die Behauptung eilt der Realisierung voraus. Sie ist ein neues konstruktives Vorurteil, das im Sinne einer zu erfüllenden Prophezeiung erst erarbeitet werden muss. So gesehen ist ein Rückfall in alte Verhaltensweisen auch nie ein Beweis, dass die Um- bzw. Neudefinition nicht stimmt, sondern nur ein Beweis, dass sie noch nicht genügend verwirklicht wurde. Das ist der große Vorteil von Neudefinitionen. Denn solche Konstruktionen, die ja rein geistiger Natur sind, können, wenn sie für den Klienten glaubwürdig sind, nicht durch Rückfälle umgestoßen werden.

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Häufig hört man Therapeut sagen: „Du musst an den Klienten glauben, dann ist Therapie erfolgreich!“ Unseres Erachtens reicht es jedoch nicht, jemandem zu sagen : „Ich glaube jetzt an dich und alles weitere kannst Du selbst erledigen.“ Die Botschaft muss lauten: „Ich glaube an etwas anderes in Dir als Du und es kann sehr disziplinierte Arbeit an Dir notwendig sein, diesem Glauben zum Ausdruck zu verhelfen. Es kann auch sein, dass Du Dein Leben weiterhin damit verbringst, eine richtige Identität zu verleugnen und daran kann ich Dich nicht hindern. Aber wenn ich dich konfrontiere, tue ich das, weil ich weiß, dass du anders bist, als Du von Dir glaubst zu sein. Aber ich vertraue nicht, dass du das auch realisierst. Ich konfrontiere dich auf der Basis, dass Dir etwas anderes bestimmt ist, was du in Anspruch nehmen kannst. Du kannst es aber auch mit Füßen treten.“ Damit packe ich den anderen konstruktiv an seiner Scham. Er kommt nicht umhin, ein Gefühl dafür zu bekommen, dass er sich durch das, was er tut, verfehlt.

Identitätsarbeit klärt also eine Grundprämisse, vor der alles dann Notwendige geschieht. Wenn diese Grundprämisse nicht mit erfasst wird, geschieht das Notwendige in der Regel allerdings nicht.

„Passamtsarbeit“

Die Methode, die ich für den Umgang mit einschränkenden Identitätsüberzeugungen anwende, nenne ich Passamtsarbeit. Auf die Kunstfigur mit dem „Passamt“ bin ich über den Begriff der „Identity card“ gekommen. Sie ist eine durch einen Hoheitsakt dokumentierte Existenz. Mit der Passamtsarbeit bilde ich die Metapher einer sozial konstruierten Identität ab. In den deutschen Pässen gibt es die Rubrik der unveränderlichen Merkmale. In der Passamtsarbeit wende ich die Figur an, dass jemand durch die Welt läuft, als würden in seinem Pass unter „unveränderliche Merkmale“ einschränkende Wesensbehauptungen stehen.

  • Der erste Schritt in der Arbeit mit Identitätsüberzeugungen ist, den Irrglauben, den ein Klient über sich hat und lebt zu identifizieren und als ein unveränderliches Merkmal im Pass zu benennen.
  • Der zweite Schritt besteht darin zu behaupten, dass dieser Eintrag eine Fehleintragung im Pass darstellt, der gelöscht und durch einen anderen Eintrag ersetzt werden muss. Dafür bietet sich die Frage an: „Willst du die Eintragung geändert haben? Was willst du statt dessen eingetragen haben?“ Im Dialog mit dem Klienten wird der Neueintrag daraufhin formuliert. Im Allgemeinen bietet entweder der Klient/die Klientin eine Formulierung an, die er/sie für wünschenswert hält, aber nicht als mit sich identisch und wesensgleich empfinden kann oder ich schlage eine Formulierung vor. Wenn wir eine Formulierung gefunden haben, die wir beide akzeptabel finden, sage ich: „Gut wir löschen die alte Eintragung und tragen das Neue ein und das wird amtlich bescheinigt.“ Dem hatte ich dann noch das Bild hinzugefügt: „Wenn du selbst ab und zu wieder unsicher bist, was deine Identität ist, musst du nur in Deinen Pass gucken. Da steht, was du im Grunde bist. Diese Identität kannst du jederzeit in Anspruch nehmen und das dazu Notwendige lernen.“

Wichtig ist zu vermitteln, dass mit dem Neueintrag keine Verpflichtung verbunden ist, sein Verhalten zu ändern. Der Neueintrag bedeutet, ein Recht darauf zu haben, sein Verhalten zu ändern und vor allem das eigene Erleben und Verhalten aus der Perspektive der Neudefinition neu zu interpretieren.

Scham und Schuld

Scham bezieht sich auf die Identitäts-, Schuld auf die Verhaltensebene. Scham ist das Gefühl, das entsteht, wenn man die eigene Würde verletzt hat, indem man der eigenen Identität nicht entspricht. Schuld entsteht als Gefühl, wenn man im Verhalten etwas schuldig geblieben ist. Solche würdigen Positionen sind nicht möglich einzunehmen, solange jemand mit seinem Irrglauben identifiziert ist. Umgekehrt schafft diese nicht-neurotische Version von Schuld und Scham gepaart mit der Annahme, eigentlich eine würdige Position einnehmen zu dürfen und sie bisher nur verfehlt zu haben, eine enorme Motivation, dazuzulernen und neues Verhalten zu entwickeln.

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In den Heilsgeschichten der Bibel findet die Wende im Schicksalsprozess häufig durch ein Ereignis statt, durch das jemand in positiver Weise von Scham- und Schuldgefühlen ergriffen wird. Diese Ereignisse führen nie dazu, dass sich die Betroffenen in jahrelange Therapie begeben, sondern sie drehen sich um und werden vom Saulus zum Paulus. Viele Menschen leiden daran, dass sie bei sich Verhaltensprobleme kennen und auch wüssten, was zu ändern wäre. Sie müssten beispielsweise Prozeduren durchstehen, wie Abnehmen, Entziehung von Drogen jeglicher Art, bestimmte Dinge zu lernen oder von sozialen Rollen Abstand zu nehmen, die ihnen schöne Korruptionen bieten. Sie finden dafür jedoch keine Motivation in sich. Wenn sie auf diese Weise eine Position der grundsätzlichen Würde einnehmen, erhalten sie eine ganz andere Motivationskraft. Wenn andere stellvertretend in ihnen sehen, was sie bisher noch nicht als zu sich gehörend erleben, sind das auch Hilfsmotivatoren.

Sicherlich ist bei dieser Art von Identitätszuschreibungen wesentlich, dass die Begriffe greifen, die als Passeintrag gewählt werden. Sie müssen einen Kontrast, eine Antithese zu der bisherigen Präsentation des Klienten darstellen. Wahrscheinlich kann man mit diesem Instrument auch nicht wirklich wirksam umgehen, wenn man sich nicht in Wesensschau übt. Man braucht die Kraft der Vision, die Ahnung für die spezifische Besonderheit, die bisher unerlöst gelebt wird. Daran muss man glauben können und zwar nicht im Sinne von: „Ich vertraue Ihnen, nun machen Sie schon.“ Sondern im Sinn von: „Das sehe ich in Ihnen.“

Dr. Bernd Schmid ist Leitfigur des isb-Wiesloch www.isb-w.eu  und der Schmid-Stiftung http://schmid-stiftung.org sowie Begründer der systemischen Transaktionsanalyse, Ehrenvorsitzender im Präsidium des Deutschen Bundesverband Coaching www.dbvc.de, Ehrenmitglied der Systemischen Gesellschaft, Preisträger u. a. des Eric Berne Memorial Award 2007 der Internationalen TA-Gesellschaft ITAA, Life Achievement Awards der Petersberger Trainertage 2014 und der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse 2017.

Der Orginaltext mit dem Titel „Umgang mit einschränkenden Identitätsüberzeugungen“ wurde im April 2018 von mir (Rainer Müller) zur Veröffentlichung in diesem Blog überarbeitet. Sie finden ihn hier: http://bibliothek.isb-w.eu/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/f891135b-8c4b-46e2-9f97-2462cdf76a81/073-UmgangMitEinschraenkendenIdentitaetsueberzeugungen(TA)-Schmid_1998.pdf.

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Das Leben ist eine Baustelle!

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, Ihren Kompass neu auszurichten? Oder möchten Sie gern verstehen, warum Sie an einem bestimmten Punkt nicht weiterkommen? Oder suchen Sie gerade nach einer neuen Perspektive, die frischen Wind in Ihr Leben bringt?

Mich beschäftigen diese Fragen jedenfalls. Vor Kurzem habe ich nun ein neues Coaching-Tool entdeckt, mit dem ich daraufhin selbst gearbeitet habe, um Antworten darauf zu finden. Die von mir eigens dafür entwickelte Vorgehensweise hat mich zu einer ganz erstaunlichen Selbsterkenntnis geführt. Um zu überprüfen, inwieweit das auch bei anderen Menschen funktionieren kann bzw. inwieweit ich die Instruktionen, die ich in diesem Zusammenhang ausformuliert und selbst befolgt habe, noch überarbeiten müsste, damit es das kann, habe ich die Methode in den vergangenen Tagen mehrfach getestet. Die Rückmeldungen meiner Klientinnen und Klienten waren insgesamt sehr positiv.

Hier finden Sie also die überarbeitete Fassung meiner Vorgehensweise:

Personality Toolbox

Mit dem Kartenset „Personality Toolbox“ von Elmar Rauschert und Uwe Schirrmacher (managerSeminare Verlag, 2017) lassen sich verschiedene Themen im Rahmen eines Coachings begleiten.

Die in dem Begleitheft vorgestellte Übung „House of Life“ wird u. a. wie folgt eingeleitet: „Das Tool bietet sich an, wenn der Klient das Ziel hat, etwas in seinem Leben ändern zu wollen oder gar zu müssen, aber nicht genau weiß, was das konkret ist oder wo er ansetzen soll. […] Es dient […] als Diagnostik-Tool für ein prophylaktisches Screening, wo genau in unserem Leben künftig Handlungsbedarf entsteht.“ Diese Aussage passt auch sehr gut zu der von mir entwickelten Vorgehensweise, die ich im Folgenden erläutere.

Das Leben ist eine Baustelle!

Es ist zwar schon eine Weile her, als ich den gleichnamigen Film von Wolfgang Becker und Tom Tykwer gesehen habe, der Titel ist mir aber bis heute sehr gut in Erinnerung geblieben. Die Metapher gefiel mir schon damals. Die vielen Herausforderungen und Probleme, mit denen wir uns Tag für Tag beschäftigen, können jedoch manchmal dazu führen, dass wir das Wesentliche aus den Augen verlieren: Was wollen wir und wie können wir das erreichen? Was ist uns wirklich wichtig? Und warum geraten wir in manchen Lebensbereichen immer wieder in Schwierigkeiten, die auf eigentümliche Weise typisch für uns sind, während wir uns in anderen ganz hervorragend zu behaupten wissen?

Manchmal scheint es also, als würde uns irgendetwas daran hindern, mit uns oder unserem Leben zufrieden zu sein. Nicht immer ist uns aber klar, warum wir das nicht sind, nicht vorankommen oder immer wieder vor ähnlichen Problemen stehen.

Mit dem Kartenset aus der Personality-Box lassen sich jene Problembereiche identifizieren, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein könnten, sowie Entwicklungspotenziale und entsprechende Entwicklungsaufgaben ableiten.

Das Kartenset unterteilt sich in die folgenden acht Kategorien, denen jeweils 15 Begriffe zugeordnet sind:

Körper

Seele

Privat

Arbeit

Entspannung

Grenzerfahrung

Leistungsfähigkeit

Schönheit

Schlaf

Fitness

Körperkontakt

Pflege

Temperatur

Esslust

gesunde    Ernährung

Lust

Aktivität

Genussmittel

Gesundheit

Glaube

Wissen

Werte

Spiritualität

Kreativität

Liebe

Balance

Vision

Hilfsbereitschaft

Erfüllung

Gelassenheit

Weisheit

Humor

Muße

Frieden

Kontrolle

Ordnung

Sport

Politisches Engagement

Familie

Unterhaltung

soziales Engagement

Unabhängigkeit

Kreativität

Kultur

Bildung

Freunde

Status

Konsum

Hobby

Leistung

Abwechslung

Selbständigkeit

Erfüllung

Kreativität

Perfektionismus

Durchsetzungs-fähigkeit

Karriere

Ordnung

Kontrolle

Geld

Ziele

Eloquenz

Teamgeist

Erfolg

Werte

Finanzen

Fühlen

Denken

Gerechtigkeit

Spiritualität

Zuverlässigkeit

Sicherheit

Ästhetik

Ordnung

Harmonie

Macht

Toleranz

Tradition

Status

Freiheit

Geborgenheit

Besitz

Ehrlichkeit

Sparsamkeit

Dankbarkeit

Sinn

Chancen

Wohlbefinden

Kontrolle

Verpflichtungen

Großzügigkeit

Solidarität

Überblick

Selbstwert

Potenzial / Wachstum

Auskommen

Einstellung

Schulden

rücksichtsvoll

emotional

träumerisch

leidenschaftlich

vertrauensvoll

kommunikativ

hilfsbereit

kontaktfreudig

einfühlsam

begeisternd

ideenreich

achtsam

intuitiv

optimistisch

ausdrucksstark

realistisch

gründlich

direkt

durchdacht

beherrscht

geplant

kritisch

logisch

systematisch

beharrlich

sachlich

begründet

strukturiert

vernünftig

überlegt

Die 120 Karten bilden also ein recht umfassendes Spektrum jener Themen ab, die im Leben eine Rolle spielen bzw. spielen können. Auf der Rückseite werden die entsprechenden Begriffe übrigens kurz definiert bzw. erläutert.

Schritt 1: Konzentration auf das Wesentliche

Bei einen so breit gefassten Spektrum ist davon auszugehen, dass nicht jedes Thema bei jedem Menschen gleichermaßén relevant ist oder es überhaupt repräsentiert werden muss. Deshalb empfehle ich, die Komplexität der Themen in einem ersten Schritt um ein Drittel zu reduzieren.

  • Instruktion: Wählen Sie zunächst aus jeder der acht Kategorien fünf Karten aus, die Ihnen persönlich aus unterschiedlichen Gründen eher irrelevant zu sein scheinen.
  • Leitfrage: Zu welchen Themen haben Sie (zurzeit) am wenigsten Bezug?

Diese ersten Reduktion hat den Zweck, das vorliegende Kartenset zu individualisieren. Diese vierzig Karten dürfen Sie daraufhin beiseitelegen. Sie werden also im Folgenden nicht weiter beachtet.

Schritt 2: Aufdecken potenzieller „Baustellen“

Im nächsten Schritt geht es um die Entscheidung, ob man mit dem, was auf den verbleibenden Karten aufgezeigt wird, soweit zufrieden ist oder nicht bzw. ob man dort noch ein Entwicklungspotenzial sieht?

Teilen Sie jetzt also die zehn Karten aus jeder Kategorie jeweils in zwei Hälften auf. Ihre Ergebnisse können Sie in die betreffenden Spalten (siehe Tabelle) eintragen. Somit sollten insgesamt 40 Begriffe übrig bleiben („eher unzufrieden bzw. Entwicklungspotenzial“), mit denen Sie sich dann weiter beschäftigen.

Diese Begrenzung auf fünf Themen pro Kategorie ist zwar etwas willkürlich, aber m. E. trotzdem sinnvoll, um die wesentlichen „Baustellen“ aufzuzeigen. Mit einigen Bereichen ist man vielleicht durchaus schon so zufrieden, dass es nicht erforderlich ist, sich im Rahmen dieser Übung nochmals mit ihnen zu befassen. Andere Themen sind in diesem Zusammenhang vielleicht eher belanglos, was die Beurteilung „(eher) zufrieden“ auch rechtfertigt.

Tipp: Vertrauen Sie bei dieser Zweiteilung ganz auf Ihre Intuition bzw. auf Ihr Gefühl! Sollten Sie unsicher sein, welche Karten in welche Spalte gehören, können Sie die zehn Karten einer Kategorie zunächst in eine Rangfolge (von „zufrieden“ bis „unzufrieden“) bringen und daraufhin jeweils fünf Begriffe in die beiden betreffenden Felder der Tabelle eintragen.

Kategorie (eher) zufrieden (eher) unzufrieden bzw. Entwicklungspotenzial
Fühlen    
Denken    
Finanzen    
Seele    
Werte    
Körper    
Privat    
Arbeit    

Obwohl es in dieser Übung darum geht, „Baustellen“ bzw. Entwicklungspotenziale zu identifizieren, werden auf diese Weise auch jene Ressourcen oder Lebensbereiche sichtbar, wo bereits ein gewisses Maß an Zufriedenheit besteht. Das kann sehr wohltuend sein. Im Anschluss daran richten Sie den Fokus aber lediglich auf die 40 Karten, die Sie der dritten Spalte zugeordnet haben.

Die verbleibenden 40 Begriffe weisen also auf ein gewisses Entwicklungspotenzial hin oder zeigen auf, dass Sie sich in dem entsprechenden Zusammenhang noch nicht stimmig positioniert haben, was einen Teil Ihrer derzeitigen Unzufriedenheit begründen könnte.

Schritt 3: Aufdecken von Gemeinsamkeiten

Im Folgenden soll es darum gehen, Themen herauszuarbeiten, die den „Baustellen“ zugrunde liegen. Versuchen Sie also jetzt, die verbleibenden Karten zu clustern und (neue) Oberbegriffe zu formulieren, die das jeweils Gemeinsame zum Ausdruck bringen.

Da sich unter den verbleibenden Karten wahrscheinlich noch immer einige befinden, die aufgrund des Selektionsprinzips nur eine geringe Relevanz für Sie haben, dürfen Sie diese jetzt auch entfernen.

Tipp: Vielleicht gibt es Begriffe, die mit einer Problematik verbunden sind, die bereits in einem anderen Begriff impliziert sind. Ich nenne das einfach mal „Dopplung“. Spüren Sie in sich hinein, um diese (redundanten) Dopplungen zu entdecken.

Wie ein solches Zwischenergebnis aussehen könnte, sehen Sie hier:

Beispiel

Halten Sie Ihre Ergebnisse daraufhin schriftlich fest (Mind-Map/Tabelle) oder machen Sie ein Foto davon.

Schritt 4: Zusammenführung der verbleibenden Karten

Jetzt verbleiben nur noch relativ wenige Karten, die im Folgenden genauer betrachtet werden können. Vielleicht lassen sich ja auch die zuvor von Ihnen gefundenen Oberbegriffe etwas ausdünnen?

  • Instruktion: Lassen Sie dieses Bild bzw. das Ergebnis jetzt eine Weile auf sich wirken. Vielleicht gibt es Oberthemen, an denen Sie bereits gearbeitet und Fortschritte erzielt haben? Auch diese Themen können in der weiteren Betrachtung vernachlässigt werden.
  • Des Weiteren können Sie jetzt überprüfen, ob es in den verschiedenen Problembereichen einen Begriff gibt, der das jeweilige Oberthema am besten umfasst?
  • Interessant könnte es zudem sein herauszufinden, ob es einen zentralen Punkt in dem Cluster gibt? Bei mir gab es einen. Diesen habe ich (ebenso wie einen weiteren Oberbegriff) in eigene Worte gefasst, um die dahinterstehende Problematik besser zu verdeutlichen.

Schritt 5: Reflexion der Ergebnisse

Ihr Ergebnis sollten Sie nun mit jemandem besprechen, dem Sie vertrauen, und dabei erläutern, wie Sie das Resultat im Hinblick auf Ihr Leben verstehen.

Daraufhin könnten Sie sich von Ihrem Gesprächspartner ein Feedback geben lassen bzw. sich anhören, wie dieser Ihr Ergebnis betrachtet und ggf. interpretiert. Vielleicht werden Sie dadurch auf einen Aspekt aufmerksam, der hinsichtlich Ihrer „Problematik“ von zentraler Bedeutung ist. Frei nach dem Motto „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“, könnte dies dazu führen, den ein oder anderen „blinden Fleck“ in Ihrer Selbstwahrnehmung erhellen.

Hinweis: Viele Probleme, mit denen wir es immer wieder zu tun haben, entstehen durch unsere (mehr oder weniger missglückten) Versuche, Bedürfnisse zu befriedigen. Um welche es sich hierbei genau handelt, ist für uns selbst manchmal schwer zu erkennen. Der Blick von außen kann dann sehr erhellend sein.

Vielleicht entdecken Sie, während Sie über Ihre Ergebnisse sprechen, irgendein Bedürfnis, das Sie bis dato nicht oder nur sehr verschwommen auf Ihrem Radarschirm hatten? Aus einem Bedürfnis, das lange Zeit nicht oder nur unzulänglich befriedigt wurde, kann leicht eine Bedürftigkeit (mit weitreichenden Folgen) entstehen. Diese wiederum kann dazu beitragen, dass unsere persönliche oder berufliche Entwicklung stagniert, wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten oder uns ständig im Kreis zu drehen.

Auf den Punkt bringen könnte man diesen Schritt mit einer Aussage, die eine Teilnehmerin in einem meiner Seminare einst machte: „Woher sollte das Universum wissen, was ich brauche, wenn ich es noch nicht einmal selbst weiß?“

Schritt 6: Problemfelder und Lösungsversuche

Nehmen wir nun an, dass die sichtbar gewordenen Probleme bzw. Problemfelder durch Ihre Bemühungen entstanden sind, Bedürfnisse zu befriedigen, also eigentlich Lösungsversuche sind. Welche waren das und warum waren Sie damit nicht (oder nur unzureichend) erfolgreich?

  • Leitfrage: Was könnten Sie durch Ihr Verhalten, das die besagten Probleme bedingt, versucht haben zu erreichen?
  • Diese „Lösungsversuche“ haben bislang nicht zum gewünschten Ziel geführt, weil…

Es ist meist einfacher etwas zu erreichen oder voranzukommen, wenn man weiß, was man wirklich will!

Schritt 7: Einsichten und Entwicklungsaufgaben

Anschließend empfehle ich, die bis hierher gewonnen Einsichten in Kürze schriftlich zusammenzufassen.

Der letzte Schritt ist aber wohl am wichtigsten: Leiten Sie daraus nun Ihre persönlichen Entwicklungsaufgaben ab, entwickeln Sie dann einen konkreten Plan und handeln Sie entsprechend!

Vielleicht tauchen jetzt noch Fragen auf, mit denen Sie sich künftig beschäftigen wollen? Auch diese sollten Sie sich notieren, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Persönliches Fazit

Obwohl ich mich eigentlich für sehr reflektiert halte, habe ich durch die Arbeit mit dieser Methode etwas über mich herausgefunden, das mich wirklich überrascht hat! So bin ich zum Beispiel einer fundamentalen (und äußerst dysfunktionalen) Grundannahme auf die Schliche gekommen, die mir wohl im Laufe meiner Kindheit eingeschärft wurde. Dadurch wurde es mir (endlich) möglich, sie gezielt zu verändern bzw. aufzulösen. Wer so etwas schon einmal erlebt hat, weiß sicher, was das bedeutet…

Da mir bewusst ist, dass die Ergebnisse, die mit dieser Vorgehensweise erzielt werden, nicht immer so spektakulär sind, wie sie es in meinem Fall waren, möchte ich hier keine falschen Erwartungen wecken. Eventuell werden lediglich Dinge offensichtlich, die Ihnen ohnehin schon klar waren. Wahrscheinlich hängt das aber davon ab, wie gut es Ihrem Gesprächspartner gelingt, Sie bei der Hinterfragung Ihrer „Baustellen“ zu unterstützen? Vielleicht sollten Sie es also wenigstens einmal ausprobieren, sich Ihr jetziges Leben auf diese Weise anzuschauen? Es könnte ja sein, dass auch Sie von dem, was Sie dann erkennen, (wenigstens ein klein wenig) überrascht sind.

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Psychotherapeutische Selbsterfahrung als Coach?

Ein – wie ich finde – ganz wesentlicher Bestandteil der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ist es, sich selbst einer Psychotherapie zu unterziehen. Zumindest aber gehört es dazu, sich intensiv mit der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen. Dafür gibt es genügend gute Gründe. Im Ärzteblatt (PP 14, Ausgabe März 2015, Seite 122) heißt es bspw.: „Selbsterfahrung soll durch die systematische Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben und Verhalten die therapeutische Kompetenz der Ausbildungsteilnehmer fördern. Diese Auseinandersetzung geschieht durch die Bewusstmachung und Auflösung „unbewusster oder verdrängter oder dem angestrebten Beruf nicht angemessener Seiten der eigenen Person, des eigenen Selbst“ […] Neben dem Erkennen eigener „blinder Flecken“ soll die psychotherapeutische Beziehungs- und Interaktionskompetenz durch den Erwerb und die Kultivierung therapieförderlicher Selbstanteile und Ressourcen gestärkt werden.“ 1

Auch in den gängigen Weiterbildungen zum Coach, Psychologischen Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie wird die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in der Regel gefordert. Hier geht es allerdings in erster Linie darum, den Absolventen persönliche Erfahrungen mit jenen Methoden zu ermöglichen, die im Rahmen dieser Fortbildungen vermittelt werden. Ziel dabei ist es, herauszufinden, welche Methoden zu einem passen und deren Wirksamkeit einmal selbst zu erfahren. Das ist zwar sinnvoll, allerdings sollte sich m. E. auch jeder, der mit Techniken aus dem psychotherapeutischen Kontext arbeitet, die Zeit für eine professionell begleitete Selbstexploration nehmen. Ich tue das jedenfalls bereits seit fünf Jahren und möchte mal behaupten, dass sich das lohnt.

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Vor zwei Wochen hatte ich jedenfalls ein Gespräch mit meinem Therapeuten, in dem er etwas äußerte, was eine so hohe Bedeutsamkeit hatte, dass ich seitdem nicht aufhören kann, mich gedanklich immer wieder damit zu beschäftigen. Eine derartig erhellende Selbsterkenntnis hatte ich jedenfalls seit meiner Pubertät nicht mehr.

Kurzum: Wir sprachen (abermals) darüber, wie schwer es mir fällt, persönliche oder berufliche Ziele zu formulieren. Dieses Phänomen – ich nenne es der Einfachheit halber mal „Orientierungslosigkeit“ – begleitet mich seitdem ich vor der Aufgabe stehe, wichtige Entscheidungen – seien es berufliche oder private – eigenständig treffen zu müssen. Irgendwie ging das zwar immer, allerdings hatte ich dabei meist das Gefühl, keinen adäquaten „Kompass“ zu haben.

Schon während meines Studiums war ich vor allem an jenen Themen interessiert, die sich mit den motivationalen Aspekten der Persönlichkeit beschäftigten. Wahrscheinlich habe ich nach einem Erklärungsmodell gesucht, das mir dabei hilft, mich selbst besser zu verstehen? Richtig gelungen ist mir das auf diesem Wege nicht. Die Modelle, die ich damals kennengelernt habe, waren in diesem speziellen Zusammenhang allesamt unzureichend. Selbst das Konstrukt der „persönlichen Bestrebungen“ von Robert Emmons, für das ich mich anfänglich begeisterte (und über das ich meine Diplomarbeit geschrieben habe), führte mich (vielleicht aufgrund der fragwürdigen Methodik) in eine Sackgasse. Alles das, was ich anschließend über Bindungstheorien, die Theory of Mind, das implizite Selbstwertgefühl etc. gelesen habe, hat mir auch nicht wirklich weitergeholfen…

Seit jeher gibt es also etwas in meinem Leben, das viele Fragen aufgeworfen und mich immer wieder in Konflikte geführt hat, die ich dann mit mir selbst austragen musste. Obwohl ich schon früh versucht habe, mir zu erklären, warum mich ausgerechnet dieses Thema so sehr beschäftigt bzw. warum es eine so große Bedeutung für mich hat, konnte ich darauf in den vielen Jahren keine passende Antwort finden. Jetzt weiß ich, dass die meisten der Probleme, mit denen ich es im Laufe meines Lebens zu tun hatte, im Grunde genommen unbeholfene Versuche waren, frühkindliche Bedürfnisse zu befriedigen, für die ich lange Zeit keine Worte fand. Nun glaube ich, sie benennen zu können. Das, was mich angetrieben hat, ist allerdings so grotesk, dass man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln könnte.

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Folgendes Zitat ist mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen: „Nichts stimuliert uns so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und die Erfahrung von Liebe. Kern aller Motivation ist es also aus neurobiologischer Sicht, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung zu finden oder zu geben.“ Prof. Dr. Joachim Bauer

Es ist nicht mein Wunsch, Ihnen die Einzelheiten und Zusammenhänge so zu erklären, dass Sie sie im Detail verstehen können. Zudem denke ich auch nicht, dass es in ihrem Sinne wäre, wenn ich das täte. Da ich schon seit einigen Jahren mit einem Therapeuten, der tiefenpsychologisch arbeitet, darüber spreche, wäre jeder Versuch, das jetzt in wenige Zeilen zu verpacken, wahrscheinlich kaum hilfreich. Mir hat es jedoch noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, wie schwierig und schmerzhaft es auch für Psychologen sein kann, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Aber warum sollte das Studium einen Unterschied machen? Wie bei allen Menschen finden sich auch bei uns dysfunktionale oder maladaptive Erlebens- und Verhaltensweisen, die in die Beziehungen zu unseren Klienten oder Patienten hineinwirken können 2. Von daher halte ich es für unabdingbar, sich bewusst mit ihnen auseinanderzusetzen, damit sie kommunizierbar und korrigierbar werden.

Die Methode der Selbstreflexion ist – für sich allein genommen – kein geeigneter Ersatz! Hierbei gelingt es in der Regel lediglich, über das nachzudenken, was man ohnehin schon über sich weiß. Dabei kann es zwar auch zu einem Erkenntniszugewinn kommen, die wirkliche emotionale Bedeutung des Betrachteten zu erfassen, ist jedoch nicht ganz so einfach. Deshalb sollte ihr ein Erfahrungsprozess vorausgehen, der das emotionale Erleben beinhaltet und somit das Risiko vermindert, im Intellektuellen und Rationalen hängenzubleiben. Wie sich dieser Unterschied anfühlt, habe ich in den vergangenen Wochen jedenfalls in aller Deutlichkeit zu spüren bekommen. Natürlich ist es äußerst unbehaglich, sich seiner eigenen – wie auch immer gearteten – „Bedürftigkeit“ bewusst zu werden und nach Möglichkeiten zu suchen, adäquat mit ihr umzugehen. Erhellend ist es aber allemal!

Als Trainer und Coach werde ich immer wieder mit Themen konfrontiert, die auch in der Psychotherapie eine zentrale Rolle spielen können. Von daher fühle ich mich dazu verpflichtet, mich mit den entsprechenden Fragestellungen im Rahmen einer therapeutischen Selbsterfahrung auch selbst auseinanderzusetzen. Darüber, inwieweit das zwingend erforderlich sein sollte, kann man zwar gewiss streiten, meine eigenen Erfahrungen zeigen mir allerdings, dass es eigentlich unverantwortlich wäre, es nicht zu tun.

Diskussion des Artikels

In der Gruppe „Psychologie“ bei Facebook habe ich übrigens die Rückmeldung erhalten, dass es wohl in vielen Instituten nur eine Gruppenselbsterfahrung gibt, was sich vom Setting her von einer Psychotherapie erheblich unterscheidet. Die (groben) Themenfelder und Methoden, mit denen in den Selbsterfahrungswochenenden gearbeitet wird, stehen dabei i.d.R. fest, werden also oftmals nicht flexibel an den Bedarf einzelner TeilnehmerInnen angepasst. Fokussiert werden hierbei die Auswirkungen eigener psychischer Zustände auf das therapeutische Arbeiten. Je nach Organisation der Selbsterfahrung komme noch hinzu, dass der „therapeutische“ Kontakt zu Selbsterfahrungsanleitern teilweise recht gering sei und sich die Hauptarbeit mit (wechselnden) Ausbildern abspiele, wodurch interpersonell völlig andere Prozesse zum Tragen kommen als in der Psychotherapie.

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Fußnoten:

  • 1 https://www.aerzteblatt.de/archiv/168734/Selbsterfahrung-und-Psychotherapie-Bewusstheit-ueber-subjektive-Realitaetserfahrung
  • 2 Sulz, S. K. D. (2007). Supervision, Intervision und Intravision in Praxis, Klinik, Ambulanz und Ausbildung. München: CIP-Medien

Achtsamkeit to go?!

„Eine chronische physiologische Aktivierung kann verschiedene Organsysteme schädigen. Die stärksten Auswirkungen haben chronische Stressbelastungen auf die psychische Gesundheit und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Stoffwechsels und des Immunsystems werden begünstigt.“ 1 Wenn man es schafft, sich selbst zu beruhigen oder von vornherein gelassen zu bleiben, ist das Risiko, ernsthaft zu erkranken, deutlich geringer. Die Lebensqualität verbessert sich und das allgemeine Wohlbefinden wird gesteigert. So weit, so gut …

Vor Kurzem habe ich mich deshalb entschlossen, im Rahmen meiner Seminare hin und wieder auch mal über das Konzept der Achtsamkeit zu sprechen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich zwar die wesentlichen Aspekte gut erklären lassen, es aber sehr schwierig ist, Menschen dazu zu bewegen, entsprechende Übungen in ihren Alltag zu integrieren. Hinzu kommt, dass ich es immer wieder, obwohl ich seit einigen Jahren regelmäßig meditiere (auf eine ganz eigene Weise), als eine besondere Herausforderung empfinde, in einem Training zu erläutern, was das mit mir macht oder wie man sich das, was ich da täglich tue, genau vorstellen kann. Bislang hatte ich zwar stets das Glück, dass in jeder Gruppe ein oder zwei TeilnehmerInnen waren, die mich in diesem Bemühen mit eigenen Erfahrungsberichten unterstützten, trotzdem blieb mir das Gefühl, dass sich bestehende Vorbehalte oder Berührungsängste auch dadurch nicht immer ausräumen ließen…

Wird also lediglich etwas, das eigentlich ganz natürlich ist, „durch Praxis gefestigt“? Warum sollte man es denn überhaupt festigen müssen, wenn es doch „ganz natürlich“ ist? Und was geschieht mit jenen Menschen, die es tun? Ist das, was sie dabei erleben, nicht sehr individuell?

Sei achtsam!

Das achtwöchige Meditationsprogramm MBSR (Mindfulness-based Stress Reduction) von Jon Kabat-Zinn ist zwar bestens erforscht. Ein solches Training wirkt unspezifisch auf den psychosomatischen Gesamt-Gesundheitszustand. So konnten in klinischen Studien positive Wirkungen der MBSR-Kurse bei der Behandlung von chronischen Schmerzzuständen, häufigen Infektionskrankheiten, Ängsten oder Panikattacken, Depressionen, Hauterkrankungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne, Magenproblemen und dem Burnout-Syndrom nachgewiesen werden. Dennoch bleibt die Frage offen, wie man die Kernbotschaften in einem ein- bis zweitägigen Seminar so vermittelt, dass die TeilnehmerInnen einen praktischen Nutzen für sich daraus ziehen können? Die meisten Achtsamkeitsübungen 2, wirken m. E. für sich genommen ein wenig unsinnig, solange sie nicht in ein stimmiges Konzept eingebunden sind bzw. mit einer entsprechenden Haltung praktiziert werden.

Des Weiteren könnte das Achtsamkeitskonzept zu der Annahme verleiten, dass es „nur“ von der inneren Einstellung abhänge, inwieweit potenzielle Stressoren die Gesundheit beeinträchtigen: Wer achtsam ist, ist auch resilient. Mit der Aufforderung „Sei achtsam!“ wird man dem Anliegen des ursprünglichen Konzepts m. E. allerdings nicht gerecht, da sie leicht dazu verführt, in der Meditation ein Instrument zu sehen, das der Selbstoptimierung dient.

Vor einigen Wochen habe ich ein Interview mit Tania Singer 3 gelesen, in dem sie über das ReSource-Projekt sprach: In dieser umfassenden Studie wurde die Wirksamkeit verschiedener Achtsamkeitsmeditationen differenziert untersucht. Hierzu wurden drei Module entwickelt: Das erste („Präsenz“) zielt auf Achtsamkeit, das zweite („Affekt“) auf sozio-emotionale Kompetenzen wie Mitgefühl, Dankbarkeit und den Umgang mit schwierigen Emotionen, das dritte („Perspektive“) auf die sozio-kognitiven Fähigkeiten, sich in andere hineinzudenken. In diesem Zusammenhang wurde auf das kostenlose E-Book „Mitgefühl“ 4 von Tania Singer und Matthias Bolz (Hrsg.) aufmerksam gemacht, in dem sich u. a. eine schöne Anleitung zu einem Trainingsprogramm für Mitgefühl findet: Das „Mindful Self-Compassion“-Training von Christopher Germer und Kristin Neff.

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Darin wird bspw. erläutert, dass Achtsamkeit das „akzeptierende Gewahrsein der gegenwärtigen Erfahrung“ sei, wir es allerdings gewohnt sind, den Großteil unseres Lebens damit zu verbringen, uns mit Problemen zu beschäftigen, „die in der Vergangenheit aufgetreten sind oder in Zukunft auftreten könnten – wobei es um Bedauern oder Sichsorgen geht.“ Obwohl das vielleicht eine gute Evolutionsstrategie war, die unserem Überleben diente, ist diese Strategie kein Rezept zum Glücklichsein, da sie Widerstand und somit Leid hervorruft. Je stärker wir also das, was in unserer Erfahrung geschieht, bekämpfen („Das darf nicht passieren!!!“), umso stärker leiden wir. Die Formel lautet: Leiden = Schmerz x Widerstand.

Hier fängt es an, paradox zu werden: „Wenn man [das] Selbstmitgefühlstraining [lediglich] dazu verwendet, die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks zu manipulieren, wird es unvermeidlich fehlschlagen. Denn das ist nichts anderes als eine subtile Form des Widerstandes. Wenn wir aber freundlich zu uns selbst sind, wie wir es beispielsweise zu einem kranken Kind sind – einfach deshalb, weil wir uns schlecht fühlen – dann entsteht als unvermeidlicher Nebeneffekt tiefe Erleichterung.“ Dieses Prinzip gilt auch dann, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht: „Im Umgang mit einem Menschen, der wirklich verletzend ist, sollte sich der Großteil unserer Aufmerksamkeit dem Selbstmitgefühl für den empathischen Schmerz widmen, den wir erleben. So bleibt unser Herz offen und verfügbar.“ Dieser Prozess trage folglich zu einer subtilen Umkehr unserer instinktiven Tendenz bei, emotionalen Schmerz zu vermeiden oder Widerstand dagegen zu leisten. „Wenn wir realisieren, dass Schmerzen im Leben unvermeidbar sind und eine sanfte Reaktion darauf die gesündeste Reaktion ist, die letztendlich zu langfristigem Glück führt, bewegen wir uns in Richtung „wahrer Annahme“.“ Sollte man sich folglich bspw. die Boshaftigkeit seiner Mitmenschen also einfach gefallen lassen und anstatt dem Impuls nachzugeben, sich dagegen zu wehren, lieber seinem Selbstmitgefühl widmen? Entspricht eine solche Sichtweise tatsächlich unseren Erfahrungen? Wo bleibt da noch Raum für das, was man Selbstermächtigung bzw. -behauptung nennt? Oder müsste man, um das wirklich zu verstehen und umsetzen zu können, ein Buddhist sein oder wenigstens jemand, der sich mit dem Buddhismus verbunden fühlt? Diese Fragen führten in meinen Seminaren zu interessanten Diskussionen.

„Der beste Aussichtsturm des Lebens ist die Gelassenheit.“ Ernst Ferstl

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Bei Wikipedia 5 kann man nachlesen, dass „die Übungen der achtsamen Körperwahrnehmung […] aus köpertherapeutischen und körperpsychotherapeutischen Methoden abgeleitet [wurden]; Yoga steht in der hinduistischen Tradition, die Sitzmeditation und Gehmeditation sind der buddhistischen Meditationspraxis […] entliehen. Bei allen Übungen steht im Vordergrund das nicht-wertende Annehmen dessen, was gerade im Augenblick wahrnehmbar ist.“ Obwohl diese Grundaussage simpel ist, stellte sich mir die Frage, wie ich es als Trainer an einem einzigen Tag schaffen kann, den TeilnehmerInnen meiner Seminare durch das Konzept der Achtsamkeit zu mehr Gelassenheit zu verhelfen? Die folgenden drei Schritte erschienen mir sinnvoll:

1. Heranführen / Neugier wecken

Vorbilder inspirieren! Die Moderatorin der „Sternstunde Philosophie“ leitete das Interview mit Jon Kabat-Zinn 6 in der Sendung vom 14.02.2016 in etwa wie folgt ein: „[…] Arianna Huffington tut es. Meg Ryan und Angelina Jolie ebenfalls. Auch Steve Jobs soll darauf geschworen haben.“ Wenn Prominente auf das Konzept der Achtsamkeit schwören, wäre das für Sie nicht allein schon Grund genug dafür, es selbst auszuprobieren? Nein? Würde es Sie vielleicht eher überzeugen, wenn man Ihnen etwas über die vielen wissenschaftlichen Studien erzählt, wie bspw. jenen aus dem Bereich der Epigenetik, die inzwischen zeigen, dass Meditation sogar die Genexpression beeinflusst? Dann wären wir aber schon beim 2. Punkt …

2. Wissen vermitteln

Informationen findet man im Internet zuhauf. Bei YouTube kann man sich z. B. mit der gekürzten Fassung des Hörbuchs „Im Alltag Ruhe finden“ 7 von Jon Kabat-Zinn umfassend informieren. Mir hat das jedenfalls sehr geholfen, eine gute Einführung zu formulieren!

3. Erfahrungen ermöglichen

Dieser Punkt ist m. E. am problematischsten. Wird Ihnen ein Konzept vorgestellt und anschließend die Möglichkeit gegeben, es selbst im Rahmen einer Übung auszuprobieren, hängt es voraussichtlich davon ab, welche Erfahrungen Sie in diesem Moment machen, ob Sie dazu geneigt sind, sich zukünftig damit zu beschäftigen oder entsprechende Übungen sogar in Ihren Alltag zu integrieren. Sind Sie allerdings nicht sofort überzeugt, werden Sie vermutlich keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. Folglich kommt es also darauf an, wie gut es Ihnen gelingt, sich auf die Übung einzulassen, bzw. wie gut es einem Trainer oder einer Trainerin gelingt, Sie auf die Methode einzustimmen, Sie anschließend anzuleiten und zu begleiten, während Sie diese ausprobieren. Darin liegt m. E. die größte Herausforderung!

Nun, manchmal sind es wohl gerade die „einfachen“ Dinge, die schwer zu vermitteln sind. Wie dem auch sei… Seien Sie bloß achtsam! 😉

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Fußnoten: