Wie „intensiv“ darf ein Seminar sein?

Stressmanagement, Umgang mit psychischen Belastungen & Burnout-Prävention: In der Abschlussrunde eines Seminars, das vor Kurzem stattfand, stellte ein Teilnehmer diese Frage zur Diskussion. Das hat mir in den letzten Tagen keine Ruhe gelassen. Wie weit darf ich mit meinen Gesprächen in einem solchen Setting gehen, ohne Gefahr zu laufen, hinterher für eine Retraumatisierung verantwortlich zu sein? Da ich es für wichtig hielt, eine stimmige Antwort darauf zu finden, habe ich mal einige meiner Überlegungen in diesem Artikel zusammengefasst.

In vielen Schulungen wird vor allem darauf geachtet, anwendbares Wissen zu vermitteln. Dafür wird in der Regel eine schöne Präsentation vorbereitet und ein Ablauf- oder Seminarfahrplan erstellt, der mit Power-Point unterstützte Vortragselemente für den theoretischen Rahmen, verschiedene Übungen und/oder Kleingruppenarbeiten sowie Diskussionen bzw. einen Erfahrungsaustausch der TeilnehmerInnen vorsieht. Ich fände es jedenfalls vollkommen in Ordnung, selbst auch so vorzugehen, tue es jedoch in der Regel nicht. Selbstverständlich überlege auch ich mir vorher grob, wie das Seminar ablaufen könnte und welche Themen vielleicht zur Sprache kommen. Tatsächlich arbeite ich dann aber meistens prozessorientiert mit dem, was die TeilnehmerInnen so mitbringen. Damit habe ich bislang immer gute Erfahrungen gemacht.

In einigen Seminaren bitte ich die bspw. darum, problematische Situationen oder Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag zu skizzieren, über die im Folgenden detailliert gesprochen werden soll. Diese bearbeiten wir dann mit einer Mischung aus SORKC-Analyse (einem Modell zur Verhaltensanalyse), zum Fallbeispiel passender Theorie und viel Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch. Zudem werden jene Fallbesprechungen mit einer praktischen Übung abgerundet, bei denen das sinnvoll zu sein scheint.

Da ich mich für verschiedene Therapieverfahren interessiere und ich viele Jahre mit Menschen gearbeitet habe, die sehr schwer oder chronisch psychisch erkrankt waren, finde ich es nicht ungewöhnlich, über belastende Gefühle oder „schwierige“ Themen zu sprechen und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen, um Lösungs- oder (wenigstens) hilfreiche Verhaltensstrategien für problematische Situationen zu entwickeln. Meine beruflichen Stationen sowie auch die intensive Auseinandersetzung mit mir selbst haben wohl dazu geführt, dass ich nicht davor zurückscheue, auch unangenehme Dinge anzusprechen. Vielleicht liegt darin aber auch eine Gefahr? Durch meine Fragen kann nämlich auch schnell mal eine seelische Verletzung spürbar werden, was dann vielleicht nur schwer auszuhalten ist. Obwohl ich mich natürlich immer darum bemühe, die Belastungsgrenze meiner Gesprächspartner im Blick zu haben und ein Gespür dafür zu bekommen, wie weit ich mit meinen Fragen gehen darf, kann ich nur schwerlich einschätzen, was aus den Gedanken und Gefühlen wird, die im Laufe eines Seminars auftauchen? Im schlimmsten Fall könnten sie zu einer zusätzlichen Belastung werden. Dass diese Befürchtung nicht ganz unberechtigt ist, wurde mir vor Kurzem aufgezeigt.

Nach einem zweitägigen Seminar zum Thema „Umgang mit Stress und psychischen Belastungen“ gab mir eine Teilnehmerin unter der Rubrik „Sonstiges/Ideen/Anmerkungen“ folgendes Feedback:

Manfred Evertz

„Der erste Tag hat Erinnerungen wieder hochgebracht, bei denen ich dachte, ich hätte sie bereits verarbeitet. Das hat dann dazu geführt, dass es mir schlecht ging. Es war schwierig für mich, mit dieser Situation vor Arbeitskollegen umzugehen. Der zweite Tag hat allerdings Lösungen dafür geboten. Ich habe erkannt, dass ich mit meinem Therapeuten noch etwas erarbeiten möchte. Herr Müller hat schneller den Punkt getroffen als die Leute in der Reha.“

Mich hat das nachdenklich gestimmt.

„Du und ich – wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“ Mahatma Gandhi

Wenn ich künftig also das Gefühl habe, ich müsste tiefer in eine Problematik einsteigen, um sie besser verstehen zu können, werde ich mir explizit eine Erlaubnis einholen, bevor ich damit anfange, Fragen zu stellen, mit denen ich vielleicht einen wunden Punkt treffen könnte. Bei jenen Themen, wo nicht so sehr in die Tiefe gegangen werden muss, halte ich das aber für überflüssig. Immerhin habe ich ja den Auftrag, die vorgetragenen Fälle zu bearbeiten. Darauf, dass gewisse Themen besser im Rahmen einer Psychotherapie besprochen werden sollten, musste ich bislang jedenfalls noch niemanden aufmerksam machen. Da ich also der Meinung bin, dass man hin und wieder auch als Trainer den Kern eines Problems erkunden sollte, um individuelle Lösungsstrategien zu entwickeln, die für die Betroffenen wirklich hilfreich sind, empfehle ich, dabei besonders achtsam zu sein.

Doch was kann man sich darunter vorstellen? In Anlehnung an das Zwei-Komponenten-Modell von Prof. Dr. Scott R. Bishop et al. (2004) verstehe ich unter einer achtsamen Gesprächsführung, dass man die eigene Aufmerksamkeit reguliert und sie auf das richtet, was man im Hier und Jetzt erlebt. Das können Gedanken, Gefühle oder Wahrnehmungen sein. Dabei achtsam zu sein bedeutet zudem, jedes Abschweifen der Aufmerksamkeit zu registrieren und sie wieder auf das zurückzuführen, was gerade ist. Von zentraler Bedeutung ist auch die Haltung, die man dabei einnehmen sollte, d.h. neugierig darauf zu sein und es zu akzeptieren. Im Grunde genommen geht es also darum, offen zu sein und alles, was da ist, unvoreingenommen und ohne Wertung zuzulassen und zunächst einmal als „mentales Ereignis“ wahr- und anzunehmen. Begegnet man einem Menschen so und ist zugleich empathisch, wertschätzend und kongruent, dann öffnen sich Türen. Das beobachte ich jedenfalls recht häufig. Deshalb ist es unabdingbar, einen funktionalen Umgang mit dem hinzubekommen, was sich dann so zeigt.

Hier kommen jene Herangehensweisen und Techniken ins Spiel, die zum Teil aus dem psychotherapeutischen Kontext stammen. Das gilt insbesondere dann, wenn über Stresssymptomatiken gesprochen und gefragt wird, was man gegen diese tun könne. So wurde zum Beispiel die Tendenz zum Grübeln bereits von etlichen Seminarteilnehmern zum Thema gemacht. Die Strategien, mit denen man es stoppen kann, sind schnell und leicht zu vermitteln. Das gilt übrigens für sämtliche Methoden aus dem Bereich der Emotionsregulation. In Stressmanagement-Seminaren gehören sie nicht ohne Grund zu den Standards. Im Grunde genommen ist die Grenze zur Psychotherapie also allein deshalb schon fließend. Deshalb sollte man sie m. E. immer gut im Blick haben. Das ist eine der großen Herausforderungen, die die Arbeit in Gruppen mit sich bringen kann.

Im Einzelcoaching ist das etwas klarer: So wird beim Entwicklungscoaching bspw. eine ganzheitliche Perspektive mit explizitem Bezug auf die Persönlichkeit sowie die jeweiligen Lebensthemen der Klienten/-innen eingenommen, wofür verschiedene Methoden aus dem Bereich der Psychotherapie eingesetzt werden können. Die Klienten/-innen sollten psychisch stabil bzw. gesund sein. Psychische Störungen werden durch das Auftreten von bestimmten Symptomen (Dauer, Anzahl, Schweregrad) definiert. Sofern „lediglich“ pathologische Veränderungen vorliegen, die nicht zu Symptomen führen, wird demnach nicht von einer psychischen Krankheit gesprochen, sondern allenfalls von einer Krankheitsdisposition. Ist hingegen der Leidensdruck auf der Ebene des Fühlens, Erlebens und/oder in Beziehungen stark ausgeprägt bzw. sind bereits psychische und/oder körperliche Beinträchtigungen bzw. Erkrankungen oder Symptome zu erkennen, die therapeutisch behandelt werden sollten, kommt das Coaching an seine Grenzen. Folglich wäre dann eine Psychotherapie zu empfehlen.

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Notfallpsychologie – Interview mit Prof. Dr. Bernd Gasch

Vom 11. bis zum 13. Oktober 2018 fand in Hamburg die 5. Fachtagung Notfallspsychologie statt. Im Anschluss daran hatte ich die Gelegenheit, ein persönliches Gespräch mit Prof. Dr. Bernd Gasch zu führen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit einem Gebiet zu beschäftigen, das sich mit Notfällen und den entsprechenden Aspekten und Aufgaben befasst, die für die Psychologie von Interesse sind?

B. G.: Es ist schon etliche Jahre her, da fuhr ich auf dem Heimweg nach Nordkirchen im Münsterland mit meinem Auto an einer Unfallstelle vorbei und sah dort einen verletzten Motorradfahrer liegen. Da der Krankenwagen bereits unterwegs war, konnte ich zwar weiterfahren, stellte mir daraufhin aber die Frage, was ich in einer solchen Situation eigentlich hätte tun können? Woran ich auch dachte, die gängigen Interventionsmöglichkeiten erschienen mir allesamt nicht zweckmäßig zu sein: Ein Tiefenpsychologe hätte vielleicht analysiert, in welchem Zusammenhang dieses Ereignis mit der Beziehung steht, die der Verunglückte zu seinen Eltern hat? Ein Verhaltenstherapeut wäre eventuell auf Idee gekommen, die ein oder andere Entspannungstechnik aus seinem Methodenkoffer hervorzuholen. Auch Viktor Frankls Frage nach dem „Sinn“ hätte hier wohl nicht geholfen. Also sprach ich mit meinem Kollegen Frank Lasogga darüber, der anmerkte, dass es so etwas wie eine Fünf-Minuten-Kurzzeittherapie wohl nicht gäbe. Daraufhin beschlossen wir, ein Buch über die psychologische Erste Hilfe bei Unfällen zu schreiben.

Womit haben Sie sich eigentlich (vorrangig) befasst, bevor Sie diese Idee hatten?

B. G.: Offiziell habe ich eine Professur für Psychologie mit dem Schwerpunkt Pädagogische und Unterrichtsspsychologie. Dafür wurde ich damals an der Pädagogischen Hochschule Ruhr eingestellt, die nach einem halben Jahr meiner dortigen Tätigkeit mit der Universität Dortmund zusammengeführt wurde. Das war ein recht streitvoller Prozess. Eine Folge davon war es, dass ich dort zunächst innerhalb der Lehrerausbildung keine konkreten Zuständigkeiten hatte. Man sagte mir: „Machen Sie halt mal was!“ Die acht Lehrstunden pro Woche, die ich laut meines Vertrags abhalten durfte, habe ich dann nach eigenem Gutdünken gefüllt.

Womit?

B. G.: Ich habe zunächst eine „Einführung in die Psychologie“ für alle angeboten, vor allem für Lehramtsstudenten und Diplom-Pädagogen. Das hat sich dann jahrzehntelang fortgesetzt. Diese Vorlesungen wurden jeweils von ca. 600 Studentinnen und Studenten besucht. Des Weiteren habe ich klassische Themen abgearbeitet, von denen ich vermutete, dass LehrerInnen davon einen Nutzen davon hätten, z. B. Lerntheorien und Intelligenzforschung, Ein bis zwei Themen waren jedoch immer etwas außergewöhnlicher. So habe ich einen Kompaktkurs „Gesprächsführung in Problemsituationen“ konzipiert, den ich auch jetzt noch in der Weiterbildung für Schulleiter anbiete. Weitere Sonderveranstaltungen waren „Kreativitätsförderung“ oder ein Seminar zum Thema „Meine eigenen Schulerfahrungen und die Konsequenzen für den Lehrerberuf“. Interessant für die Studierenden war auch das Seminar „Prüfungsvorbereitung und -technik“, im Verlauf dessen die Studenten/-innen auch mich zu einem Thema ihrer Wahl prüfen und dieses Szenario mit einer Videokamera aufnehmen sollten. Dabei habe ich aufzeigen können, dass es gewisse Strategien gibt, mit denen man sich selbst dann herausreden kann, wenn man mal in die Klemme kommt.

Was ja auch irgendwie „Notfallpsychologie“ ist, wenn auch in einem ganz anderen Sinne…

B. G.: Dann kam ein neuer Strang hinzu: Der ehemalige Rektor und der ehemalige Kanzler hatten die Idee, an der Universität Dortmund auch Diplom-Psychologen auszubilden. Bei der Beantragung gab es jedoch Probleme. Zudem witterte die Universität Bochum Konkurrenz, weshalb wir dann ersatzweise einen „Zusatzstudiengang Organisationspsychologie“ einrichteten. Ich hatte zwar immer wieder mal überlegt, ob ich mich vielleicht irgendwo anders bewerbe und die Universtität wechsle, blieb aber doch in Dortmund; denn in dieser Zeit war ich bereits Dekan und wurde in den 1990er Jahren auch einer der Pro-Rektoren.

Obwohl ich in diesen Positionen weniger lehren musste, ließ ich mir die Freude nicht nehmen, mir für die verbleibenden Stunden etwas Neues einfallen zu lassen. Aufregend fand ich insbesondere ein Seminar zum „Abbau unerwünschter Hemmungen“, da ich bis dato überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wovor die Studenten/-innen Hemmungen hatten (beispielsweise sich zu melden oder in ein Mikrophon zu sprechen). Im Rahmen dieses Seminars führten wir dann auch verschiedenartige öffentliche Mutproben durch. In einer davon ging es darum, mit zwei unterschiedlichen Schuhen in der Stadt umherzulaufen. Dabei gab es dann einen herrlichen Vorfall, an den ich mich noch bestens erinnere: Ich stellte mich selbst mit zwei verschiedenen Schuhen vor ein Schuhgeschäft und erklärte den Passanten, welche Vorteile es hat, so herumzulaufen, bis der Geschäftsführer aus dem Laden kam und mich ärgerlich fragte, was ich denn da tue? Als ich es ihm erklärte und ihm anbot, ihm diese Geschäftsidee zu verkaufen, war er empört und rief die Polizei. Als diese daraufhin kann, erklärte ich auch dem Polizisten meinen Vorschlag. Ich sollte dann dem Geschäftsführer meine Adresse nennen, was ich auch ohne Bedenken tat. Der kündigte dann eine Reaktion seiner Zentrale an, auf die ich mich wirklich freute, die aber leider nicht erfolgte. Die zuschauenden Studenten sollten lernen, sich nicht vor Autoritäten zu fürchten, wenn sie sich im Recht fühlten. Jedenfalls amüsierten sie sich köstlich.

Was hat Sie damals dazu motiviert, Psychologie zu studieren?

B. G.: Oberflächliche Antwort: In der Abiturklasse wurden wir eines Tages alle gefragt, was wir studieren wollen? Ich hatte damals den Vorsatz, mir ein Fach auszuwählen, das sonst niemand studierte. Zwar habe ich es trotzdem zunächst mit einem Semester Jura probiert, bin dann allerdings rasch zur Psychologie gewechselt, obwohl meine Eltern etwas ängstlich waren, da die Psychologie damals nicht zu den Studienfächern zählte, mit denen man Geld verdienen könne.

Tiefergehende Antwort: Ich bin 1941 in der Tschechoslowakei geboren und damit „Heimatvertriebener“. 1946 wurden dort alle Deutschen „entfernt“ und landeten zunächst in einem Flüchtlingslager. Damals war ich vier Jahre alt. Daraus entstand wohl irgendwie der Wunsch, Dinge, die Menschen tun, zu ordnen, weil zu jener Zeit alles irgendwie durcheinander ging…

Warum haben Sie aus der Notfallpsychologie ein eigenständiges Fachgebiet innerhalb der Psychologie gemacht? Anders gefragt: Warum wurden diese Erkenntnisse nicht „einfach“ der Sozialpsychologie zugeordnet?

B. G.: Frank Lasogga und ich haben einen Antrag auf Förderung des Projekts Notfallpsychologie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt. Der wurde abgelehnt. Die Begründung war vermutlich, dass man nicht genau wusste, welchem Gutachter man den Antrag zuschicken sollte: den Arbeitspsychologen, den Verkehrspsychologen, den Therapeuten oder wem sonst? Das Fach lag denen sozusagen zu sehr zwischen den konventionellen Fächern. Anders war es beim Bund Deutscher Psychologen (BDP): Hier hat sich die Notfallpsychologie inzwischen etabliert. Zu der heutigen Tagung, die der BDP organisiert hat, kamen immerhin ca. 80 Teilnehmer aus zahlreichen Ländern.

Die Notfallarten sowie die damit einhergehenden Interventionsmöglichkeiten weisen auf ein breites Forschungsfeld hin. Gibt es darunter Bereiche oder Themen, die Sie besonders interessieren?

B. G.: Ein Thema, das mich besonders interessiert, ist der öffentliche Suizid. Warum? Eigentlich hatte ich Angst, dass ich mal an einem solchen Notfall vorbeikomme und angesprochen werde, ich solle da helfen. Darauf wollte ich vorbereitet sein.

Das zweite Thema ist „Panik“. Grund dafür war ein persönliches Erlebnis. Es gab mal eine notfallmedizinische und notfallorganisatorische Übung im Westfalen-Stadion in Dortmund, zu der ich eingeladen wurde und bei der ein Großunfall simuliert wurde: Ein Feuer sei durch das Verhalten von Hooligans entstanden! Dann kam ein Polizist zur Lautsprecherkabine und machte die m. E. vollkommen unmögliche Durchsage, dass „durch das unvernünftige Verhalten einiger Chaoten“ ein Brand enstanden sei. Als ich ihn daraufhin auf diese für mich unangebrachte Formulierung ansprach, erhielt ich lapidar die Antwort: „Machen Sie’s doch besser“, was ich dann auch mit einer alternativen Durchsage versuchte“. Das war der Startpunkt, mich intensiver mit der Panik zu beschäftigen und entsprechende Kapitel zu schreiben.

Gab es im Laufe der jungen Geschichte der Notfallpsychologie Erkenntnisse, die Sie überrascht haben?

B. G.: Für mich war eine der überraschendsten Erkenntnisse, was ein Helfer zu einem Notfallopfer sagen sollte, bevor der Rettungswagen kommt. Die bislang vorherrschende Meinung war, dass man nach „Rogers und Tausch“ vorgehen solle, also „echte positive Wertschätzung, emotionale Wärme, und einfühlendes Verständnis“ zeigen sollte. „Oh, das ist ja wirklich schlimm. Ich kann das wirklich gut nachfühlen!“ Später haben wir Unfallopfer im Krankenhaus interviewt. Ein Patient sagte, dass er diese Formuierungen nicht positiv empfunden hatte und äußerte: „Der wollte mich ja nur trösten“. Was braucht ein Notfallopfer stattdessen? Ordnung im Chaos und Information! Das erreicht man, indem man sagt, wer man ist, konkret fragt, welche Hilfestellungen der- oder diejenige braucht und ihn informiert, dass und wann bspw. der Rettungswagen kommt. In aller Kürze geht es also darum, die kognitive Seite zu betonen, nicht die emotionale. Wir haben dann dieses Vorgehen in vier Regeln für Laien sowie in ca. zwölf für professionelle Helfer zusammengefasst.

Gibt es einen Menschen, der Sie besonders inspiriert hat? Wer war das und warum?

B. G.: Mein ehemaliger Lehrer, Walter Toman, Der ist zwar nicht sehr bekannt, hat aber alle seine Assistenten enorm beeinflusst. Er war ein hagerer, fast unsicherer wirkender Mensch und entsprach damit nicht dem Klischee eines Idols. Aber er hat sich im besonderen Maße um seine „Zöglinge“ gekümmert und sie umfassend und gut betreut. Jeder von uns musste zum Beispiel unter seiner Supervision einen anderen Menschen therapeutisch begleiten. Er war einerseits psychoanalytischer Therapeut, war aber auch viele Jahre in Amerika gewesen und hat dort behavioristisches Denken adaptiert und mit den analytischen Theorien verbunden. Eine Schlüsselveranstaltung von ihm ging um Gesprächsführung (Exploration). Dort hat er ein „Gespräch“ mit einem ihm fremden Menschen geführt und anschließend eine Zusammenfassung vorgetragen. Dabei habe ich einige Regeln gelernt, die er uns implizit vermittelt hat, zum Beispiel wie man einen anderen Menschen akzeptiert, aber auch „öffnet“. Seine Vorgehensweise bestand u. a. darin, keine neuen Themen in ein Gespräch einzuführen, sondern immer nur an dem anzuknüpfen, was der andere sagt.

Haben Sie sich durch die dauerhafte Auseinandersetzung mit der Notfallpsychologie in irgendeiner Weise verändert?

B. G.: Wenig. Und das liegt daran, dass ich nicht aus altruistischen Gründen darauf gekommen bin, mich damit zu beschäftigen, also nicht wegen eines Helfersyndroms. Mein Motiv war der Ärger über die eigene Wissenschaft, dass sie für diese Situationen nichts Wesentliches beizutragen hatte. Es war bei mir also eher ein wissenschaftliches Interesse.

Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich zurzeit? Oder lassen Sie Ihre Arbeit allmählich ausklingen, um Ihren Ruhestand einzuleiten?

B. G.: Letzteres. Die Tendenz geht in Richtung eines ausgedehnteren Ruhestands. Ich habe zunächst freiwillig ein Jahr länger gearbeitet, als ich es gemusst hätte. Was tue ich ab jetzt? Nun: Der Vorschlag meiner Frau, mehr im Garten zu helfen, missglückte total. Aktuell bilde ich noch leitende Notärzte dahingehend aus, wie sie sich in komplexen Situationen unter Stress verhalten sollten, also in dem, womit sich auch Dietrich Dörner lange Zeit beschäftigt hat. Das werde ich wahrscheinlich noch eine ganze Weile tun. Fortführen werde ich auch die Seminare „Schwierige Gesprächsführung“ für Schulleiter.

Gibt es etwas, das Sie der nachfolgenden Generation von Psychologen mit auf dem Weg geben wollen?

B. G.: Ja. Kümmert euch um das Verhalten der Menschen und nicht um Worte! Gebt euch bspw. nicht mit einer Floskel wie „Kooperation“ zufrieden, sondern geht eine Stufe tiefer und schaut, wie sich diese auf der konkreten Verhaltensebene zeigt. Im Grunde genommen bin ich also ein Behaviorist. Aber nicht wie im manipulativen Sinne, wie Watson oder Skinner diesen wohl verstanden haben. Ich meine damit, dass ich mir das Verhalten angucke, das mir die Menschen anbieten, ohne sie in irgendeine Richtung beeinflussen zu wollen. Mein Leitspruch lautet also: Schaut, was die Leute tun, nehmt es zur Kenntnis und zieht dann Schlüsse! Eine Übungsaufgabe für Studenten war: Geht mal unvoreingenommen für eine Stunde auf einen öffentlichen Kinderspielplatz und schreibt alles auf, was dort geschieht. Dadurch bekommt ihr Einblicke, die wirklich interessant sind!

Gerade fand in Hamburg die 5. Fachtagung Notfallpsychologie statt. Gibt es in diesem Zusammenhang etwas Interessantes zu berichten?

B. G.: Auf der Tagung wurde deutlich, dass sich die Notfallpsychologie in eine neue Richtung entwickelt. So entdecken die jungen Notfallpsychologen insbesondere größere Unternehmen und Organisationen als Kundenkreis. Dabei geht es zum Beispiel um die Prävention von Suiziden unter den Mitarbeitern etc. Wahrscheinlich sind derartige Zielgruppen auch deshalb so interessant, weil sich damit Geld verdienen lässt. Es wurden inzwischen Beratungsunternehmen gegründet, die sich mit solchen Problematiken beschäftigen, und entsprechende Lösungen anbieten. Dies wurde jedoch in der Tagung kontrovers diskutiert („Kapitalismus!“). Ein weiterer Trend, der auf der Tagung festzustellen war, erfreut mich allerdings sehr: Die Internationalität nimmt offensichtlich zu!

Betrachten Sie und Prof. Dr. Frank Lasogga sich als die „Urväter der Notfallpsychologie“?

B. G.: Nein, obwohl wir schon manchmal so bezeichnet worden sind. Vielleicht liegt der Grund darin, dass wir das Thema schon sehr früh aufgegriffen haben und mit Beharrlichkeit versucht haben, nahezu alle Aspekte der Thematik einzubeziehen. Dies hat dazu geführt, dass unser letztes Buch „Notfallpsychologie“ offenbar ein „Standardwerk“ geworden ist. Frank und ich hatten aber bestimmt nie die Absicht, „Urväter“ zu werden.

Prof. Dr. (em.) Bernd Gasch, geb. 1941, Dipl-Psych. Promotion an der Universität Erlangen. Tätig in Augsburg, Mannheim. Seit 1979 Professur an der Universität Dortmund, Forschungsaufenthalte in Mailand, Australien, USA. Forschungsgebiete: Pädagogische Psychologie, Organisationspsychologie, Notfallpsychologie.

Literaturhinweis:

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Mobbing verändert Menschen!

Wenn wir nicht mehr so sein können, wie wir einmal waren… Wer von Mobbing betroffen ist oder war, muss ein furchtbarer oder labiler Mensch sein, zumindest aber „schwierig“ im Umgang. Zum Streiten gehören nämlich immer zwei! Außerdem sei es ja lediglich ein mögliches Resultat mangelnder Selbstwertschätzung, wenn man sich zur Zielscheibe der Feindseligkeiten anderer mache. Wenn ich solche Aussagen höre, erkenne ich darin vor allem Ignoranz oder Überheblichkeit. Jeder Konflikt, der sich nicht ohne Weiteres auflösen lässt, bringt für die Betroffenen eine erhebliche psychosoziale Belastung mit sich, die sich selbstverständlich auf die Psyche auswirkt und die Persönlichkeit nachhaltig verändern kann. Wie das genau geschieht, wurde bereits hinlänglich untersucht und beschrieben.

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Der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Argeo Bämayr schlägt in diesem Zusammenhang bspw. vor, zum Zwecke einer angemessenen Behandlung eine eigenständige Diagnose ins ICD (International Classification of Diseases) aufzunehmen. Seiner Meinung nach ist vor allem die sehr häufig verwendete Diagnose „Anpassungsstörung“ äußerst unangebracht für die Betroffenen einer „Mobbing-Katastrophe“. So ist das „Bedrängnis“ bei Mobbing keineswegs „subjektiv“ (was eine Voraussetzung dafür wäre), sondern „objektiv“. Niemand könne sich einem Psychoterror mit dem Zweck einer psychosozialen Destabilisierung „anpassen“. Zudem führt eine solche Diagnose leicht zu einer klassischen Opferbeschuldigung und ist somit diskriminierend. Dr. Bämayr weist in diesem Zusammenhang eindringlich auf das Problem einer Verkehrung von Ursache und Wirkung hin, d. h. dass vielen Betroffenen unterstellt werde, ihre Erkrankung sei die Ursache und nicht eine Folge von Mobbing.

Bei der Primärdiagnose „Mobbingsyndrom“, die in „NeuroTransmitter“ (Heft 11/2006) erstmals benannt wurde, lassen sich vier Stadien erkennen: Nach der akuten Belastungsreaktion folgt eine „kumulative“ traumatische Belastungsstörung (mit Depressionen, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen, Vermeidungsverhalten, Schlafstörungen, Grübelzwängen, eingeengtem Denken u.v.m.). Diese wiederum mündet in einer Posttraumatischen Belastungsstörung, welche im schlimmsten Fall andauernde Persönlichkeitsveränderungen nach Extrembelastungen nach sich zieht.

Dr. Argeo Bämayr

Die posttraumatische Verbitterungsstörung, wie sie Prof. Dr. Michael Linden (Leiter der „Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation“ an der Charité Universitätsmedizin Berlin) vorschlägt, weist hierzu einige Parallelen auf. So können auch gesunde bzw. stabile Persönlichkeiten unter den Belastungen einer anhaltenden Mobbingsituation psychisch und körperlich erkranken. Sie ließe sich als ein den Beginn der Krankheit herbeiführendes „außergewöhnliches Lebensereignis“ betrachten, vor allem dann, wenn die Betroffenen zuvor keine psychischen Auffälligkeiten zeigten. Der Zusammenhang zwischen der psychischen Befindlichkeit und diesen Ereignissen ist offenkundig. In Gesprächen berichten die Menschen immer wieder von empfundenen Ungerechtigkeiten und wirken emotional erregt, wenn sie an ihre Erlebnisse erinnert werden. Viele Betroffene betrachten sich selbst als Opfer und sind hilflos, mit dem Ereignis oder mit dessen Folgen umzugehen. Nicht selten geben sie sich selbst die Schuld bzw. werfen sie sich vor, sich nicht wirkungsvoll zur Wehr gesetzt zu haben bzw. nicht adäquat damit umgehen zu können. Des Weiteren berichten sie oftmals über intrusive Erinnerungen an das kritische Ereignis. Manche Patienten äußern Suizidgedanken. Begleitende Gefühle können sein: Dysphorie (Missstimmung), Aggressivität und Niedergeschlagenheit, die einer melancholischen, depressiven Verfassung (mit psychosomatischen Syndromen) ähnelt. Weitere unspezifischere Symptome sind Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen oder Ängste, die sich auf die Orte oder Personen beziehen, die mit dem besagten Ereignis in Verbindung stehen. Der Antrieb dieser Menschen ist nicht selten reduziert oder sogar blockiert.

Zur Behandlung einer Verbitterungsstörung schlägt er übrigens eine spezielle – eigens von ihm entwickelte – Therapie vor, mit der er im Rahmen seiner Tätigkeit als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin sowie als Psychotherapeut sehr gute Erfahrungen gemacht hat: die Weisheitstherapie.

Prof. Dr. Michael Linden

Doch ist eine Psychopathologisierung der Betroffenen tatsächlich hilfreich? Zum Zwecke einer zielgerichteten Therapie ist sie es mit Sicherheit. Allerdings scheint mir dabei leicht vergessen zu werden, wie normal derartige Wesensveränderungen eigentlich sind, wenn man sich in einer ständigen psychosozialen Belastungssituation (wie bspw. Mobbing) befindet.

Sind Menschen längere Zeit in einem Konflikt verstrickt, dann neigen sie stärker als sonst dazu, Ereignisse in ihrer Wahrnehmung zu selektieren, zu filtern oder zu verzerren. Sie hören ihrem Gegenüber nicht mehr genau zu und sehen nur noch das, was sie zu sehen glauben. Schnell entwickelt sich dabei eine Art Tunnelblick. Die Wahrnehmung wird von Denkmustern gesteuert, was dazu führen kann, dass man nur noch sieht, was man denkt. Dies wiederum erleichtert die Entstehung sogenannter Denkfehler, die Aaron T. Beck bereits bei seinen Patienten entdeckte, die er aufgrund einer Depression behandelte. Übergeneralisierungen, willkürliche Schlussfolgerungen und dichotomes Denken nehmen zu. Schnell werden andere Menschen kategorisch in „gut“ und „böse“ unterteilt. Es kommt zu Verdächtigungen, Missverständnissen und Fehlinterpretationen, wenn es um das Verhalten des Kontrahenten geht. Das Tragische dabei ist, dass sich beide Parteien im Recht fühlen, weil sie der Überzeugung sind, dass die Dinge genauso sind, wie sie darüber denken.

Auch die Gefühle werden selbstverständlich in Mitleidenschaft gezogen. Aufgrund der akuten Bedrohung werden Ängste zur handlungsleitenden Emotion. Man fühlt sich der Situation ausgeliefert, empfindet Ohnmacht, wird unsicher, misstrauisch und empfindlich. Um sich selbst zu schützen bildet man einen Schutzpanzer oder spaltet einzelne Gefühlsbereiche aus dem Erleben ab. Allmählich geht die Empathiefähigkeit verloren. So wirkt man auf den Konfliktpartner kühl und berechnend, zumindest solange, bis sich die aufgestauten Emotionen in einem Ausbruch entladen. Diese Explosionen führen dann schnell dazu, dass Außenstehende einen als unberechenbar oder psychisch instabil wahrnehmen.

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In einer derartigen Stresssituation werden Überlebensinstinkte wach, die archaische Reaktionsmuster auslösen: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Das Ego zentriert sich immer mehr auf die unerfüllten sozialen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Verbundenheit, Anerkennung, Wertschätzung etc. Es wird starr und zwanghaft. Dass sich dann auch das Verhalten verändert, scheint auf der Hand zu liegen. Man reagiert oftmals nur noch instinktgesteuert bzw. ohne Besinnungspausen einzulegen auf das Verhalten des Konfliktpartners. In Verstrickungen eines solchen Ausmaßes neigen Menschen (oftmals ohne es kontrollieren zu können) immer mehr dazu, frühkindliche Bewältigungsstrategien zu nutzen: Sie schreien sich an, erkranken, ziehen sich zurück oder bemühen sich verkrampft darum, immer alles richtig zu machen.

Das aber sind vollkommen menschliche Reaktionen, die man gelegentlich (zumindest im Ansatz) auch bei „gesunden“ Menschen beobachten kann, wenn diese in einer emotional belastenden Auseinandersetzung verstrickt sind oder sie vor einem Zerwürfnis stehen. Mobbing ist allerdings mehr als nur ein einfacher Konflikt, da eine fundamentale Unterlegenheit damit einhergeht, die oftmals zu Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweiflung führt. Es ist für mich zwar verständlich, dass man sich im Rahmen einer Therapie darum bemüht, die Betroffenen wieder zu stärken und zu schauen, was bei ihnen vielleicht zu einer erhöhten Empfindlichkeit bzw. Vulnerabilität beigetragen haben könnte, grundsätzlich halte ich die entsprechenden Reaktionsmuster allerdings für normal. Jedenfalls sind sie für mich absolut nachvollziehbar.

Sollten Sie sich durch diesen Artikel angesprochen fühlen, sind Sie herzlich willkommen, sich dem Fachforum bei XING anzuschließen. Weitere Informationen und Unterstützungsangebote finden Sie auf der Webseite www.fachforum-mobbing.de.

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Literatur:

  • Bämayr, Argeo (2012). Das Mobbingsyndrom. Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt. Munich University Press. Hier finden Sie das Buch bei Amazon (Werbung).
  • Linden, Michael. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. In: Fuchs, Thomas & Berger, Mathias. Affektive Störungen. Klinik – Therapie – Perspektiven (Kapitel 8). Schattauer (2013).

Weitere Quelle:

  • Ballreich, Rudi & Hüther, Gerald (2010). Du gehst mir auf die Nerven! Neurobiologische Aspekte der Konfliktberatung. Ein Workshop, Zürich 2010. DVD: Audiotorium Netzwerk.

Psychotherapie, Coaching & Organisationsberatung – Interview mit Dr. Bernd Schmid

Im März hatte ich die Gelegenheit, Dr. Bernd Schmid in Wiesloch zu besuchen und mit ihm über seine Arbeit zu sprechen. Da ich mich auf dieses Gespräch allerdings nicht richtig vorbereiten konnte, habe ich ihn darum gebeten, mir im Nachklang – also im Rahmen eines Interviews – ein paar Fragen zu beantworten. Sollte es Sie also auch interessieren, was sich hinter der „Systemischen Transaktionsanalyse“ verbirgt, welche Erfahrungen ihr Begründer mit den verschiedenen Verfahren oder Lehren machen durfte, die im Coaching sowie im psychotherapeutischen Kontext einen gewissen Ruhm erlangt haben, oder was ihn überhaupt dazu angetrieben hat, sich mit derartigen Fragestellungen zu befassen, dann finden Sie hier einige Antworten!

Wer ist Dr. Bernd Schmid?

Wer ich bin? Eine gelungene Promenadenmischung vielleicht?! Irgendwie bin ich jedenfalls ein bunter Hund, der nirgends richtig hineingepasst hat und deswegen immer seinen eigenen Weg suchen musste. Die Evolutionsleute nennen solche Kreaturen – wenn ich mir schmeichle – „hopefull monsters“. Sie sehen aus wie Missgeburten, sind aber vielleicht der Anfang einer neuen Spezies. Die Evolution macht viele Experimente und das Schicksal eines Einzelnen interessiert nicht, so dass viele Unangepasste Schiffbruch erleiden und untergehen. Irgendwie haben mich aber glückliche Umstände, einige Talente und Ambitionen sowie viel Fleiß davor bewahrt. Zudem hatte ich immer ein Gespür dafür, wohin sich meine Umwelt entwickeln wird, und lag damit eigentlich nie wirklich falsch. Im Laufe der Zeit konnte ich das immer besser formulieren und entsprechend agieren.

So habe ich auf meinem beruflichen Werdegang viele Bereiche kennengelernt, wollte mich jederzeit frei dorthin bewegen, wo ich es wirklich interessant fand, habe immer neue Aufbrüche gewagt, wenn Möglichkeiten zu Vorschriften, wenn Lehren zu Dogmen verkamen. Daneben bin ich wohl als Entwickler und Unternehmer begabt, so dass aus Ideen, die viele haben, eine Schatzkiste stimmiger Konzepte und Vorgehensweisen geworden ist und ein erfolgreiches Unternehmen. Die isb-Konzepte gehören mittlerweile in vielen Feldern zum Hand- und Denk-Werkzeug von Professionellen.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, sich beruflich vorrangig mit psychologischen Themen zu befassen und im therapeutischen Bereich tätig zu werden?

Der Psychologie Jung’scher Prägung bin ich zunächst in meiner Schwiegerfamilie begegnet, der Pädagogischen Psychologie und der Sozialpsychologie im Studium. Die Gruppendynamik und die humanistischen Verfahren habe ich mir dann selbst gesucht. Psychotherapie faszinierte mich viele Jahre mit wechselnden Schwerpunkten. Die 68er-Zeit des Aufbruchs erlaubte da viel Wildwuchs, so dass ich ab 1976 fast 20 Jahre als Psychotherapeut praktizierend und später auch lehrend tätig war.

Aber fangen wir mal ganz von vorn an: Ursprünglich wollte ich Lehrer werden, war aber kein besonders guter Schüler. Da habe ich gehört, dass man auch in der Wirtschaft als Lehrer tätig sein könne. So habe ich in Mannheim Wirtschaft studiert mit dem Ziel Handelslehrer. Im Studium begann ich dann, mich mit Hochschuldidaktik zu beschäftigen. Denn mir war schnell klar geworden, dass die herkömmlichen Lernformen wenig taugen. Die Leute müssen statt dessen miteinander reden und arbeiten, um wirklich zu lernen. Deshalb habe ich mich dann in meiner Diplom- und Doktorarbeit unter anderem mit der Gruppendynamik beschäftigt. Das war die einzige Methode, die man damals kannte, die hierzu etwas beisteuern konnte. Und so begann ich, zunächst an der Universität, später dann überregional Seminare in Gruppendynamik anzubieten. Allmählich bin ich ins freiberufliche Seminargeschäft reingewachsen, ohne dass mir damals bewusst war, was sich daraus entwickeln würde.

Anfang der 70er Jahren sind die Wellen der Humanistische Psychologie in den Heidelberger Raum geschwappt: Klientenzentrierte Gesprächstherapie, Psychodrama, Körpertherapie, Gestalttherapie und so weiter. Das habe ich dann alles mitgemacht. 1976 kam ich mit der Transaktionsanalyse in Kontakt. Ich fing sofort Feuer und begann eine systematische Ausbildung. Meine internationalen Examina machte ich 1979 als klinischer Transaktionsanalytiker in Aix-en-Provence und 1986 als Lehrtrainer und -supervisor in Barcelona. In den 80er-Jahren habe ich dann die systemische Transaktionsanalyse formuliert und über viele Jahre später mit Schwerpunkt Coaching ausgebaut. Ich war von der klassischen TA doch schon recht weit weggedriftet, als ich 2007 als europäischer Vertreter auf die internationale TA-Konferenz in San Francisco eingeladen wurde, 31 Jahre nachdem ich TA dort auf einer internationalen Konferenz kennengelernt hatte. Dort hat man mir als erstem Deutschen und weltweit erstem Vertreter des Organisationsbereichs die wohl bedeutsamste internationale Auszeichnung den „Eric Berne Memorial Award“ verliehen. Das war heilsam.

Zwischendrin hatte ich bei Milton Erickson und NLP-Vertretern studiert. Mit der Jungianischen Psychologie hatte ich mich ohnehin schon seit Jahren beschäftigt. Und über die Gruppe um Helm Stierlin in Heidelberg war ich mit dem systemischen Gedankengut in Kontakt gekommen und habe schließlich zusammen mit Gunthard Weber das Institut für systemische Therapie und Transaktionsanalyse, wie es damals hieß, gegründet. Mir erschien manches der Orientierung der TA an der Psychotherapie des letzten Jahrhunderts mit der Zeit antiquiert. Man hat ja nicht nur Defizite, Störungen und pathologische Beziehungen, sondern auch Begabungen, Kompetenzen und kreative Beziehungen! Statt den Blick dafür zu schärfen, mit wem ich mich in tragisch endende sexuelle Spiele verstricken könnte, wäre es sinnvoll zu erkennen, mit wem ich ein gutes Lern- und Arbeitsbündnis entwickeln könnte? Ressourcenorientierung macht den Unterschied und die Entwicklung professioneller Rollen.

Die damalige Psychotherapie war mir zu überwertig von einer Ideologie des ›Befreiens von etwas‹ getragen: Wenn ich, so die Annahme, Eierschalen biografischer Art, die mich noch an einer völlig freien Bewegung hindern, abstreifen würde, dann würde ich flügge werden. Das stimmt aber nicht, denn man muss auch fliegen lernen. Vielleicht schafft man es ohne die Schalen, das Nest zu verlassen und zu lernen. Ob man ein guter Flieger wird, hat aber sehr viel mit Kompetenz zu tun. Wenn man passend zum eigenen Wesen lernt, in der Welt etwas zu tun, ist das die beste psychotherapeutische Versorgung. Von daher bin ich immer eher auf der Seite der Lernkultur mit therapeutischen Effekten als auf der Seite der Psychotherapiekultur.

Dennoch hatte ich mich zwar nicht den dogmatischen Strebungen in der TA-Szene, aber doch der Professions, -Weiterbidlungs- und Prüfungskultur immer dankbar verbunden gefühlt.

Warum haben Sie sich später dazu entschieden, in die Organisationsberatung zu wechseln?

Da gab es weltanschauliche Gründe. Ich fand, dass der „Reparaturbetrieb Psychotherapie“ zwar einzelnen hilft, aber die gesellschaftlichen Probleme nicht wirksam angeht, und suchte nach weiteren Hebeln. Auch war mir selbst die systemische Orientierung dieser Zeit zu dogmatisch geworden. So war bspw. auch das systemische Therapieverständnis in sich dann einseitig oder unzureichend, wenn es die inneren Steuerungsprozesse der Menschen vernachlässigte und sich nur auf Beziehungs- Systeme fokussierte. Zudem fand ich es unpassend, Psychotherapie in gesellschaftliche Felder zu übertragen, die nach anderen Spielregeln funktionieren. Dort mussten andere Rollen, andere Kontexte, andere Beziehungslogiken und andere Verantwortlichkeiten im Vordergrund stehen. Im Organisationsbereich müssen die Selbststeuerungen und Beiträge zum System auch unter ökonomischen, rechtlichen, markt- oder branchenorientierten Gesichtspunkten Sinn machen bzw. anschlussfähig sein. Ganzheitlichkeit kann eben auch heißen, unternehmerische und andere gesellschaftliche Belange nicht nur im Prinzip mit zu berücksichtigen, sondern durch konkrete Entwicklungen von anschlussfähigen Konzepten und Vorgehensweisen.

Und dann störte mich auch die Trägheit vieler meiner Weggefährten. Sie waren auf dem Standpunkt stehen geblieben: Wir haben so tolle Dinge anzubieten, da kann jeder etwas Interessantes lernen und das Gelernte selbst in seine Welten übertragen. Mir hat das nie gereicht. Ich habe mich gefragt, was fehlt noch, was schließen wir aus, welche Berufsverständnisse exportieren wir unbemerkt? Welche Kulturinfektion ziehen sich Organisationen zu, wenn sie mit Dienstleistungen die gewohnheitsmäßigen Wirklichkeitsverständnisse und Handlungsmaxime der Anbieter ins Haus und in die Köpfe holen. Deshalb habe ich mich aufgemacht, die Konzepte der Transaktionsanalyse vom Berufsverständnis der Therapeuten zu reinigen.

Ganz praktisch bekam ich immer mehr interessante und gut honorierte Aufträge für Beratung und Workshops aus dem Organisationsbereich. So konnte ich die Welt der Unternehmen besser verstehen lernen und ausprobieren, wie ich mein Können dort nutzen konnte. Aus der konkreten Arbeit heraus entwickelte ich Konzepte, Modelle und Methoden. Sie fanden bei Kollegen Anklang und ich wurde immer mehr als Lehrer und Supervisor angefragt. So entstanden immer mehr Curricula für Professionelle im Organisationsbereich. Schließlich gab ich die psychotherapeutische Arbeit ganz auf.

Seit etlichen Jahren habe ich mit dem isb-Wiesloch nun sozusagen „meine eigene Hochschule“ aufgebaut und mittlerweile an die nächste Generation übergeben. Die Chancen, die eine Kultur ohne eine leistungsfähige Wirtschaft hat, sind nur gering. Diese Kombination aus humanistischem Bildungsideal und marktwirtschaftlichem Verantwortungsprinzip hat uns immer gezwungen, gute Kompromisse zwischen gesellschaftstauglichen Anforderungen und eigenen Wertevorstellungen zu finden.

Warum haben Sie die Schmid-Stiftung gegründet?

Ein Unternehmen, das so stark kulturgeprägt ist wie das isb, kann man nicht einfach verkaufen und jemandem übergeben, der diese Kulturtradition nicht auch pflegen kann oder möchte. Deshalb stellte ich mir die Frage, wie eine unternehmerische Nachfolge aussehen könnte? Wie meist, unter der Dusche, hatte ich plötzlich die Idee: Ich gründe eine Stiftung! Zunächst habe ich ganz naiv und einfach nur großzügig gedacht, dass ich die erheblichen wirtschaftlichen Überschüsse des Unternehmens nicht mehr brauchen werde und sie für den guten Zweck, für den das isb steht, nämlich Wirtschafts- und Gesellschaftskulturentwicklung, zur Verfügung stehen sollten. Der Zweck der Stiftung ist es, gemeinwohlorientierten Initiativen und Organisationen unser Coaching- und OE-Knowhow für ihre Entwicklung zugänglich zu machen. Aber nicht, indem wir einfach Dienstleistungen verschenken, die normalerweise gekauft werden müssten, sondern indem wir Organisationen helfen zu verstehen, wofür man Coaching- und OE-Knowhow zur eigenen Entwicklung nutzen kann und sie darin begleiten, zu lernen, wie man dieses Wissen eigenverantwortlich anwendet. Auch glaube ich, dass Individuen und Organisationen künftig einen Mix von Erwerbs- und Gemeinwohl-Orientierung entwickeln müssen und wir von Anbieterseite für solche kombinierten Entwicklungen Beispiele liefern sollten.

Inwiefern beeinflusst Ihre Persönlichkeit Ihren Coachingstil?

Von meinem Wesen her bin ich eher introvertiert. Ich habe zwar gelernt, in der Welt auch extravertiert zu sein, aber das geht bei mir nur ›auf Akku‹. Das heißt, ich brauche anschließend immer etwas Rückzug und die Erneuerung in der Introversion. Ich bin auch nicht so der wöchentliche Begleiter, eher jemand, der hilft Schlüsselsituationen für Neu-Orientierung zu kreieren und dann loslässt, bis sich die Impulse ausgewachsen haben oder neue Aspekte auftauchen. Als Ideenfinder und -entwickler kann ich am besten mit Menschen arbeiten, die ich nicht tragen muss, sondern anregen kann, so dass sie dann selbstständig weiterarbeiten können. Da muss ich dann auch nicht mehr dabei sein.

Mir fällt es eher schwer, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die viele „Wiederholungs-Runden“ drehen müssen. Da wird dann mein Drang nach Fortschritt zu sehr gebremst. Das hatte schon nach vielen Jahren Einzeltherapie dazu geführt, dass ich vor allem Arbeit in der Gruppe gemacht habe. Denn da konnte ich immer mit denen arbeiten, bei denen Entwicklung gerade möglich war. Später habe ich feste Rhythmen ganz aufgelöst und nur noch dann neue Termine vergeben, wenn ich den Eindruck hatte, dass die Klienten wirklich etwas bewegen möchten oder dass sie das in vorigen Sitzungen Erarbeitete auch verwerten. Auch deswegen gab es immer Tonaufnahmen von Sitzungen. So können Anregungen, falls sie im Moment der Sitzung nicht integriert werden, durch das wiederholte Hören Schicht für Schicht aufgenommen werden.

Dieses Prinzip des Auf-Augenhöhe-Seins mit dem Gegenüber ist mir wichtig. Deswegen ist es für mich in der Beratungsarbeit immer entscheidend, dass man erst einmal eine gemeinsame Lern- und Arbeitsbeziehung auf Augenhöhe errichtet. Natürlich muss man mit dem Klienten darüber sprechen, wo er oder sie eigentlich hin will, damit man nicht einfach irgendwas macht. Ich selbst spreche aber nicht gern von einem Ziel, sondern eher von einer Richtung. Was Richtung dabei meint, ist nicht immer leicht zu operationalisieren. Intuitiv haben wir die Fähigkeit, bei der Beschreibung von sinnvollen Richtungen bedeutsame, aber ganz verschiedene Dimensionen zusammenzubringen und zu integrieren Wir versuchen dies in unseren Gruppen durch verschiedene Spiegelungsübungen zu trainieren.

Dafür ist es wohl erforderlich, eine gewisse Offenheit für neue Erfahrungen mitzubringen, oder?

In Sachen Offenheit hat uns Milton Erickson den Weg gewiesen: Zum Beispiel soll er früher seine Ausbildungskandidaten vors Haus geführt und sie aufgefordert haben, sich den gegenüberliegenden Hügel anzuschauen. Auf diesem Hügel waren aufgrund des Windes, der von Nord nach Süd wehte, alle Bäume außer einem etwas nach rechts geneigt. Und da sagte Erickson, dass dieser eine Baum den Klienten repräsentieren könnte. Dies ist eine wunderbare Metapher dafür, dass es im Einzelfall immer wieder anders sein kann und wir uns trotz aller Erfahrungen und Empirie ein neues Urteil bilden müssen. Erickson hat Schemata ganz klar abgelehnt, er wollte vielmehr, dass die Menschen metaphorisch und an Beispielen solche Schöpfungsakte miterleben und eine entsprechende Haltung einnehmen können. Das Überraschende, das das Leben an mich herangetragen hat, war oftmals sehr lehrreich – und zwar sowohl in positiven Aspekten als auch in situativ manchmal sehr unangenehmen Geschehnissen oder Enttäuschungen.

Wie gehen Sie mit beruflichen Misserfolgen um?

Bei meiner Arbeit läuft die Selbstreflexion eigentlich immer mit. Im Laufe der Zeit entwickelt man ein Gefühl für Stimmigkeit und Richtigkeit. Ich glaube, dass Reflexion immer etwas mit dem Denkstil und der eigenen Nachdenkkultur zu tun hat. Da bin ich sehr eigen. Wenn ich etwa bemerke, dass etwas irgendwie danebengegangen ist, dann nehme ich mir Zeit, um herauszufinden, was ›das‹ war und was richtig sein könnte. Oder ich merke mir zumindest die Situation. Dann sage ich mir, dass es in Ordnung ist, jetzt nichts ungeschehen machen zu wollen. In den meisten Fällen habe ich nicht das Bedürfnis, mit Leuten darüber zu sprechen, und kann das Problem dann auch ruhen lassen!. Dann arbeitet ›es‹ in mir und irgendwann morgens unter der Dusche macht es klick – ich bin mit dem Thema auf einem neuen Niveau angelangt und es ist erst einmal abgeschlossen. Wenn ich also merke, dass etwas nicht passt, initiiere ich automatisch Suchprozesse, um herauszufinden, was da genau schiefgelaufen ist. Ich bin eher der Typ, der das sehr fein beobachtet, für sich verarbeitet und nicht alle möglichen Leute fragt. In der Regel komme ich dann auch zu Einsichten, selbst wenn ich diese nicht immer gleich gut umsetzen kann.

Was zeichnet einen guten Coach aus?

Ein guter Coach versteht sowohl Menschen als auch Organisationen – und er überträgt nicht einfach Psycho-Beratung. Er hat eine solide Ausbildung sowie Erfahrung im Organisationsbereich. Wichtig ist auch die Lebenserfahrung: Ein guter Coach hat Augenmaß und springt nicht auf jede Mode auf. Er gehört keiner Sekte an und hat kein sektenähnliches Denken. Wenn ein charismatischer Coach sektenähnlich auftritt, kann er Verantwortliche auf seltsame Trips bringen. Das kann zu pseudokompetenten Haltungen führen, die an der eigentlichen Problematik vorbeigehen. Zudem tauscht ein guter Coach Erfahrungen und Informationen mit Berufskollegen aus. Das wäre es in etwa.

Was macht Ihrer Ansicht nach einen gelungenen Coachingprozess aus?

Um das zu beantworten, würde ich gern einen Schritt zurückgehen. Coaching ist für mich nicht in erster Linie das Arbeiten mit bestimmten Methoden oder einem bestimmten Ablaufschema. Für mich ist (Professions- und Organisations-)Coaching vor allem die Entwicklung einer integrierenden Perspektive in der Beziehung von Mensch zur Berufswelt und von Mensch zur Organisationswelt. Wenn man diese beiden Pole aufmacht, heißt das, dass man die Berufswelt und ihre Auswirkungen genügend studieren und am Puls der Evolution arbeiten muss, um die Menschen und Organisationen zukunftsfähig zu machen. Ich muss quasi irgendwelche Bilder von der Entwicklung von Organisationen und der Gesellschaft schaffen, um im Umkehrschluss daraus ableiten zu können, was das für den einzelnen Menschen heißt. Die meisten Menschen fragen ja gern, ob die Organisation und der Beruf, in dem sie arbeiten, Sinn stiften. Aber es ist ja auch immer die zweite Frage relevant: Mache ich Sinn für dieses Berufsfeld und für diese Organisation? Und, weiter gedacht, wie passe ich in die Gesellschaft und ihre Entwicklung? Wenn man Coaching als Expertise versteht, heißt das, dass ich für Anschlussfähigkeit verantwortlich bin, weil menschliche und gesellschaftliche Prozesse immer ganzheitlicher Natur sind. In diesem Kontext haben wir im Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC) auch die dialogische Qualitätssicherung eingeführt, die darauf abzielt, sich im Dialog immer wieder mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und sich gemeinsam – ungeachtet irgendwelcher Normen – weiterzuentwickeln.

Woran kann man denn erkennen, ob ein Coaching tatsächlich hilfreich war? Wie kann man also messen, ob und mit welchem Erfolg es zu den erhofften Entwicklungen geführt hat?

Hierzu fällt mir der Begriff „zirkuläre Evaluation“ ein: Wenn jemand bspw. ein Coaching macht, das er nicht selbst finanziert, gibt es ja irgendwelche Stakeholder, die wollen, dass irgendetwas anders wird, weshalb sie das finanzieren und Zeit dafür bereitstellen. Und wenn man einen Kontrakt macht, macht man den dann ja nicht nur mit dem Coachee, sondern zugleich auch mit der Organisation oder anderen Stakeholdern. Man muss demzufolge klären, wer das ist und was sie für Vorstellungen haben, was in ihren Augen also Fortschritte wären. Dazu muss man m. E. vor allem miteinander sprechen. Coaching soll ja etwas bringen, das für andere Menschen spürbar ist. Allerdings warne ich davor, das völlig zu operationalisieren. Ich halte also nichts von irgendwelchen Fragebögen, da sich komplexe Entwicklungsprozesse durch diese (wenn überhaupt) nur oberflächlich erfassen lassen. Wir Menschen sind intuitive, sinnbegabte Wesen, die ein Gespür dafür haben, wenn sich etwas Gutes entwickelt.

Obwohl ich selbst eine Ausbildung zum „Systemischen Business Coach“ absolviert habe, stehe ich keinem Verband nahe. Sie hingegen sind Ehrenvorsitzender im Präsidium des DBVC. Welche Vorteile sehen Sie für Menschen wie mich, sich einem solchen Verband anzuschließen?

Solchen Formulierung begegnet der DBVC immer wieder. Als Gegengewicht habe ich immer formuliert: Der DBVC ist eine Investorengemeinschaft! Wer zur Kulturbildung im Coaching aus weltanschaulichen Gründen beitragen will, findet dort dafür einen guten Rahmen und Gleichgesinnte. Ob es sich für die, die nur Renommee und Vorteile suchen, lohnt, weiß ich nicht zu sagen. Ich wäre dafür nicht beigetreten und wir Gründer haben ihn nicht dafür gegründet. Am wichtigsten ist die eigene Passion, ein guter Coach zu sein und mit sich und anderen dabei wahrhaftig, wesentlich und verantwortlich sein zu wollen. Dafür braucht man keinen Verband. Lebendiger Austausch in Communities reicht. Verbände und eine rechtlich geschützte Profession Coaching bringen alle Probleme einer Institutionalisierung mit sich. Verkirchlichung kann Verkrustung, Vereinsmeierei und Funktionärsherrschaft auf der einen Seite und stabile Rahmen, Nachhaltigkeit und Schutz gegen Tagesmoden auf der anderen Seite bedeuten. In jeder gesellschaftlichen Institution ist diese Spannung angelegt. Jeder muss herausfinden, wie er sich dazu stellen kann. Mein Engagement im DBVC war dadurch getragen, dass ich Mitstreiter/-innen gefunden habe, die einen lebendigen und kompromissfähigen Verband auf den Weg gebracht haben, der lebendige Qualität und offenen Diskurs mit Meinungsführerschaft und einer gewissen Expertenmacht kombiniert. Es scheint uns nachhaltig recht gut gelungen zu sein, hier einen Leuchtturm gegen manche Irrlichter zu etablieren. Ob dies über die Zeit erhalten werden kann, weiß ich nicht.

Haben Sie eine Art „Lebensmotto“?

»Wenn Du etwas in unserer Welt vermisst, sorge mit dafür, dass es in die Welt kommt.« Ich habe für Jammern und das Beklagen von Mangel nie viel übrig gehabt. Mich berührt, wenn jemand auch mit Beeinträchtigungen seinen Lebensweg eigenverantwortlich und mutig zu gehen versucht, sich nicht unnötig mit Defiziten beschäftigt, sondern aus dem Holz, aus dem er nun mal gewachsen ist, etwas Taugliches macht. Unangepasstheiten sind für mich noch nicht ins Gleichgewicht und ins richtige Zusammenspiel gebrachte Kompetenzen. Ich machte mich immer für das Ergänzende, was meiner Ansicht nach fehlte, stark. Schon als Therapeut war ich dafür, Unangepasstheiten nicht wegzutherapieren, sondern zu helfen, dass sie sich im richtigen Zusammenspiel und Zusammenhang zum Guten entwickeln. Mein Bonmot war: aus Neurose Charakter machen.

Gibt es etwas, das Sie jenen Menschen ans Herz legen bzw. mit auf den Weg geben möchten, die sich dafür interessieren, selbst Coach zu werden? Was wäre Ihre Botschaft an den Nachwuchs der Coaching-Szene?

Was sollte ich auswählen aus den vielen Erfahrungen und Einsichten, die mir das Leben beschert hat? Und wer weiß, was davon für jemand anderen bedeutsam werden kann? Mir kommt allenfalls ein Spruch aus meiner christlichen Vergangenheit in den Sinn: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Was meine ich bloß mit Seele? „Ich stelle mir meine Seele wie ein unsichtbares Fischernetz vor. Es hängt an Bojen, die an der Oberfläche sichtbar sind, doch das Netz reicht in Tiefen, die ich letztlich nicht ausloten kann. Das Netz selbst kann ich auch nicht wahrnehmen. Ich bekomme aber eine Vorstellung davon, durch das, was darin hängen bleibt. Allein, dass etwas geblieben ist, zeigt, dass es mit mir zu tun hat. Was geblieben ist, sagt etwas über das Netz. Wichtig ist, was bei jedem hängenbleibt. Es erzählt von Ihm.“

Vielen Dank für das Interview!

Dr. Bernd Schmid ist Leitfigur des isb-Wiesloch www.isb-w.eu, der Schmid-Stiftung http://schmid-stiftung.org/ und des International Network for Organization Development and Coaching www.inoc-network.org. Er ist u.a. Ehrenvorsitzender Präsidium DBVC, Ehrenmitglied der Systemischen Gesellschaft, Preisträger des EATA-Wissenschaftspreises 1986 und des Eric Berne Memorial Award 2007 der Internationalen TA-Gesellschaft, Life Achievement Award 2014 der deutschen Weiterbildungsbranche. Life Achievement Award der deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse 2017.

Literaturhinweise:

  • Bernd Schmid & Thorsten Veith (2014). Systemische Organisationsentwicklung: Change und Organisationskultur gemeinsam gestalten. Schäffer Poeschel.
  • Bernd Schmid & Andrea Günter (2012). Systemische Traumarbeit. Der schöpferische Dialog anhand von Träumen. Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Bernd Schmid & Christiane Gérard (2012). Systemische Beratung jenseits von Tools und Methoden. Mein Beruf, meine Organisation und ich (EHP-Handbuch Systemische Professionalität und Beratung). EHP Edition Humanistische Psychologie.

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Die Inseln der Glückseligkeit

Kennen Sie das Gefühl, das entsteht, wenn man – obwohl man sich wahrhaftig um ein Vorankommen bemüht – irgendwie nur noch auf der Stelle zu treten scheint? Beschreiben ließe sich ein solcher Zustand m. E. gut mit der folgenden Metapher: „Man fühlt sich, als wäre man in der Mitte eines Meeres, umgeben von verschiedenen Inseln der Glückseligkeit, auf die man gern zusteuern würde. Doch so sehr man sich auch anstrengt bzw. egal, in welche Richtung man sich zu bewegen versucht, man kommt auf keiner dieser Inseln an.“ Die Inseln stehen hier stellvertretend für erstrebenswerte Ziele. Ist man also mit einigen (vielleicht ganz wesentlichen) Aspekten des eigenen Lebens unzufrieden, sieht aber fast nur noch „Baustellen“ um sich herum, kann das dazu führen, dass man allmählich handlungsunfähig wird. Das in diesem Artikel vorgestellte Coaching-Tool kann in solchen Situationen hilfreich sein.

  • Anlass bzw. Thema: „Ich habe das Gefühl, nirgendwo wirklich anzukommen.“
  • Material: Großes Blatt Papier (DIN A3), Ressourcen-Karten (z. B. die ZRM-Bildkartei von Maja Storch)

www.manfred-evertz-art.com

In dieser Übung geht es also darum, Klarheit darüber zu erlangen, wohin die Reise eigentlich gehen soll und was einen bislang daran gehindert hat, das gewünschte Ziel zu erreichen.

Schritt 1: Lebensbereiche und Zukunftsvisionen

Zunächst sollte das Problem („Unzufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation“) in seine einzelnen Bestandteile bzw. Problemfelder zergliedert werden, um es überschaubarer zu machen. Für die verschiedenen Aspekte des Problemkonglomerats werden daraufhin Zukunftsvisionen („Wie stelle ich mir eine optimale Lösung vor?“) entwickelt, die sich anschließend mit Ressourcen-Karten visualisieren lassen. Das wiederum hat den Zweck, die entsprechenden Ziele emotional aufzuladen.

  • Nehmen Sie sich ein größeres Blatt Papier (DIN-A3) und zeichnen Sie sich in die Mitte.
  • Schreiben Sie jene Lebensbereiche drumherum, die Ihnen wichtig sind und bei denen Sie den Wunsch haben, endlich „anzukommen“.
  • Überlegen Sie sich jetzt für jeden dieser Lebensbereiche, wie eine ideale Zukunft aussehen könnte. Was genau wünschen Sie sich? Was sollte sich verändern?
  • Wählen Sie daraufhin für jeden dieser Lebensbereiche eine Karte aus, die mit Ihrer Zukunftsvision in Resonanz geht und legen Sie diese auf die entsprechende Stelle des Blattes.

Tipp: Lassen Sie die Auswahl der Karten kommentieren und hören Sie dabei aufmerksam zu. Auf diese Weise erhalten Sie in der Regel interessante Einblicke in die Wirklichkeitskonstruktionen Ihrer Klienten/-innen, die Sie im weiteren Verlauf des Gesprächs aufgreifen und hinterfragen können. Es ist übrigens zu empfehlen, ein Foto von dem entstandenen Bild zu machen.

Schritt 2: Hinterfragung der Konfliktfelder

Wenn wir etwas erreichen wollen, es aber nicht gelingt, steckt nicht selten ein innerer Konflikt dahinter, der zunächst aufgelöst werden will. Bitten Sie Ihre Klienten/-innen nun also, sich zu jeder der Karten (bzw. zu jeder Zukunftsvision) folgende Fragen zu stellen:

  • Was will ich? Was ist mir wichtig, um glücklich oder wenigstens zufrieden zu sein? Wie stelle ich mir meine erwünschte Zukunft konkret vor? Formulieren Sie für jeden Lebensbereich fünf zentrale Aspekte!
  • Was fehlt? Was brauche ich noch, um das Gefühl zu haben, angekommen zu sein? Welchen Mangel spüre ich? Finden Sie ein passendes Wort dafür!
  • Was trennt mich? Was hält mich davon ab? Welches Gefühl steht dazwischen? Spüren Sie in dieses Gefühl hinein! Lassen Sie es einmal bewusst zu und schauen Sie, was es Ihnen sagen möchte!
  • Darf ich? Angenommen, Sie könnten sofort dorthin gelangen, würden Sie sich das erlauben? Oder gibt es ein Gebot, gegen Sie verstoßen müssten?
  • Was erlaube ich mir nicht? Was verbietet es Ihnen, Ihr Glück zu finden? Was müssten Sie möglicherweise dafür aufgeben bzw. was könnten Sie auf dem Weg dorthin verlieren? Wozu wären Sie auf keinen Fall bereit? Formulieren Sie entsprechende Gebote und Verbote.

Tipp: Natürlich ist nicht immer jede der Fragen gleichermaßen zweckmäßig. Die Grundregel, dass jedes Gespräch einen individuellen Verlauf hat, an den ein Tool angepasst werden muss, damit es nützlich und hilfreich ist, gilt folglich auch hier. Vertrauen Sie also Ihrer Intiution und wählen Sie jeweils nur jene Fragen aus, die Ihnen hinsichtlich des entsprechenden Problemfelds zielführend zu sein scheinen. Erfahrungsgemäß macht es zudem Sinn, sich vage oder unklare Antworten genauer erläutern zu lassen (z. B. mit Konkretisierungs- oder Verflüssigungsfragen). Achten Sie dabei auch auf bedeutsame Aussagen sowie auf die emotionalen Reaktionen und heben Sie diese ggf. besonders hervor, indem Sie sie paraphrasieren bzw. verbalisieren.


Exkurs: Paraphrasieren & Verbalisieren

Beim Paraphrasieren geht es darum, die Äußerungen des Klienten mit eigenen Worten zu wiederholen bzw. zusammenzufassen. Dadurch lässt sich überprüfen, ob das Gesagte richtig verstanden wurde. Zudem lässt sich das, was besonders bedeutsam zu sein scheint, deutlicher hervorheben, um es bewusster zu machen. Beim Verbalisieren geht es hingegen darum, auf emotionale Reaktionen zu achten, also jene Gefühle zu verstehen und zur Sprache zu bringen, die zwar gezeigt, aber nicht explizit benannt werden.


Schritt 3: Auflösung der Blockaden

In dieser Phase geht es darum, mit den Ergebnissen aus dem 2. Schritt weiterzuarbeiten, um Lösungen zu entwickeln. Vorab bietet es sich an, nach möglichen Gemeinsamkeiten oder Parallelen zu schauen, die den verschiedenen Problemfeldern zugrunde liegen.

  • Wie lassen sich Ihre Blockaden lösen? Stehen Sie überhaupt zur Disposition? Welche Sichtweise ist hilfreich, um sie auszuräumen oder um sie durchlässiger zu machen? Formulieren Sie ggf. Erlaubnisse, die sich stimmig für Sie anfühlen.
  • Welche Entwicklungsaufgaben sehen Sie? Was können Sie konkret dafür tun, um sich dem jeweiligen Ziel anzunähern?
  • Wie können Sie sich selbst „grünes Licht“ dafür geben? Formulieren Sie Ihr persönliches „Go!“-Signal (z. B. in der Form eines Mottosatzes).
  • Mit welchen Problemen ist bei der Umsetzung Ihres Vorhabens am ehesten zu rechnen? Welche Hindernisse könnten Ihnen dabei im Weg stehen? Entwickeln Sie schon im Vorfeld sogenannte „Wenn-dann“-Pläne, die ihnen dabei helfen, sie im Falle eines Falles aufzulösen oder zu überwinden

Tipp: Richten Sie den Fokus immer wieder auf die Gefühlsebene, da diese für die Aufdeckung und Klärung innerer Konflikte sowie für die Herausarbeitung und Stärkung der Motivation besonders bedeutsam ist.


Exkurs: Mottosatz

Dieser Begriff wird u. a. in dem Züricher Ressourcen Modell ® verwendet. Maja Storch sagte hierzu in etwa Folgendes: „Ein Motto-Satz ist dann gut, wenn der- oder diejenige, der oder die ihn für sich entwickelt hat, „glückselig grinst“, sobald er oder sie sich daran erinnert.“

Literatur: Maja Storch & Frank Krause (2007). Selbstmanagement-ressourcenorientiert. Grundlagen und Trainingsmanual für die Arbeit mit dem Züricher Ressourcen Modell (ZRM). 4. vollständig überarbeite Auflage. Verlag Hans Huber. Hier finden Sie das Buch bei Amazon (Werbung).


Schritt 4: Zusammenfassung der Ergebnisse

Fassen Sie die wesentlichen Erkenntnisse abschließend nochmals zusammen:

  • Welche Einsichten haben Sie gewonnen?
  • Welche Ideen haben Sie entwickelt?
  • Welche Entwicklungsaufgaben sehen Sie?
  • Was sind Ihre nächsten Schritte?

Tipp: Bitten Sie Ihre Klienten/-innen darum, die wichtigsten Erkenntnisse schriftlich festzuhalten, damit sie nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Bei der Formulierung der nächsten Schritte sollten Sie sich an dem Motto „Weniger ist mehr!“ orientieren, um die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ihre Klienten/-innen eventuell überfordern, möglichst gering zu halten.

„In einem Meer voll Schwierigkeiten liegt immer eine Insel der Möglichkeiten.“ Unbekannter Verfasser

Literaturempfehlung:

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„Mein ganz persönliches Projekt“

Leben Sie auch, oder arbeiten Sie nur? Manche Menschen sind so sehr auf ihre beruflichen Ziele fokussiert, dass sie ihr Privatleben vernachlässigen oder es sogar gänzlich aus den Augen verlieren. Das kann die Lebensqualität auf Dauer enorm beeinträchtigen und birgt zudem das Risiko, dass sie sich vom beruflichen Erfolg so sehr abhängig machen, dass sich jeder Misserfolg so anfühlt, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen.


Exkurs: Persönliche Projekte

Das Wissen über die Arten von Zielen, die Individuen in sozialen Interaktionen verfolgen, ist hilfreich und bedeutsam für das Verständnis von Persönlichkeiten. Dabei lassen sich hierbei nomothetische Ansätze, die Motivdispositionen oder soziale Motive als andauernde, affektiv getönte kognitive Cluster betrachten, von idiographischen Ansätzen, wie z. B. den von Little (1983) unterscheiden. Die Differenzierung dieser beiden Forschungsrichtungen ist deshalb wichtig, da angenommen wird, dass Motive sich größtenteils in der Lebensphase vor dem Spracherwerb herausbilden und das Individuum fortan durch den Einfluss dieser in der Vergangenheit liegenden Erfahrungen angetrieben wird, während die in der Zukunft liegenden Ziele, nach deren Erreichen oder Vermeiden eine Person trachtet, im Unterschied dazu durch die Methode der direkten Befragung erfasst werden können. Es wird davon ausgegangen, dass es eine begrenzte Anzahl von Motiven gibt, die bei verschiedenen Individuen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind und sich in Abhängigkeit von situationalen Bedingungen im Verhalten manifestieren. Little (1983) sieht in seinem Konstrukt der „persönlichen Projekte“ – eine Sequenz von Handlungen, die zum Erreichen eines persönlichen Zieles vollführt werden – eine Möglichkeit, menschliches Verhalten zu beschreiben und vorherzusagen.

Literatur: Little, B.R. (1983). Personal projects. A rationale and method for investigation. Enviroment and Behavior, 15, 273-309.


Unser Berufsleben allein wäre kein sehr glücklicher Zustand, hätten wir nicht unser Privatleben daneben …

Bei dieser Übung, die sich z. B. mit ausgewählten Karten aus der „Personality Toolbox“ gut durchführen lässt, geht es darum, Klienten zu ermutigen, ihr Privatleben durch die Initiierung eines persönlichen Projekts aktiver zu gestalten bzw. es bewusst umzugestalten.

  • Anlass: Ressourcen im Privatleben aktivieren / Steigerung der Lebensqualität
  • Material: Karten der Kategorien Privat, Denken und Fühlen (Personality Toolbox)

Tipp: Ersetzen Sie die Karten „Kontrolle“ und „Unabhängigkeit“ aus der Kategorie Privat durch die Karten „Spiritualität“ und „Liebe“ aus der Kategorie Seele.

Schritt 1: Themenfindung

  • Geben Sie für die 15 Karten der Kategorie Privat (siehe oben) auf einer Skala von 1 bis 10 an, wie zufrieden Sie mit diesem Aspekt in Ihrem Privatleben bereits sind. Stellen Sie sich herfür bspw. vor, die obere Tischkante würde den Skalenwert 10 darstellen und die untere den Skalenwert 1. Verteilen Sie die Karten nun so auf dem Tisch, wie es sich für Sie stimmig anfühlt.
  • Schauen Sie sich jene drei bis vier Karten genauer an, bei denen Sie die niedrigsten Skalenwerte angegeben haben und entscheiden Sie, in welchem Bereich Sie in der nächsten Zeit gern auf einen (deutlich) höheren Skalenwert gelangen möchten.

Tipp: Lassen Sie sich die Skalenwerte erläutern, die für die einzelnen Aspekte vergeben werden. Auf diese Weise lernen Sie Facetten der Lebenswelt Ihrer Klienten/-innen kennen, über die im Beratungskontext ansonsten vielleicht eher selten gesprochen wird.

Schritt 2: Ortsbegehung & Zukunftsvision

  • Warum haben Sie sich für diese Karte entschieden?
  • Wo stehen Sie jetzt? Wie sieht es hinsichtlich dieses Aspektes zurzeit bei Ihnen aus? Was motiviert Sie dazu, in diesem Bereich etwas zu verändern?
  • Wo möchten Sie hin? Was genau wollen Sie verändern? Wie möchten Sie diesen Aspekt künftig gestalten? Entwickeln Sie eine Zukunftsvision und beschreiben Sie diese möglichst detailliert.
  • Was unterscheidet Ihren IST- von dem SOLL-Zustand?
  • Was würde mir an Ihnen auffallen, wenn Sie Ihren SOLL-Zustand bereits erreicht hätten?

Tipp: Versuchen Sie, Ihre Klienten/-innen zu ermutigen, ihre Zukunftsvision so konkret wie möglich zu formulieren. Hierfür bieten sich verschiedene Fragetechniken an (z. B. Verflüssigungs- bzw. Konkretisierungsfragen).


Exkurs: Verflüssigungs- bzw. Konkretisierungsfragen

  • Neigen Klienten zu generalisierenden bzw. kategorischen Aussagen oder bleiben Erklärungen bzw. Beschreibungen vage, kann eine Hinterfragung zu einem besseren Verständnis (für beide Seiten) beitragen und dazu dienen, Lösungsoptionen sichtbar zu machen.
  • Beispiele: „Was meinen Sie genau damit?“, „Wann genau?“ „Unter welchen Umständen?“

Literatur: Günter G. Bamberger (2015). Lösungsorientierte Beratung (5. Auflage). Beltz Verlag.


Schritt 3: Denken und Fühlen

  • In den Kategorien Denken und Fühlen sind verschiedene Eigenschaften aufgeführt, die für das Erreichen des SOLL-Zustands mehr oder weniger hilfreich sein könnten. Wählen Sie aus beiden Kategorien jeweils zwei Eigenschaftswörter aus, die Ihnen hinsichtlich der gewünschten Veränderung besonders bedeutsam erscheinen.
  • Beginnen Sie mit der Kategorie Denken und erörtern Sie, warum Sie diese beiden Karten ausgewählt haben, bevor Sie sich der Kategorie Fühlen widmen.

Tipp: Diese Instruktion wurde bewusst etwas mehrdeutig formuliert. Was unter „besonders bedeutsam“ zu verstehen ist, sollten Sie nicht näher erläutern, sondern es Ihren Klienten überlassen, wie sie das interpretieren. Wenn Sie anschließend über die ausgewählten Karten sprechen, erhalten Sie dadurch wichtige und manchmal überraschende Einblicke in die Wirklichkeitskonstruktionen Ihrer Klienten.

Schritt 4: Entwicklungsaufgaben und Handlungsoptionen

  • Erläutern Sie, warum Sie diese vier Begriffe ausgewählt haben.
  • Formulieren Sie zu jedem dieser Begriffe eine Entwicklungsaufgabe, die Sie bewältigen sollten, um sich Ihrer gewünschten Zukunft anzunähern.
  • Leiten Sie daraus konkrete Handlungspläne ab.

Tipp: Bemühen Sie sich darum, die Handlungspläne so konkret wie möglich formulieren zu lassen: Was? Wie? Wann? Auch sollten Sie sich nicht immer mit der erstbesten Antwort zufrieden geben, sondern die ein oder andere „Und-was-noch?“-Frage stellen.

Schritt 5: Risiken und Hindernisse

  • Welche Risiken sind mit der gewünschten Entwicklung bzw. mit Ihrem Vorhaben verbunden?
  • Wer könnte sich Ihnen in den Weg stellen? Warum würde er oder sie das vielleicht tun? Wie könnten Sie es schaffen, sich mit dieser Person zu verbünden oder sie wenigstens zu besänftigen?
  • Welche Hindernisse könnten auf Ihrem Weg liegen bzw. mit welchen Schwierigkeiten könnten Sie es zu tun bekommen? Wie können Sie diese überwinden, wenn sie auftauchen?

Tipp: Lassen Sie Ihre Klienten „Wenn-dann-Pläne“ entwickeln, damit es ihnen gelingen kann, ihr Vorhaben selbst bei auftretenden Schwierigkeiten aktiv weiterzuverfolgen, also am Ball zu bleiben.

Schritt 6: Fazit

  • Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesem Gespräch gewonnen?
  • Was sind Ihre nächsten Schritte?

Tipp: Bitten Sie Ihre Klienten darum, sich die wichtigsten Erkenntnisse kurz zu notieren, und fragen Sie, ob sie sich vielleicht ein Foto von den bearbeiteten Karten machen möchten? Fragen Sie beim nächsten Termin danach, wie die Umsetzung bislang gelungen ist, und besprechen Sie dann die nächsten Schritte.

„Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus.“ Demokrit

Kartenset: E. Rauschert & U. Schirrmacher (2018). Personality Toolbox. ManagerSeminare Verlag.

PS: Eine weitere Idee, wie Sie mit den Karten aus der Personality Toolbox arbeiten können, finden Sie hier: Das Leben ist eine Baustelle!

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„Empörung und Mediation“ von Prof. Dr. Leo Montada

Anlass für Konflikte ist oftmals die erlebte Verletzung einer normativen Überzeugung, die Empörung auslöst. Empörung motiviert Vorwürfe, Vergeltung, Bestrafung, eventuell auch Abbruch einer Beziehung. Die aufrichtige Bitte um Verzeihung hat befriedende Wirkung, weil die Personen, die die Empörung ausgelöst haben, damit zum Ausdruck bringen, dass die verletzte Norm Geltung hat, und dass sie verantwortlich für ihre Fehlverhalten sind und keine Entschuldigung haben.

Die befriedende Wirkung der Bitte um Verzeihung beruht im Wesentlichen darauf, dass die Geltung der Norm anerkannt wird. Alle sozialen Beziehungen und Gemeinschaften erfordern zum Erhalt des Friedens normative Regeln. Konflikte bieten insofern eine Gelegenheit, diese Regeln zu artikulieren und zu reflektieren und konsensuell zu ändern. Das gelingt in Mediationen eher als den Streitparteien alleine. Für normative Diskurse ist spezifische Expertise erforderlich.

Die Psychologie ist weder historisch, noch aktuell eine homogene Disziplin. Je nach Menschenbild gibt es unterschiedliche Psychologien, auch solche mit problematischen anthropologischen Annahmen. Wer z. B. die Willensfreiheit des Menschen infrage stellt, wie das einige Hirnforscher oder auch der Behaviorismus im letzten Jahrhundert getan haben, hat für Mediationen nichts anzubieten.

Ich wüsste jedenfalls nicht, wie man Mediationen nachhaltig produktiv gestalten könnte,

  • ohne die Annahme der Willensfreiheit des Menschen und der Eigenverantwortung für Urteilen und Handeln,
  • ohne die Annahme, dass Menschen Mitgestalter ihres Lebens, ihrer sozialen Bezüge, ihrer Kultur sind,
  • ohne die Annahme, dass sie Moral und Gerechtigkeit beachtende und reflektierende Wesen sind, zumindest sein könnten und sollten,
  • ohne die Annahme, dass sie Überzeugungen und Theorien bilden oder übernehmen – über Gott und die Welt, über andere Menschen, über sich selbst und ihr Leben, Überzeugungen, die ihr Erleben und ihr Handeln prägen, auch wenn sie falsch oder borniert sind,
  • und ohne die Überzeugung, dass problematische und kontraproduktive Überzeugungen der Streitparteien geändert werden können.

Daraus resultiert eine Psychologie, in der viele verschiedene Motive und Wertorientierungen, vor allem auch normative Überzeugungen und soziale Verantwortlichkeiten als relevant für das Erleben und Handeln von Menschen angesehen werden. Ein solches Menschenbild eröffnet andere Perspektiven auf Konflikte, auf ihre Klärung und auf Optionen für ihre Beilegung als etwa die Modelle des homo oeconomicus oder des Behaviorismus.

Psychologen wollen ihren Klienten helfen, Probleme zu klären und zu bewältigen. Die Probleme können die Klienten mit sich selbst haben oder mit Partnern, Familienmitgliedern, Nachbarn, Kollegen, anderen Menschen in verschiedensten Kontexten und mit Institutionen. Konflikte sind eine Kategorie von Problemen und sie führen zu weiteren Problemen. Problembewältigung erfordert immer Veränderungen und Entwicklungen der Klienten: Neue Erkenntnisse über sich, über andere Menschen, über die Welt sind zu gewinnen; neue Kompetenzen sind zu entwickeln; Überzeugungen, Einstellungen, Sichtweisen sind zu reflektieren und zu ändern und vieles mehr. Psychologische Praxis ist immer Entwicklungsarbeit, Veränderungsarbeit. Das ist auch so in Konfliktmediationen. Insofern entspricht Mediation eher der psychologischen Praxis als etwa der anwaltlichen. Anwälte können ihren Mandanten sagen: „Ich mache das für Sie.“ Mediatoren können das nicht. Sie müssen versuchen, Konflikte gemeinsam mit den Konfliktparteien zu klären und in produktiver Weise beizulegen.

Die Beilegung von Konflikten setzt wechselseitiges Verstehen voraus!

Die im Konflikt relevanten Überzeugungen, Motive und Anliegen, die Wertorientierungen, und die daraus resultierenden Handlungen und Emotionen können und sollten wechselseitig verstanden werden. Handlungen sind dann verstanden, wenn man ihre Motive und ihre Ziele erkennt. Die Motive des Handelns, das zu Konflikten führt, des Handelns in Konflikten, auch des Handelns und Entscheidens in Mediationen resultieren vielfach aus Emotionen, z. B. Empörung, Hass, Feindseligkeit, Angst, Ohnmacht, Neid, Eifersucht, Scham. Ohne die Emotionen von Medianden zu verstehen, kann man ihnen nicht helfen, sie zu kontrollieren. Sie werden verstanden, wenn man ihren Anlass bzw. die subjektive Deutung des Anlasses durch eine Person und den Bezug zu ihren persönlichen Anliegen, Wertorientierungen und Überzeugungen erkennt. In Konflikten sind die Themen, über die gestritten wird, nicht identisch mit den Motiven. Letztere sind zu klären und zu verstehen, wenn man den Konflikt beilegen will. Man versteht den Streit nur, wenn man die Motive kennt.

  • Sachfragen sollten eigentlich auch sachlich geklärt werden können. Wenn es zu Konflikten darüber kommt, gibt es Motive dafür, die verstanden werden sollten: Geht es um Anerkennung der eigenen Expertise, um Status, um die Durchsetzung von Interessen oder um was sonst?
  • In Konflikten über Werturteile – was immer ihre Gegenstände sein mögen: andere Menschen, religiöse und andere Glaubensinhalte, Politik, Kunst, Sport etc. – ist zu verstehen, welche Bedeutung oder Funktionalitäten diese für die wertenden Personen haben:
    • Sind sie nur Ausdruck einer persönlichen Präferenz?
    • Oder dienen sie der Selbstdarstellung, z. B. als gebildete Person, als Experte?
    • Soll die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder die Distanzierung von einer anderen demonstriert werden?
    • Geht es um Sozialstatus, um Verantwortung, Sorge um Gesundheit, Sicherheit, Wohlstand?
    • Viele weitere Motive sind möglich.
  • Schuldvorwürfe werden vielfach nicht geäußert. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt und dass sie nicht virulent werden können.

Beispiel: Ist Mobbing am Arbeitsplatz durch Lust an der eigenen Macht oder an der Ohnmacht der Opfer motiviert? Oder ist es eine Vergeltung für Unkollegialität der gemobbten Person oder für deren Missachtung ungeschriebener Verhaltensregeln? Oder ist es der Versuch, eine unfähige Person zu einer Kündigung zu veranlassen, die man arbeitsrechtlich nicht oder nur mit hohen Kosten durchsetzen könnte? Eine Bestrafung der Täter würde „die Opfer“ zwar vielleicht befriedigen, wohingegen eine Klärung der Motive wichtige Erkenntnisse vermitteln kann, die eine Beilegung des Konflikts ermöglichen.

Soziale Konflikte resultieren aus der Verletzung normativer Erwartungen oder Ansprüche, die subjektiv meist als gerecht angesehen werden. Ob Konflikte justiziabel sind oder nicht, sie resultieren aus erlebten Verletzungen normativer Überzeugungen und Erwartungen. Divergierende Urteile, Pläne und Ziele, Interessen und Präferenzen sind noch keine Konflikte. Sie können erwünscht sein – etwa in einem Brainstorming für ein Vorhaben. Sie werden toleriert, wenn sie als legitim angesehen werden. Sie führen zu Konflikten, wenn sie als illegitim, als Normverletzungen, als Verletzungen legitimer Ansprüche bewertet werden. Auch Wettbewerbe sind keine Konflikte. Selbstverständlich gibt es konkurrierende Interessen im Sport, auf allen Waren-, Arbeits-, Berufs- und Informationsmärkten oder in der Politik. Es gibt Konkurrenzen um Subventionen wie um andere knappe Ressourcen (Wasser, Energieträger, Rohstoffe, Fischgründe und andere Allmenden). Und es gibt Konkurrenzen um soziale Positionen, um Anerkennung, um Nähe und Liebe.

Wettbewerb birgt ein Konfliktrisiko!

Wenn es aber fair zugegangen ist, haben die Verlierer den Gewinnern nichts vorzuwerfen. Zu Konflikten kommt es nur, wenn normative Regeln des Wettbewerbs oder allgemein geltende ethische Normen verletzt werden. Der Wettbewerb um knappe Güter kann als ungerecht bewertet werden, Einschränkungen des Wettbewerbs etwa durch Quotensysteme der Zuteilung hingegen als gerecht, z. B. von Wasser und anderen Allmendegütern wie Energieressourcen, Weiden, Fischbestände, knappe Lebensmittel, Sozialwohnungen, Studienplätze, Emissionsrechte u.s.w. Über die Frage, wie gerecht solche Systeme sind, gibt es allerdings häufiger Konflikte. Es gibt allerdings auch soziale Systeme und Situationen, in denen Wettbewerb grundsätzlich als illegitim gilt, in denen Fürsorge, Solidarität, Kollegialität, Loyalität oder Hilfsbereitschaft normativ erwartet werden, etwa in Familien, Freundschaften, Kollegien.

Empörung ist der Leitindikator von Konflikten!

Wir verstehen die Empörung über einen Akteur, wenn wir wissen, welche Normverletzung ihm vorgeworfen wird, dass er dafür als verantwortlich angesehen wird und dass keine Rechtfertigungsgründe erkannt oder anerkannt werden. Diese Überzeugungen, die Empörung und Konflikte auslösen, sind in Mediationen zu klären. In justiziablen Konflikten erfolgt diese Klärung als „juristische Objektivierung“ des Konflikts. Dieser Begriff belegt, dass Konflikte nicht auf Verletzungen staatlicher Gesetze beschränkt sind, sondern aus Verletzungen weiterer normativer Überzeugungen resultieren. Schon die Ermittlung und exakte, wechselseitig verständliche Formulierung dieser Überzeugungen kann eine schwierige Aufgabe sein. Außerdem ist zu erwarten, dass deren Geltung wechselseitig abgestritten wird.

Normative Überzeugungen stammen aus heterogenen Quellen: die Charta der Menschenrechte, Verfassungsmaximen und Gesetze, Religionen, Ideologien, kulturelle Konventionen, Rollenmuster und Ehrkonzepte oder eine der vielen verbreiteten Gerechtigkeitsmaximen. Die Maximen und Normen aus den verschiedensten Quellen, die die Überzeugungen der Bürger in pluralistischen Gesellschaften prägen, sind alles andere als konvergent. Z.B. gibt es wohl kein staatliches Gesetz, das nicht unter Anlegung einer der vielen Gerechtigkeitsmaximen kritisierbar wäre. Und es gibt wohl kein Gerechtigkeitsprinzip, das nicht in jedem konkreten Anwendungsfall im Widerspruch zu vielen anderen Prinzipien stünde. Die Vermittlung wechselseitiger Kenntnis – möglichst auch eines wechselseitigen Verstehens der relevanten normativen Überzeugungen und Erwartungen – ermöglicht den Parteien eine Beilegung ihres Konflikts durch Vereinbarungen, welche Normen im Binnenverhältnis wechselseitig zu beachten oder zu tolerieren sind.

Der Kampf um Gerechtigkeit

Die Parteien in einem emotionalisierten Konflikt haben meist subjektive Gewissheiten bezüglich der Geltung ihrer normativen Überzeugungen und ihrer Sicht des Anlasses. Für das subjektive Rechtsgefühl ist Gerechtigkeit besonders wichtig. Auch kodifizierte staatliche Rechtssysteme werden unter Berücksichtigung der Gerechtigkeitsüberzeugungen entwickelt, die in einer Population verbreitet sind und das „allgemeine Rechtsgefühl“ ausmachen. In Demokratien ist die Akzeptanz des Rechts in der Bevölkerung erforderlich. Sie ist abhängig von der Einschätzung der Legitimität der Rechtsnormen, und diese wird in mündigen Bevölkerungen nicht nur aus der tradierten Autorität der Gesetzgeber abgeleitet, sondern aus Bewertungen ihrer Funktionalität und ihrer Gerechtigkeit, die allerdings einem historischen Wandel unterliegen, der die Streichung oder Novellierung bestehender oder die Erlassung neuer Gesetze motiviert.

Die subjektiven Gerechtigkeitsüberzeugungen der Parteien werden bestärkt durch…

  • selektive Wahrnehmungen – man setzt sich zB nicht mit divergierenden Überzeugungen auseinander,
  • „geltende“ Gesetze – mögliche alternative gesetzliche Regelungsoptionen werden nicht in Betracht gezogen,
  • unreflektierte normative Traditionen sowie
  • den allgemeinen Sprachgebrauch: Der Begriff Gerechtigkeit wird nur im Singular verwendet. Der Singular lässt vermuten, dass es in jedem Fall nur eine gerechte „Lösung“ (Regelung, Entscheidung) gibt. Unreflektiert stärkt das den Glauben, die eigenen Überzeugungen seien die einzig wahren oder gültigen. Die Verwendung des Plurals „Gerechtigkeiten“ würde bewusst machen, dass konfligierende Urteile, was gerecht sei, existieren und mit guten Gründen vertreten werden können.

In Mediationen sind nicht nur justiziable, sondern alle normativen Ansprüche zu klären, deren Verletzung zum gegebenen Konflikt geführt haben. In der Mediationsliteratur ist die Empfehlung zu finden, den Blick von den konfligierenden Positionen (den normativ begründeten Vorwürfen oder Ansprüchen) auf die Interessen oder Anliegen der Medianden zu lenken und sich mit diesen zu befassen. Kluges Verhandeln oder auch Feilschen sei angesagt. Diese Empfehlung resultiert wohl auch aus der Erwartung, dass Debatten über die Wahrheit oder Geltung normativer Überzeugungen nicht fruchtbar sind und nicht zu einer Lösung führen. Vermutlich steht auch das ökonomische Denkmodell Pate, demgemäß Menschen primär motiviert sind, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, was nicht ausschließt, dass eine Berücksichtigung der Interessen der Gegenseite die beste Strategie ist. Konflikte werden in diesem Modell als Interessenkonflikte interpretiert. Folglich ist zu ermitteln, welche divergierenden Interessen vorliegen und ob es Möglichkeiten eines Interessenausgleichs oder gar allseitiger Gewinne gibt.

Das Harvard-Modell, auf das in der Mediationsliteratur häufig Bezug genommen wird, ist sicher eine gute Grundlage für produktives Verhandeln, aber unzureichend für eine Konfliktmediationen. Es ist schon möglich, dass ein normativer Konflikt an Bedeutung verliert, wenn die Aussicht auf wechselseitig gewinnbringenden Austausch besteht. Das ist aber bei hohen Graden an Empörung kaum zu erwarten. Sollte es doch der Fall sein, wäre der Konflikt damit nicht nachhaltig beigelegt. Die erlebte Normverletzung würde auch bei künftigen Interaktionen Misstrauen angeraten sein lassen. Konflikte sind nämlich erst dann nachhaltig beigelegt, wenn die einer Normverletzung beschuldigten Personen den Vorwurf als berechtigt bewerten und um Verzeihung bitten. Das wird verständlich, wenn man sich bewusst macht, dass die um Verzeihung bittende Person zum Ausdruck bringt, dass sie eine Norm verletzt hat, deren Geltung sie nicht abstreitet, dass sie dafür verantwortlich ist und dass sie keine überzeugenden Rechtfertigungsgründe für ihr Handeln hat. Dann herrscht Einigkeit in der Bewertung. Über Schadenersatz, Wiedergutmachung und künftige Beziehungen ist dann ggf. zu verhandeln.

Zeit vergeht – Schuld nicht!

Wenn, wie oft in Konflikten, die Schuldvorwürfe wechselseitig sind, müsste auch das Eingeständnis einer Normverletzung wechselseitig sein, um den Konflikt zu befrieden. Das ist nicht zu erwarten, wenn einem Konflikt divergente normative Überzeugungen zugrunde liegen. Wird für die Beilegung eines Konflikts eine Mediation nachgefragt, wird man divergierende normative Überzeugungen offen legen und sich mit diesen zu befassen haben, schon um die Positionen und Ansprüche der Streitparteien wechselseitig besser verstehbar zu machen. Auf der Grundlage dieses Verständnisses ist dann auszuloten, ob und wie der Konflikt nachhaltig beizulegen ist und um, falls gewünscht oder unumgänglich, künftig eine tragfähige soziale Beziehung zu ermöglichen, was gemeinsam anerkannte Normen voraussetzt.

Normative Konflikte können nicht wie Interessenskonflikte durch einfache Kompromisse gelöst werden. Eine Annäherung divergenter normativer Überzeugungen ist in Diskursen möglich, in denen Informationen über die Herkunft und die Begründung der divergierenden Normen erarbeitet und vermittelt werden, mit dem Ziel, dass die Medianden ihren Anspruch relativieren, nur sie selbst seien „im Recht“ (und die Gegenseite im Unrecht). Oft hilft die Einsicht, dass es auch gute Gründe gegen die eigene normative Überzeugung und für die von der Gegenseite vertretene gibt, dass – wie oft – ein normatives Dilemma oder Polylemma vorliegt, also dass nicht für eine Position alleinige Geltung beansprucht werden kann. Die subjektive Gewissheit der Konfliktparteien, dass nur ihre eigenen normativen Überzeugungen gelten, erschwert die Beilegung von Konflikten erheblich. Diese Gewissheiten durch Reflexion und Diskurse zu relativieren und einzusehen, dass auch die Überzeugungen der Gegenseite mit guten Argumenten vertreten werden können, ist oft eine Voraussetzung für die Beilegung von Konflikten und auch für gedeihliches Zusammenleben in der Zukunft.

Everyone’s a winner!

Mediation bietet in der facettenreichen Bearbeitung eines konkreten Konfliktes Chancen auf nachhaltige Entwicklungsgewinne, also auf „Mehrwerte“ im Sinne nachhaltiger Erkenntnis- und Kompetenzgewinne, wie z. B. die folgenden:

  • Die Medianden gewinnen Erkenntnisse über sich selbst – wie bspw. über Dispositionen und Verhaltensweisen, die Konflikte erzeugen können, auch wenn diese nicht gewollt sind.
  • Sie gewinnen Erkenntnisse über die andere Seite, die ein besseres Verstehen erlauben und damit helfen können, künftig Konflikte zu vermeiden.
  • Sie erwerben Wissen über gute und problematische Formen der Kommunikation, über konfliktträchtige und friedensstiftende Kommunikation, etwa aus den Bemühungen der Mediatoren, die Medianden durch aktives Zuhören besser und richtiger zu verstehen.
  • Sie beobachten die Strategien der MediatorInnen, problematische Emotionen der Medianden zu steuern, schon durch die Bemühung um Verstehen der Emotionen, etwa von Empörung oder Ängsten, aber auch durch Reflektion emotionalisierender Anlässe und deren Deutung.
  • Sie erleben, wie ein Bemühen um besseres Verstehen eine Deeskalierung von Konflikten ermöglicht.
  • Sie erfahren, dass allein schon die Generierung möglicher Lösungsoptionen Konflikte entkrampfen kann – auch durch Ausweitung des Betrachtungsfeldes.
  • Sie erfahren auch, dass Menschen in allen sozialen Beziehungen, Situationen und Kontexten normative Erwartungen an ihre Mitmenschen haben, und dass es Konflikte gibt, wenn diese nicht übereinstimmen.
  • Sie gewinnen Weisheit hinsichtlich der eigenen normativen Überzeugungen, wenn sie erkennen, dass es normative Dilemmata gibt, aber auch, dass es universell unterschiedliche normative Kulturen gibt, die die persönlichen Überzeugungen prägen.
  • Sie erkennen vielleicht auch, dass insofern normative Konflikte unvermeidbar und normal sind.
  • Vor allem aber sollten sie erkennen, dass sie bezüglich ihrer sozialen Beziehungen Gestaltungsmöglichkeiten haben, dass sie zusammen mit ihren Konfliktgegnern in der Rolle der Gesetzgeber sind: Sie können sich einigen und vereinbaren, was künftig in ihrem Binnenverhältnis gelten soll. Das ist das Ziel in Mediationen.
  • Sie sollten ein neues Verständnis von Gerechtigkeit im sozialen Leben gewinnen: Gerechtigkeit durch Vertrag, der im Binnenverhältnis gerecht ist, wenn er mit gleicher Freiheit und Informiertheit der Vertragsparteien geschlossen wird, ohne Zwang und Ausnutzung von Notlagen und ohne Täuschung über Kosten und Folgewirkungen.
  • Und sie werden durch die Mediatoren aufgeklärt, dass sie darauf zu achten haben, ob ihre Vereinbarung Dritte tangiert und deren Rechte und Anliegen verletzen könnte, und dass dies zu vermeiden ist: Keine Verträge auf Kosten Dritter.
  • Die Erweiterung des Erwägungshorizontes auf Dritte ist eine besondere Entwicklungschance der Mediation. Sie erweitert den Horizont für die Vermeidung von Konflikten und Unfrieden.

Es ist gut zu erkennen, dass Konflikte nicht nur unvermeidbar, sondern oft auch unverzichtbar sind, um die Beziehungen und das Zusammenleben gemeinsam neu zu konzipieren. Das Beziehungsverhältnis neu regeln, Rollenkonflikte als Aushandeln der Rollenbeziehungen begreifen: Konflikte sind der Anstoß dazu. Beziehungskonflikte sind beigelegt, wenn die Beteiligten sich auf ein neues Beziehungsmodell verständigen.

In emotionalisierten Konflikten werden die eigenen normativen Überzeugungen oft als objektiv gültige, wenn nicht gar als heilige, als unverhandelbare Wahrheiten vertreten. Diskurse in Mediationen haben nicht (wie in der Diskursethik) das Ziel, allgemeingültige ethische Wahrheiten zu suchen. Vielmehr geht es darum, den Anspruch zu reflektieren, nur die eigene Überzeugung sei gültig. Letztlich ist die Einsicht zu vermitteln, dass Normen keine transzendentalen Wahrheiten, sondern Menschenwerk sind, dass Normen nicht universell anerkannt werden, dass es große Kulturunterschiede gibt und dass alle sozialen Systeme _– Familien, Gruppen, Organisationen usw. – auch eigene Normen bilden. Normen können vorgegeben und durchgesetzt sein durch machtvolle Personen, etwa die Gründer einer Religion. Oder sie können in einem Prozess der Erörterung kreiert werden, wie z. B. die Gesetze in einem demokratischen Staat oder die Aufgabenverteilung in einer Wohngemeinschaft.

Es kann hilfreich sein, bewusst zu machen, dass viele tradierte soziale und moralische Normen per Sozialisation internalisiert werden, sodass sie als gültig wahrgenommen und vertreten werden, ohne dass Gründe für ihre Kreierung bekannt und reflektiert werden, dass aber im Falle von Konflikten ihre rationale diskursive Erörterung produktiv ist. Wer all das verstanden hat, wird einsehen, dass Konflikte unvermeidbar und legitim sind, auch dass man sich für ein gutes Zusammenleben oder für gedeihlichen Austausch verständigen muss, welche Normen gelten sollen. Dazu gehört auch die Option, sich auf Grenzziehungen unterschiedlicher Art zu verständigen, von Zuständigkeiten, Autonomiefeldern, Zonen des Privaten bis hin zur Vermeidung von Kontakten in der Zukunft. Auch dafür müssen Normen vereinbart werden. Ohne Bereitschaft zum Diskurs wird eine tragfähige Vereinbarung nicht möglich sein. Die Befähigung zum Diskurs über normative Überzeugungen, zur Reflexion von Gründen und Gegengründen, von Funktionalitäten und Dysfunktionalitäten von Normen, auch der eigenen normativen Überzeugungen, kann in Mediationen gefördert werden. Befähigung zum Frieden durch Gewinn an Weisheit bezüglich normativer Überzeugungen, auch der eigenen, und Gewinn an Kompetenzen zu normativer Reflexion sowie zum normativem Diskurs ist der wohl wichtigste Mehrwert einer Mediation.

Vereinbarungen „auf Bewährung“

Aus der aspektreichen Erörterung von Optionen im Hinblick auf nicht sicher vorauszusehende künftige Gegebenheiten, Entwicklungen und Reaktionen des sozialen Umfeldes lässt sich die Folgerung ableiten, Vereinbarungen erst einmal „auf Bewährung“ zu treffen und einen Gesprächstermin zu vereinbaren, bei dem über die Erfahrungen mit der getroffenen Vereinbarung zu reden ist und in dem diese ggf. nachjustiert werden können, falls es gute Gründe dafür gibt. Das heißt, eine Mediation ist nicht mit der ersten getroffenen Vereinbarung abgeschlossen.

Die Bereitschaft zu einvernehmlichen Evaluierungen und Optimierungen entspricht der Kultur der Mediation. Feilschen ist typisch für Verhandlungen, auch für moderierte Verhandlungen, entspricht aber nicht der Kultur des wechselseitigen Verstehens und gemeinsamen Gestaltens in der Mediation, die nachhaltigen Frieden zum Ziel hat. Nachhaltiger Frieden setzt Zufriedenheit mit den getroffenen Vereinbarungen voraus. Positive Erfahrungen der Medianden mit einer Mediation schaffen Vertrauen und die Bereitschaft, neuerliche Probleme im Geiste der Mediation aufzuarbeiten und ggf. Konflikte mediatorisch beizulegen. Die Vereinbarung einer angemessenen „Erprobungszeit“ und eines Gesprächstermins zur Evaluation wird dieses Vertrauen bekräftigen und Konflikte bei Unstimmigkeiten dämpfen, da ja ein Folgetermin in der Mediationsrunde vereinbart ist.

Das soziale Leben ist hoch komplex und in ständigem Wandel begriffen. Zusammenleben und sozialer Frieden muss immer neu gestaltet werden. Gut, wenn ein Vertrag dauerhaften Frieden schafft. Eine erfolgreiche Konfliktmediation ist eine gute Voraussetzung dafür.

Hier gelangen Sie zu dem Artikel „Die Bedeutung von Emotionen in sozialen Konflikten von Prof. Dr. Leo Montada.

Dr. Leo Montada war Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Konstanz und folgte 1972 einem Ruf an die Universität Trier, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 wirkte. Neben seiner Tätigkeit an der Universität war er von 1979 bis 2004 zugleich Direktor des Leibniz Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID). Von 1982 bis 1995 war er Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und leitete von 1993 bis 2000 das Zentrum für Gerechtigkeitsforschung an der Universität Potsdam. Von 1997 bis 2002 war er Gründungspräsident der International Society for Justice Research (ISJR).

Quelle:

  • Leo Montada (2015). Ist der normative Kern von Konflikten in Mediationen auszublenden oder zu fokussieren? In: Stefan Arnold & Stephan Lorenz (Hrsg.). Gedächtnisschrift für Hannes Unberath. C.H.Beck Verlag.
  • Hier finden Sie das Buch auf der Seite des Verlags C.H. Beck. PS: Dieser Artikel wurde für die Veröffentlichung in diesem Blog überarbeitet und gekürzt.

Literaturempfehlungen:

  • Montada, L. & Kals, E. (2013). Mediation: Pschologische Grundlagen und Perspektiven (3. erweiterte Auflage). Weinheim: Beltz PVU.
  • Dieter, A., Montada, L. & Schulze, A. (Hrsg.) (2000). Gerechtigkeit im Konfliktmanagement und in der Mediation. Frankfurt/M.: Campus.
  • Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.) (2008). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union (6. Auflage).

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Die Sprache der Gefühle

Was wollen uns unsere Gefühle eigentlich mitteilen oder wozu sind sie überhaupt gut, insbesondere dann, wenn sie uns bspw. unzufrieden, traurig oder wütend machen? Und warum fällt es uns manchmal so schwer, über sie zu sprechen?

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Vor einiger Zeit habe ich Ihnen die Frage gestellt, welche Erfahrungen Sie mit jenen Gefühlen haben, für die es keine Worte zu geben scheint, und u. a. folgende Rückmeldungen erhalten:

  • Worte und Denken sind Kognitionen und eben nicht Emotionen. Das wird oft nicht differenziert. Daher antworten viele Menschen auf die Frage, „Was fühlst du?“, mit „Das weiß ich nicht.“
  • Oh ja, das kenne ich gut…. Habe eine traumatische Kindheit erlebt und bis zum Erwachsenenalter vieles verdrängt. Irgendwann habe ich angefangen es aufzuarbeiten, verschiedene Therapien gemacht – auch stationär. Jetzt – seit einem Jahr – Trauma-Therapie. Ich merke, wie lang der Weg ist und wie schwer es ist, das in Worte zu fassen, was in mir los ist. Das geht nur in kleinen Schritten.
  • In der kunsttherapeutischen Praxis, durch die Arbeit mit inneren Bildern, gelingt eine Annäherung an emotionales Erleben, ein zunächst nonverbaler Ausdruck. Für Gedanken und Emotionen, die – aus welchen Gründen auch immer – (noch) nicht verbalisiert werden können oder für die es möglicherweise im Moment kein passendes Wort gibt… Das Visualisieren ermöglicht im nächsten Schritt einen Erkenntnisprozess, ein Begreifen, ein Bearbeiten, eventuell Verändern und eine visuelle Verankerung des Erarbeiteten.
  • Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass wir den Gefühlen nicht auf den Grund gehen. Man darf eine Person nicht doof finden, also lasse ich diese Gefühle gar nicht zu bzw. werde mir ihrer nicht bewusst. Nehme ich mir mal die Zeit und fühle in mich hinein, dann merke ich, dass da ganz viele verschiedene Gefühle sind. Die Gefühle sind da. Unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht sind, nehme ich sie wertfrei an.
  • Mir hilft es, die einzelnen Fragmente zu betrachten, aus denen das Gefühl besteht. Das Gefühl ist wie ein Kuchen und ich betrachte, aus welchen Zutaten es gemacht wurde. Außerdem versuche ich zu verstehen, ob es sich wirklich um ein Gefühl handelt, welches in einer bestimmten Situation entstanden ist, warum es genau da entstanden ist und ob es auch nur in diese Situation gehört, oder ob es sich vielleicht um eine Emotion handelt, die sich aus Erfahrungen, Befürchtungen und Wünschen zusammensetzt – in einem ganz anderen Moment, zu einer ganz anderen Zeit entstanden ist – und sich nun meldet.

„Denke nicht so viel, sondern fühle.“ Fritz Perls

In der Regel zeigen uns unsere Gefühle, welche Bedürfnisse wir haben. Im Grunde genommen sagen sie uns also, was wir brauchen, und geben Auskunft darüber, inwieweit wir uns mit dem begnügen, was wir wohl bekommen werden oder schon bekommen haben. Nicht immer ist das jedoch offensichtlich. Manchmal reagieren wir emotional auf andere Menschen, Ereignisse oder gewisse Reize, ohne zu wissen, warum wir das eigentlich tun. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, sich mit dem Motiv für diese Reaktion zu befassen, um zu verstehen, wodurch sie ausgelöst wurde. Manchmal lässt sich durch eine gezielte Reflexion erkennen, dass es sich um eine Projektion handelt, ein andermal vielleicht um eine Übertragung oder um etwas ganz anderes. Nicht immer gelingt es uns jedoch, der Ursache durch bloßes Nachdenken auf die Spur zu kommen. Der Grund dafür könnte sein, dass wir irgendwie „blockiert“ sind. Solche Blockierungen können in verschiedenen Zusammenhängen auftreten und auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen. Um dann trotzdem herauszufinden, worum es eigentlich geht, ist es hilfreich, sich zunächst einmal intensiv mit dem aufgetauchten Gefühl zu befassen, d.h. es zuzulassen und in sich hineinzuspüren, so wie es bspw. in gewissen Achtsamkeitsmeditationen getan wird. In der Beratung, in einer Therapie oder im Coaching können Klienten durch gestalttherapeutische Interventionen dabei unterstützt werden, dieses „Gewahrsein“ zu erlangen. Diese Methoden machen es – kurz gesagt – möglich, Menschen wieder (mehr) mit sich selbst (sowie mit ihrer Umwelt) in Kontakt zu bringen.

„Wir erlauben uns selbst nicht – oder es wird uns nicht erlaubt –, vollkommen wir selbst zu sein.“ Fritz Perls

Humanistische Psychologen gehen davon aus, dass jeder Mensch über ein nahezu unbegrenztes Enwicklungspotenzial verfügt und danach strebt, sich nach seinen Möglichkeiten zu verwirklichen, sich also zu entfalten und seinem Leben einen Sinn zu geben (Wachstumsbedürfnisse). Dabei wird der Mensch immer zugleich selbst als ein Ganzer (der Mensch als System), wobei Körper, Seele und Geist eine untrennbare Einheit bilden, und als Teil des Ganzen betrachtet, der abhängig ist von seinen Mitmenschen, insbesondere dann, wenn es darum geht, soziale Bedürfnisse zu befriedigen sowie zu einem gelingenden Miteinander beizutragen (Interdependenz). Folgt man den Gedanken Martin Bubers, wäre vielleicht zu ergänzen, dass erst die Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, (dem „Du“) oder mit der dinglichen Welt (dem „Es“) es dem „Ich“ ermöglicht, sich von seiner Umwelt abzugrenzen und sich in dieser Welt zu verorten.

Werner Eberwein hat das Humanistische Menschenbild in einem kurzen Video bei YouTube sehr schön erläutert:

Die Gestalttherapie gehört zu den klassischen Therapieverfahren der Humanistischen Psychologie. Sie basiert auf der Annahme, dass unerledigte Situationen oder Erlebnisse, die unzureichend oder dysfunktional verarbeitet wurden und die als „offene Gestalten“ betrachtet werden, spätere Entwicklungen beeinträchtigen und das Entscheidungsverhalten eines Individuums im hohen Maße – mehr oder weniger subtil – beeinflussen können. Ein „gesunder“ Menschen sollte demzufolge möglichst immer erkennen, welches Bedürfnis in einem jeweiligen Moment im Vordergrund steht, um sich im hinreichenden Maße darum kümmern zu können, damit sich die entsprechende Gestalt wieder „schließt“. In einer auf diesem Ansatz fußenden Beratung geht es darum, die Wahlfreiheit der Klienten zu erweitern, latente Potenziale und Ressourcen zu entfalten sowie abgewehrte Persönlichkeitsanteile, abgespaltene Gefühle und Bedürfnisse oder leidvolle Erlebnisse zu integrieren. Die gestalttherapeutischen Interventionen sind m. E. – richtig angewendet – hochpotent und sollten demnach immer mit Bedacht eingesetzt werden. Das Wohl der Klienten muss hierbei stets im Vordergrund stehen.

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Fritz Perls schreibt im Vorwort des Buches „Gestalttherapie“ Folgendes: „Grundsätzlich erwachsen […] Störungen aus der Forderung der Umwelt, zu sein, was man nicht ist, ein Ideal zu verkörpern, statt sich selbst. Der Mensch bekommt [auf diese Weise] Schlagseite. Manche seiner Anlagen werden nun entfremdet, unterdrückt oder fortprojiziert. Andere Merkmale werden spiegelfechterisch zur Schau gestellt. Sie erfordern Anspannung ohne eigene Neigung; sie erschöpfen, ohne zu befriedigen. Schließlich führt diese tiefe Kluft zwischen unserer biologischen und gesellschaftlichen Existenz zu immer mehr Konflikten und „Löchern“. Löcher sind die Hauptmerkmale der unvollständigen Persönlichkeit.“

„Die Vergangenheit belagert unsere Gegenwart.“ Fritz Perls

In der Gestalttherapie werden insbesondere die persönlichen Muster der Kontaktaufnahme und -unterbrechung betrachtet und – soweit sie erkennbar oder erspürbar werden – im Rahmen der therapeutischen Begegnung im Hier und Jetzt gespiegelt. Daraufhin wird überprüft, inwieweit diese Muster funktional sind, d.h. mit dem Ziel korrespondieren, den bewussten Handlungsspielraum zu erweitern und zugleich die Übernahme von (Selbst-)Verantwortung zu fördern. Dabei wird vor allem nach den eigenen Anteilen (an gelingenden bzw. misslingenden Interaktionen) geschaut, d.h. nach jenen routinisierten Verhaltens- und Wahrnehmungsmustern, die den Kontakt mit der jeweiligen Situation auf unangemessene Weise unterbrechen können und die den Betroffenen selbst häufig nicht bewusst sind. Im schlimmsten Fall sind Traumatisierungen ursächlich dafür. Mittels einer Gefühlsaktualisierung lassen sich die entsprechenden Engramme bearbeiten, also jene physiologische Spuren, die Erlebnisse bzw. entsprechende Reizeinwirkungen in Form struktureller Änderungen im Gehirn hinterlassen haben. Neue emotionale Erfahrungen können dabei helfen, diese Strukturen sowie die damit verbundenen Reaktionsmuster nachhaltig zu verändern. Bedenken sollte man dabei allerdings, dass die Muster der Kontaktunterbrechungen etwa im Sinne eines Selbstschutzes (z. B. bei Misshandlung oder Missbrauch) durchaus funktional sein können. Insofern geht es nicht um die Förderung von Kontakt an sich, sondern um die genaue Herausarbeitung des Stellenwertes des jeweiligen Musters im Rahmen der Biographie sowie der aktuellen Beziehungen, in denen ein Organismus zur Umfeld steht. War es Ihnen aus irgendeinem Grund also bislang nicht möglich, ein Erlebnis emotional aufzuarbeiten, oder haben Sie die Befürchtung, es sei egoistisch, zu belastend oder beängstigend, sich mit gewissen Gefühlen zu befassen, dann könnte es sein, dass Sie die damit im Zusammenhang stehenden Erfahrungen vielleicht vom eigenen Erleben abgespalten haben, um sich nicht dem Risiko einer Retraumatisierung auszusetzen (Selbstschutz).

„Mit seinen Emotionen auf Tuchfühlung zu gehen und zu lernen, sie zu umarmen, ist heilsam.“ Fritz Perls

Emotionen spielen eigentlich immer eine zentrale Rolle. Selbst bei einer lösungsorientierten Vorgehensweise sind sie die stetigen Begleiter von Gedanken. Von daher betrachte ich gestalttherapeutische Interventionen als ein nützliches Mittel, um mehr Tiefe in Gespräche zu bringen und somit nachhaltige Entwicklungen zu begünstigen. Hinschauen, fühlen, ganzheitlich erleben und daran wachsen. Das ist zumindest (m)eine Definition der Gestalttherapie.

Wenn Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, dann empfehle ich Ihnen, sich das folgende Interview mit Werner Eberwein und Dr. Lotte Hartmann-Kottek, der Autorin des Buches „Gestalttherapie“, anzuschauen.

Literaturhinweis:

Werner Eberwein ist Psychologischer Psychotherapeut, Coach und Supervisor in Berlin-Kreuzberg, 2. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT), Leiter des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP) und des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH). Seine Webseite finden Sie hier.

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Das Wagnis der Aufrichtigkeit

Manchmal sind es gerade die einfachsten Dinge, die das Leben so unglaublich kompliziert machen…

Ärzte, Psychiater und Psychotherapeuten sind in der Regel auf die Selbstauskünfte ihrer Patienten angewiesen, wenn es darum geht, eine Diagnose zu erstellen und eine indizierte Behandlung einzuleiten, deren Kosten daraufhin ggf. von der Krankenkasse übernommen werden. Dafür sollten die Symptome, die auf eine psychische Störung hinweisen, genauestens hinterfragt werden und eine Einschätzung ihres Schweregrads („Leidensdruck“) erfolgen. Auch Coaches müssten eigentlich so vorgehen, insbesondere dann, wenn ihre Klienten andeuten, dass sie sich in einer (wie auch immer gearteten) Krise befinden und sich deshalb nach Hilfe umschauen.

„Schwache Menschen können nicht aufrichtig sein.“ François de La Rochefoucauld

Manchen Menschen scheint es allerdings unangenehm oder sogar unmöglich zu sein, über bestimmte Aspekte ihres Befindens in der eigentlich erforderlichen Form Auskunft zu geben. Einige neigen folglich dazu, ihre Symptome zu bagatellisieren oder – im gegenteiligen Fall – zu dramatisieren.

  • Dramatisierung: Das Leid möchte „gesehen“ werden und wird deshalb in übertriebener Weise explizit gemacht.
  • Bagatellisierung: Das Leid wird heruntergespielt und verharmlost, um den Eindruck zu erwecken, man hätte eine stabile oder starke Persönlichkeit.

In beiden Fällen boykottiert die (mehr oder weniger bewusst gewählte) Strategie der Darstellung dessen, was man fühlt und erlebt, eine wahrhaftige Begegnung, Wer sich nicht so zeigt, wie er ist, wird wahrscheinlich auch nicht als derjenige erkannt werden, der er wirklich ist.

„Aufrichtigkeit“ als Entwicklungsaufgabe

Folgt man den Gedanken von Carl Rogers, sollten auch professionelle Helfer, wie bspw. Coaches oder Berater, möglichst kongruent sein. Damit ist gemeint, dass sie sich als echte und transparente Person in den Beratungsprozess einbringen und die eigenen Gefühle sichtbar machen. Damit das gelingen kann, müssten sie allerdings ihre positiven und negativen Merkmale hinreichend in das eigene Selbstbild integriert haben.

Verkehre mit den Menschen so gerade und schlicht, dass sie zur Aufrichtigkeit gezwungen werden und gar nicht erst versuchen, mit dir auf irgendeine Weise umzuspringen. Es ist das höchste Kompliment, das du anderen Menschen machen kannst.“ Ralph Waldo Emerson

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich es mir nun angewöhnt, in regelmäßigen Abständen persönliche Entwicklungsaufgaben zu formulieren und jene Themen bewusst anzugehen, denen ich bislang eher ausgewichen bin. Eine davon ist es, aufrichtig mit mir und mit meinen Mitmenschen umzugehen, insbesondere dann, wenn sie eine hohe emotionale Bedeutung für mich haben. Die besondere Herausforderung dabei ist es, weder mich selbst noch mein Gegenüber damit zu überfordern.

Gibt man bei Wikipedia den Begriff „Aufrichtigkeit“ ein, kann man Folgendes lesen: „Aufrichtigkeit (das Aufrichtigsein) bezeichnet ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen, zu stehen und den eigenen Gefühlen und der eignen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Rede und Handlungen Ausdruck zu geben. Aufrichtigkeit bedeutet auch, anderen Menschen, wie auch sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen.“

In diesem Zusammenhang drängt sich mir die Frage auf, wie man Klarheit oder Gewissheit über das erlangt, was man für einen anderen Menschen empfindet? Wollen wir das eigentlich immer so genau wissen? Und verändert sich das nicht ohnehin ständig? Sind wir in unseren Beziehungen nicht immer auch auf die Resonanz unseres Gegenübers angewiesen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man zu ihm oder zu ihr steht?

Oftmals fällt es uns leicht zu durchschauen, was uns dazu antreibt, die Nähe eines anderen Menschen zu suchen. Sind es vorrangig sexuelle Begierden, Sehnsüchte nach freundschaftlicher Verbundenheit oder irgendwelche (konkreten) Vorteile, die wir in einer Beziehung für uns sehen, empfinden wir unsere Bemühungen, nach Aufmerksamkeit zu heischen, als kongruent und im weitesten Sinne als „gesellschaftlich akzeptiert“. Schwieriger wird es dann, wenn die Motive, die uns im Innersten dazu antreiben, sich nicht in eine dieser Kategorien einordnen lassen, sie also außerhalb der Norm liegen, vielleicht weniger offensichtlich oder sogar diffus sind.

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Immer wieder betonen Psychologen, wie enorm der Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung eines Menschen ist, der von den ersten (frühkindlichen) Bindungserfahrungen ausgeht. War diese Lebensphase geprägt von emotionaler Vernachlässigung oder sogar von Missbrauch, kann das schwerwiegende Konsequenzen haben und zu einer befremdlich anmutenden Bedürftigkeit führen. Nicht selten entstehen daraus recht eigenartige Präferenzen, die einem Außenstehenden nur schwerlich zu vermitteln sind, da sie mit den gängigen Kategorien, wie sie in unserer Gesellschaft vorherschen, kaum korrespondieren.

Auch wenn es nicht einfach ist, sich eine etwaige Bedürftigkeit einzugestehen, halte ich es für erforderlich, die damit verbundenen Gefühle zuzulassen, sie ernstzunehmen und achtsam mit ihnen umzugehen, um nicht an ihnen zu „zerbrechen“. Die nächste große Herausforderung liegt dann darin, sie in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen. Das muss in der Regel aber zunächst einmal gelernt und dann geübt werden.

Persönliche Reife hat m. E. wenig damit zu tun, ob man irgendeinem Ideal entspricht oder nicht. Wichtiger ist es, einen guten Umgang mit dem hinzubekommen, was einen im Kern ausmacht. Daran arbeite ich nicht nur mit meinen Klienten, sondern immer wieder auch selbst. Trauen Sie sich, das zu tun? Wie aufrichtig sind Sie zu sich selbst und zu Ihren Mitmenschen?

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„Passamtsarbeit bei einschränkenden Identitätsüberzeugungen“ von Dr. Bernd Schmid

Viele menschliche Probleme sind in einschränkenden Identitätsüberzeugungen begründet. Sie zu identifizieren und mit antithetischen Identitätszuschreibungen zu entkräften, wird hier als Mittel der Wahl beschrieben. Die Methode der Passamtsarbeit stellt ein dafür hochpotentes Instrument dar.

Ein Großteil menschlicher Probleme entsteht dadurch, dass Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens einen einschränkenden Glauben darüber angenommen haben, was oder wer sie sind. In einem wesentlichen Mosaikstein ihrer Identität spiegeln sie sich in einem Irrglauben über sich. Sie leben dann diesen Glauben wie einen Fremdkörper und lassen ihn unberührt von den Erfahrungen, die sie machen. Dadurch leben sie bestimmte Seiten ihrer selbst nicht, weil sie sie als nicht zu sich passend erleben. Oder sie leben sie, bringen sie aber nicht in Verbindung mit dem eigenen Selbstbild, der eigenen Identität.

Mosaikspiegel der Identität

Im Allgemeinen wird Identität als eine in sich und in der Zeit erlebte Einheit einer Person beschrieben. Sie wird als Gesamtbild, das eine Person von sich hat, verstanden im Sinn von: „Das bin ich.“ Im Unterschied dazu verstehe ich Identität als einen Mosaikspiegel, in dem man sich in ganz verschiedener Weise sieht. Identität ist nie aus einem Guss. Sie ist ein komplexes Gebilde, das in jeder Lebensphase und in unterschiedlichen Kontexten immer anders spiegelt. Es treten immer andere Aspekte in den Vorder- bzw. in den Hintergrund. Ein wirklicher Charakter zeichnet sich dadurch aus, dass er über verschiedene Dimensionen hinweg scheinbar widersprüchlich ist. Nur die Gesamtintegrität bleibt durchspürbar. Mit dem Bild vom Mosaikspiegel wird eine Identität aus Fragmenten beschrieben. Teile, die für das Ganze stehen oder doch sinnvoll mit dem Ganzen verbunden werden können, nennt man Fragmente. Dies ist von einer dysfunktionalen Fragmentierung zu unterscheiden, bei der dieser Zusammenhang zerfällt und die Teile getrennt voneinander ein eigenes Bild ergeben und nicht integrierbar scheinen.

Die im Bild des Mosaikspiegels gemeinte funktionale und die dysfunktionale Fragmentierung liegen nahe beieinander. Jemand, der versucht, sich jeweils nur im Einzelteil zu spiegeln, fühlt sich fragmentiert. Im gelingt es gefühlsmäßig nicht, eine innere Zusammenschau zu halten. Hier hilft oft zurückzutreten. Denn das Gesamtbild wird, wie das bei Mosaiken so ist, manchmal erst aus dem Abstand erkennbar. Menschen, die sich fragmentiert fühlen, müssen einerseits lernen, die eigene Fragmentierung nicht durch starke Über- und Untertreibung aktiv vorzunehmen. Andererseits müssen sie lernen auszuhalten, die Teile zu lassen und zu respektieren, wenn kein Zusammenhang erkennbar ist. Denn vieles, was im Alter von 20 Jahren neurotisch aussieht, erkennt man mit 40 als notwendige Vorstufe für eine komplexe Persönlichkeit.

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In diesem Sinn heißt Integration, einen Schritt zurückzutreten, Gesamtschau zu halten und zu tolerieren, dass Teile des Mosaiks noch nicht fertig sind. Wenn man erkennt, dass das Mosaik nicht fertig ist, heißt das aber nicht, dass das, was da ist, verkehrt ist. Es heißt lediglich, dass noch ein paar Steinchen fehlen, die, wenn sie hinzukommen, plötzlich den Sinn dessen erschließen, was bisher unsinnig erschien, und die den Blick auf das Ganze ermöglichen. Auch deswegen ist es wichtig, als Berater auf das Fehlende achten, auf das, was noch hinzukommen müsste, um aus der Neurose einen Charakter zu machen.

Einschränkende Identitätsüberzeugungen

Ein wesentliches Erkennungsmerkmal von einschränkenden Identitätsüberzeugungen ist, dass sie von gemachten Erfahrungen unberührt bleiben. Jemand, der beispielsweise die Idee von sich hat, „Ich bin nicht liebenswert“, hält unberührt an diesem Selbstbild fest, auch wenn es in seiner Umgebung viele Menschen gibt, die sich liebevoll auf ihn beziehen. Als interner Mechanismus kann es zwar sein, dass er dieses Verhalten registriert, er wird aber plausible Erklärungen dafür finden, warum diese Menschen Ausnahmen darstellen. Möglicherweise denkt er: „Die, die sich liebend auf mich beziehen, haben nur noch nicht erkannt, dass ich im Grunde einer bin, der nicht liebenswert ist. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie es erkennen und dann werden sie sich abwenden.“ Es kann auch sein, dass er denkt: „Es kann zwar sein, dass diese Menschen mich mögen, aber die, die mir wirklich wichtig sind, die mögen mich nicht. Und dass die mich als denjenigen erkennen, der ich wirklich bin, nämlich als jemand, der nicht liebenswert ist, erkenne ich daran, dass sie unerreichbar bleiben.“ D.h. egal, wie sich die Menschen in seiner Umgebung ihm gegenüber verhalten, bleibt er unerschütterlich in seinem Glauben. Von außen ist ein solcher Irrglaube daran erkennbar, dass man dazu neigt, ihn zu bestätigen, wenn man dem Beziehungsangebot des Klienten folgt.

Als Berater entwickelt man nun möglicherweise Ideen über frühkindliche Traumata als Erklärung, warum er es nicht spürt. Wenn man jetzt auf der Ebene von Erleben und Verhalten mit ihm arbeitet, gerät man jedoch gerade auf Irrwege. Hier empfiehlt es sich, auf die Ebene des Denkens zu gehen. Jetzt kann sein, dass man auf den bisher nicht erkannten, nicht benannten und daher unhinterfragten Glauben über sich selbst stößt, der etwas mit einer Zuschreibung in der Kindheit zu tun haben kann. Ein Kind ist auf Realitätsbehauptungen, auf Konstruktionen von Elternfiguren angewiesen. Es übernimmt solche Annahmen über sich und verhält sich dann entsprechend. Es lernt dann geradezu die Verhaltensweisen, die zu diesem Etikett gehören. Menschen entwickeln also Glaubenssätze über sich, die letztlich auf Behauptungen, auf Selbstschlussfolgerungen oder auf Selbstverständlichkeiten beruhen. Manchmal ist es notwendig, solche Glaubenssätze durch Gegenbehauptungen zu ersetzen.

Wenn der Klient diese neue Behauptung über sich annimmt, hat er eine andere Prämisse, die Welt zu erfahren und sich im Kontakt mit Menschen zu verhalten. Auf Grund dieser Prämisse kann er einerseits Dinge, die bereits in seinem Leben vorhanden sind, anders einordnen. Andererseits kann er Verhaltensweisen und Erfahrungen machen, die in seinem bisherigen Repertoire nicht vorhanden waren, weil er jetzt überhaupt erst damit rechnet, dass es sie gibt. Jetzt entsteht erst ein Suchraster, aufgrund dessen sich Wirklichkeit kristallisieren kann, die er bisher ausgeschlossen hat. Bisher kam er gar nicht auf die Idee, dass es das in seinem Leben geben kann.

Manchmal ist es gerade ein wichtiger Aspekt des therapeutischen Vorgehens, die oft krampfhaften Versuche zu unterbrechen, am Verhalten Anzeichen feststellen zu können, dass man auch anders sein könnte. Dazu ist es notwendig, die Identitätsüberzeugung vom konkreten Verhalten los zu definieren. Man muss demjenigen die Idee geben, dass er in einem Irrtum über sich lebt und dass er sich an den Irrtum so gewöhnt hat, dass er sich identisch mit sich fühlt, wenn er diesen Irrtum lebt. Deshalb nehmen viele Menschen nicht in Anspruch, was ihnen eigentlich zusteht. Sie verharren in ihrem Irrglauben über sich und verhalten sich entsprechend. Denn jedes Verhalten schafft eine Menge es plausibel machende und aufrecht erhaltende Bedingungen.

Eine Veränderung in der Identitätsannahme über sich selbst zieht nicht automatisch eine Veränderung auf der Verhaltensebene nach sich. Es kann ein längerer und komplexer Umlernprozess sein, der manchmal sogar eine Veränderung des sozialen Milieus und vieler anderer Dinge nach und nach notwendig macht, um sich von dem zu überzeugen, was man über sich entschieden hat oder akzeptiert, wenn es jemand anderes in einem sieht. D.h. die Behauptung eilt der Realisierung voraus. Sie ist ein neues konstruktives Vorurteil, das im Sinne einer zu erfüllenden Prophezeiung erst erarbeitet werden muss. So gesehen ist ein Rückfall in alte Verhaltensweisen auch nie ein Beweis, dass die Um- bzw. Neudefinition nicht stimmt, sondern nur ein Beweis, dass sie noch nicht genügend verwirklicht wurde. Das ist der große Vorteil von Neudefinitionen. Denn solche Konstruktionen, die ja rein geistiger Natur sind, können, wenn sie für den Klienten glaubwürdig sind, nicht durch Rückfälle umgestoßen werden.

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Häufig hört man Therapeut sagen: „Du musst an den Klienten glauben, dann ist Therapie erfolgreich!“ Unseres Erachtens reicht es jedoch nicht, jemandem zu sagen : „Ich glaube jetzt an dich und alles weitere kannst Du selbst erledigen.“ Die Botschaft muss lauten: „Ich glaube an etwas anderes in Dir als Du und es kann sehr disziplinierte Arbeit an Dir notwendig sein, diesem Glauben zum Ausdruck zu verhelfen. Es kann auch sein, dass Du Dein Leben weiterhin damit verbringst, eine richtige Identität zu verleugnen und daran kann ich Dich nicht hindern. Aber wenn ich dich konfrontiere, tue ich das, weil ich weiß, dass du anders bist, als Du von Dir glaubst zu sein. Aber ich vertraue nicht, dass du das auch realisierst. Ich konfrontiere dich auf der Basis, dass Dir etwas anderes bestimmt ist, was du in Anspruch nehmen kannst. Du kannst es aber auch mit Füßen treten.“ Damit packe ich den anderen konstruktiv an seiner Scham. Er kommt nicht umhin, ein Gefühl dafür zu bekommen, dass er sich durch das, was er tut, verfehlt.

Identitätsarbeit klärt also eine Grundprämisse, vor der alles dann Notwendige geschieht. Wenn diese Grundprämisse nicht mit erfasst wird, geschieht das Notwendige in der Regel allerdings nicht.

„Passamtsarbeit“

Die Methode, die ich für den Umgang mit einschränkenden Identitätsüberzeugungen anwende, nenne ich Passamtsarbeit. Auf die Kunstfigur mit dem „Passamt“ bin ich über den Begriff der „Identity card“ gekommen. Sie ist eine durch einen Hoheitsakt dokumentierte Existenz. Mit der Passamtsarbeit bilde ich die Metapher einer sozial konstruierten Identität ab. In den deutschen Pässen gibt es die Rubrik der unveränderlichen Merkmale. In der Passamtsarbeit wende ich die Figur an, dass jemand durch die Welt läuft, als würden in seinem Pass unter „unveränderliche Merkmale“ einschränkende Wesensbehauptungen stehen.

  • Der erste Schritt in der Arbeit mit Identitätsüberzeugungen ist, den Irrglauben, den ein Klient über sich hat und lebt zu identifizieren und als ein unveränderliches Merkmal im Pass zu benennen.
  • Der zweite Schritt besteht darin zu behaupten, dass dieser Eintrag eine Fehleintragung im Pass darstellt, der gelöscht und durch einen anderen Eintrag ersetzt werden muss. Dafür bietet sich die Frage an: „Willst du die Eintragung geändert haben? Was willst du statt dessen eingetragen haben?“ Im Dialog mit dem Klienten wird der Neueintrag daraufhin formuliert. Im Allgemeinen bietet entweder der Klient/die Klientin eine Formulierung an, die er/sie für wünschenswert hält, aber nicht als mit sich identisch und wesensgleich empfinden kann oder ich schlage eine Formulierung vor. Wenn wir eine Formulierung gefunden haben, die wir beide akzeptabel finden, sage ich: „Gut wir löschen die alte Eintragung und tragen das Neue ein und das wird amtlich bescheinigt.“ Dem hatte ich dann noch das Bild hinzugefügt: „Wenn du selbst ab und zu wieder unsicher bist, was deine Identität ist, musst du nur in Deinen Pass gucken. Da steht, was du im Grunde bist. Diese Identität kannst du jederzeit in Anspruch nehmen und das dazu Notwendige lernen.“

Wichtig ist zu vermitteln, dass mit dem Neueintrag keine Verpflichtung verbunden ist, sein Verhalten zu ändern. Der Neueintrag bedeutet, ein Recht darauf zu haben, sein Verhalten zu ändern und vor allem das eigene Erleben und Verhalten aus der Perspektive der Neudefinition neu zu interpretieren.

Scham und Schuld

Scham bezieht sich auf die Identitäts-, Schuld auf die Verhaltensebene. Scham ist das Gefühl, das entsteht, wenn man die eigene Würde verletzt hat, indem man der eigenen Identität nicht entspricht. Schuld entsteht als Gefühl, wenn man im Verhalten etwas schuldig geblieben ist. Solche würdigen Positionen sind nicht möglich einzunehmen, solange jemand mit seinem Irrglauben identifiziert ist. Umgekehrt schafft diese nicht-neurotische Version von Schuld und Scham gepaart mit der Annahme, eigentlich eine würdige Position einnehmen zu dürfen und sie bisher nur verfehlt zu haben, eine enorme Motivation, dazuzulernen und neues Verhalten zu entwickeln.

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In den Heilsgeschichten der Bibel findet die Wende im Schicksalsprozess häufig durch ein Ereignis statt, durch das jemand in positiver Weise von Scham- und Schuldgefühlen ergriffen wird. Diese Ereignisse führen nie dazu, dass sich die Betroffenen in jahrelange Therapie begeben, sondern sie drehen sich um und werden vom Saulus zum Paulus. Viele Menschen leiden daran, dass sie bei sich Verhaltensprobleme kennen und auch wüssten, was zu ändern wäre. Sie müssten beispielsweise Prozeduren durchstehen, wie Abnehmen, Entziehung von Drogen jeglicher Art, bestimmte Dinge zu lernen oder von sozialen Rollen Abstand zu nehmen, die ihnen schöne Korruptionen bieten. Sie finden dafür jedoch keine Motivation in sich. Wenn sie auf diese Weise eine Position der grundsätzlichen Würde einnehmen, erhalten sie eine ganz andere Motivationskraft. Wenn andere stellvertretend in ihnen sehen, was sie bisher noch nicht als zu sich gehörend erleben, sind das auch Hilfsmotivatoren.

Sicherlich ist bei dieser Art von Identitätszuschreibungen wesentlich, dass die Begriffe greifen, die als Passeintrag gewählt werden. Sie müssen einen Kontrast, eine Antithese zu der bisherigen Präsentation des Klienten darstellen. Wahrscheinlich kann man mit diesem Instrument auch nicht wirklich wirksam umgehen, wenn man sich nicht in Wesensschau übt. Man braucht die Kraft der Vision, die Ahnung für die spezifische Besonderheit, die bisher unerlöst gelebt wird. Daran muss man glauben können und zwar nicht im Sinne von: „Ich vertraue Ihnen, nun machen Sie schon.“ Sondern im Sinn von: „Das sehe ich in Ihnen.“

Dr. Bernd Schmid ist Leitfigur des isb-Wiesloch www.isb-w.eu  und der Schmid-Stiftung http://schmid-stiftung.org sowie Begründer der systemischen Transaktionsanalyse, Ehrenvorsitzender im Präsidium des Deutschen Bundesverband Coaching www.dbvc.de, Ehrenmitglied der Systemischen Gesellschaft, Preisträger u. a. des Eric Berne Memorial Award 2007 der Internationalen TA-Gesellschaft ITAA, Life Achievement Awards der Petersberger Trainertage 2014 und der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse 2017.

Der Orginaltext mit dem Titel „Umgang mit einschränkenden Identitätsüberzeugungen“ wurde im April 2018 von mir (Rainer Müller) zur Veröffentlichung in diesem Blog überarbeitet. Sie finden ihn hier: http://bibliothek.isb-w.eu/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/f891135b-8c4b-46e2-9f97-2462cdf76a81/073-UmgangMitEinschraenkendenIdentitaetsueberzeugungen(TA)-Schmid_1998.pdf.

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